„Ich bring dich an die Haltestelle.“
Ich schüttle den Kopf. Ich brauch keinen der auf mich aufpasst. Ich komm gut alleine zurecht.
Aber das interessiert ihn nicht.
„Ich will nicht, dass du da draußen alleine durch die Pampa läufst, Mann. Es ist mitten in der Nacht.“

Ich zucke nur mit den Schultern.

Ist das dein Problem?

Als ich mich träge in Bewegung setzen will, springt er auf und stellt sich mir in den Weg.

Noch während ich ihn irritiert anglotze, zieht er sein Handy aus der Jeanstasche und klappt es auf, drückt ein paar Tasten. Dann hält er es sich ans Ohr, ich runzle kritisch meine Stirn.

Wen ruft er denn jetzt an?

„Hallo? Ich bräuchte bitte ein Taxi nach Loitsche. Lessingweg 35.“
Was Taxi? Oh nein, du sturer Bock wirst mir kein Taxi rufen.
Ich sende ihm tausend böse Blicke, aber er ignoriert es, wirft mir eine Fratze zurück.
„Ja…jetzt…Bill Kaulitz. Okay, Danke.“

Und damit klappt er das Handy wieder zu und lächelt mich an.

„Wenn du mich dich nicht zur Bahn bringen lässt, muss ich dich eben mit nem Taxi nach Hause schaffen.“

Ich zeige ihm den Vogel.
Auch wenn mir das Ganze soeben eine schreckliche Gänsehaut beschert hat. Es ist schön, zu sehen, dass es ihm nicht egal ist, wie ich jetzt nach Hause komme.

Resigniert lasse ich die Schultern fallen, starre auf die vielen Zettel die überall herum liegen.

Es hat mir viel bedeutet. Zu viel.

Es wird mich einiges an Kraft kosten, die Mauern wieder aufzubauen, die er eingerissen hat. Denn auch wenn ich mich für den Moment gut fühle, Bill schadet mir. Er berührt mich.
Er könnte es schaffen.

Und das will ich nicht.

Ich kam aus dem Grund herauszufinden, warum er dass alles hier macht. Was er für ein merkwürdiges Spiel mit mir spielt. Was für ein Interesse jemand wie er, an jemandem wie mir haben könnte.

Und genau diese eine Frage habe ich ihm nicht gestellt. Dafür tausend andere.

Er holt Luft, sieht mich an.

„Das Taxi wird nicht lange brauchen, wir können schon mal raus stehen.“

Ich nicke. Und folge ihm.

Zurück im Flur, kommt uns sofort Tom entgegen gesprungen. Er mustert seinen Bruder extrem neugierig, aber Bill ignoriert ihn. Ich verabschiede mich mit einem flüchtigen Winken, dann schnappe ich mir meinen Mantel und trete durch die Tür nach draußen an die frische Luft.

Bill kommt mir nach, wir laufen zusammen vor an die Straße.

Erst jetzt mit klarem Kopf wird mir bewusst was da unten abgegangen ist. Wie unglaublich nahe ich ihn an mich heran kommen lassen habe. Vertrauen. Gott, wie kann ich ihm vertrauen?
Ich kenn ihn doch gar nicht.

Das Taxi fährt vor, wir laufen beide zum Auto. Bill nennt dem Taxifahrer meine Straße und die Hausnummer.
Dann drückt er dem Mann auch noch Geld in die Hand.

Ich senke meinen Kopf und presse die Luft aus meinen Lungen.

Hör auf damit, bitte. Bitte hör auf damit so nett zu mir zu sein.
Du tust mir keinen Gefallen damit. Ich kann nicht damit umgehen wenn du mich so behandelst.

„Komm gut nach Hause.“, sagt er dann und wendet sich ab, verschwindet durch das Tor wieder zurück im Haus.

Ich steige in das Taxi und die folgende Nacht wird zu einer wahren Höllenqual für mich.

Es kostet mich alle Kraft die ich habe, nach diesem Abend wieder zu meiner kalten, schützenden Eismaske zurückzufinden.

* ° * ° *

Den kompletten Sonntag brauche ich. Um mich runter zu holen. Um wieder auf den beschissenen Boden der Tatsachen zu kommen.
Niemals hätte ich damit gerechnet, dass er sich so viel Zeit für mich nehmen wird. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass wir wirklich so gut miteinander klar kommen würden.

Ich muss offen sein. Der gestrige Abend, hat in mir zum ersten Mal seit über 4 Jahren ein unbeschwertes Gefühl ausgelöst. Ich habe eigentlich völlig vergessen, warum ich bin wie ich bin.
Aber genau darum fühle ich mich heute so beschissen wie schon seit langem nicht.
Weil ohne ihn, ohne seine Lebendigkeit, mir jetzt noch deutlicher bewusst wird, wie leer ich in Wirklichkeit bin.

Ich verbringe fast den ganzen Tag im Wald.
Ich wickle mich in die muffigen Decken, lausche dem Knarren der Äste. Es fängt an zu regnen. Ich bin froh, dass das Dach trotz allem noch dicht ist. Es ist nicht zugig.
Die Hässlichkeit wärmt mich.

Für den Moment.

Der Gedanke daran, morgen in die Schule gehen zu müssen, macht mich fast wahnsinnig.

Aber habe ich eine Wahl?

* ° * ° *

Ich bin so nervös, dass ich mich zu keiner Sekunde auf den Unterricht konzentrieren kann. Ständig rauscht der Abend durch meinen Kopf. Ständig erinnert mich mein geistiges Auge an irgendwelche verdammten optischen Vorzüge.

Es hat mich unglaublich viel Selbstaufwand gekostet, ihn mir wieder aus dem Hirn zu schlagen und ich habe panische Angst davor ihm gegenüber zu treten.

Aber meine Angst ist unbegründet. Er begegnet mir nicht.
Auch wenn das nicht klärt ob er gar nicht in der Schule ist, oder mir einfach nur aus dem Weg geht.

Zwar sehe ich Tom, der mehr als nur einmal superauffällig zu mir her sieht und mir viel sagende Blicke zuwirft, aber sein Bruder ist nicht bei ihm.

Ich mache mir tausend Gedanken. Und ich hasse mich dafür. Hasse mich, weil ich ihn nicht mehr aus meinem Kopf kriege, so sehr ich auch versuche die mühsam errichteten Mauern zu reparieren.

Dem Montag folgt der Dienstag. Dem Dienstag der Mittwoch.

Und ich habe begriffen, dass dem mittlerweile mehr als nur eine Krankheit hinten ansteht.

Er geht mir bewusst aus dem Weg. Ich weiß durch ein Gespräch von Saskia und ihrem Hirnlos-Verein sehr wohl, dass er in der Schule ist.

Und damit arbeite ich wieder an meinen Mauern. Jeden Tag versiegle ich die Risse weiter mit Mörtel, jede weitere Minute mehr die ich zwischen mich und diesen verhängnisvollen Abend bringen kann, macht die Mauern wieder dicker.

Fast, fast hätte er es geschafft.

* ° * ° *

Den Mittwoch Abend verbringe ich wieder in den luftigen Höhen der Eichenholz-Hölle. Dr. Krenz hat sich neue Spielchen für mich ausgedacht. Anstelle von einfachen Fragen und einer Tastatur jagt er mich von einem Persönlichkeitstest zum anderen, lässt mich kreuzdämliche Bögen ausfüllen und misst mir zu allem Überfluss auch noch die Gehirnströme.

Ich lasse es geschehen. Warum auch nicht? Es ist mir egal.

Jede Emotion in meiner Seele ist eiskalt. Erstarrt.
Auch Hass und Missmut.

