„Wenn das hier raus kommt, killt sie mich.“, murmelt er fluchend vor sich hin, hüpft in eine Jeans, verfängt sich im Bein und fällt fast der Länge nach auf die Nase.

„Warum?“, frage ich idiotischerweise, während ich versuche mir ein Grinsen zu verkneifen.

Er wirft mir einen viel sagenden Blick zu, rollt mit seinen Augen, als er den Reißverschluss und den Knopf der Hose schließt.

„Weil sie nicht wirklich erfreut sein wird, wenn ich ihren neuen potentiellen Familienvater dazu bringe, mich übers Knie zu legen, weil ich seit Neustem seine Tochter vögle.“

Ich nicke beipflichtend, schlüpfe ebenfalls hektisch in mein Shirt. Mein Vater sieht in Bill meinen Bruder, einen Beschützer. Einen Vertrauten. Vielleicht sogar zum Teil ein bisschen seinen Sohn…oh Gott…

„Du hast Recht. Er würde dir wahrscheinlich das Fell über die Ohren ziehen.“

Ich springe vom Bett auf, er schleicht zur Tür.

„Gut. Dann wären wir uns ja zumindest schon mal für den Moment im Klaren, dass du ungesehen hier raus musst.“

Ich nicke, er streckt seine Hand nach meiner aus, greift sie und zieht mich neben sich, lauscht an der Tür. Dann öffnet er sie vorsichtig.

Tom drückt sich auf dem Flur rum, fängt an wild zu wedeln als er uns sieht. Wir verstehen es, als Aufforderung zum Kommen und damit schließen wir ihm uns an, schleichen auf Zehenspitzen die Treppen nach unten.
Bill lässt mich los, schiebt mich hektisch vor sich den Flur entlang. Es ist kein Mucks zu hören.

In naher Reichweite sehe ich die Tür, die mich vor einer Katastrophe bewahrt…

„Sofort stehen bleiben. Und zwar alle drei.“, schnaubt es hinter uns dann plötzlich laut und die sonst so ruhige Stimme Simones brennt mir im Nacken wie der Atem des Teufels.
Ich bin starr vor Schock, erst als sich die beiden Jungs mit eingezogenem Genick langsam umdrehen, sehe ich mich selbst in der Lage ihr in die Augen zu blicken.
Sie sieht mich an, sieht ihre Jungs an.
Sie mustert meinen halbnackten Zustand und ich sehe in ihrem Gesicht, dass sie das hier wirklich umhaut.
„Tom…ich…wie kannst du…ausgerechnet …du weißt doch, dass sie die Tochter…“, fängt sie an fassungslos vor sich hin zu schimpfen und ich ziehe irritiert die Augenbrauen hoch.

Mir scheint da spricht bittere Erfahrung aus der Frau.

„Hey!“, wehrt sich Tom sofort, hebt die Hände.
„Ich war’s diesmal nicht.“

Und damit fällt ihr Blick auf seinen Bruder, der sich etwas unsicher neben mir gegen die Mauer des Flurs gelehnt hat.

„Wa…?“, bricht es entsetzt aus ihr heraus und sie springt mit ihren Augen fragend von ihm zu mir.
Mir schlägt mein Herz bis zum Hals.
„Sag, dass das nicht wahr ist.“

Bill stöhnt leise, senkt den Kopf.

„Mum… immer schon. Und das weißt du auch.“
Wusste sie von damals etwa…?
„Warum so geschockt, dass es jetzt doch dazu gekommen ist? Schließlich habt ihr uns auf ner verdammten Hütte zwei Wochen lang zusammen eingesperrt.“

„Um euch wieder zu Freunden zu machen…nicht zu…“, sie wedelt mit den Händen vor uns rum.
„…einem Pärchen.“

„Wir sind kein Pärchen.“, bringt Bill giftig heraus und damit bricht das Donnerwetter erst über uns zusammen.

„Ach nein?“
Ihre Stimme klingt entsetzlich schrill.
„Dann trefft ihr euch also nur ab und zu zum …“

Das böse „f“ liegt bereits auf ihren Lippen.

„Sprich das Wort nicht aus, Mum...“, mischt sich Tom mit angewiderter Grimasse und erhobenen Händen ein.
„…sonst krieg ich einen Mutter-Komplex.“

„…Geschlechtsverkehr haben.“, reißt sie sich damit zusammen, aber ich finde das noch schlimmer, als wenn sie einfach „ficken“ gesagt hätte. Ich würde am liebsten auf der Stelle verpuffen. Mich in Luft auflösen. Sterben. Vom Planeten verschwinden. Was auch immer. Nur nicht hier sein.

Bill fängt jetzt selbst an zu brüllen, es entgeht mir nicht, dass die ganze Sache tierisch an seinen Nerven zerrt.

„Nein…scheiße … es ist…es ist kompliziert.“

Ich versinke soeben in den Fusseln und Fasern des Teppichbodens. Schätzungsweise bin ich knallrot und kurz davor einfach in peinliche Ohnmacht zu sinken.

„Ihr macht es euch kompliziert.“, mischt sich von rechts Tom wieder ein und ich fühle mich irgendwie nicht so wirklich anwesend.

„Du wusstest davon?“, regt sich Simone weiter auf, ich mache mir wirklich Sorgen um ihren Blutdruck.

Sie ist eigentlich wirklich die Sänfte in Person.
Aber ich kann verstehen, dass sie das hier umhaut. Jetzt wo sie und mein Vater…und nachdem wir so lange einfach nur Freunde waren…und dann erbitterte Feinde…

„Na ja…schon so irgendwie…“

Kleinlautes Genuschel erneut von rechts. Gesenkter Kopf.

Gott, und ich mittendrin.

„Also das ist doch… weißt du was ihr Vater mir dir macht? Weißt du was ich zu hören kriege?“, wendet sie sich wieder an ihren Jüngsten.
Sie wirft ihre Hände in die Luft, der dunkle Flur wird Zeuge einer tragischen Inszenierung.
„Nur weil du dich nicht beherrschen kannst, muss ich ihm jetzt erklären, dass…“

Und dann platzt Bill unerwartet der Kragen.

„Ich mich beherrschen? Hörst du dir eigentlich zu?“, brüllt er hitzig zurück und ich wende meinen Blick von Simone ab, sehe ihn an.
Seine brutale Gegenwehr schockt nicht nur mich.
„Shit, ich bin kein Kind mehr. Ich bin alt genug um einen 24 Stunden Job in der verwixten Öffentlichkeit zu haben. Ich bin alt genug um wochenlang auf mich gestellt durch die Gegend zu reisen, mit Skandalen, verrückten Fans, bösem Hass und Intrigen fertig zu werden.“
Er lacht ironisch, weicht von der Mauer, direkt neben mich.
„Ob dir das passt oder nicht, aber ich bin erwachsen geworden und ich weiß sehr wohl wofür es sich lohnt ein Risiko einzugehen.“
Damit packt er meine Hand. Einfach so, aus heiterem Himmel.
„Und sie ist es wert.“

Meine Augen werden groß wie Wagenräder als ich ihm ins Gesicht sehe, den harten unumstößlichen Ausdruck erkenne. Seine Augen funkeln hitzig unter den pechschwarzen Strähnen.

Für mich hat soeben das Universum einen Salto gemacht.

Die Unsicherheit, die Schuldgefühle, die Zweifel weil er wusste, dass ich …ich bin es trotz allem wert.

Und er ist es auch.
Ich weiß, dass da drüben mein Freund auf mich wartet.
Ich weiß, dass es für Simone und meinen Vater eine Katastrophe ist.
Ich weiß, dass ich leiden werde, weil wir nie eine normale Beziehung führen können.

Aber das alles ist es verdammt noch mal wert, wenn ich dafür für wenige Sekunden so unglaubliche Gefühle haben darf wie in diesem Moment.

Es bleibt lange totenstill zwischen uns, mir läuft es nach wie vor heißkalt den Rücken runter.

Als mein Blick zurück zu Simone fällt, hat sich ihr Gesichtsausdruck verändert. Und ich erkenne die aufkeimende, neue Emotion in ihren Zügen.
Schwach, aber es ist da.

Verständnis.

„Du gehst jetzt besser nach Hause, Fräulein.“, wendet sie sich damit lange nicht mehr so schroff wie bis eben an mich und ich nicke benommen.

Bill lässt meine Hand los, als unser Blick sich trifft, bettelt er still mit seinen Augen um Verzeihung.
Weil er mich überfahren hat. Weil er uns geoutet hat. Weil er eigentlich zugegeben hat, dass er nicht damit einverstanden ist, dass ich jetzt zurück zu Nico gehe.

Und dann besteige ich in dieser einen Sekunde den glühendheißen Thron direkt neben dem Fürsten der Finsternis. Skrupellos, brutal …aber ehrlich.
Ich bestätige ihn in allem was er gesagt hat und drücke ihm einen kurzen und dennoch aussagekräftigen Kuss auf den Mund.
Vor Simone, vor Tom … vor Gott, seinem oft erwähnten Widersacher und dem Rest der Welt, gestehe mir ein, dass ich bereit bin, alles für ihn aufzugeben.

Dann flüchte ich ohne einen Blick zurück. So schnell ich kann. Mit klopfendem Herzen, rasendem Puls.
Ich renne über die Betonplatten des Gehwegs, die Regenpfützen spritzen unter meinen nackten Fußsohlen auf.

Als ich vor meiner offen stehenden Tür ankomme, schimpfe ich still mit mir, weil ich jedem Verbrecher in Magdeburg und Umgebung dadurch Zutritt zu unserm Haus ermöglicht habe.

Es ist zum Glück noch recht früh, weil die Jungs einen weiten Weg vor sich haben, bis sie die nächste Stadtetappe ihrer Tour erreicht haben und darum ist es hier im Gegensatz zu drüben noch völlig still.

Auch als ich mein Zimmer betrete, es ist gerade mal 8 Uhr morgens, finde ich Nico fast unverändert in derselben Position, wie ich ihn vor einigen Stunden schlafend verlassen habe.

Für einen kurzen Moment beobachte ich die wunderschöne Sonne durch das Fenster bei ihrem Aufgang, dann lasse ich mich seufzend neben ihn sinken, kuschle mich mit viel Abstand in die warme Decke.

Meine Gedanken entgleisen schuldlos dahin wo sie eigentlich schon mein ganzes Leben lang waren. Zurück zu den Zwillingen. Zurück zu ihm.

Ich weiß jetzt, dass es mehr als nur kindliche Liebe und das Interesse an seinem Körper ist. Ich brauche ihn. Ich will bei ihm sein. Will ihm nahe sein, wenn er gut und wenn er schlecht gelaunt ist. Ich will sein Lachen hören, seine Tränen sehen.
Ich will seine schlechten Seiten genauso in mir aufnehmen wie seine guten.

Es ist krank. Und ich weiß das. Aber ich kann es nicht ändern. Ich kann nicht zurück.
Die Erkenntnis ist hart. Die Zweifel und Sorgen immens.
Denn ich weiß, dass sein Ruhm immer zwischen uns stehen wird. Ich weiß, dass mich die Eifersucht auffressen wird. Ich weiß, dass ich sterben werde vor Sehnsucht nach ihm.

Aber ich bin es wert. Er nimmt es auf sich. Er will es. Und mir wird an diesem Morgen klar, dass ich es auch tun werde. Ich reiße die Mauern nieder.
Weil ich es muss. Weil ich ihn liebe.
Und für mich alle Opfer dieser Welt nicht schlimmer sein werden, als ohne ihn leben zu müssen.

Ich weiß, dass meine Beziehung zu Nico jetzt in diesem Moment schon vorbei ist. Eigentlich schon längst vorbei war.
Ich kann es nicht schön reden. Und ich will es auch nicht.

Es ist wie es ist.

Und es ist es mir verdammt noch mal wert.


Wie in einer Seifenblase beobachte ich an diesem Morgen Nico dabei wie er mein Haus verlässt. Wir haben kaum miteinander gesprochen, geschweige denn uns irgendwelche Zärtlichkeiten zukommen lassen.
Er hat sich verabschiedet mit einem kurzen „Ich melde mich bei dir.“, ging, wusste es schon. Da bin ich mir sicher.

Er wusste nicht warum. Wusste noch nicht genau wer.
Aber er wusste, dass es vorbei war. Auch wenn es nicht ausgesprochen wurde.
Alles zwischen uns war kalt. Schmerzlich kalt und dennoch für mich erschreckend einfach. Ich weiß, dass mich dieses Verhalten zu einer niederträchtigen, schäbigen Person macht, aber warum soll ich Leiden heucheln?
Ich bin ja noch nicht mal in der Lage die aktuellen Geschehnisse mit glühendheißen glücklichen Emotionen zu bewerten, wie soll ich da meine eigene Kaltherzigkeit einsehen.

Ich bin wie ein Zombie. Rede, bewege, handle wie ferngesteuert. Nicht anwesend.
Meine ganzen Gedanken drehen sich um dieses Gespräch, die Aussagen …
Es war keine direkte emotionale Offenbarung, aber ich weiß, dass für jemanden wie ihn, dieser Schritt unglaublich viel bedeutet.

Und trotzdem weiß ich nicht was ich davon halten soll. Schließlich hat er uns vor Simone als „Pärchen“ verleugnet.
Was ich zwar irgendwie nachvollziehen kann, weil es einfach klingt als würde man gegen einen Baum laufen. So hart und dumpf. So brutal…und bindend.
Aber trotzdem hat er sich dagegen ausgesprochen.

Ich weiß nicht, was hinter der Aktion steckt.

Trotz, weil ihn seine Mutter wie ein Kind behandelt hat?
Aggressivität, weil er wegen des Streits bis zur letzten Haarspitze unter Strom stand?
Tatsächlich ein gewisser Grad von Emotionalität, weil wirklich was da ist? Weil es wahr ist was er ihr gesagt hat. Dass er immer schon…

Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass er bereits jetzt wieder von Groupies umringt sein wird. Dass er bereits jetzt wieder weit weg von mir und diesen vielleicht längst vergessenen Worten von heute Morgen ist.