Er soll mit mir doch machen, was er für richtig hält.

Auch morgen Abend wieder. Jeden Mittwoch und Donnerstag.
Für immer wahrscheinlich.

* ° * ° *

Am Donnerstagmorgen bin ich gar nicht richtig da. Meine Augen trocknen alle zwei Minuten aus, weil ich nicht blinzle, einfach nur vor mich hinstarre. Ich muss für die Menschen um mich herum wie ein Zombie wirken.

Ich rauche eine Zigarette nach der anderen, sitze auf der Mauer, die den Hof vom Schulgebäude trennt.

Gelangweilt spiele ich mit dem kleinen silbernen Ring an meinem Finger, streife mir Strähnen hinter die Ohren.

Als dann allerdings plötzlich und völlig unvorbereitet aus der Menge Dreadlocks und Baggys auf mich zusteuern, verdoppelt sich mein Herzschlag und ich sehe mich hektisch nach einem Fluchtweg um.

Aber es gibt nur den Weg nach vorne… und das ist der Weg auf dem Tom schnurstracks auf mich zugelaufen kommt.

Dicht vor mir kommt er zum stehen und ich bin durch die etwas erhobene Mauer trotz sitzender Position fast auf Augenhöhe mit ihm.

Es ist nur sein Bruder und trotzdem macht mir mein Körper klar, dass die Augen und die Gesichtszüge ausreichen, um sich beirren zu lassen. Um auf die Täuschung herein zu fallen.
Ich bekomme Herzklopfen, zittrige Hände.

„Hallo.“, presst er so unverbindlich wie möglich hervor und ich bin froh, dass ihre Stimmen so unterschiedlich sind.
Bei Bill würde ich jetzt wahrscheinlich einen Anfall kriegen.
„Es ist jetzt nicht das erste mal, dass ich dich anquatsche…“, führt er seinen Satz mit einem fetten Grinsen im Gesicht weiter und ich spüre die Unsicherheit die er in mir auslöst.
„…und es wird auch nicht das erste mal sein, dass du mir nicht antworten wirst, aber ich wollte dich fragen, ob du heute Abend Lust hast da hin zu kommen.“
Er drückt mir eine Eintrittskarte in die Hand. Ich lese den Namen ihrer Band. Sie treten in einem großen Club auf, der noch nicht mal so weit weg von der Wohnung meines Bruders liegt.

Seit ich meine Meinung über Bill geändert habe, erscheint mir auch Tom nicht mehr so negativ. Nach wie vor, ist er wirklich nicht mein Typ, aber ich erkenne, dass viel von seinem Getue nur Fassade ist.

Ich schüttle den Kopf dennoch. Was soll ich denn da?

Er setzt den Hundeblick auf.
Er beherrscht ihn nicht so gut wie sein Bruder, aber dennoch haut er mich komplett um.

„Och komm schon…“, bettelt er vor sich hin und ich frage mich was er vorhat. Warum er unbedingt will, dass ich komme.
„Es wird dir bestimmt gefallen.“

Wieder schüttle ich energisch den Kopf und dann knickt Toms Miene komplett in sich zusammen.
Er wirkt hilflos, verloren. Überfordert mit der erneuten Abfuhr.

Das Klingen der Pausenglocke ertönt und er ringt sich zu einem „Schade.“ durch.
„Bis dann.“, höre ich noch und dann verschwindet er mit seinen Bandkollegen und Freunden zurück ins Schulgebäude.

Mein Blick fällt auf die Karte. Es ist ein Bild von den vier Jungs drauf. Von ganz vorne strahlt mich die Unendlichkeit von Bills Augen an und ich seufze still.

Was wollen diese verdammten Zwillinge eigentlich von mir? Erst der eine, dann der andere, dann doch wieder der eine…

Was spielen sie für ein Spiel mit mir?

Ich hebe den Kopf an und sehe wie Heckmann mir direkt ins Gesicht sieht. Er grinst mich an, streckt mir einen erhobenen Daumen entgegen. Ich begreife nicht was er von mir will, zeige ihm als Resonanz den Mittelfinger und dann folge ich Tom durch die Schwingtüren zurück in mein Klassenzimmer.

Was zum Teufel ist hier los?

* ° * ° * °

Der Tag vergeht zäh. Wieder und wieder rutscht mir die Eintrittskarte in die Finger.
Ich weiß, dass ich nicht hingehen sollte, aber trotzdem will ich es. Unbedingt. Ich würde ihn so gerne sehen, würde so gerne seine Stimme hören.

Ich kann schließlich nicht ewig nur davon leben das Radio an mein Ohr zu pressen, wenn ihre Single kommt.
So kann es echt nicht weitergehen.

Natürlich ist es alles andere als gut. Natürlich sagt mir mein Verstand, dass ich die Eisschicht, die ich so sorgfältig um mich gelegt habe, nicht leichtfertig aufs Spiel setzen soll, aber ich kann nicht anders. Ich muss einfach.

Vielleicht reicht mir der kurze Kick ihn auf der Bühne zu sehen. Vielleicht reicht es mir, aus der hintersten Ecke des Clubs einmal kurz in sein Gesicht zu sehen.

Vielleicht kann ich dann zurück in die Leere flüchten, die unangefochten in mir regiert hat, bevor Bill Kaulitz angefangen hat in mich rein zu sehen.

Ich mache mich also fertig. Mein Bruder ist nicht zuhause. Er wird heute und morgen geschäftlich in Frankfurt an der Börse sein. Gut, so kann er mich auch nicht davon abbringen, das heute Abend doch zu tun. Auf dem Tisch in der Küche liegt Geld.

Und ein Zettel in dem er mich bittet nichts Blödes zu machen bis er morgen wieder kommt. Er ist öfters mal über Nacht weg. Es stört mich nicht.
So ist das eben in dem Job.

Spät am Abend stehe ich dann also vor der genannten Adresse. Ich bin alles andere als rechtzeitig. Beginn war vor einer halben Stunde.
Aber ich wollte nicht kommen, wenn alle kommen. Ich hab Angst ihm zu begegnen.

Der Club muss brechend voll sein, es stehen viele vor der Tür und werden nicht mehr rein gelassen. Die meisten sind in meinem Alter. Und angezogen als hätten wir locker 20 Grad.

Unsicher gehe ich auf die Türsteher zu.

„Nur mit Karte, Süße.“, sagt einer der 2-Tonner zu mir und ich ziehe das Ding, das Tom mir gegeben hat aus meiner Tasche hervor.
Der Hüne nimmt sie mir aus der Hand, prüft sie. Ich spüre einige neidische Blicke auf meinem Rücken aber ich ignoriere sie.
„Hier kommst du nicht rein.“, sagt der Türsteher dann zu meiner Überraschung und ich sehe ihn irritiert an.
Wollte mich Tom nur verarschen oder was?
„Hinten rein. Das ist ne Backstagekarte.“

*Oh*, formen meine Lippen und ich kann förmlich spüren wie mich brutalster Neid von hinten fast umschlägt.

Hätt ich das Ding mal nur zuhause genauer angeguckt. Super. Und jetzt? Ich wollte ihn doch nicht direkt sehen.

Aber ich kann ja rechtzeitig verschwinden. Bevor ihr Auftritt zu Ende ist.

Also schleiche ich unsicher um die Ecke, sehe in einem Seiteneingang erneut zwei Kolosse, die mich sofort als ich vor ihnen stehe, nach der Karte fragen.
Ich gebe sie ihnen und dann wird eifrig genickt, sie lassen mich passieren.

Schwere Türen werden vor mir aufgezogen und hinter mir wieder verschlossen. Der Geräuschpegel der mir bereits jetzt entgegen schlägt ängstigt mich.

Ich folge dem Lärm.

Um mich herum geht es hektisch zu. Leute rennen mit Kabeln und technischem Schnickschnack durch die Gegend.
Ich werde tatsächlich unsanft von einem Tontechniker über den Haufen gerannt.

„Gast?“, fragt er genervt und ich nicke hektisch.
„Dann da hoch.“, grummelt er und deutet mir auf eine Treppe, die hinter einem dunklen Durchgang auf eine Empore neben der Bühne führt.

Ich folge den Stufen nach oben, finde zwischen all den anderen Gästen einen freien Sitzplatz.
Es sind einige Mädels in meinem Alter dabei. Ich gehe davon aus, dass Tom von diesen Backstagepässen immer so viele dabei hat wie er willig Flittchen in einer Nacht vernaschen kann.

Wenn ich das richtig sehe, dürften es heute Nacht mindestens drei sein.

Sollte ich mich jetzt eigentlich dazu auch zählen? Ha! Nein!
Nie im Leben.

Ich wende mich ab von den anderen Leuten die mit mir hier oben sind, maximal 30 im übrigen, und lenke meinen Blick auf die Bühne.
Sie sind gerade mitten in einem Lied.
Kein Wunder. Mittlerweile dürfte ihre Show schon ne Dreiviertelstunde laufen.

Ich versuche mich zu beruhigen, versuche mein Herzklopfen zu unterdrücken, das mich bis hier her begleitet hat, aber als mir jetzt Bill in die Augen sticht, ist es dahin mit beruhigen.

Er steht fast regungslos an seinem Mik in der Mitte der Bühne. Seine Augen sind geschlossen.

Ich lasse mich auf seine Stimme, den Text und die Melodie ein.

Wie pathetisch. Er singt von einem Engel.

Wenn nichts mehr geht.

Ich lasse es wieder passieren. Ich lasse mich auf ihn ein.
Lasse mich von seiner Aura faszinieren.

Auch wenn ich genau das verhindern wollte.

Das Lied ist unglaublich gefühlvoll. Aufrichtig. Seine Stimme klingt live gesungen noch ansprechender als aus dem Tonstudio und mir bleibt fast die Luft weg, als er schließlich die Bridge singt, sich völlig fallen lässt in die Melodie, das Gefühl und die Emotionen die gerade in ihm toben müssen.

Er macht mir Gänsehaut. Mir wird heiß, meine Fingerspitzen fangen an zu kribbeln.
Ich kann förmlich spüren wie sein Gesang in mich eindringt, mich ausfüllt.
Mich etwas anderes als gnadenlose Leere spüren lässt.

Mein Zustand wird unwirklich, ich versuche den Prozess aufzuhalten, aber ich kann es nicht.

Die wenigen Sekunden die ich habe als der Song vorbei ist und er den nächsten ankündigt reichen nicht um zu mir zu kommen. Ich sitze einfach nur da und kämpfe. Mit mir. Mit den Mauern. Mit der Eisschicht. Mit der Maske, die ich durch ihn schon wieder bereit bin abzulegen.

Ich registriere vage, dass Tom sich setzt, eine andere Gitarre entgegen gehalten bekommt und sie fast liebevoll zu sich auf den Schoß zieht, mit den Händen umgreift.
Er fängt an unglaublich schön in eine Melodie einzusteigen, die die Gänsehaut auf meinem Körper nur verschlimmert und als dann sein Bruder beginnt die ersten Worte des Liedes zu singen, höre ich auf mich zu wehren und gebe mich ihm vollständig hin.

Rette mich.

Die Mauern brechen. Eine nach der anderen.

Die Hitze die mich berührt, versengt mich fast, weil ich es nicht gewöhnt bin.
Die Leere weicht einer unglaublichen Intensität, einer Passion.
Seiner Leidenschaft.

Ich lasse es zu und bin überwältigt.

* ° * ° *

Gerade mal zehn Minuten habe ich noch mitbekommen. Dann sind sie von der Bühne gegangen.

Jetzt sitze ich da, fassungslos.

Verbrannt.

Ich fühle so intensiv wie ich es noch nie getan habe. Noch nicht mal vor dem Tod meiner Eltern.
Ich lebe, existiere.

Wegen einem gottverdammten Lied.

Ich versuche mein Herzklopfen in den Griff zu kriegen.

Das war der niederschmetterndste Moment meines Lebens. Er hat mich platt gemacht. Komplett umgehauen.

Hat meine gesamte Verteidigung weggerissen.

Ich muss hier raus. Ich hab mir heute Abend den Todesstoß versetzt.

Ich springe auf, kann mit dem Gefühl des Feuers in mir drin nicht umgehen. Hektisch renne ich über die Treppe nach unten, schiebe mich an Leuten vorbei, die jetzt anfangen aufzuräumen, wild reden.

Als ich wieder auf dem Gang bin, pralle ich mit jemandem zusammen. Und erst jetzt bin ich mir sicher, dass der liebe Gott mich wirklich hassen muss.

Tom.

„Hey.“, sagt er und strahlt freudig überrascht.
„Du bist ja doch noch gekommen.“

Ich versuche mich zu beruhigen, versuche die Maske wieder an ihren Ort zu bringen, aber ich finde sie nicht. Ich bin schutzlos.

Ich kann nur versuchen es solange inne zu halten bis ich alleine bin.

Nicken. Mehr krieg ich nicht hin.

„Und hat’s dir gefallen?“

Wieder nicke ich. Sein Blick wird frecher. Er kommt mir näher, senkt seine Stimme.

„Wir können auch mal privat was ma…“, setzt er an, aber er wird brutal unterbrochen.

„Fuck, Tom, was macht sie hier?“, reißt mich Bills Stimme aus der unwirklichen Situation und ich sehe wie er sich zwischen ein paar Leuten durchdrängelt, auf uns zugelaufen kommt.

Ich kneife die Augen zusammen, bettle um Erbarmen. Bitte nicht. Bitte nicht er auch noch.

Aber ich habe keine Chance.
Mir bleibt nichts außer Ruhe zu bewahren, ihn so gut es geht zu ignorieren.

Tom dreht sich zu seinem Bruder, ich kann nicht mehr tun, als wie üblich stummer Zeuge zu sein.

„Mann, Alter, bleib locker. Ich denke du bist raus aus der Sache. Einer muss ja…“

„Wir sind raus aus der Sache. Wir beide.“, fährt er ihm böse dazwischen.

Bill steht mittlerweile dicht vor Tom, die beiden Brüder funkeln sich aus ebenbildgleichen Augen an. Und zwar nicht unbedingt freundlich.
Wenn ich gerade selbst ob des Gefühlsorkans in mir drin nicht schier durchdrehen würde, bestünde die Möglichkeit, dass ich mich frage worüber sie reden.

„Ohohhoh…nein. Nur weil du so ein beschissenes Weichei bist, werd ich garantiert nicht…“

„Halt deine verdammte Klappe.“, zischt Bill tief und packt seinen Bruder am Kragen.
Ich bin geschockt vom Zorn der in seiner Stimme liegt.
„Wir sind raus. Kapiert?“

Tom nickt.

Ich glaube er ist selbst ein wenig geschockt von der Art und Weise wie sein Bruder gerade auf ihn losgegangen ist.
Bill lässt Tom los und er geht. Verschwindet irgendwo hinter der Bühne und lässt mich mit ihm alleine zurück.

Dann ist das also genau die Situation die ich vermeiden wollte. Wunderbar.

Er holt tief Luft, dann dreht er sich mir zu.

Ich zittere am ganzen Körper. Ich hoffe so inständig, dass er es nicht sieht.