Ich kann nicht mehr machen, als Zeit darüber gehen lassen. Zehn Tage, in denen ich versuchen werde, es zu begreifen. Zehn Tage in denen ich dennoch versuchen werde, die Vorfreude auf seine Rückkehr im Zaum zu halten.

Ich weiß nicht was mich erwartet. Ich weiß nur, dass es jetzt keine Groupies mehr geben darf. Das es jetzt zu spät ist einen Rückzieher zu machen.

Ich bin bereit für ihn jedes Opfer zu erbringen.

Und eines dieser Opfer heißt Nico.

* * *

Den restlichen Sonntag habe ich damit verbracht, stur an die Wand zu starren, alles und jeden zu ignorieren. Die Seifenblase ließ mich nicht ausbrechen.
Und auch jetzt, Montagmorgens, mitten in einem langweiligen Vortrag über Ethik und die Werte der Menschheit, bin ich alles andere als anwesend.
Ich starre vor mich hin, halte meine körperlichen Funktionen auf Sparflamme. Mein Kopf lässt maximal 20% Einsatz zu.
Hin und wieder kritzle ich gedankenverloren auf meinem Block rum, male in meiner makaberen Einfallslosigkeit tausend kleine schwarze Kreuze auf das weiße Blatt Papier.

Ich weiß, dass Julia mein Verhalten argwöhnisch beobachtet. Und ich weiß auch, dass sie mich darauf ansprechen wird. Aber vielleicht ist das auch gut so. Schließlich muss ich irgendwo anfangen.

Sie wird mir unbewusst dabei helfen, einen neuen Weg zu betreten. Auch wenn sie dabei selbst zu meinem ersten Opfer wird.

Ich verabrede mich mit ihr also nach der Schule zu einem Kaffee mitten in der Innenstadt Magdeburgs, versuche die ersten Minuten mit belanglosem Geschwafel zu überbrücken. Ich will nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.
Aber Julia kennt mich. Auch wenn wir wirklich erst seit knapp einem Jahr befreundet sind, weiß sie doch recht genau, wenn mit mir etwas nicht stimmt.

„Was ist los?“, fragt sie darum als ich gerade mal wieder leicht abwesend in meinem Cappuccino rumstochere.
Ich sehe zu ihr auf, lasse den Löffel auf den Unterteller zurückfallen.
„Du hast dich so verändert seit du aus Finnland zurück bist. Hat dir der Trip mit den Vollidioten wirklich so zugesetzt?“

Sarkastisch lächelnd, wende ich meinen Blick von ihr, starre durch die große Glasfront nach draußen auf die regennassen Straßen.
Es sind nicht viele Menschen unterwegs.

„Könnte man so sagen.“, gebe ich zurück und mein Blick frisst sich fest auf einem ziellos gewählten Punkt einer Gebäudefassade.

„Ja, aber du musst doch auch mal wider abschalten, verdammt noch mal. Wenn du so weitermachst rastet Nico demnächst aus. Was der mir schon erzählt hat, Mann…“

Sie rollt mit den Augen. Nicht böse gemeint. Einfach nur um mir zu zeigen, dass sie die Probleme in meiner Beziehung mit Nico auch mitkriegt.
Dann nimmt sie einen tiefen Schluck aus ihrer Kaffeetasse, zupft sich eine der dunkelblonden frech abstehenden Haarsträhnen zurecht.

Ich mag Julias Frisur. Hellblonde wilde Spikes, der Pony länger, glatt gegeelt mit Spangen hinters Ohr geklemmt. Sie sieht einer anderen Frisur, ein paar Nuancen dunkler und anders getragen, erschreckend ähnlich, aber das fällt mir heute zum ersten Mal auf.
Ihre blauen Augen leuchten so intensiv wie die von Nico, auch ihre Gesichtszüge verraten zweifelsfrei mit wem sie verwandet ist.

Eigentlich fällt Julia Tom zum Opfer.
Nicht so wie Nico Bill.

Ich will nicht, dass mich jemand falsch versteht…Julia wird immer meine Freundin bleiben. Vorausgesetzt natürlich, sie verzeiht mir das hier.

Ich werde sie immer brauchen, werde immer für sie da sein.

Aber Tom ist einfach über all die Jahre mein engster Vertrauter gewesen. Er war für mich da wenn ich geheult habe, er hat mit mir gelacht. Hat mich getröstet, mich geärgert…
Er ist mit mir erwachsen geworden.
Und auch wenn wir für ein Jahr auseinander gerissen wurden, so weiß ich doch, dass wir dass was wir früher hatten, wieder gefunden haben. Vielleicht noch stärker, als es zuvor ohnehin schon war.

Und hier sitze ich jetzt also. Vor meiner eigentlich besten Freundin, bereit es ihr zu sagen. Bereit ihr etwas anzuvertrauen, was unser Verhältnis entweder kaputt machen, oder schwer lädieren wird.

„Julia, ich muss dir was sagen…“, fange ich darum an, nehme all meinen Mut zusammen den ich in meinem Körper finden kann.

Es auszusprechen, es zuzugeben, vor einer unabhängigen Person, erscheint mir fast unmöglich. Weil ich alles einfach selbst noch nicht wirklich glauben kann.

„Oh Gott…du bist schwanger!“, platzt es geschockt aus Julia heraus, ich wende meinen Blick zu ihr, sehe ihre weit aufgerissenen Augen und die stocksteife Haltung.

Auch wenn das hier wirklich nicht der Zeitpunkt zum dumm rumgrinsen ist, kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Das ist so typisch Julia.

„Ich bin nicht schwanger.“

Sie sackt in sich zusammen, aufatmend.

„Gut…dann heiratet dein Vater die Mutter der Freaks?“, intoniert sie fragend und lässt ihre langen Fingernägel rhythmisch über den kleinen Plastiktisch klackern.

Auch wenn wir uns dem Themengebiet nähern…wieder daneben. Zumindest mal für den Moment ist keine Hochzeit geplant. Na Gott sei Dank auch.

„Nein, mein Vater heiratet Simone nicht…aber was die …Freaks…betrifft, bist du schon mal auf der richtigen Spur.“

Sie seufzt. Weil sie das Thema auch nicht mehr hören kann.
Und ich weiß, dass sie das hier alles andere als positiv aufnehmen wird. Wie könnte sie auch? Sie hasst sie. Schließlich hab ich sie dazu erzogen.

„Du hast in blindem Zorn aus Versehen einen der beiden umgebracht und jetzt soll ich dir helfen die Leiche zu verscharren?“, kommt es mit hochgezogenen Augenbrauen leicht spöttelnd aus ihrem rose geschminkten Mund und wieder schüttle ich mit geschlossenen Augen den Kopf.

Ich nehme all meinen Mut zusammen, suche den direkten Blickkontakt zu ihr. Nicht beschämt, nicht reuig, sondern einfach nur offen erklärend.

„Ich habe Nico betrogen.“, sage ich leise und trotzdem kraftvoll selbstsicher.
„Mit Bill.“

Es ist, wie ich es erwartet habe, in den ersten Sekunden so, als ob die Matrix tatsächlich existieren würde.
Bewegungen gefrieren, Geräusche verstummen, Gerüche werden neutral…
Nichts passiert in diesem zeitlichen Paradoxon. Nichts regt sich außer den verschiedenen Nervenzellen und Synapsen im Gehirn eines Menschen, welcher krampfhaft versucht das Gehörte zu begreifen.

„Was sagst du da?“, fängt sie sich und die Welt rotiert weiter.

„Die Zwillinge und ich…“, versuche ich einen weniger harten Umweg zu gehen.
„…wir verstehen uns wieder.“

„Verarsch mich nicht!“

Ja, klar, ich habs nicht anders erwartet. Kein Wunder, dass sie mir das nach dem letzten Jahr nicht glauben kann.

„Ich verarsch dich nicht. Wir haben uns ausgesprochen, haben alte Differenzen geklärt. Es ist wie früher. Ich verstehe mich wirklich super mit Tom, kann wieder mit ihm reden…und na ja, mit Bill…
Ich bin erschreckend ruhig.
Weder glaube ich mich rechtfertigen zu müssen, noch empfinde ich schuldige Nervosität.
„…es ist einfach so in Finnland passiert.“

Julias Blick verändert sich. Die Aussage ist gesetzt. Sie hat es begriffen.

„Was ist einfach so passiert?“, faucht sie giftig.
„Bist du nackt in diesen Spinner reingerutscht, oder was?“

„Er ist kein Spinner.“, sage ich ruhig und versuche das überschwängliche Bedürfnis, ihn sofort verteidigen zu müssen, im Zaum zu halten.

Aber Julia ist von der Nachricht zu geschockt um es wie ich ruhig zu besprechen.

„Das sind doch deine verdammten Worte, Mann. Du hast gesagt es sind skrupellose Wixer, dumme Angeber, pubertierende Arschlöcher…“
Ich schließe bekennend die Augen. Ja, da sind meine Worte. Aber was soll ich machen?
So war es schließlich gewesen. Bis vor Finnland eben. Bis zu dem Moment an dem wir aufgehört haben uns wie Kinder zu benehmen und erwachsen geworden sind.
„Scheiße, die Liste ist unendlich.“

Ich kann sie ja irgendwie verstehen. Aber wie soll ich es ihr begreiflich machen, wenn ich es noch nicht mal selbst verstehe?

„Ich weiß.“, sage ich mittlerweile ebenfalls etwas in gehobener Lautstärke. Mir war klar, dass dieses Gespräch nicht lange ruhig bleiben werden würde. Ganz gleich, wie viele Leute in diesem Cafe mit uns anwesend sind.
„Und ich kann verstehen, dass dich das trifft. Ich kann verstehen, dass du nicht begreifen kannst, wie man innerhalb weniger Wochen seine Meinung so gravierend ändern kann. Aber ich kenne die beiden mein ganzes Leben lang. Sie haben mir so gefehlt…“

Sie schnaubt verächtlich. Aus ihren Augen stechen mir böse Blicke entgegen.

„So sehr, dass du gleich mit ihnen ins Bett springen musst, oder was?“

„Nicht mit beiden.“, seufze ich theatralisch.
„Nur mit einem.“

„Super. Das macht’s gleich viel besser. Du hast Nico betrogen. Und irgendwas sagt mir, dass er es noch nicht weiß.“

Ich senke den Kopf, suche förmlich tief in mir drin die Reue. Aber ich finde sie einfach nicht.

„Nein, er weiß es noch nicht. Aber ich werde es ihm sagen.“

Diese Aussage lässt sie ruhiger werden. Ein wenig. Sie ist nach wie vor auf 180. Natürlich. Ich habe ihren Bruder betrogen, habe sie angelogen, habe mich ins Lager des Feindes begeben…

„Na dann kann ich nur für dich hoffen, dass er diese Affäre gut verpackt und dir noch ne Chance gibt.“, sagt sie dunkel, verschränkt ihre Arme vor ihrem Oberkörper.

Wieder entweicht mir ein gequältes Seufzen. Keine Geheimnisse mehr. Nicht um wieder den einfachen Weg zu gehen.
Ich werde jetzt reinen Tisch machen. Zuerst mit ihr, dann mit ihrem Bruder.

„Ich will gar keine Chance mehr.“, gebe ich ruhig zurück und sofort klappt ihr Kiefer wieder auf die Tischplatte.

„Was bitte?“, zischt sie fassungslos.

„Ich werde mit Nico Schluss machen, Julia.“
Bis gerade eben, hätte sie mir vielleicht verziehen…aber jetzt…
„Es ist mir ernst mit Bill.“

Sekundelang ist es wieder still zwischen uns. Sie sieht mich an. Völlig ungläubig. Ich weiß, dass ich in ihren Augen gerade alles an Achtung und Vertrauen verloren habe, was ich je bei ihr hatte.

Sie liebt ihren Bruder. Er beschützt sie ebenso liebevoll wie mich, kümmert sich um sie. Sie wird nicht zulassen, dass ihm jemand weh tut, genauso wenig wie er zulassen würde, dass jemand mir oder ihr einen Haken dreht.

Es ist ein Kreuz mit Geschwistern.

„Sei mir nicht böse, aber dir hat doch jemand ein klitzekleines bisschen zu heftig auf den Schädel geschlagen. Das bist nicht du. Du bist ein Klon. Irgendwo in Finnland hockt immer noch meine Freundin fest. Das kann einfach nicht sein.“

„Das sagst du nur, weil du mich erst kennen gelernt hast, nachdem ich mich mit den Zwillingen verstritten habe.“, versuche ich sie zu beruhigen, aber ich kenne Julia zu lange. Sie wird jetzt nicht mit sich reden lassen.
In den ersten hitzigen Sekunden ist sie wie Tom. Stur, unnachgiebig…
Ihr Ausdruck ist hart wie Stein, ihre sonst so freundlichen Augen strafen mich mit Kälte.
„Julia, sie waren mein Leben und das weißt du.“, jammere ich flehend auf der Suche nach Verständnis.
Mir liegt wirklich was an der Freundschaft zu ihr.
Ich will sie nicht verlieren.
„Kannst du denn nicht begreifen, dass es für mich wie eine Erlösung war, festzustellen, dass sie tief in sich drin immer noch die alten sind. Dass wir immer noch Freunde sind.“

Unvorbereitet steht sie plötzlich auf, schnappt sich ihren Mantel vom Stuhl.

„Was ich vor allem begreife, ist, dass Nico und ich nur Lückenbüßer waren.“

Sie sieht mich vernichtend an, das komplette Lokal beobachtet uns.

„Das ist nicht wahr.“, brülle ich, auch wenn ich weiß, dass sie zu einem bestimmten Punkt recht hat.

Sie waren Lückenbüßer.
Und weder habe ich Nico so aufrichtig geliebt, wie ich es jetzt mit Bill tue, noch habe ich Julia jemals so vertraut wie Tom.