„Wie geht’s dir?“, fragt er mich dann und ich werde starr wie eine Statue.
„Du siehst blass aus. Willst du an die frische Luft?“

Ich nicke hektisch, meine Finger sind eiskalt.

„Komm mit.“, sagt er dann und läuft los, betritt einen dunklen Gang und stößt eine Tür auf, die nach draußen führt.

Es ist nicht die Tür durch die ich rein gekommen bin.
Wir stehen mitten in einem Hinterhof, es ist dunkel, aber der Mond macht es für mich hell genug um mehr zu sehen, als ich sehen will.

„Soll ich dir ein Taxi rufen?“, dringt seine Stimme in die Stille der Nacht und löst in mir dieses verdammte Kribbeln aus.
Er reibt sich über die bloßen Arme. Klar, im Gegensatz zu mir, trägt er nur ein T-Shirt.

Ich nicke. Ich muss zusehen, dass ich schleunigst von hier weg komme.

Und damit wiederholt sich eine mir schon bekannte Prozedur. Mal davon abgesehen, dass er das Taxi dieses mal zum Club und nicht zu sich nach Hause bestellt.

„Okay. Wird gleich da sein.“
Er sieht mir ins Gesicht.
„Tut mir leid, wegen der Szene von eben. Tom und ich haben da gerade so eine kleine Meinungsverschiedenheit.“

Ich nicke wieder heftig. In mir drin kocht es wie in einem Vulkan.

Und er sieht es. Er bemerkt, dass etwas anders ist. Dass etwas mit mir passiert ist.

Dass ich anders bin.

Ich kenne mich nicht mehr. Ich kann mich nicht mehr kontrollieren. Ich weiche ab von den Verhaltensmustern mit denen ich umgehen kann. Die ich von mir gewohnt bin.

Völlig ohne den kühlen Verstand der mich die letzten vier Jahre am Leben gehalten hat, trifft mein Instinkt eine Entscheidung. Eigenmächtig.

Ich sehe ihm direkt in die Augen, strecke meine Hand nach seiner aus und greife nach seinen Fingern.

Der erste Kontakt zwingt mich dazu zurückzuzucken.

Er sieht mich geschockt an.

Er hat in den Momenten in denen wir zusammen waren sehr wohl bemerkt, dass Berührung eigentlich ein absolutes Ding der Unmöglichkeit für mich ist.

Sein Blick fällt auf unsere Hände, ich tue es ihm nach, starre auf seine Ringe, das Gelenk mit dem schwarzen Lederband.
Und dann tue ich es erneut.

Dieses Mal halte ich den Kontakt, seine Finger verschränken sich mit meinen. Und wieder ist es da. Das Gefühl das mich fast verbrennt, weil es so intensiv ist.
Ich gehe einen Schritt auf ihn zu, stehe jetzt direkt vor ihm. Er sieht zu mir runter, direkt in die Augen. Rührt sich keinen Millimeter. Er wird alles mich machen lassen.

Ich breche den Blickkontakt, fixiere seine halbgeöffneten Lippen. Er atmet unruhiger als sonst.

Für mich fühlt es sich an wie die Unendlichkeit, als ich mich ihm entgegenlehne und die Augen schließe.
Als die Berührung dann aber tatsächlich zustande kommt, verbannt sie alles bisher da gewesene an einen kleinen unbedeutenden Punkt in meiner Seele.

Er zieht scharf die Luft ein, als der Kuss mehr wird als Lippen, die einfach nur aufeinander liegen.
Aber dann lässt er sich darauf ein, beendet die Einseitigkeit.
Unsicher fährt er mit seiner freien Hand an meine Hüfte, zieht mich dichter zu sich. Unsere Körper berühren sich, der Kuss wird intensiver. Seine Zunge stößt sanft gegen meine Lippen, erbettelt sich Einlass.

Die Bombe explodiert… und dann klingelt sein Handy.

Es ist als würde es mich wach reißen, ich zucke zurück. Es geht ihm nicht anders.
Sein Atmen ist heftig und unkontrolliert.

Aber an den Händen haben wir den Kontakt nicht unterbrochen.

„Sorry…“, sagt er keuchend und zieht das Handy aus seiner Tasche, klappt es auf.

Und dann zerstört die Stille der Nacht meinen Traum.
Ich kann den Telefonanrufer verstehen, obwohl sich Bill ein wenig weg dreht.

„Kaulitz, du Drecksack. Wie sieht’s aus? Hast du sie rumgekriegt oder nicht? Heute Abend ist Deadline der Wette.“

Heckmann.

Es fällt mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Die ganzen komischen Andeutungen zwischen den Zwillingen, das gehässige Grinsen Heckmanns, als ich heute Morgen Tom ne Abfuhr verpasst hab, der erhobene Daumen…

Mir scheint meine Frage beantwortet sich. Ich weiß jetzt warum Bill Interesse an mir hat.

Ich war ein Spielzeug.
Eine Wette.

Ich lasse seine Hand los, weiche einen Schritt zurück. Seine Augen weiten sich, als er in meinem Gesicht zu erkennen scheint, dass ich offensichtlich mithören konnte.

Er lässt ohne Heckmann zu antworten das Telefon sinken, klappt es wieder zu.

Ich gehe einen weiteren Schritt rückwärts, er kommt mir nach.

„Hey…halt…warte…es ist nicht so wie du denkst.“, versucht er mich davon abzuhalten loszulaufen, aber ich wende mich schon von ihm ab und renne ans Ende des Hinterhofes, raus auf die offene Straße vor dem Club.

Ich kann noch hören, wie er mir meinen Namen nachbrüllt, aber es bewegt mich nicht zum stehen bleiben.

* ° * ° *

Ich renne wie eine Besessene. Unter meinen Schuhen spritz mit jedem Schritt Wasser nach allen Richtungen, ich bin wieder mal kurz davor einen Herzinfarkt zu kriegen.

Es ist stockdunkel, als ich den Feldweg betrete, der an die angrenzenden Wälder führt. Der Mond bietet mir allerdings genug Sicht, so dass ich meinen Weg zumindest bis zum Waldeingang ohne Schwierigkeiten finden werde.

Dann allerdings wird es etwas verzwickter. Fast blind renne ich durch die morastigen Pfade, die mich tief in den Wald hineinführen, hätten wir nicht fast Vollmond, könnte ich meinen Weg auf keinen Fall finden. Auch so fällt es mir schon schwer genug.

Ein Ast knallt gegen meinen Hals, ich spüre den Schmerz. Und ich gehe sogar davon aus, dass der Einschnitt blutet. Aber es kümmert mich nicht, ich setze meinen hektischen Sprint fort, solange bis mein Körper letztendlich doch kapituliert und ich mitten im Wald zusammenbreche.

Ich kann nicht mehr.

Ich höre nicht mehr als das Rauschen von Blut in meinen Ohren, das kräftige Pumpen meines Herzens und die schweren Atemzüge.

Es dauert lange, bis ich auch die anderen Geräusche wahrnehmen kann.

Das Rascheln des Windes in den Blättern der Bäume, das knarren morscher Stämme… Knacken im Unterholz. Mitten in der Nacht im Wald. Ohne Orientierung.

Aber ich höre auch etwas anderes. Der Wind spielt mit einer Tür.

Meiner Tür. Ich höre wie sie wieder und wieder gegen den Rahmen geschlagen wird.

Ich rapple mich also auf und stolpere weiter vorwärts und tatsächlich, nur wenige Schritte weiter wäre ich aus dem Unterholz in die Lichtung eingebrochen.

Das Mondlicht taucht diesen widerwärtigen Ort in ein gespenstisches Licht. Ich würde mir wünschen überall zu sein, nur nicht hier. Und dennoch … ich gehöre hier her.

Nur hier kann ich verdrängen was passiert ist.

Ich laufe auf die Hütte zu, das Schlagen der Tür im Wind ist lauter als ich es zunächst erwartet hatte. Wundert mich, dass der Wind sie überhaupt aufreißen konnte. Wo ich doch immer so sorgfältig darauf achte, dass Holzbretter eben das verhindern.

Als ich eintrete, umgibt mich völlige Finsternis. Ich ziehe hinter mir die Tür zu. Dann krame ich in meinen Jeanstaschen nach meinem Feuerzeug, mache es an. Sofort fällt der Tisch in meinen Blickwinkel und ich laufe darauf zu, entzünde einen großen Teil der Kerzen. Es wird angenehm hell.

Lautlos seufzend sehe ich mich um.

Es scheint mir als würde das alte Haus über mich lachen. So als hätte es von vornherein gewusst, dass ich wieder kommen würde.

Dass ich mich nach der Leere sehnen würde. Weil mich das Feuer verbrannt hat.

Ich sinke in der Mitte des Raumes auf den Boden. Ich hasse diesen Ort. Ich hasse seine Geräusche, hasse seinen Geruch.
Ich hasse es so sehr wie ich mich selbst hasse und darum musste ich her kommen.

Nichts wird mir schneller die Emotionen die in meiner Seele wütend aus dem Körper treiben. Nichts wird mich schneller verdrängen lassen, wie unglaublich schön Berührungen sein können.

Nichts wird mir schneller wieder die Leere ins Herz jagen, die ich so dringend brauchen werde, um das unglaubliche Gefühl von bedingungslosem Vertrauen wieder vergessen zu können.

* ° * ° *

Als ich zu mir komme, sind die Kerzen alle komplett heruntergebrannt. Draußen ist es bereits hell. Sonnenstrahlen dringen durch einige der Ritzen und werfen in mein schmutziges Zuhause soviel Licht, dass ich zumindest erkennen kann, dass meine Kleidung aussieht wie Sau.

Ich richte mich auf, registriere die getrockneten Tränen in meinem Gesicht, die Schminke die überall an mir kleben muss. Als meine Hand an meinen Hals fährt, spüre ich den kleinen Einschnitt, den ich mir gestern bei meinem überstürzten Weg hier her zugezogen habe.

Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. Es ist bereits 12 Uhr durch.
Gut, wundert mich nicht, dass ich so lange geschlafen hab. Ich bin ja auch erst um 6 oder so eingeschlafen.

Ich stehe auf, verlasse die Hütte. Laufe zurück durch den Wald nach Hause. Ich kann froh sein, dass mein Bruder über Nacht weg war. Er hätte sicherlich zehn Mal die Bullen angerufen.

Als ich zuhause ankomme, ist die Wohnung noch wie erwartet leer. Ich ziehe mich aus, springe unter die Dusche, wasche den Dreck von mir.

Ich stehe unendlich lange unter dem Strahl, versuche alles loszuwerden, was sich mir gestern angehaftet hat.
Mühsam versuche ich die Mauern wieder hoch zu ziehen.

Ich hätte es wissen müssen. Wie konnte ich so naiv sein und wirkliches Interesse erwarten? Nun ja, hab ich ja gar nicht. Ich hab ja immer einen Grund dahinter vermutet. Dass es allerdings so ein Grund sein würde, hab ich selbst in deren Dreistigkeit nicht erwartet.

Eine Wette. Natürlich. Heckmann wollte den Zwillingen eins auswischen. Wollte ihren Stolz brechen. Er hat ihnen eine ausgesucht bei der er selbst die Erfahrung gemacht hatte, dass es unmöglich war durch zu kommen.
Und nachdem Tom bei mir schon zu Anfang abgeblitzt war, schien ihm die Gefahr bedeutend gering, dass Bill es tatsächlich schaffen könnte.

Aber er hat mich perfekt getäuscht. Ich hab ihm alles abgekauft. Das Interesse an dem einen Abend im Probenraum, die Leichtfertigkeit mit meinem Problem…
Kein Wunder hat ihn das alles nicht sonderlich gestört, wenn er doch ohnehin nur so lange damit klar kommen musste, bis er mich soweit hatte.

Ja, nur ist die Frage, wie weit musste er mich bringen? War der Kuss schon genug? Würde sich Heckmann auf so halbe Sachen einlassen?

Nein, wenn Heckmann die Regeln aufgestellt hat, war das Ziel, mich ins Bett zu kriegen.

Aber ist Bill das zuzutrauen? Dass er wegen einer Wette mit irgendeiner ins Bett geht? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen, aber was weiß ich schon. Er hat mich getäuscht wie es noch kein zweiter vor ihm geschafft hat.

Er hat mich geöffnet, hat mir einen Teil seines elenden Feuers eingehaucht und ich hab mich daran verbrannt. Bitterlich.

Es tut unendlich weh. Der Schmerz treibt mich fast in den Wahnsinn. Genau aus diesem Grund, habe ich alle Emotionen in den letzten Jahren systematisch ausgeblendet. Weil ich dieses Gefühl nicht erleben wollte.
Weil es schrecklich ist.

Es wird lange dauern, bis meine verdammten Mauern wieder stehen, bis die Maske wieder sitzt.

Ich sinke in der Dusche in die Knie, das Wasser perlt über meinen Körper. Es ist eiskalt.

Aber ich spüre es nicht.

* ° * ° *

Als es später Abend wird sitze ich apathisch im Wohnzimmer und starre aus der großen Fensterfront.

Was hatte es mit dem Gespräch zwischen Tom und ihm zu tun. „Wir sind beide raus.“
Hat er damit…wäre es möglich, dass …

Nein. Nein. Nein. Es interessiert mich nicht. Es hat mich nicht zu interessieren. Es muss mir egal sein.

Ich zucke zusammen, als das Telefon klingelt.

Ich starre es an, lausche dem schrillen Geräusch. Was bin ich froh, dass es für mich gar nicht erst zur Debatte steht, ob ich ran gehe oder nicht.

Der Anrufbeantworter aktiviert sich. Die langweilige Sprachbox meines Bruders wird abgespielt.

Und dann höre ich die Stimme meines alten Betreuers. Meines alten Peinigers.

„Hier spricht Brock. Uns liegen die Informationen zugrunde, dass ihre Schwester gestern weder zur Therapie, noch heute zur Schule erschienen ist. Wir sehen uns daher gezwungen, die Sorgerechtsverhandlungen noch mal aufzurollen, da wir leider annehmen müssen, dass sie mit der Rolle als Erzieher überfordert sind. Wir werden heute Abend auf ein persönliches Gespräch vorbei kommen und unter gegeben Umständen ihre Schwester wieder mitnehmen. Wir bedauern die schlechte Nachricht. Auf Wiederhören.“

Ich sitze da wie erstarrt.
Fuck. Die Therapie. Ich springe auf, schnappe mir den Zettel vom Tisch, drehe ihn um. Er war beidseitig beschrieben.

*Bitte vergiss deine Therapie nicht. Du weißt was los ist, wenn du nicht hingehst. Pass auf dich auf.*

Ich wusste, dass ich gestern etwas vergessen hatte. Mich hat der Gedanke um den Gig im Club und die Grübelei um Bill völlig vergessen lassen, dass ich ja einen Termin hatte.
Und heute, Schule. Ja, wie soll ich sagen? Ich hätte auf gar keinen Fall in die Schule gehen können. Mal davon abgesehen, dass ich mitten im Wald war, ich hätte es nicht ertragen können Bill, Tom oder Heckmann zu verkommen.

Diesem miesen Dreckspack.