Aber trotzdem sind sie mir wichtig. Nur weil sie für mich mit den Zwillingen nicht gleichwertig sind, heißt das noch lange nicht, dass ich auf sie verzichten kann. Julia und Nico sind ein Teil meines Lebens, wenn auch nicht ein so großer wie Tom und Bill.

Ich kann es nicht ändern. Es ist wie es ist.
Die Zwillinge werden wahrscheinlich für immer das Zentrum meines grotesken Universums sein.

„Weißt du was? Ist mir scheißegal. Ich werd mich jetzt verziehen. Das muss ich echt erst mal alles setzen lassen.“

Und damit dreht sie sich einfach so auf dem Fuß um und stürmt Richtung Ausgang.

„Aber lass es mich Nico sagen, Julia. Bitte. Das bin ich ihm schuldig.“. brülle ich ihr hinterher und springe von meinem Platz auf, richte dabei eine Riesensauerei auf dem Tisch an.

Mit einem fahrigen Nicken verschwindet sie aus der Tür, aus meiner Sicht. Ich lasse mich erschöpft zurück sinken.

Super. Das ist ja mal prima gelaufen.


Geknickt mache ich mich auf den Weg nach Hause. Das Gespräch mit Julia sitzt mir böse in den Knochen. Einerseits bin ich erleichtert, dass sie alles weiß. Ich hasse es Geheimnisse vor ihr zu haben.
Andererseits tut es mir wirklich leid, dass ich ihr und Nico jetzt so skrupellos das Gefühl gebe nur ein vorübergehender Ersatz gewesen zu sein.

Ich will ihr eine Sms schreiben um sie noch mal darum zu bitten, mir Zeit mit Nico zu geben, als mir das erste mal seit gestern Morgen auffällt, dass ich mein Handy schon eine erschreckend lange Zeit nicht mehr gesehen habe.

Als mich die Erinnerung heimsucht - das schwarze Sofa auf das ich es achtlos geworfen habe nachdem er mir das Handtuch hingestreckt hat - bin ich kurz davor loszuheulen, weil ich mich nach dieser Konversation alles andere als in der Lage sehe, ein weiteres niederschmetterndes Gespräch bewältigen zu können.

Aber ich brauche das Ding wirklich dringend. Erstens um mit Julia und Nico in Kontakt zu treten und zweitens für den Fall, dass sich einer der Zwillinge bei mir melden wird.

Was bleibt mir also anderes übrig, als bei ihr zu klingeln und sie danach zu fragen? Was bleibt mir anderes übrig, als der Mutter meiner Sünde in die Augen zu sehen und die sicherlich zu erwartende Abneigung geballt aufzunehmen?
Denn auch wenn Simone mich liebt, werde ich jetzt erst mal in ihren Augen nichts anderes sein, als eines der vielen Mädchen, das einen ihrer Söhne ins Bett ziehen will.

Gerade mal zwanzig Minuten später stehe ich also in unserer Nachbarschaft, vor dem liebevoll angelegten Garten des Kaulitz-Hauses und zittere wie eine Verrückte. Ich hab Herzklopfen, feuchte Hände…

Ich versuche mir die Worte zurecht zu legen, die ich ihr sagen werde, aber irgendwie krieg ich nichts Gescheites zusammen. Alle Gründe warum alles so ist wie es ist, erscheinen mir in diesen Sekunden völlig hirnlos und an den Haaren herbei gezogen.

Denn Fakt ist, dass Bill und ich bislang wirklich nur eine Affäre haben.
Und ich weiß nicht ob ihr gefallen wird, zu erfahren, dass nicht nur ihr Ältester, sondern auch ihr Jüngster dem schnellen Sex nicht abgeneigt ist.
Über Tom ist in den Medien genug berichtet worden, aber bei Bill war bislang von One-Night-Stands und derlei Dingen eigentlich noch nicht so viel zu lesen.

Starr marschiere ich durch das kleine Gartentor, direkt auf das Haus zu, fixiere die schwere Eingangstür, weiß nicht ob ich hoffen soll, dass sie da ist, oder nicht.

Ich reiße mich zusammen, hole tief Luft und drücke dann mechanisch meinen Finger auf den kleinen Knopf unter dem Schild der ihren Familiennamen trägt.

Ich schließe die Augen, hoffe, dass sie es gelassen nimmt, hoffe, dass das Verständnis gestern ernst war.

Dann öffnet sich die Tür und sie steht mir gegenüber. Mit einem undurchsichtigen Blick. Sie ist nicht unfreundlich, nicht abweisend. Aber ihre Haltung zeigt mir deutlich, dass ihr der Gedanke, dass ich Sex mit ihrem Sohn habe, nicht unbedingt passt.

„Hallo, Simone.“, presse ich angespannt und sichtlich unsicher zwischen meinen Lippen hervor und warte darauf, dass sie mich eintreten lässt.
„Kann ich kurz mit dir sprechen?“

Sie nickt fahrig, lässt mich eintreten, verschließt hinter mir die Tür.

Wir laufen direkt ins Wohnzimmer, sie legt das Spültuch, das sie bis eben in den nassen Händen hielt beiseite.
Ich setze mich auf die schöne dunkle Ledercouch, lasse meinen Blick kurz über den ansprechend gestallten Raum gleiten.

„Du bist sicher hier um dein Handy zu holen.“, sagt sie dann völlig neutral und läuft an einen dunklen Eichenholzschrank, nimmt etwas aus einer Schublade und reicht es mir dann.
„Ich hab es beim Wäsche holen gefunden.“

Völlig perplex nehme ich es aus ihrer Hand.

„Woher wusstest du, dass es meins ist?“, frage ich stotternd in meiner grausamen Einfältigkeit.

Hallo? Dummes Weib? Sie hat dich erwischt. Schon vergessen?

„Wenn es nicht deins gewesen wär, sondern das einer anderen, hätte ich meinem Früchtchen von Sohn selbst mit 17 Jahren noch den Hintern versohlt.“, sagt sie nüchtern.
Sie lässt sich neben mich ins Sofa fallen, verschränkt die Arme vor ihrem Körper.
„Es ist schlimm genug, dass ich nicht weiß, was sie alles anstellen, wenn sie auf Tour sind, aber solange sie zuhause sind, herrscht Zucht und Ordnung. Schließlich hängt vor meiner Haustür keine rote Laterne.“

Sie klingt gnadenlos eifersüchtig, aber das muss ich sicherlich nicht erwähnen.

„Es tut mir Leid.“, sage ich dann und versuche ihr aufrichtig und ernst in die Augen zu sehen.
„Ich wollte dich damit nicht so überfahren. Es ist einfach passiert. Finnland war für uns alle wie ein Knüppelschlag.“
Ich lehne mich ins Sofa zurück, lasse diese 14 Tage Revue passieren.
„Erst der Zwang dahin zu gehen, dann die geballte Abneigung zwischen uns, das Chaos mit dir und meinem Vater und letztendlich auch noch die Erkenntnis, dass wir drei eigentlich immer noch Freunde sind.“

„Ich weiß.“, seufzt sie still.
„Es war wirklich viel auf einmal.“

„Und das mit Bill ist für mich genauso unerwartet eingetreten wie für dich.“, flüstere ich leise und wende beschämt den Blick auf einen weißen Fussel am Sofa, direkt neben meinem Schenkel.

„Eigentlich hätte ich es kommen sehen müssen. Er hatte schon in der Grundschule einen Narren an dir gefressen.“
Irgendwie lässt mich das Schmunzeln, auch wenn ich eigentlich nicht in der Position zum Lächeln bin.
„Und da dein Vater und ich den Plan hatten euch wieder ein wenig näher zubringen, bin ich im Prinzip selbst Schuld. Also kann ich euch eigentlich gar keinen Vorwurf machen.“

„Danke.“, sage ich leise und bewundere sie in diesem Moment.

Bei mir hat es deutlich länger gedauert, um die Sache mit meinem Vater zu verkraften.

„Weißt du, in unseren Augen seid ihr immer noch Kinder. Und es ist nicht einfach zu sehen, dass aus Kindern langsam Erwachsene werden, die ihren eigenen Weg gehen wollen.“
Sie lacht kurz ironisch.
„Und Gott weiß, Bill und Tom gehen immer ihren eigenen Weg.“

Wem sagt sie das.

„Ja, das tun sie.“

Damit kehrt ein friedlicher Moment ein. Wir sitzen beide einfach nur da und denken nach.

„Ich habe mir im Stillen gewünscht, dass die beiden aufgeben, nachdem Sony sie fallen gelassen hat.“, durchbricht sie das Schweigen dann wieder und senkt betroffen den Kopf. „So oft habe ich dieses Lied, das Bill geschrieben hat, verflucht.“
Sie ist so ehrlich zu mir wie an diesem einen Morgen in Finnland nachdem Bill so ausgerastet ist, wegen ihrer Beziehung zu meinem Vater. Sie macht komplett auf. Und das schockt mich nicht nur der Ehrlichkeit wegen.
„Weil es mir meine Kinder weggenommen hat. Weil ich sie manchmal nicht wieder erkannt habe, wenn sie nach zwei drei Monaten Tour zu mir zurückgekehrt sind.“
Sie wendet sich wieder zu mir, lächelt plötzlich.
„Eigentlich bin ich dir dankbar. Du wirst schon dafür sorgen, dass die beiden dieses Mal auf dem Boden bleiben. Nicht wahr?“

Ihr flehender Blick macht mir Gänsehaut.

Sie liebt ihre Kinder abgöttisch.

„Ja.“, krächze ich heißer, von meinen eigenen Emotionen spürbar erschlagen.

Mir schlägt mein Herz bis zum Hals. Sie gibt mir das Gefühl, dass sie es tolerieren wird. Dass sie es akzeptiert. Dass sie damit klar kommt…

„Das einzige was mir Sorgen macht, ist dein Vater.“

„Ich weiß.“, gebe ich mit gesenktem Kopf leise zurück.

„Aber lass ihn mal meine Sorgen sein. Das krieg ich ihm schon irgendwie erklärt.“

„Warte damit noch.“, sage ich bestürzt, fast schon panisch.
„Warte bis sie zurück sind. Ich will nicht, dass du ihm dieses …“
Ich fuchtle wie sie gestern kreisend vor mir rum.
„…Ding … zwischen Bill und mir aufs Auge drückst, bevor es überhaupt zustande kommt. Schließlich steht da alles im Ungeklärten.“

„Meinst du?“, entgegnet sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Also mein Mutterinstinkt sagt mir, dass es für meinen Sohn nicht wirklich viele offene Fragen gibt.“

Ich zucke mit den Schultern. Es ist unglaublich, dass ich dieses Gespräch gerade so locker mit ihr führe. Ich dachte eigentlich, dass die nächste Konfrontation die Hölle wird.

„Na ja… wie er schon sagte, es ist irgendwie kompliziert und so…äußere Umstände…“

Ich klinge irgendwie alles andere als deutlich.

„Es geht mich ja auch nicht wirklich was an.“, sie lächelt mittlerweile wieder ein Stück weit so vertrauensselig wie vor dieser Katastrophe.
„Und irgendwas sagt mir, dass ich als Mutter auch gar nicht wirklich alles wissen will.“

Ich versuche nicht zu viel sagend ein Lächeln zu erwidern.

Dann schweigen wir für den Moment erneut. Friedlich. Mit Verständnis und Akzeptanz auf beiden Seiten.

Mein Vater, ihr Sohn… eigentlich ist das Schicksal schon ne recht zynische Sau.

„Ich geh dann mal wieder rüber.“, sage ich und stehe auf, sie tut es mir nach.
Ich betrete den Flur, öffne die Haustür. Drehe mich aber noch mal zu ihr.
„Soll ich Dad Grüße sagen, oder seht ihr euch noch"?

„Wir sehen uns noch.“, sagt sie mit einem Lächeln.
„Ach so…noch was…dein Handy hat ein paar Mal geklingelt. Aber als ich ranging, hat sich keiner gemeldet. Ich gehe also davon aus, dass es nicht wichtig war.“

„Okay, Danke.“, sage ich damit und gehe.

Als ich mein Handy aus der Tasche ziehe und die letzten angenommenen Anrufe ansehe, wird mir schlecht.
Mein Verdacht bestätigt sich.

Letzte Anrufer: Nico.

Das ist nicht gut. Das ist gar nicht gut.


Der nächste Tag vergeht ohne ein Wort. Weder von dem einen, noch von dem anderen Geschwisterpärchen.

Ich kämpfe mich mühsam durch mein Leben, versuche Kontinuität und Gelassenheit durch Joga und ThaiBo zu erlangen.
Nicht dass ich das immer schon getan hätte, nein, aber ich probiere in meiner Verzweiflung alles, um von meinen konfusen Gedanken weg zu kommen.

Eigentlich sollte ich mich längst bei Nico gemeldet haben, aber ich muss Mut sammeln. Muss die richtigen Worte bereithalten. Ich muss alles genau durchdenken, ehe ich ihm den Donnerschlag beibringe.

Und Bill wird für ihn ein Donnerschlag sein.

Außerdem will ich versuche es so schonend wie möglich für ihn zu machen.
Auch wenn ich gar nicht glaube, dass man das wirklich schonend machen kann.

Einerseits hoffe ich, dass ihm die zahlreichen Indizien schon einen Hinweis in die richtige Richtung geben und er nicht komplett ausrastet.
Andererseits würde ich mir wünschen, dass er es aus meinem Mund erfährt. Nicht aus einem gemeinen Verdacht heraus. Nicht über Dritte.

Aber wie die Welt mir zeigt, kann man sich nicht immer aussuchen wie es läuft.

Also kann ich eigentlich nicht mehr tun, als ihm endlich reinen Wein einzuschenken. Jeder Tag macht mich schuldiger.
Und ich muss dem ein Ende setzen.

Darum schnappe ich mir also mein Handy, rufe ihn an. Nervös und mit einem wirklich unguten Gefühl im Magen, laufe ich in meinem Zimmer auf und ab, werde mir jedem Tuten kribbeliger.

Er nimmt nicht ab.

Heute nicht, morgen nicht und auch übermorgen nicht.

Als ich Julia in der Schule darauf anspreche, weicht sie mir aus. So wie eigentlich immer wenn ich auf sie zukomme. Sie versteht es nicht. Sie kann es nicht.
Sie braucht Zeit.

Ich fürchte, dass Nico wirklich ahnt, dass etwas im Busch ist.

Nicht weil Julia ihm was gesagt hat. Auch wenn wir gerade wirklich keinen guten Draht zueinander haben, hat sie mir glaubhaft versichert, dass sie Nico kein Wort gesagt hat. Aber er hat, wie schon erwähnt, mittlerweile auch genug Indizien um hinter mein schäbiges Geheimnis zu kommen.

Ich glaube mittlerweile, dass er mein kaltes Verhalten nach dieser verhängnisvollen Nacht im Ansatz richtig gedeutet hat.
Nicht die Zwillinge. Dazu ist er viel zu sehr mit meinem Hass geimpft. Genauso wie Julia. Aber ein anderer.
Zumindest gehe ich davon aus.

Erst Samstagabend, erweicht er sich schließlich doch, geht ran, meldet sich nicht mit dem gewohnten „Hey Süße.“, sondern kalt mit einem bockigen „Hallo.“

„Ich muss mit dir reden, Nico.“, beginne ich die Konversation typisch Ich-mach-Schluß-mäßig und er lacht kurz höhnisch.

In meinem Telefon dröhnt es bedenklich laut mit schranziger Musik.

„Warum?“

„Du weißt warum.“, sage ich und presse das Telefon dichter an mein Ohr.

Ich höre im Hintergrund seine Kumpels. Klar, Samstag. Wenn wir nicht zusammen sind, macht er da immer was mit denen.

„Nee, weiß ich nicht. Sag’s mir.“

„Werd ich. Aber nur ins Gesicht. Nicht am Telefon.“

„Ich hab jetzt aber keinen Bock auf dich.“, entgegnet er herablassend und ich muss wirklich an mich halten um nicht auszuflippen.

Ich weiß, dass er so nur drauf ist, wenn er was getrunken hat. Nico ist nie ungerecht zu mir gewesen. Selbst dann nicht, wenn er Grund dazu gehabt hätte.
Und das jetzt ist verletzter Stolz, weil er es ahnt. Weil er weiß, dass es vorbei ist.

„Wo bist du?“, frage ich und laufe in meinem Zimmer im Kreis wie ein Tiger im Käfig.

„Geht dich nichts an.“

„WO BIST DU, NICO?“, brülle ich jetzt in den Hörer, sein trotziges Gelaber geht mir langsam echt auf den Keks, ironische Dramatik hin oder her.

„Schloßkeller.“, gibt er zurück und ich schnappe meinen Mantel.

„Ich komme. Rühr dich nicht vom Fleck.“

Und damit lege ich auf, hetze nach unten, vorbei an einem irritierten Vater.

Ich muss es klären.
Jetzt. Oder ich werde wahnsinnig.

Der Tag der Opfer. Teil 2.

* * *

Als ich im Bus sitze, wird mir klar, dass ich einen äußerst beschissenen Augenblick gewählt habe um ihm zu erklären, dass ich ihn betrogen habe. Und es ist ein noch beschissenerer Augenblick um mit ihm Schluss zu machen.

Schließlich wird er umringt sein von seinen hohlen Kumpels, die ohnehin immer der Meinung waren, ich wäre zu jung für ihn.
Dann wird er sicherlich angetrunken sein und die Sache nicht ganz so ehrlich und klar aufnehmen, wie wenn ich es ihm morgen Mittag bei ihm zuhause sage.

Aber, um weiterhin der Wahrheit am Arsch zu kleben, mir ist es so fast lieber. Weil ich sein Ausrasten auf den Alkohol schieben kann. Es wird mich nicht verletzen, wenn er dann komplett ausflippt.
Außerdem kann ich ohne Probleme fliehen. Ich packe einfach meine Sache und gehe, wenn es mir zuviel wird.

Wenn er im nüchternen Zustand aber anfängt zu heulen und mir eine Szene macht, weiß ich, dass ich mich schlecht fühlen werde.
Nach wie vor nicht, weil ich Reue empfinde. Dazu überschattet dieses andere brodelnde Gefühl, welches ich für Bill empfinde einfach alles.

Aber vielleicht weil mir meine Schuld bewusst wird. Weil ich betrogen habe. Weil ich einen Fehler gemacht habe. Weil ich untreu war.

Vielleicht sollte ich mich schlecht fühlen. Vielleicht verdiene ich es.

Aber darf ein Charakter immer glänzend und schön dargestellt werden, nur weil es gerne so gesehen wäre?
Nein, sicher nicht. Ich weiß, dass ich kein perfekter Mensch bin. Ich weiß, dass ich Schwächen habe.
Ich weiß, dass ich mich schuldig mache, indem ich über Leichen gehe. Opfer bringe. Weil ich diesen verdammten schwarzhaarigen Scheißkerl so sehr liebe, dass ich selbst meine moralischen Werte untergrabe.

Ich kann es nicht ändern.

Zynische Sau, das Schicksal. Aber das sagte ich ja bereits.

Zumal sich besagter Herr seit jener offenbarenden Nacht natürlich nicht mehr bei mir gemeldet hat.
Tom hingegen schon. Eigentlich schreibt er mir fast täglich eine SMS, oder ruft mich an um mich über die aktuellen Geschehnisse auf dem Laufenden zu halten. Was er mir sagt, schenkt mir Hoffnung. Denn wenn ich Tom’s übertriebenen Worten Glauben schenken darf, dreht sein Bruder wegen der quälenden Ungewissheit zwischen uns fast durch.

Schmunzelnd starre ich in die bittere Dunkelheit der Nacht, die Lichter der Clubs und Kneipen der Innenstadt ziehen an meinen Augen vorbei und ich entreiße meinen Körper den angenehmen Gedanken an die Zwillinge, bereite mich darauf vor, zuerst für meine Sünde Buße zu tun.

Nahe beim Schloßkeller steige ich aus, sammle all meinen Mut und marschiere entschlossen auf den Eingang des einschlägig bekannten Schuppens zu.

Mir dröhnt laute Musik entgegen, ich weiß, dass ich ihn nach draußen zerren werden muss, um wenigsten halbwegs normal mit ihm reden zu können.

Gedacht, getan.

Ich quäle mich also ins Innere des Lokals, halte nach Nico Ausschau. Es ist dunkel, stickig. Extrem laut. Mir ist sauheiß in meinem Mantel, aber da ich nicht vorhabe zu bleiben, ziehe ich ihn auch nicht aus.

Ich finde ihn schließlich irgendwo in einer Sofaecke mit seinen Kumpels.
Als sie mich entdecken, geht augenblicklich das Gegröle los.

Pubertierend. Peinlich. Aber ich bin hier ja das Kind…

„Komm bitte mit raus.“, fange ich die Konversation sofort an um auch nicht ein Wort zuviel vor diesen Primaten sagen zu müssen.
Wie erwartet weigert er sich, schüttelt verbohrt den Kopf.
„Bitte, Nico. Es ist wichtig.“, flehe ich weiter und schließlich erbarmt er sich, folgt mir, seine Jacke unterm Arm, wieder zurück nach draußen.

„Also? Was?“, fragt er und lehnt sich gegen die schmutzige, heruntergekommene Hauswand des Clubs.

Ich atme tief ein, versuche mich auf meine bereit gelegten Worte zu besinnen, aber irgendwie sind mir soeben alle entfallen.

Ich schließe für einen kurzen Moment meine Augen, sauge die kühle Nachtluft tief in meine Lungen. Mein Instinkt sagt mir, dass ich das richtige tue. Dass ich, selbst wenn alles mit mir und Zwillingen schief geht, es trotzdem nur fair ist, Nico frei zu geben.

Er verdient die Wahrheit.

„Ich habe dich betrogen.“, lasse ich also ohne große Umschweife die Bombe platzen und sehe ihn wieder an, beobachte in seinem Gesicht die Gefühlsregungen.

Er lächelt.

„Ich weiß.“, sagt er ruhig und auch wenn es nicht ganz unerwartet kam, es schockt mich bodenlos.

„Woher?“

„Du hast mir genug Beweise geliefert.“

Ich senke betroffen den Kopf. Natürlich. Zuerst der Heißhunger auf Sex, dann die Kälte. Die Abneigung, mein Rückzug von ihm…

Er sieht mich mit ausdruckslosen Augen an, ich suche eine Emotion. Irgendetwas. Aber er ist völlig ruhig. Gleichgültig.

„Ich wünschte, ich könnte sagen, ich bereue es.“, fahre ich fort, weil mich seine Gelassenheit sichtlich irritiert.
„Aber es wäre gelogen.“

Ich warte auf das Donnerwetter, warte auf die explodierende Katastrophe…

„Schön. Ich will ja auch nicht, dass du lügst.“, sagt er matt und irgendwie…desinteressiert.

Was zum Teufel…?

„Aber es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe.“, versuche ich wieder etwas in ihm zu wecken, etwas auszulösen, aber er presst nur ironisch lächelnd die Luft aus seinen Lungen.

„Natürlich.“

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich habe wirklich mit allem gerechnet…Gebrüll…Hass…böse Worte…sogar Tränen habe ich eingebildetes Miststück erwartet…aber nicht Gleichgültigkeit.

„Willst du denn gar nicht wissen wer?“

Ich weiß nicht warum ich es tue. Ich weiß es wirklich nicht.
Es ist wie ein innerer Impuls. Der dunkle Hang zur Selbstzerstörung.
Ich will den Schmerz. Will, dass er mich straft. Ich will, dass er ausrastet und in mir Reue weckt. Ich will leiden.
Ich verdiene es.

„Macht es einen Unterschied?“, fragt er und sieht mich aus den blauen trüben Augen an, schlüpft der Kälte wegen jetzt auch in seine Jacke.

Ich schüttle den Kopf.

„Nein.“

„Warum sollte es mich dann interessieren?“

„Ich weiß es nicht.“

Eisiger Wind streicht um die Häuserecken, lässt mich völlig verloren auf dem Gehsteig mit meinen Haaren kämpfen.

„Verlässt du mich?“, nimmt er die Konversation nach einigen Sekunden der Stille wieder auf und ich spüre die Woge der Schuld.

Nicht die erhoffte Reue, aber zumindest die Schuldigkeit der Sache wird mir endlich im vollen Ausmaß bewusst.

Und ich will, dass er mich dafür bestraft … ich verdiene es…

„Ja.“

„Liebst du ihn?“, fragt er mich nahtlos entsetzlich neutral und mir schnürt es schier die Kehle zu.

Verdammt, ich will, dass er mich verabscheut…ich will dass er mich abgrundtief hasst…

„Ja.“

Er schweigt.
Für den Bruchteil einer Sekunde…

„In Ordnung.“

Er schließt müde seinen Augen, lehnt seinen Kopf gegen die schmutzige Fassade des Hauses.

Ich bin wie vom Donner gerührt. Nicht er. Ich.

ICH.

Ich verstehe nicht, warum er so reagiert.

Natürlich ist das der einfachste Weg den er mit mir hätte gehen können, aber es ist falsch. Völlig unerwartet. Ich fühle mich, als hätte mir jemand den Verstand auf Null gepolt. Ich begreife wirklich gar nichts mehr.

Mit aufgerissenen Augen und offenem Mund stehe ich also vor ihm, mustere seinen Ausdruck, suche in seinem Gesicht eine Emotion. Irgendwas. Aber es ist nichts da.

Fast scheint er gelangweilt zu sein.

„Dann gehe ich jetzt wieder nach Hause.“, sage ich krächzig, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen.

Ich wende mich von ihm ab, die Ungläubigkeit macht mich starr. Ich bin wie gelähmt.

Als ich bereits das Ende der Gebäudefassade erreicht habe, ruft Nico noch mal meinen Namen.
Ich drehe mich zu ihm, sehe wie er im Eingang steht, die Wärme des Clubs bereit ist, ihn wieder zu verschlucken.
Die Tür ist verschlossen, ich kann ihn trotz des Dröhnens der Musik gut verstehen.

„Welcher von den beiden ist es?“, fragt er dann und es fährt mir stechend in den Magen.

Mir scheint, ich habe Nicos Gespür unterschätzt. Ich glaube er wusste weit mehr als ich vermutet habe.

„Bill.“, antworte ich kehlig und der Nachtwind trägt den Namen zu ihm.

Alles was ich darauf als Resonanz bekomme, ist ein undeutbares Lächeln, ehe er wieder im Club verschwindet.


Die folgende Nacht ist für mich eine morbide Mischung aus gnadenloser Erleichterung und bösem Schuldbewusstsein.

Erleichterung, weil es raus ist. Weil ich ihm selbst den Namen gesagt habe. Schonungslos.
Erleichterung, weil mein Körper sich jetzt sündenfrei nach ihm sehnen darf. Weil ich jetzt in dieser unglaublichen Sehnsucht und Zuneigung nichts Falsches mehr sehe.
Ich habe das Opfer erbracht.
Schuldig fühle ich mich eigentlich nur, weil ich es ihm nicht vorher gesagt habe. Jetzt, wo ich die Sache mit Bill klarer als in den ersten Tagen der Rückkehr aus Finnland sehe, wird mir bewusst, dass ich es Nico sofort hätte sagen müssen.

Wobei, um ehrlich zu sein, mein nach wie vor irritierter Zustand vorherrschend mein Denken bestimmt hat. Ich hab seine Reaktion wirklich nicht verstanden. Es hat überhaupt nicht zu Nico gepasst so zu reagieren.
Er geht sonst bei jeder Kleinigkeit in die Luft. Wie man ja schon gemerkt hat, als wir auf das Konzert gefahren sind.