Aber nun was. Nun sitz ich noch tiefer in der Scheiße als ich es ohnehin schon tue.

Zurück ins Heim also.
Ich könnte mir vorstellen, dass mein Bruder zugibt, dass er mit der Erziehung nicht klar kommt. Wie auch? Er ist ja selber noch nicht reif.

Ich kann mich geschlagen geben. Kann wieder zurück in die Hölle. Zumindest für die nächsten zwei Jahre. Solange können sie mich noch einsperren.

Aber könnte ich das Heim wieder ertragen? Nein. Ich denke nicht.
Wird mich mein Bruder aufgeben? Ja, ich glaube das wird er. Er hat keine Kraft mehr.

Also was bleibt mir anderes übrig? Ich muss abhauen. Vielleicht kann ich mich alleine durchschlagen.

Ich muss zumindest raus für heute Abend. Ich darf unter keinen Umständen hier sein, wenn der Betreuer kommt.

Ich stürme in mein Zimmer, ziehe Klamotten aus dem Schrank und stopfe sie in meinen Rucksack. Stecke all die Dinge ein die mir lieb und teuer sind und dann schreibe ich meinem Bruder eine Nachricht.

*Ich weiß, dass du leidest.
Ich weiß, dass du nicht damit klar kommst, dass ich nicht spreche.
Und es tut mir unendlich Leid, dass ich nicht die kleine Schwester sein kann, die du vielleicht gerne hättest.
Aber ich bin dir unendlich dankbar für das was du bis hier für mich getan hast.
Ich hab Scheiße gebaut.
Hab die Therapie vergessen und war heute nicht in der Schule.
Jetzt werden sie vermutlich dafür sorgen, dass du die Erziehungsberechtigung entzogen kriegst.
Ich weiß, dass du keine Kraft mehr hast.
Ich will dir nicht länger zur Last fallen.
Mach dir keine Sorgen, ich werde mich regelmäßig bei dir melden.*

Ich lasse den Zettel auf dem Tisch liegen und dann verlasse ich die Wohnung. Ich gehe zurück in den Wald.
Ich muss nachdenken. Und da findet mich niemand.

* ° * ° *

Als ich wieder vor der alten Hütte stehe, dämmert es bereits.

Wieder bin ich mit der kargen Lieblosigkeit der Lichtung alleine. Vielleicht ist es im Sommer ja schöner hier.
Ich gehe auf die Tür zu, stoße sie auf. Ich mache mich bereit für eine lange Nacht, denn sollte ich wirklich die Entscheidung treffen auszubüxen, werde ich das erst morgen früh tun. Heute Nacht halte ich es nicht unbedingt sinnvoll.

Ich entzünde die Kerzen, dann setze ich mich auf meine Decken und denke nach. Ich starre stur gerade aus auf die nackte Wand.
Ich habe das Gefühl Zentner zu wiegen. Wie gerne würde ich den Schmerz und die Wut die ich in mir spüre jetzt gegen meine bekannte Leere tauschen. Wie gerne würde ich der Trauer und Enttäuschung einfach Gleichgültigkeit entgegen setzen.

Er hat es geschafft. Ich habe vertraut und wurde enttäuscht. Ich habe es zugelassen und werde bitter dafür bestraft.
Ich werde wieder gebrochen.

Wird es immer so sein?

Ich lege mich auf die Decke, lausche dem Wind der dem Wald die verhassten Geräusche entlockt.

Doch etwas ist anders. Es klingt zu unregelmäßig für Wind. Für ausschließlich Wind.

Ich schrecke hoch und in diesem Moment wird auch schon von außen die Tür geöffnet.

Und dann trifft die Widerwärtigkeit der Hütte, und der Leere die sie mit sich bringt, auf ihren härtesten Gegner.

Bill Kaulitz.

Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf, ich springe von den Decken auf.

„Verdammt noch mal, da bist du ja.“, zischt er angepisst vor sich hin und betritt den Raum, schließt die Tür hinter sich, verriegelt sie.
Ich hab Herzrasen wie eine Irre, ich kriege kaum Luft.
„Ich hab überall nach dir gesucht.“

Wie…woher…? Woher kennt er das hier?

Ich starre ihn mit großen fragenden Augen an, er deutet meine Geschocktheit sofort richtig.

„Ich bin dir gefolgt, als du den einen Tag vor mir weggelaufen bist.“

Und damit zuckt er mit den Schultern. Das Thema ist für ihn damit augenscheinlich gegessen. Er ist mir gefolgt? Hallo? Geht’s noch? Was will er denn noch von mir? Will er sich versichern, dass ich auch wirklich komplett kaputt bin.

Du Arschloch.

Ich hebe den Arm, deute mit dem Zeigefinger auf die Tür. Meine Miene ist immer noch alles andere als gefasst, aber dennoch versuche ich bestimmt zu wirken.

„Nein.“, ignoriert er meinen Versuch und kommt auf mich zugelaufen.
„Jetzt hörst du mir erst mal zu, dann gehe ich vielleicht.“

Ich verschränke die Arme vor meiner Brust, er kommt näher zu mir, bleibt nur unmittelbar vor mir stehen. Im schlechten Licht der Kerzen wirken seine Augen fast schwarz, ich versuche krampfhaft nicht auf seine optischen Reize anzuspringen.

Ich spüre wie mir Tränen hochkommen.

Und das meine ich mit gebrochen. Davor hab ich nie geheult. Weil ich kalt war. Und jetzt, sieh mich einer an.
Er muss nur vor mir stehen und ich fange an rumzuflennen.

„Es ist wahr. Zwischen Heckmann und uns gab es eine Wette.“
Jedes seiner Worte bringt mich fast um.
„Es bringt nicht viel jetzt zu sagen, dass ich von Anfang an nicht wirklich begeistert davon war, denn letztendlich hab ich mich darauf eingelassen. Heckmann hat dich ausgesucht.“
Ausgesucht? Ich dreh gleich durch. Das klingt, als wäre ich käufliche Ware.
„Ich kannte dich nicht. Und ich wusste nicht, dass du es so schwer gehabt hast.“

Mir platzt der Kragen, ich kann nicht anders. Ich zeige ihm den Mittelfinger und drehe mich um, starre in die dunkle Ecke der Hütte und versuche nicht auf der Stelle vor Zorn und Wut tot umzufallen.
Gott, was macht er nur mit mir?

Aber er gibt nicht auf, kommt zu mir gelaufen und bleibt dicht neben mir stehen, ich schließe meine Augen, versuche seine plötzliche Nähe zu ignorieren.

„Hör zu, ich weiß was du jetzt denkst. Und ich schäme mich wirklich, dass ich mich auf so einen Bockmist eingelassen habe…aber letztendlich bin ich eigentlich ganz froh darüber.“

Ich drehe ihm den Kopf zu, sehe ihn fragend an.

Was soll das denn jetzt bitte heißen? Bist du auch noch stolz drauf?

„Weil ansonsten das hier…“, er deutet mit seinem Finger zwischen uns hin und her. „…nie passiert wäre. Und ich es schön fand, dir näher zu kommen.“

Er bohrt direkt in der offenen Wunde. Heiße Tränen rollen über ein Gesicht, welches vor kurzem noch mit einer eiskalten Maske überzogen war. Ungehalten.