Aber heute war er völlig ruhig. Nicht verletzter-Stolz-mäßig ruhig. Und auch nicht trotzig ruhig.
Er war einfach nur gelassen. So als würde es ihn gar nicht wirklich kümmern.

Natürlich ist das Nährboden für meine nicht existente Reue noch nicht-existenter zu werden, aber ich frage mich trotzdem was da passiert ist?

Viele mögliche Gedanken quälen mich. Aber keiner macht einen Sinn.
Was bleibt mir also letztendlich anderes übrig als jemanden zu fragen, der ihn kennt? Jemanden zu fragen der ihm nahe steht?

Sonntagnachmittag. Ich rufe Julia an.

„Was willst du?“, zischt sie giftig als Begrüßung und ich lasse mich auf mein Bett sinken, presse das kleine Plastiktelefon an mein Ohr.

Es tut mir unglaublich weh, dass Julia so hart zu mir ist. Aber ihre Kälte ist besser als das was Nico gestern mit mir gemacht hat.
Wie ich bereits sagte, ich will den Schmerz.
Ich will dass mich die Buße genauso verbrennt wie die glühendheiße bittere Sünde, der ich wie ein gefallener Engel mit Leidenschaft nacheifere.

„Mich mit dir treffen.“

„Wozu?“, erwidert sie hart und absolut nicht bereit auf meine Bitte einzugehen.

„Weil ich dich erstens was fragen und dir zweitens was geben will.“

Sie zögert.

Verständlich. Sie ist immer noch stinksauer. Aber sie weiß es jetzt seit über vier Tagen. Ihre erste, schlimmste Wut ist verraucht. Sie kann wieder klar denken und ich habe die Hoffnung, dass ich es ihr vielleicht zu einem kleinen Teil begreiflich machen kann…

„Meinetwegen. Komm her.“, sagt sie stimmlich neutraler als gerade eben noch.

Und obwohl ich mich freue, dass sie sich darauf einlässt, entmutigt mich der Gedanke jetzt zu ihr nach Hause zu gehen.
Ich werde dort schließlich mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit auf ihren Bruder treffen.

„Können wir uns nicht woanders treffen?“, frage ich unsicher und kneife die Augen zusammen.

Natürlich erkennt Julia meine Befürchtung sofort.

„Nico ist nicht da.“, rauscht es durch die Leitung.
„Er hat sich heute Nachmittag in sein Auto gesetzt und ist weggefahren. Er sagte, es wird spät.“

Erleichterung.

„Gut. Dann also bis gleich.“

Und damit lege ich auf, schnappe mir ein paar Dinge, verlasse mal wieder in Eile das Haus. Obligatorisch mit einem verwirrten Vater im Flur, der mir seit Tagen nicht mehr mit Verständnis kommen kann.

Knapp eine halbe Stunde später klingle ich also an Julias Haustür, mit einem unguten Gefühl im Magen. Ich hab Schiss vor ihrer Reaktion.
Aber, um ehrlich zu sein, genau da muss ich durch.

Während ich darauf warte, dass sie mir also öffnet, sehe ich mich nervös um, betrachte die Blocksiedlung, neben dem beige gestrichenen Mehrfamilienhaus.
Ich kann nicht ganz nachvollziehen, warum Julias Familie ausgerechnet in diesen Bezirk Magdeburgs sesshaft ist.
Also, das Haus in dem sie wohnt, ist ja wirklich recht schön, aber die Betonbunker direkt daneben würden mir ein flaues Gefühl im Magen machen. Dabei ist es nicht so, dass die Familie nicht genug Geld hätte oder so, nein, sie leben einfach schon immer da. Und sie wollen aus dem Haus auch nicht raus.
Ist ja kein Problem, nur erklärt das vielleicht erneut, warum Nico seine Beschützerrolle so hundertprozentig ausgeführt hat. Wer in so einer Gegend groß wird…

Nico…ja, ich verbinde viel mit ihm, diesem Haus und der Gegend.
Wie oft bin ich hier rumgehockt, habe ihm beim Autoschrauben zu geguckt, oder mit Julia hinten auf der Terrasse gegrillt.
Oft, vergangenen Herbst eigentlich an jedem Wochenende.

Dann endlich höre ich Julias Stimme krächzig durch die Lautsprecheranlage.

„Ich bins.“, sage ich und dann ertönt ein sonores Brummen.

Die Tür schnappt auf, ich betrete das Treppenhaus. Zwei Stockwerke später stehe ich vor der angelehnten Haustür.
Mit einem letzten nervösen Atemzug schiebe ich sie auf, befinde mich damit im geräumigen rustikalen Flur der Wohnung.
Ich sehe mich unsicher um, höre nichts. Mir scheint die Eltern sind auch nicht da. Was öfters der Fall ist.

Julias Zimmertür ist offen, ich gehe langsam darauf zu, sehe sie dann mit einem Buch in der Hand auf dem Bett liegen. Sie hört laut Musik mit Kopfhörern.
Sie hat aber zumindest genug Anstand die Dinger ab zu nehmen, als ich schließlich direkt vor ihr stehe.

„Hallo.“, flüstere ich leise, als sie sich aufsetzt, das Buch aus der Hand legt.

„Hallo.“, gibt sie kühl zurück.

„Danke, dass ich kommen durfte.“

„Schon gut. Was willst du?“

Ich trete unbeholfen von einem Fuß auf den anderen, beiße mir auf die Unterlippe.

„Ich will wissen, woher Nico wusste, dass ich fremdgegangen bin.“, bringe ich gequält hervor, meine Hände zittern.

Sie lacht sarkastisch. Senkt den Kopf.

„Natürlich.“

Ich setze mich neben sie aufs Bett, die angespannte Situation zwischen uns macht mich fast verrückt. Es ist als ob ich nicht atmen könnte.

„Julia, ich hab Nico gestern Abend alles gesagt. Aber er wusste es schon. Woher?“

„Von mir nicht.“, faucht sie jetzt giftig und steht auf.
Fast so, als ob sie mir damit zeigen wollte, dass sie es nicht ertragen kann in meiner Nähe zu sein.
„Du bist doch selbst schuld. Er hat auf deinem Handy angerufen. Und da ging die Mutter deiner Freaks ran. Er ist doch nicht behämmert, Mann. Seit du aus Finnland zurück bist benimmst du dich schon sonderbar. Natürlich ahnte Nico bei deiner penetranten Besessenheit immer schon, dass du irgendwann mal was mit den Kaulitz-Zwillingen ausfressen wirst. Er wusste nur nicht mit welchem der beiden.“
Sie lacht wieder, sieht aus dem Fenster in den wolkenverhangenen Abendhimmel.
„Aber nun weiß er’s ja. Richtig?“

Ihre Miene ist hart.

„Richtig.“, sage ich schwach.

Ich habe es so satt mich vor allen rechtfertigen zu müssen. Ich weiß ich verdiene es. Aber langsam gehen mir die klärenden Gespräche wirklich an die Nerven. Ich habe doch nur getan wogen ich mich nicht wehren konnte.
Ich habe doch nur dem nachgegeben, was schon mein ganzes Leben lang tief in mir drin war.

„Und? Wie hat er’s aufgenommen?“, fragt sie mit hochgezogenen Augenbrauen, vorm Oberkörper verschränkten Armen.
„Hat er dich wenigstens anständig zur Sau gemacht?“

„Das ist es ja.“, murmle ich leise.
„Es hat ihm gar nichts ausgemacht. Er war die Ruhe selbst. Fast hatte ich sogar das Gefühl er findet es amüsant.“

Sie runzelt die Stirn, ich suche in ihren Zügen eine Erklärung. Aber mir scheint, die hat sie selbst nicht.

„Das ist komisch.“

„Allerdings. Und ich hatte die Hoffnung, dass du mir darauf eine Antwort geben könntest.“
Ich sehe sie mittlerweile fast flehend an. Es tut mir so unglaublich weh, dass das alles zwischen uns kaputt gegangen ist, auch wenn ich mich für meine Zuneigung den Zwillingen gegenüber nicht schäme.
„Hat er mich nicht mehr geliebt? Hatte er auch eine andere?“, frage ich in meiner Hilflosigkeit und Julia setzt sich wieder neben mich aufs Bett.

Sie stöhnt.

„Ach quatsch. Nico war immer noch total in dich verschossen. Du weißt, dass er alles für dich machen würde.“

„Warum war es ihm dann so egal?“, bringe ich mit bebender Unterlippe hervor.

Endlich kommen die Tränen die Nico verdient. Endlich. Julias Kälte streift endlich die letzten Fesseln ab.

„Es war ihm nicht egal. Glaub mir. Ich weiß nicht warum er sich gestern so benommen hat. Vielleicht, weil er es immer schon erwartet hat.“
Wieder seufzt sie schwer.
„Aber du kannst mir glauben, dass es ihn getroffen hat. Er hat dich geliebt, Mann.“

Die Tränen rollen über meine Wangen, der Pakt mit dem Teufel bricht.

Ich weiß, dass ich gesündigt habe.
Und jetzt, endlich, spüre ich die Strafe dafür. Das schreckliche Gefühl, welches mir endlich vor Augen hält, was ich getan habe.

Die Reue kommt.

Nicht die Reue die die Sache mit Bill und Tom negativ werden lässt, sondern die Reue die mir zeigt, was ich mit Nico gemacht habe. Die mich den Schmerz spüren lässt, den ich ihm zugefügt habe,
Es ist die Reue, die mir meine Seele zurückgibt. Die erbittert notwendige Reue die mich frei macht.

„Ich weiß. Und es tut mir Leid.“
Wieder schüttelt mich ein Heulkrampf.
„Aber ich konnte nicht anders, Julia. Ich weiß, dass ich mich damit wahrscheinlich unglücklich machen werde. Aber es ist etwas, was ich schon mein ganzes Leben mit mir herum trage.“
Und jetzt wo der Teufel nicht mehr Herr meiner Seele ist, ich Buße tue, schenkt mir der Himmel das, was ich so sehr brauche.
Vergebung.
Julia nimmt mich in den Arm. Kurz nur, aber für mich bedeutet es die Welt. Ich wische die Tränen aus meinem Gesicht, dann ziehe ich den Brief den ich ihr in Finnland geschrieben habe, aus meiner Manteltasche, gebe ihn ihr.
„Ich weiß, dass es dir schwer fällt mich zu verstehen. Weil er dein Bruder ist. Weil ich dich angelogen habe. Aber vielleicht hilft es, wenn du das hier liest.“

Sie faltet die vielen zusammengefalteten Blätter auseinander, fängt an zu lesen.

„Du hast das in Finnland für mich geschrieben?“, fragt sie und sieht mich wieder an.

Ich wische mir ein letztes Mal Tränen von den Wangen.

„Ja. Und ich glaube, dass ich erst jetzt selbst begreife, was ich da geschrieben habe. Ich liebe Bill. Und ich bereue nicht, dass es dazu gekommen ist. Ich bereue aber, dass ich dafür Nico verletzt habe. Und dich.“

Und dann werden ihre Züge weicher. Ich glaube, sie wird wirklich versuchen, mir nicht einfach nur zu vergeben, sondern sie wird versuchen es zu verstehen.

„Ich werde ihn lesen. Lass uns dann einfach morgen oder so einen Cafe trinken gehen, okay?“

Ich nicke, stehe auf. Es ist alles gesagt, was es zu sagen gab. Sie weiß, dass es mir Leid tut. Sie weiß, dass ich bereue, dass ich ihnen so wehgetan habe. Sie hat gesehen, dass der Preis für mich hoch war.
Aber dass ich ihn erbringen musste.

Als ich das Haus verlasse, weiß ich, dass sie jetzt lesen wird, was in den vergangen vier Wochen mit mir passiert ist. Dass sie lesen wird, dass ich endlich den brutalen Hass gegen die Zwillinge verlieren durfte.

Und auch wenn ich damit wirklich alles vor ihr offen lege, weiß ich doch, dass ich es ihr schuldig war.

Ich sauge die kühle Luft der einsetzenden Nacht in meine Lungen, mache mich auf den Heimweg.

Ich habe tatsächlich die Hoffnung, dass sie mich verstehen wird.

Zuhause angekommen, muss ich meinem Vater Rede und Antwort stehen, aber ich drücke mich darum.

Simone, die fast zeitgleich mit mir kam, tut einen nicht unmaßgeblich wichtigen Teil dazu, dass mein merkwürdiges Verhalten der letzten Tage mit der Vorbereitung des Abendessens einfach unter den Tisch fällt.

Während des Essens danke ihr still, sie lächelt mich herzlich an.

Ein Stück weit erleichtert krieche ich danach erschöpft in mein Zimmer, werfe mich auf mein Bett.

Ich fühle mich befreit. Zumindest ein bestimmter Teil von mir. Es ist schon eine merkwürdige Sache mit Reue, Schuld und Vergebung.

Kurz vor Zehn.
Ich fluche gerade über die Physik-Klausur die ich morgen schreiben muss, als mein Handy klingelt.

Sofort ist der Frust wie weggeblasen, grinsend nehme ich das Gespräch entgegen.

„Hallo, Tom.“

„Hallo, Süße. Wie geht’s dir?“, dröhnt seine belustigt klingende Stimme durch den Hörer

Entspannt lasse ich mich auf meinen Schreibtischstuhl zurück fallen, drehe mich einmal um meine eigene Achse.

„Heute etwas besser wie die letzten Tage. Was macht dein Bruder?“

Es ist schon rein obligatorischer Bestandteil unserer Gespräche. Ich muss einfach immer irgendwas über ihn reden, auch wenn wir uns beide nach wie vor strikt zu weigern scheinen, einfach mal uns direkt anzurufen.

„Ähm…“

„Was ähm…?“

Ich hasse Ähms. Es sind Vorboten des Unheils.

„Na ja, sagen wirs mal so…wir haben gerade unerwarteten Besuch im Hotel.“

Schon wieder so undurchsichtiges Gefasel. Groupies? Hat Bill etwa doch noch…?

„Was? Kapier ich nicht.“, drängle ich ungeduldig.

Er holt tief Luft, klingt irgendwie angespannt.

„Dein Exfreund ist hier.“

Sekunden verstreichen in denen ich versuche das Gehörte zu begreifen, dann fällt mir vor Schreck das Telefon aus der Hand.


Völlig panisch springe ich vom Stuhl, suche unterm Schreibtisch mein Handy wieder, schlage mir beim Aufstehen natürlich den Kopf an.

„…noch da?“, kriege ich den Rest von Toms Satz mit und presse mir, laut fluchend und den Kopf reibend, das Telefon wieder ans Ohr.

Immer noch unterm Schreibtisch sitzend wohlgemerkt.

„Was hast du da gesagt?“, frage ich außer Atem.

„Dein Ex ist hier. Sympathischer Kerl übrigens.“

„Was?!“, kreische ich jetzt extrem laut und hysterisch, krabble auf allen Vieren zurück in Regionen wo ich mir beim Aufrichten nicht die Gehirnkammer zertrümmere.
„Verarsch mich nicht.“

„Ich verarsch dich nicht.“

Das ist ein Alptraum.

„Aber wie…was…“
Oh mein Gott.
„Wo ist Bill? Geht’s im gut?“

Tom fängt lauthals an zu lachen.

„Er ist okay. Dein Typ hat ihn nur ein bisschen geschüttelt.“

Ich gefriere in allen Bewegungen.

„Geschüttelt?“, zische ich tonlos, völlig von der Rolle.

„Na ja, so kurz am Kragen gepackt und halt in der Luft ein bisschen …geschüttelt eben. Jetzt komm runter. Bill ist nicht aus Zucker.“

Ich gebe den Versuch mich wieder aufrichten zu wollen auf, gebe mich damit geschlagen zusammengekrümmt einfach auf dem Teppichboden sitzen zu bleiben.
Ich muss mich erst mal beruhigen, ehe ich meine Körperfunktionen wieder beherrschen kann.

„Aber wie…? Wie ist er überhaupt an euch ran gekommen, Mann? Ihr seid doch schwerer zu erreichen als der Papst.“

„Bill hat ihn rein gelassen.“

„WAS?“

Ich weiß ich wiederhole mich, aber…

„Na ja, er sieht nicht aus wie der typische Groupie, also kam er easy durch zur Rezeption. Die hat uns angerufen und nachdem er Bill sagte wer er ist und dass er mit ihm reden will, hat er ihn hochkommen lassen.“
Wie verblödet ist der Kerl eigentlich?
„Wir drücken uns nicht vor Auseinandersetzungen.“

„Er muss doch meinetwegen nicht den Helden spielen, scheiße noch mal.“, fluche ich laut und presse mir die Hand an die Stirn.

„Wer sagt denn, dass es um dich geht?“, knarzt es durch den Hörer zurück und ich fühle mich schlichtweg nur noch wie überfahren.
„Gut, ich meine natürlich geht es unterschwellig um dich, aber trotzdem war zwischen den beiden eine Rechnung offen die Bill so oder so zu klären gehabt hätte.“

Ich presse die Luft aus meinen Lungen.

„Aber …wo seid ihr denn?“

„Leipzig.“

Hätten die heute nicht in Honolulu sein können?

Scheiße.

„Wie hat er euer Hotel gefunden?“

Tom lacht ironisch.

„Als ob das so schwierig wäre…“

Klar…immer dahin wo die meisten Hühner stehen.

„Und jetzt?“

„Nix und jetzt. Die hocken immer noch da drin und reden recht ruhig miteinander.“

Ich lege mich komplett zurück auf den Boden, mein Kreislauf ist ein klein wenig überansprucht.
Jetzt ergibt auch alles einen Sinn. Das Nico heute Nachmittag weg war und sagte, es würde spät werden.
Dass er mich nicht angeschissen hat…
Er hat sich seine Wut und seine Enttäuschung für den Grund aufgehoben, der schon immer wie ein Schatten über unserer Beziehung lag.

„Nur geschüttelt?“, frage ich besorgt ein letztes Mal nach.

„Nur geschüttelt.“, antwortet Tom belustigt.
„Er hat ihn losgelassen gerade als ich dazu kam. Dann hat er rumgebrüllt, sich ein bisschen Luft verschafft und naja…seitdem reden sie.“

„Ich … ich weiß nicht was ich jetzt machen soll…“, stammle ich hilflos und versuche das Chaos aus meinem Kopf zu kriegen.

„Gar nichts. Ist doch alles in Ordnung.“

Alles in Ordnung? Alles in Ordnung?
Toms Hang zum Optimismus ist manchmal echt ätzend.

„Soll ich mit Nico reden?“

„Nein. Lass sie.“

Wieder entweicht mir ein dramatisches Seufzen.

„Behalt die beiden im Auge, Tom. Bitte.“

„Klar.“

Damit kämpfe ich mich geschlagen auf mein Bett, verabschiede mich von ihm. In meinem Verstand geht es drunter und drüber.

Ich weiß, dass es Nicos Recht ist, seinen Zorn an jemandem auszulassen, aber ich hätte mir gewünscht, dass er es an mir getan hätte.

Weil ich diejenige bin, die es verdient.

* * *

Die Physikklausur ging völlig in die Hose. Aber ich habs nicht anders erwartet. Schließlich drehen sich meine Gedanken gerade um alles andere als Schule.

Das Gespräch mit Julia war mit kurzen aber emotional tränenreichen Ausbrüchen versetzt, welche auf beiden Seiten klar machte, wie viel wir uns bedeuten und dass wir nicht auf diese Freundschaft verzichten können. Auch wenn sie jetzt ein wenig anders werden wird. Sie wird die Zwillinge akzeptieren müssen. Und ich weiß, dass wird sie. Schließlich wickeln die beiden jeden um den Finger.

Sie hat mich verstanden. Sie hat durch den Brief wirklich nachvollziehen können, was in Finnland mit mir passiert ist. Wie schwierig es für mich war und wie misstrauisch ich allem zuerst gegenüber stand. Und na ja…dann kam mein langsamer Fall…stetig …unaufhaltsam…wie hätte ich mich auch dagegen wehren können?

Sie will uns eine Chance geben. Wir werden versuchen eine Freundschaft zu führen die unabhängig ist von ihrem Bruder und den Zwillingen. Nur sie und ich.

Von Nicos kleinem Ausflug hat sie nichts mitgekriegt und als ich es ihr geschildert habe, war sie zu nichts anderem als einem heftigen Lacher in der Lage. Gut, der Gedanke hat auch etwas Belustigendes.

Das ganze wird für mich dann aber plötzlich nicht mehr so lustig, als Julia mir ausrichtet, dass sich Nico heute Abend noch mal mit mir treffen will.

Denn, um ehrlich zu sein, ich weiß überhaupt nicht was mich da erwarten wird. Schließlich hab ich keine Ahnung, worüber die zwei gestern geredet haben. Was Bill ihm gesagt hat.
Gut, im Prinzip ist es egal, weil er ohnehin die ganze Wahrheit wissen soll, aber ich glaube nicht, dass er es so easy hingenommen hat, dass ich mich mitten in der Nacht von ihm weg stehle um mich mit einem anderen Kerl durch die Decken zu kämpfen. Wobei ich mir wirklich nicht vorstellen kann, dass Bill ihm das erzählt hat.

Jedenfalls kommt der Abend schneller als erwartet, als ich mich an unseren gemeinsamen Treffpunkt aufmache, herrscht ein wirklich merkwürdiges Gefühl in meinem Magen.

Ich weiß, dass es mein letzter Schritt ist. Der letzte entscheidende Schritt den ich gehen muss um frei zu sein.

Wir treffen uns am Eingang zu einem Park. Es dämmert bereits. Wir haben beschlossen spazieren zu gehen, weil es am neutralsten für uns beide ist.
Als ich in meinen dicken Mantel eingewickelt also auf das große Tor des Parks zu laufe, sehe ich ihn schon im Kegel einer Straßenlaterne stehen, das Gefühl in meinem Magen wird noch flauer.

„Hallo, Nico.“, sage ich leise, als ich direkt vor ihm zum stehen komme und er nickt mir zu, betritt dann durch das hohe Tor den alten Park.
Ich folge ihm mir gesenktem Kopf, lasse meinen Blick über die vielen kleinen Lichter und Lampen schweifen. Sie erhellen den Weg auf dem wir laufen. Zeigen das was hinter der einsetzenden Dunkelheit liegt.
Ich sehe es metaphorisch. Und es macht mir Mut.
„Wie geht es dir?“, frage ich unsicher.

„Beschissen. Was denkst du denn?“, faucht er zurück, wickelt sich energisch in die dicke Jacke die er trägt.
„Aber zumindest nach gestern etwas besser.“

„Ich hab gehört, du hast einen Ausflug gemacht.“, versuche ich die Konversation gleich auf den Punkt aller Punkte kommen zu lassen und hole auf, laufe direkt neben ihm.

„Das war notwendig.“

„Und? Was hast du gemacht? Hast du ihn verprügelt?“, frage ich, obwohl ich weiß, dass es nicht so war.

„Nein. Hab ich nicht. Wir haben nur geredet.“

Aha. Lässt da einer das Schütteln unter den Tisch fallen?

„Und?“

Wir biegen auf einen Kiesweg, unter unseren Schuhen fangen die Steine an zu knirschen, durchschneiden die Ruhe der noch jungen Nacht.

„Er ist in Ordnung.“
Hab ich mich verhört?
„Beide sind…in Ordnung.“

Kann mich mal bitte jemand kneifen.

„Wie bitte?“, stammle ich irritiert vor mich hin.
Ich hab mit viel gerechnet, aber nicht damit.
„Wie kommt denn diese Erkenntnis?“

„Seine Ansichten was dich betrifft, decken sich recht identisch mit meinen.“

Äh…?

„Wie? Was? Was meinst du damit?“

Er seufzt tief, lässt sich einen Schritt zurück fallen.

„Um ehrlich zu sein, ist es völlig egal was ich damit meine. Es geht dich nichts an. Es ist eine Sache zwischen mir und ihm. Vielleicht noch seinem Bruder. Die beiden sind in Ordnung. Mehr sage ich dazu nicht.“
Ich hab unglaubliches Herzklopfen, fühle mich wie in einen Mixer gekommen.
„Alles andere was uns betrifft können wir jetzt gerne besprechen.“

„Okay.“, sage ich aufgewühlt, gehe auf seine Bitte ein.

Natürlich hätte mich von gestern Abend noch viel mehr interessiert, doch wie mir scheint, wird das ein unausgesprochenes Ding zwischen den dreien bleiben.

Und es ist nur fair, nach all den Monaten die Welt wirklich endlich mal nur um ihn und mich drehen zu lassen.
Nur er und ich. So wie es vielleicht hätte sein sollen, aber nie war.

Ich lasse ihm all die Zeit die er braucht, um sich auszukotzen, um mir klar zu machen, wie sehr ich ihm wehgetan habe. Ohne ein Wort empfange ich die Schmerzen tief in mir drin, die Trauer um das was ich in ihm zerstört habe und das Schuldgefühl, welches mir vor Augen hält, dass der Preis nicht nur oberflächlich hoch war.

Eigentlich rede ich kaum, höre ihm einfach nur zu. Ich wehre mich nicht, streite nichts ab. Denn er hat mit allem was er sagt recht.
Sie waren immer da. Die ganze Zeit. Egal wie sehr ich sie gehasst habe.

Er sagt, er kann verstehen, dass es so kam, wie es gekommen ist. Er wird lange brauchen bis er es akzeptieren kann, aber er kann mich verstehen.

Es ist ein langer Weg zur Vergebung.
Aber die Bereitschaft ist da.

Und das hilft mir viel.
Mehr von ihm zu verlangen wäre frech.

Mitten auf einer Bank im Nirgendwo des Parkes endet kurz vor Mitternacht dieses Gespräch und ich spüre wie tiefe Erleichterung und Ruhe die angespannte Nervosität der letzten Tage überdecken.

Als ich nach Hause komme, von meinem Vater, wegen der Uhrzeit, mit einer Schimpfarie empfangen werde, ist für mich die Welt trotz allem halbwegs wieder gerade gerückt.

Die Wahrheit ist auf dem Tisch.

Jetzt fehlt mir zum Seelenfrieden nur noch der schwarzhaarige Auslöser, der meine Welt so hemmungslos aus den Fugen geworfen hat.

Aber, wie könnte es anders sein, obwohl er weiß, dass ich alle Opfer erbracht habe, nach wie vor kein Lebenszeichen von ihm.

Von Tom weiß ich, dass sie morgen zurückkommen werden.


Das Ende der Tour.
Zeitgleich vielleicht der Anfang von etwas Neuem.

Aber ich möchte mich da nicht in kindische Spekulationen verrennen. Was weiß denn ich schon? Schließlich krieg ich entweder nix gesagt, weil’s mich ja nix angeht, oder nur wage Andeutungen vor die Füße geworfen. Was kann ich also tun?

Warten.

Auf die erste Begegnung. Auf die ersten Worte. Auf die erste Reaktion, seit ich ihm in meiner emotional überschwänglichen Verwirrtheit einen Kuss auf den Mund gedrückt habe und dann aus dem Haus gestürmt bin.

Warten kann ich. Und sonst nichts.

* * *

Damit wird es Mittwoch.

Ich sitze morgens in der Schule wie auf glühenden Kohlen. Weder juckt mich die 5 im Physiktest, noch dass mich fast jeder Lehrer wegen meiner Unaufmerksamkeit verwarnt.

Ich bin ein nervliches Wrack. Ich starre unentwegt auf mein Handy, auf die Uhr. Wünsche mir, dass der Tag zu ende geht, sie zurückkommen. Zu mir.