„Ich war raus aus der Sache. Darum hab ich den Kontakt zu dir gemieden. Ich wollte warten, bis die Frist der Wette vorbei ist, wollte warten bis ich selber damit klar kam, was du Samstagabend bei mir ausgelöst hast.“
Er lacht, fährt sich durch die Haare an seinem Hinterkopf.
„Himmel, ich hab mit dir nur Zettelchen geschrieben und du hast mich komplett umgehauen. Als du geschrieben hast, dass du mir vertrauen würdest, ist mir klar geworden, dass ich das mit der Wette nicht kann. Dass du mir zu wichtig geworden bist um dich für mein blödes Selbstwertgefühl zu benutzen.“

Er soll damit aufhören, er soll aufhören mir immer und immer wieder so nahe zu kommen. Er reißt meine Mauern nicht nur ein, er trampelt auch noch lachend auf den Fundamenten rum.

„Das gestern…“ Er kratzt sich an der Stirn, holt Luft, presst sie wieder raus. „Mann…das gestern…ich wusste, dass du dich nicht auf Berührungen einlassen kannst und dann ...“

Er kommt den letzten Schritt auf mich zu, hebt seine Hand an, führt sie an mein Gesicht. Aber der Kontakt kommt noch nicht zustande.

„Ich will das nicht kaputt gemacht haben.“

Ich weiche zurück, er lässt seine Hand wieder sinken, resigniert. Wieder bringt er mir durch seine Augen so viel Lebendigkeit entgegen, dass die Tränen nur noch heftiger kullern.

„Es war nicht wegen der Wette.“, flüstert er mittlerweile tief.
„Und wenn du es zulässt, beweise ich es dir.“

Damit hebt er wieder seine Hand, führt sie direkt an meine Wange. Und dieses mal kommt die Berührung zustande.
Ich starre ihn an, völlig regungslos, während seine Finger die Tränen von meinen Wangen streichen.

Seine sanften Bewegungen brennen auf meiner Haut, ich strafe mich inständig tausendfach dafür, dass ich es zulasse.
Es bedeutet mir so unglaublich viel.

Er sieht mir direkt in die Augen, lässt seine Hand unter meine Haare in den Nacken fahren.

Er spürt, dass ich verkrampfe, weil ich unendlich viel Angst davor habe, es wieder so weit kommen zu lassen.

„Ich hab mit dem Kuss gestern die Wette schon gewonnen.“, dringt seine Stimme an meinen beurlaubten Verstand und ein Zittern fährt über meine Wirbelsäule.

Nur ein Kuss. Und soweit hatte er mich gestern schon. Dann hat das hier mit der Wette nichts mehr zu tun.
Wenn er mich nicht anlügt.

Ich gebe auf.

Weil ich ihm glaube.
Weil ich es glauben will.
Weil ich gar nicht anders kann.

Er lehnt sich zu mir, streift unsicher mit seinen Lippen über meine. Es ist nur der kurze Hauch einer Berührung, dann zieht er sich leicht zurück, wartet meine Reaktion ab. Ich schließe die Augen und dann bin ich es, der den letzten Schritt geht.

Meine Hände suchen ihren Weg unter die offene Lederjacke, krallen sich fest am T-Shirt an seinen Hüften.

Aus den scheuen kurzen Küssen, wird schnell mehr, er neckt mich mit seiner Zunge sanft dazu, meinen Mund zu öffnen, es zuzulassen. Es wieder hervorzuprovozieren, dass die Bombe explodiert.

Und das tut sie wieder. Das Kribbeln und die Hitze würden mich wahrscheinlich von den Beinen fegen, wenn ich mich nicht an ihm festhalten würde. Als ich zum ersten mal Kontakt mit seinem Piercing habe, bekomme ich einen irren Stromstoß.

Und dann wird mir meine eigene Dummheit bewusst. Die naive Dummheit die mich glauben ließ, dass die Leere der letzten vier Jahre besser war als mich auf meine Emotionen einzulassen.

Wohin hat mich mein Selbstschutz denn getrieben? In die Existenzlosigkeit.

Und dann kommt er. Reißt alles nieder, was ich aufgebaut hatte, widerlegt alle Regeln und Richtlinien nach denen ich gelebt habe.

Und egal wie sehr ich mir noch die Finger an ihm verbrennen werde, selbst der Schmerz den er mir zufügt ist besser, schöner und überwältigender, als die Leblosigkeit mit der ich mich vorher selbst bestraft habe.

Ohne den Kuss zu unterbrechen, lasse ich mich in die Knie sinken, ziehe ihn mit mir. Wir verlieren das Gleichgewicht, poltern zusammen auf die Decken und trotzdem pressen wir nach wie vor unsere zu einem Grinsen verzogenen Lippen aufeinander, halten uns fest mit aller Kraft die wir aufbringen können.

Er liegt auf mir, seine langen Haarsträhnen kitzeln mich an meinem Hals. Eigenmächtig suchen meine kalten Hände den Weg unter sein T-Shirt und als ich schließlich auf die warme Haut an seinen Hüften treffe, zuckt er hoch, zieht scharf die Luft ein.

„Himmel, hast du kalte Hände.“, sagt er und grinst mich an, dann senkt er seinen Mund dicht an mein Ohr und haucht heiße Luft dagegen.
Mir läuft ein eiskalter Schauer über den kompletten Körper, als er anfängt leise zu flüstern, entgleitet mir die Macht meine Augen zu fokussieren und die wilden Bewegungen der Flammen an der Decke werden zu einem bunten Feuerwerk.
„Nicht dass dir kalt wird.“, flüstert er tief und fängt an meinen Hals zu küssen.

Ohne besorgt nach dem Ursprung der Verletzung zu fragen, lässt er seine Lippen und seine Zunge über den kleinen Einschnitt unter meinem Ohr wandern und ich liebe ihn dafür.
Er behandelt mich nicht wie eine Puppe.
Er hat keine Angst davor in mir noch mehr kaputt zu machen als es ohnehin schon ist. Er nimmt die Dinge so wie sie sind.

Einfach. Brutal. Ehrlich.

Die Sucht wird geboren. Und mit ihr das Verlangen.

4 Jahre. 4 Jahre in denen ich völlig emotionslos vor mich hin gelebt habe, fordern ihren Tribut. Ich will alles was ich kriegen kann, weil ich es spüren will.
Sein Feuer. Seine Leidenschaft, die mit jeder Sekunde mehr auf mich überspringt, mir Leben einhaucht wie einem toten Kadaver.

Ich winkle meine Beine an, ernte von ihm ein kehliges Stöhnen für diese Aktion. Plötzlich spüre ich mehr von ihm als ich zunächst erwartet habe.
Doch ich gebe ihm nicht lange genug um den Schock zu verkraften, als ich meine Hände unter seinem T-Shirt vorziehe und an den Kragen seiner Jacke bringe, anfange sie ihm von den Schultern zu schieben.

Er richtet sich auf, lässt zu, dass ich sie ihm von den Armen ziehe und als ich dann damit beginne mir selbst den Mantel aufzuknöpfen und mir förmlich vom Oberkörper zu reißen, weiß ich selbst nicht was in mich gefahren ist.

Ich will es spüren. Ich will nach so langer Zeit einfach nur leben.

Mantel und Jacke liegen neben uns, wir kramen an der Wand zusammen ohne uns aus den Augen zu lassen nach einer Decke die wir über uns ziehen können und dann kriegt er eine zwischen die Finger wurstelt uns beide ohne große Mühe rein.

Aber es ist nicht so, dass ich damit schon genug hätte. Es ist mir völlig egal, dass es schweinekalt ist, dass wir mitten im Wald in einer einsturzgefährdeten Hütte sind, eingepackt in Decken die gleichermaßen schmutzig und muffig sind. Es ist mir egal, was um mich herum passiert, weil ich es nicht mehr wahrnehme.

Das Rauschen der Blätter im Wind wird verdrängt durch sein hektisches Atmen, das Knacken der Bäume wird übertönt durch sein Herzklopfen.