Töricht und dumm, ich weiß. Aber ich kann gegen diesen Gedanken nichts tun. Selbst wenn ich es versuchen würde.
Dabei kann mich mein feuriges Entgegenfiebern durchaus einiges kosten. Dann nämlich wenn das Telefon still bleibt. Ich nichts von ihm hören werde. Es zwischen uns so kontaktlos bleibt wie es seit dieser Wiederholungstat in seinem Zimmer der Fall ist.

Der Tag zieht an mir vorüber. Erschreckend schnell und langsam zu gleich. Ich schleiche in meinem Zimmer im Kreis wie ein Tiger, werfe immer wieder durchs Fenster Blicke auf die Einfahrt des Nachbarhauses.

„Ich bin dann weg, Schatz.“, hallt es durch das große Haus und ich zucke vor Schreck zusammen.

„Okay, Dad.“, brülle ich zurück und lasse mich frustriert aufs Bett fallen.

Kurz nach 8.
Mein Vater verschwindet zum Fernsehgucken nach drüben ins geheiligte Mekka und ich darf hier wie ein Verdurstender in der Wüste darbend vor mich hin leiden.

Scheiße. Wo bleiben die? Warum melden die sich nicht?

Ablenkung. Musik. Lesen. Irgendwas.

Es wird 9 Uhr.

Dann kommt die erlösende Sms.

*Rollen gerade von der Autobahn. Ich schmeiß ihn bei dir raus. Macht nichts was ich nicht auch tun würde. Wir sehen uns morgen. Tom.*

Von dieser Minute an, es ist genau 21 Uhr 1, hüpfe ich durch die Gegend wie eine Gestörte. Räume auf, wo schon lange aufgeräumt ist, style, wo ohnehin schon alles - im dezenten Rahmen natürlich - so aussieht als würde gleich Johnny Depp ins Zimmer schweben…

Gerade mal zehn Minuten - die ich wie ein nervöser Hamster auf Koks verbringe - später also, klingelt es dann an der Haustür und in meinem elenden Versuch so lässig und unerwartend wie möglich zur Tür zu schlendern, verheddere ich mich im langen Hosenbein meiner kuscheligen Nikki-Hose, poltere laut fluchend die Treppe nach unten bis direkt an die Haustür, gegen die ich unfreiwillig mit einem lauten Rumsen mein Knie knallen lasse.

Ich rapple mich jammernd auf, reibe mir meinen schmerzenden Oberschenkel, die Arme und den Rücken.

Im Spiegel direkt neben der Tür erkenne ich voller Schreck, dass meine Haare wild in alle Richtungen abstehen, das Oberteil eingerissen ist und mich die kommenden blauen Flecken sicherlich noch lange daran erinnern werden, nicht noch einmal den Versuch von unerwarteter Erwartung starten zu wollen.

Ich will das Risiko nicht eingehen ihn ewig vor der Haustür stehen zu lassen, darum öffne ich sie also geknickt, mein toller Auftritt völlig dahin.

Er hingegen hat seinen.

Und wie er den hat.

Frech grinsend, sadistisch gut aussehend…

„Du konntest nicht schnell genug die Treppe runter kommen, hab ich recht?“, fragt er süffisant, schenkt mir ein Lächeln, das mich sofort fünf Wolken in die Höhe hebt.

Es ist bereits stockdunkel draußen, aber das Licht des Flurs gibt mir genug von dem zu sehen, was vielleicht schon immer meine kleine Welt in einer anderen Unlaufbahn rotieren lassen hat.

Seine Haare sind wilder als sonst, der Pony - nicht öffentlichkeitsgemäß - gelfrei locker über seine Augen fallend. Die sind aber ganz typisch für ihn dunkel geschminkt, wenn auch der am Lidrand verwischte Kajal davon zeugt, dass er heute schon länger auf den Beinen ist.

Dunkelblaue ausgerissene Jeans, schwarzes T-Shirt, zerschlissene Lederjacke…

„Sehr witzig.“, sage ich mit einem schwachen Lächeln und versuche meine überschäumende Freude, die Sehnsucht und das Verlangen, sofort über ihn her zu fallen, zu verdrängen.

„Können wir reden?“, fragt er und wie so oft, rollt mir beim tiefen Klang seiner Stimme ein angenehmes Kribbeln über die Wirbelsäule.
Aber Moment mal…“reden“ ist bei uns so ne Sache…
Ich ziehe die Augenbrauen hoch, er weiß sofort was ich denke.
„Wirklich reden.“, fügt er lachend hinten an und ich lache mit ihm, auch wenn mir das Blut in den Schädel schießt.

„Klar.“, sage ich und lasse ihn ins Haus, verschließe hinter ihm die Tür.

Er läuft den Weg direkt voraus in mein Zimmer, ich folge ihm mit wildem Herzklopfen.
Auch wenn ich mich versuche komplett runter zu schrauben. Schließlich weiß ich nicht, was jetzt kommt.

Dort angekommen also, zieht er sich die schwere schwarze Lederjacke aus und lässt sie auf den Teppichboden fallen.

„Wie geht’s dir?“, fragt er dann, als ich noch damit beschäftig bin, das neue Bild, das sich hier in meinem Zimmer zeigt, zu verarbeiten.

„Gut.“, bringe ich fast völlig ohne Spucke in meinem Mund hervor, beobachte ihn dabei wie er neugierig hin und her läuft, manche Dinge intensiv mustert.

„Wir hatten vorgestern Besuch.“, redet er dann Gott sei Dank gar nicht lange um den heißen Brei rum und dreht sich zu mir.

Ich stehe immer noch direkt an der Tür. Ich bin wie gelähmt. Lächerlich.

„Ich weiß.“, antworte ich leise und breche aus meinem Zustand, schleiche geknickt auf ihn zu.
„Sorry.“

Wie schon gesagt, ich wollte nicht, dass Nico seinen Zorn an ihm auslässt.

„Wieso sorry? Ich fand’s sehr aufschlussreich.“

Er grinst mich an, mit diesem fiesen, wissenden Lächeln.

„Was hat er dir denn gesagt?“, frage ich in der Hoffnung, dass wenigstens er ein wenig springen lässt.

„Na ja, es war so das typische Behandle-sie-gut-oder-ich-brech-dir-die-Knochen-Gespräch. Aber auf einer sehr zivilisierten Ebene.“

„Aha.“

„Auch wenn ich das Gespräch in Anbetracht der Tatsache wie lange er dich kennt, und wie lange ich dich kenne recht komisch fand.“

„Kann ich nachvollziehen.“, entweicht es mir tonlos.

„Trotzdem war ich eigentlich froh, dass er gekommen ist.“

Ach ja?

„Wieso?“

„Ich wusste danach, dass du Schluss gemacht hast.“

Ich rolle mit den Augen. Blödmann.
Was denkt der denn? Dass ich nach DER Nacht und DEM Gespräch immer noch an meinen Bedenken fest halte?

„Natürlich hab ich Schluss gemacht.“, sage ich darum selbstverständlich.

Er kneift seine Augen zu kleinen Schlitzen zusammen, mustert mich kritisch.

„Warum?“

Ha?

„Wie warum?“

Sein Blick bekommt etwas durchdringend Stechendes, fragend. Er fixiert mich komplett, beobachtet jede einzelne Gefühlsregung in meinem Gesicht.

„Warum hast du Schluss gemacht?“

Ich sehe ihn irritiert an.
Was ist das denn für eine Frage?

„Was meinst du mit warum? Das weißt du doch ganz genau.“

Warum? Warum wohl?
Seinetwegen. Weil ich ihn…

Moment mal, der wird doch nicht etwa wollen, dass ich das ausspreche…

„Nein, weiß ich nicht.“

Oh Gott… er will es…

„Na ja…weil…“

Er ist plötzlich todernst. Der Blick den er mir im dunklen Licht des Zimmers zuwirft hat komplett den Schelm verloren. Das neckische Grinsen ist vollständig von seinen Lippen gefegt.

Auch das ist ein Indiz dafür, dass er es hören will. Aber das macht mich um ehrlich zu sein ein klitzekleines bisschen nervös.
Mehr als das. Der Gedanke es ihm ins Gesicht zu sagen, macht mich fast wahnsinnig.

„Weil?“

Die heiße Phase. Jetzt werde ich die Wahrheit erfahren.
Und die Wahrheit sagen müssen.

Oh Gott…

„Willst du wirklich, dass ich das ausspreche?“, bringe ich aufgewühlt hervor und sterbe in diesen Sekunden tausend Tode.

„Würde ich sonst fragen?“

„Aber…ich…“

…trau mich nicht.

Ich sehe ihm direkt in die dunklen Augen, jedes einzelne dieser Worte brennt auf meiner Zunge. Weil sie wahr sind. Weil ich sie lebe, wenn ich in seiner Nähe bin.

„Wenn du es fühlst…dann sag es...“, flüstert er jetzt leise, fast bettelnd.

Seine Haltung hingegen reflektiert das genaue Gegenteil. Er bleibt bockig genau da stehen wo er gerade noch war. Auch wenn ich auf ihn zugekommen bin.
Er wirkt verkrampft, fast so als ob ihn etwas quälen würde.

Erinnerungen.

Denn irgendwie glaube ich zu wissen, was gerade in ihm vorgeht.
Diese Sache zwischen uns beschäftigt ihn schon viel länger als mich.
Aber diese Tatsache verdränge ich häufig, weil er mir damals nie Grund gegeben hat, das zu denken.
Weil er die Freundschaft nicht riskieren wollte. Weil er Schiss davor hatte. Weil es einfach unmöglich war.

Und ich weiß, dass da immer noch diese Sache in ihm drin steckt. Diese Sache vor einem Jahr.
Der Streit. Das Ende einer Freundschaft. Der Tag an dem wir auseinander gebrochen sind… Feinde wurden. Der Tag an dem ich es ausgesprochen habe. Diese Worte.

*Ich hasse dich.*

Vielleicht ist es der letzte Grund der ihn in Ketten hält. Der ihn davon abgehalten hat, mich in den letzten Tagen anzurufen, mir einfach zu sagen, was er will.

Es ist vielleicht sein letztes Hindernis und gleichzeitig mein letztes Opfer. Ich muss diesen Schritt gehen.

Er war mein Freund…mein Feind…jetzt ist er so viel mehr.

Er ist es wert. Auch das Opfer mich wieder mal hilflos auszuliefern.
Mich zu offenbaren.
Ihm erneut die Waffe in die Hand zu legen, niederzuknien und darauf zu warten, wie er über mich richten wird.

Er ist es wert. Er wird es immer sein.

„Ich liebe dich.“

Und es ist wieder so ein Moment. So ein vollkommener, surrealer Moment in dem die Welt stehen bleibt. Alles aufhört zu existieren. Alles außer ihm und mir.

Ich zittere, stehe nur einen Meter entfernt wie angewurzelt vor ihm. Versuche seine Mimik zu deuten.

Er schließt für wenige Sekunden seine Augen, versteht, begreift was ich gesagt habe.

Der Bann bricht.

„Danke.“, flüstert er leise, sieht mich wieder an, kommt den letzten Schritt auf mich zu.

Dann zieht er mich in seine Arme, schenkt mir einen Kuss, der mir sofort klar macht, dass diese Worte kein Opfer sondern meine Erlösung waren.

Für die nächste halbe Stunde hat sich damit die Sache mit dem „Reden“ natürlich erledigt.

Erst als wir wieder einigermaßen gleichmäßig atmen können, uns gegenseitig aus der Umklammerung lassen und uns mit leicht roten Wangen in die kajalverschmierten Augen sehen, sind wir in der Lage das ein oder andere noch notwendige Gespräch zu führen.

„Was ist das jetzt also?“, frage ich und sehe ihn an.
Er liegt seitlich zu mir gedreht, die Decke gerade mal abwärts von seinen Hüften lässt seinen nackten Rücken komplett frei, während er das Kissen fest umklammert hält.
„Willst du was Festes?“

„Ja.“, haucht er leise mit halbgeschlossenen Augen.

Und auch wenn mein immer noch rasendes Herz dadurch einen noch wilderen Satz macht, halte ich mich mit meiner Euphorie zurück.

„Was ist mit der Band? Was ist in einem Dreivierteljahr wenn du wieder auf Tour gehst? Was ist wenn du im Ausland bist und ich hier hocke und fast wahnsinnig werde, weil ich dich so sehr vermisse.“

Ich kann die Zweifel in meiner Stimme nicht verstecken und das will ich auch nicht.

Er richtet sich auf, streicht sich mit der Hand übers Gesicht, wischt den feuchten Pony aus der Stirn.

„Ich werde dir da keine Hoffnungen machen.“, sagt er rau und mir sticht es in den Magen.
„Es wird scheiße. Verdammt scheiße sogar. Für uns beide. Es werden Dinge kommen, die dich an mir zweifeln lassen werden. Sachen passieren, bei denen du dich fragen wirst ob es das alles wert ist.“
Und da war es wieder. Ich lächle still. Unbewusst hat er den Schlüsselsatz gesagt.
„Aber wenn wir zusammenhalten, werden wir das hinkriegen. Das mit dir geht schon zu lange, als das ich es aufs Spiel setzten würde.“

Er ist es wert. Auch wenn es ein Drahtseilakt werden wird. Auch wenn ich durch die Hölle gehen werde.

Trotzdem… eine letzte Sache…

„Was ist mit den Groupies?“

Er fängt an zu grinsen, obwohl ich das überhaupt nicht witzig finde.

„Die Groupies in der Vergangenheit sind alle du gewesen. Zumindest in meinem Kopf. Warum sollte ich mir also in der Zukunft Kopien suchen, wenn ich doch jetzt das Original habe?“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch, mustere ihn kritisch, aber seine Züge sind ehrlich.

Ich werde ihm vertrauen müssen und ich werde es auch tun. Es fällt mir bedenklich leicht. Ich glaube ihm. Vertraue einer jahrelangen Freundschaft.
Zumal ich sowieso weiß, dass mein privater Spion und zeitgleich bester Freund andauernd ein Auge auf ihn haben wird.
Und Bruder hin oder her, wenn er ein linkes Ding mit mir dreht, wird Tom es mir sagen. Und zwar zweihundertprozentig.

Vertrauen, ja…aber so ein klitzekleines bisschen Kontrolle kann auch nicht schaden.

„Also gut.“, flüstere ich jetzt auch grinsend.
„Versuchen wir’s.“

Damit fahren meine Hände an seine nackten Hüften, ziehen ihn über mich und er presst lächelnd seine Lippen auf meine, macht mir mit jeder Sekunde mehr klar, dass das hier so was von die richtige Entscheidung war.

Wie ich schon sagte…egal wie viel Scheiße auf mich zukommen wird, diese Opfer sind es wert erbracht zu werden, wenn ich dafür das hier habe.

Meine Fingernägel wandern über seinen Rücken, bis zu seinen Schulterblättern, ziehen ruhige Bahnen. Ich seufze glücklich in seinen Mund, spiele mit den Haarsträhnen in seinem Nacken, genieße diesen Moment einfach nur in völliger …

„Schatz, ich bin wieder…“, durchschneidet dann plötzlich die Stimme meines Vaters unseren Streifzug durch den Himmel und wir zucken auseinander, sehen beide zur Zimmertür.
Oh Fuck!
Ich hab völlig die Zeit vergessen.
„…Bill?!“, stottert mein alter Herr sichtlich vom Blitz getroffen und mustert mit weit aufgerissenen Augen das Bild das sich ihm bietet.
Wir beide, im Bett. Verräterisch nackt.
Gerade noch in einen wirklich unanständigen Kuss versunken. Eng umklammert, in ein und dieselbe Decke gekuschelt, unter der wir schon wieder die ersten langsamen, aber doch eindeutigen Bewegungen vollzogen haben.
„Oh mein Gott!“, kriegt er noch raus, dann knallt er mit völlig entstellten Gesichtszügen die Tür wieder zu.

Bill sieht mir geschockt in die Augen, sein völlig entsetzter Ausdruck treibt mir ein Grinsen auf die Lippen. Er sieht unglaublich süß aus.
So mitten drin erwischt.

Ich sehe mich eigentlich nur für diverse Bilder, die mir seit Finnland immer noch im Kopf rumspuken, revanchiert. Und zwischen ruhigem Missionar und wildem reiten ist ein himmelweiter Unterschied.

„Scheiße!“, flüstert er heiser und sieht mich entschuldigend an.

Aber es macht mir nichts aus. Sicher, das wird ein Donnerwetter geben, aber nach allem was ich hierfür schon aufgegeben habe, kommt mir das wie eine zu überbrückende Kleinigkeit vor.

„Früher oder später muss er es sowieso erfahren.“, sage ich und ziehe ihn zurück in den Kuss.

Mein endgültig allerletztes Opfer.

Und damit beginnt der Wahnsinn von neuem.
Ich heiße ihn lächelnd willkommen.





Epilog

* * *

Ein Jahr später liege ich alleine in meinem Bett und heule mir die Augen aus dem Kopf.

Nicht etwa weil er mich verlassen oder betrogen hat, nein, weil er auf Tour ist und ich ihn so sehr vermisse, dass ich schreien könnte.
Mir fehlt seine Stimme, sein Lachen, sein Geruch…mir fehlt alles an ihm. Selbst die vielen kleinen und größeren Macken mit denen er mich regelmäßig auf die Palme bringt.
Ich vermisse die Art und Weise wie er mich berührt, wie er mit mir redet. Ich vermisse das Gefühl für alles was ich bin, ausnahmslos geliebt zu werden.

Und ja, es ist schwer. Es ist verdammt schwer. Die Tage ohne ihn und seinen Bruder sind für mich wie Sambatanzen mit dem Teufel. Ich fühle mich nicht vollständig. So als ob mir jemand Gliedmaßen aus dem Körper gerissen hätte und ich trotzdem krampfhaft versuche mein Leben normal zu meistern.

Es ist ein brutaler, kalter Entzug, der mich die Droge mehr als nur einmal bitterlich verfluchen lässt.

Aber es funktioniert.

Wir müssen beide hart dafür kämpfen, aber wir kriegen es hin. Gegen die ganzen Kritiker und Neider.
Gegen alle die, die uns tagtäglich auseinander zerren wollen.

Ich halte mich aus der Öffentlichkeit so gut es geht zurück, begleite ihn nicht auf Konzerte, Interviews oder so Zeugs. Ich will kein Feuer entzünden, wo gerade erst Benzin verschüttet worden ist.

Sobald er aber hier ist, gehört er mir.

Natürlich muss er nebenher ins Studio, natürlich hat er hier auch hin und wieder Verpflichtungen, aber dadurch dass das Management auf Simones ausdrücklichen Wunsch Studio und Sitz der Zuständigen hier her verlegt hat, lässt sich selbst das Unmögliche möglich machen.

Er kann der perfekte unnahbare Star im Rampenlicht der Nation sein und trotzdem gleichzeitig ein Privatleben mit mir führen.
Es ist schwer, und es gibt viel zu selten Momente wo wir einfach wir selbst sein können, aber wir schaffen es. Weil wir daran glauben. Weil wir daran fest halten und dafür immer wieder neue Opfer bringen.

Wir stehen aber auch nicht allein da.

Tom tut alles dafür, dass es klappt. Ich bin für jede einzelne Sekunde, die ich mit ihm und Bill verbringen kann dankbar.
Das Dreivierteljahr als sie nicht auf Tour waren, sondern an ihrem neuen Album gearbeitet haben, war einfach nur riesig. Denn es wurde für den Moment ruhiger um sie und die Band. Wurde ruhiger, als sie für eine begrenzte Zeit von der Bildfläche verschwunden sind.
Die zynisch-fanatischen Augen der Öffentlichkeit haben sich ein Stück weit von ihnen abgewendet, haben sich auf etwas anderes konzentriert. Ich habe all das mit den beiden nachgeholt, was ich in dem Jahr als wir verstritten waren verpasst habe. Das und viel mehr.

Auch wenn der Hype um das neue Album, den ersten fast noch mal toppt.

Julia und ich kommen super klar. Also wirklich super. Es hat damals noch ungefähr zwei Wochen gedauert und sie hat mir verziehen. Weil sie mich verstanden hat. Weil sie die wahren Zwillinge dann doch noch in Natura erleben durfte.
Es hat glaube ich einen halben Nachmittag gedauert, in der sie die volle Ladung Kaulitz-Doppelpack abgekriegt hat, und der monatelange eingetrichterte Hass war wie weggeblasen.

Aber es überrascht mich mittlerweile noch nicht mal mehr. Ich habe es hingenommen, wie man es hinnimmt, dass der Himmel blau ist. Das sind eben Bill und Tom.

Zu Nico ist mein Kontakt natürlich merklich abgeflacht. Aber wir treffen uns noch ab und zu und trinken was zusammen. Er hat, wie Julia, recht schnell seinen Segen zu der Sache gegeben und sich damit abgefunden. Er kann seinen Bemutterungskomplex an einer Neuen ausleben.
Ich finde das nicht negativ. Im Gegenteil. Nico ist ein guter Kerl und ich wünsche ihm, dass er glücklich ist. Er verdient es.

Simone und mein Dad sind, man glaubt es kaum, nach wie vor im siebten Himmel. Wann immer sie können, hocken sie in irgendeinem unserer beiden Häuser zusammen und planen für die Zukunft, ja…die Zukunft!
Lachen, leben und lieben so hemmungslos wie sie nur können, ohne dass wir drei einen Kotzkrampf kriegen.

Wenn wir schon beim Thema sind…mein Vater hat natürlich alles andere als gut auf diese … Sache reagiert.
Er hat aber an diesem entscheidenden Abend vor einem Jahr nicht etwa rumgebrüllt, oder mir es gar verboten…nein…er hat gar nichts gesagt. Sondern sich bis mitten in die Nacht einen Schnaps nach dem anderen hinter die Binsen gekippt.

Als am nächsten Tag das Thema unvermeidlich auf den Tisch kam, war er ganz Vater. Ich bekam das Verhüten-beim-Sex-Gespräch aufs Auge geknallt.

Mit 16!

Man überlege sich das mal.
Mir wurde durch die Blume gesagt, dass er es nicht dulden wird, wenn ich die Waschmaschine oder den Küchentisch für andere Dinge als den üblichen Verwendungszweck missbrauche und sollte er auch nur mal eine Nacht lang nicht schlafen können, weil seine minderjährige Tochter in Ekstase die Toten wachkreischt, legt er Bill höchstpersönlich übers Knie.

Und damit waren wir außer der Sex-Sache beim giftigen Thema angelangt. Schließlich ist mein Beckenschubser nicht irgendwer.

Aber er hat es anders aufgenommen als ich es erwartet habe. Anstatt mich zu strafen, weil er der Sohn seiner Angebeteten ist, kam er mir mit Verständnis. Anstatt mich erneut darauf hinzuweisen, dass er doch fast so was wie mein Bruder ist, hat er mir mit einem leisen Lächeln klar gemacht, dass er sehr wohl verstehen kann, warum diese elende Sippe einen so in ihren Bann zieht.

Es war mehr als befremdend für ihn, in Bill jetzt mehr zu sehen, als seinen berühmten hin-und-wieder Ziehsohn, aber Simone hat einen dicken Teil dazu getan, dass es ihm leichter viel, als jeder von uns erwartet hatte.

Manchmal machen wir was zu fünft miteinander.

So wie in dieser Hütte in Finnland. Zusammen Abendessen oder so. Einen Film gucken. Entweder bei ihnen oder hier.

Tom pisst sich dann immer zu, weil er es schier nicht erträgt, wenn dann zufällig der Abstand zwischen bestimmten Personen während des Films immer geringer wird.

Und auch wenn dieses chaotische Abfallprodukt zweier Familien, nur schwer zusammenwachsen kann, so tut sie es doch. Langsam, aber stetig.

Mein Vater wird für die Zwillinge nie das sein, was ihr wahrer Vater für sie ist. Aber sie dulden seine Nähe, dulden es Ratschläge von ihm anzunehmen. Sie dulden, dass er ihre Mutter liebt und sie kommen zu ihm, wenn sie Hilfe brauchen, Probleme haben.

Nicht anders verhält es sich bei mir. Wann immer mich die „Männer“ dieser Zwei-Häuser-Vereinigung in den Wahnsinn treiben, flüchte ich auf einen Kaffee zu Simone. Sie ist für mich da, wie es sonst nur eine Mutter für ihre Tochter ist und auch wenn Simone nie ganz diesen Stellenwert einnehmen wird, so ist sie in meinem Leben doch das, was dem am nahesten kommt.

Tom und ich sind der Inbegriff von Dick und Doof. Beavis und Butthead. Charlie und Snoopy, Hanni und Nanni…was weiß ich. Wir machen so ziemlich jeden Scheiß miteinander, nehmen nie ein Blatt vor den Mund, sagen uns immer schonungslos die Wahrheit. Wir prügeln uns genauso wie wir uns auch heute noch ab und zu liebevoll knuddeln.

Und es gibt nie ein Problem mit seinem Bruder was unsere enge Bindung betrifft. Bill weiß ganz genau, dass Tom mein bester Freund ist.
Dass ich ihn liebe.

Aber dass diese Liebe eine andere ist als die, die ich für ihn empfinde. Sie ist schön auf ihre eigene Art und Weise, aber sie haut mich nicht so um wie die, die mein Herz zum rasen bringt, wenn er bei mir ist. Sie ist nicht so wild und hitzig wie das Gefühl tief in mir drin, wenn er mich aus den dunkel geschminkten Augen ansieht und mir irgendwas mit dieser tiefen Stimme zuflüstert. Irgendwas Süßes, irgendwas Perverses, irgendwas Neutrales…scheißegal, ich mache, was das Thema Gefühle betriff, gerade eine ganz neue Erfahrung. Ich hätte nie im Leben damit gerechnet, dass man jemanden so bedingungslos lieben kann. So aufopfernd und blind vertrauend.

Und ja, ich vertraue ihm. Ich brauche keine Kontrolle mehr. Habe keine Zweifel.

Ich sterbe fast vor Sehnsucht. Sterbe fast, weil er mir so sehr fehlt, aber ich misstraue ihm nicht. Selbst dann nicht, wenn ich weiß, dass er gerade mal wieder irgendeine wildfremde Weiberhand auf seinem Arsch kleben hat und er nur peinlich berührt lächeln kann.

Es gehört zu seinem Leben. So wie ich.

Und ich sorge mit Simone schon dafür, dass besagter Arsch immer wieder zurück auf den Boden der Tatsachen schwebt. Er hebt nicht noch einmal ab.

Aber, um ehrlich zu sein, ich glaube auch gar nicht, dass diese Gefahr noch einmal besteht. Er hat daraus gelernt. Er weiß was er hat. Und er gibt es nicht auf. Wirft es nicht weg für den verräterisch züngelnden Glanz des Rampenlichts und der wechselhaften Zuneigung des Medienstrudels.
Er liebt die Öffentlichkeit, liebt was er macht. Aber er liebt es genauso, hin und wieder Platz zu machen auf dem Thron des Olymps.
Er braucht die Momente in denen er einfach nur das sein darf was er ist. Braucht die kleine Welt, die die Starfassade unnötig macht, und ihn abschirmt vor dem was ihm tagtäglich neue Grenzen aufzeigt.

Es funktioniert.
Wir funktionieren. Wir alle.

Und auch wenn ich von dieser Sekunde an, noch fast eine Woche warten muss, bis er für gerade mal drei lächerliche Tage wieder hier ist, weiß ich, dass es auch in Zukunft funktionieren wird.

So war die Vergangenheit. So war die Gegenwart. Und so wird auch all das sein was noch kommt.

Es gibt Dinge, die sollen sein.

Schicksal, sagen manche.
Bestimmung, sage ich.


* * *

END

* * *
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