Ich schiebe unter der Decke das T-Shirt über seinen Rücken, sein Blick wird brutal ernst als er erst den einen Arm anhebt, dann den anderen und es sich ausziehen lässt.
Meine Hände erkunden seinen nackten Rücken, seine weiche Haut löst ein Kribbeln nach dem anderen in meinem Magen und einer unberührten Region tiefer aus.

Er ist sichtlich überrascht, dass diese impulsive Initiative von mir aus kommt, aber so schnell lässt er sich das Heft nicht aus der Hand nehmen.
Seine Hände suchen den Saum meines Oberteils, er zieht es ohne nach zu fragen einfach genauso frech über meinen Kopf wie ich es bei ihm getan habe.

Und auch wenn er es versucht, natürlich kann er mir jetzt nicht nur in die Augen sehen. Sein Blick fällt auf die schwarze Unterwäsche die ich trage und die deutlichen Konturen, die sich darunter abheben, sich jetzt sanft berührt von seinen Fingerspitzen, als unglaublich empfindlich herausstellen.

Für einen kurzen Moment beobachtet er die Bewegungen seiner Finger auf meinen Brüsten selbst, dann sieht er mich wieder an, stützt sich neben meinem Kopf ab und senkt seine Lippen auf meine zu einem niederschmetternden Kuss, der mir jeglichen Sinn und Anstand aus dem Hirn prügelt.

Meine Hände gleiten zwischen uns, finden den Knopf seiner Jeans und öffnen ihn, im selben Atemzug tue ich bei mir dasselbe.

Mir wird so unglaublich heiß, dass die brutale Kälte der Hütte, mir noch nicht mal im geringsten was anhaben könnte und als er dann anfängt sich aus den Schuhen zu kämpfen und die Jeans von sich strampelt, entweicht mir ein verräterisches tonloses Keuchen.

4 Jahre. Und jetzt bricht es aus mir heraus als wäre ich besessen.

Nur wenige Sekunden später liegen wir komplett nackt aufeinander, überall da wo mein Körper seinen berührt, fürchte ich, Verbrennungen davon zu tragen.

Ich fahre mit meinen Händen über seinen Rücken, er senkt seine Lippen an meinen Hals.

„Geht es dir nicht zu schnell?“, keucht er unsicher in mein Ohr und ich schüttle energisch den Kopf.

Und dann richtet er sich wieder auf, sieht mir direkt in die Augen.

Er versteht, dass ich es brauche.
Dass es Teil meiner Wiedergeburt ist.

„Vertraust du mir?“, bekomme ich tief gegen die Lippen gehaucht und ich nicke.

Gott, ja, ich vertraue ihm.

Selbst wenn mich sein Feuer heute Nacht verbrennen wird.

* ° * ° *



Epilog

(Gegenwart)


Und dann bin ich wieder zurück aus meiner Reise in die Vergangenheit. 3 Monate ist es jetzt her, dass wir zusammen am nächsten Morgen die Hütte verlassen haben.
Lieber Himmel, was bin ich froh, dass ich im Heim dazu überredet wurde, die Pille zu nehmen.

Ich habe ihm und Tom die Sache mit der Wette verziehen.

Tom ist heute noch ein kleiner Checker und er wird es vermutlich auch immer bleiben. Aber er hat begriffen, dass das damals zu weit ging.
Dass die Sache mit der Wette eine Grenze überschritten hatte.

Dass es unmoralisch war.

Er hat mir versprochen, dass sie derlei Dinge nie wieder tun werden, ganz gleich wie sehr sie von irgendjemandem provoziert werden.

Er hat aus der Sache gelernt. Wir kommen super miteinander klar.
Tom ist ein Engel, wenn man ihn erst mal kennt. Wenn er zulässt, dass man hinter die Fassade blicken kann.

Ich hab nie erfahren, was der Wetteinsatz war und es interessiert mich auch bis heute nicht.

Heckmann ist wieder ins Heim zurückgekommen. Weil er mit Drogen erwischt wurde.
Selber Schuld.

Ich hatte Glück, ich bekam eine allerletzte Chance vom Jugendamt. Ich durfte bei meinem Bruder bleiben, der mittlerweile wirklich total easy mit allem umgeht. Ich schwänzte nie wieder, ging regelmäßig in die Therapien von Dr. Krentz.
Nur meiner Reputation wegen, versteht sich.
Und er schrieb positive Berichte. Bald konnte ich die Sitzungen abbrechen.

Auch wenn das Schweigen blieb.

Man hat dem keine Bedeutung mehr zugemessen, da ich mich ansonsten wirklich völlig gefangen hatte.

Ich war offen, lebenslustig, neugierig und voller Energie.

Ich existierte.
Seinetwegen.

Ich blinzle, erlaube mir wieder zu ihm zu sehen.

Er hat mich nie anders behandelt. Hat mir nie das Gefühl gegeben mit Samthandschuhen angefasst werden zu müssen, nur weil ich nicht sprach.

Seit über drei Monaten können wir keinen Tag ohne einander. Ich habe das Gefühl, dass ich mit jedem Tag lebendiger werde.

Er hat aus einer toten Hülle einen Menschen gemacht.

Gott, er ist unglaublich.

Ich betrachte ihn manchmal stundenlang. Besonders gerne wenn er schläft. Ich liebe es, wie ihm im Schlaf die Strähnen seiner wilden Frisur in die geschlossenen Augen hängen, liebe es dabei zuzusehen, wie Luft in seinen Körper eindringt und ihn wieder verlässt.

Ich beobachte ihn Unendlichkeiten dabei, wie er atmet.

Aber zu oft geht es mir so wie jetzt. Ich kann mich nicht mehr zurück halten. Ich muss ihn berühren. Ich muss ihm nahe sein.

Vorsichtig beuge ich mich über ihn, berühre seine Lippen mit meinen. Ich necke ihn wach mit sanften Küssen, die er nach kurzer Zeit erwidert. Er gibt ein kehliges Geräusch von sich, als ich mit meiner Zunge seine zu einem süßen Kampf heraus fordere.

Seine Hände legen sich um meine Hüften, ziehen mich auf seinen nackten Körper, während ich den soeben angezettelten Kampf gegen ihn verliere. Sein elendes Zungenpiercing macht mich irgendwann wahnsinnig.

Ich unterbreche den Kuss, stütze mich links und rechts neben seinem Kopf auf meinen Ellenbogen auf und sehe ihn an. Sehe in die Augen, die mich so erkannten wie ich war.

Er streicht mir zärtlich die Haare über die Schultern, fährt mit seinen Händen über meinen Rücken.

Er hatte genug Feuer für uns beide.

„Ich liebe dich.“, haucht er mir tief gegen die Lippen und ich halte die Luft in meinen Lungen gefangen, schließe meine Augen.

Er sagt es mir nicht zum ersten Mal. Ungefähr vor einer Woche ist es ihm irgendwann einfach so rausgerutscht. Völlig gedankenlos.
Und seitdem sagt er es mir so oft er kann.

Und Gott, es bedeutet die Welt für mich.

Ich öffne meine Augen wieder und dann spüre ich es.

Vertrauen.
Bedingungslos. Für immer.

Der letzte Bann bricht.

Und dann fallen die Worte plötzlich einfach so von meinen Lippen.

„Ich dich auch.“


* ° * ° *


ENDE



AN: OMG, hab ich das jetzt wirklich so geschrieben wie ich denke, dass ich es geschrieben hab?
Meine Fresse, sorry, die Story hat sich im letzten Drittel selbstständig gemacht.
Ich entschuldige mich für die grausame Abgedroschenheit und verspreche hoch und heilig mich im nächsten Geschichtchen wieder ein wenig zurück zu halten.

Danke fürs Lesen

Jana
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