Es ist nichts mehr zwischen uns passiert an diesem Morgen.
Die hellen Strahlen der Sonne haben uns ein Stück weit in die ungemütliche Realität hinter den Illusionen der Nacht blicken lassen.

Er ging.
Mit verstrubbelten Haaren, müden Augen … aber einem ehrlichen, wunderschönen Lächeln auf den wund geküssten Lippen.

Ich sollte es nicht.

Aber ich hüpfe durch die Gegend wie ein Eichhörnchen auf Koks. Letzte Nacht hat in meinem Organismus für einen gigantischen Endorphinausschuss gesorgt und ich muss mich wirklich zusammen reißen vor Simone und meinem Vater, um nicht bald auf Drogenkonsum angesprochen zu werden.
Ich versuche es auch vor Tom zu verstecken, aber das Vorhaben ist völlig fürn Arsch. Er kennt mich viel zu gut.

Er beobachtet mich und seinen Bruder mit Adleraugen, grinst wissend. Und das obwohl Bill und ich uns wirklich aus dem Weg gehen. Wir versuchen uns so wenig wie möglich auf den knapp 100 Quadratmetern zu verkommen, weil dann der Moment unerträglich für uns beide wird.

Seine ruhigen, grazilen Bewegungen lösen ein Kribbeln nach dem anderen in mir aus, wenn ich ihm zuhöre wie er mit Tom oder Simone spricht, beginnen meine Hände zu zittern. Spüre ich ihn irgendwo in meiner unmittelbaren Nähe, ist Herzrasen ein gängiges Krankheitssymptom und wenn er mich ansieht, fängt augenblicklich in mir alles an zu brennen.
Ich muss sofort woandershin gucken, um zu vermeiden, dass ich mich vor allen an ihm vergreife.

Darum flüchte ich mittags also in mein Zimmer und da ich ihn im Keller weiß, gelingt es mir sogar meinen Puls ein klitzekleines bisschen runter zu schrauben.

Kann ja auch nicht gesund sein, andauernd Bluthochdruck zu haben.

Da liege ich also zuerst auf meinem Bett.
Dann auf meiner Couch, weil sein Geruch in den Kissen und Decken haftet und sofort wieder für unakzeptable Körperreaktionen sorgt.

Ich lenke mich ab mit Musik, versuche ein Buch zu lesen, aber immer und immer wieder schweifen meine Gedanken weg von den alten Meistern der Literatur und hin zu diesen dunklen Augen, den schwarzen Haaren und dieser elenden, gottverdammten, dummen Silberkugel…

Frustriert werfe ich das Buch gegen die Tür. Unglaublich, was der mit mir macht….

Nur eine Sekunde später steckt jemand unaufgefordert den Kopf in die Tür und als ich den Eindringling als Tom ausmachen kann, wird mir übel.

Nein, nein, nein…bloß nicht…bloß nicht…

„Was machst ’n du mit unseren guten Büchern?“, fragt er und kommt komplett ins Zimmer, verschließt die Tür hinter sich.

„I-ich…da war ne fette Spinne.“

Tom dreht sich zur Tür, sucht die Wände ab.

„Wo?“

Herrgott, bin ich behämmert.

„Jetzt ist sie hinterm Schrank.“

Er zieht seine Augenbrauen hoch.

„Aha.“

Und damit glotzt er mich an.
Aufdringlich, bohrend, fragend…Mit den Händen in den Hosentaschen, den Kopf leicht seitlich, die wirren Dreads zum Zopf am Hinterkopf, das Lächeln frech und vor allem eins: neugierig.

„Mir ist nicht gut.“, sage ich und versuche ihn abzuwimmeln.
„Ich schlaf noch ne Weile.“

„Okay…“, sagt er verständnisvoll.
„…hinterher.“

Scheiße.

„Wie hinterher?“

„Nachdem du mir gesagt hast, was zwischen euch gelaufen ist.“
Argh!
Sofort schießt mir das Blut in den Kopf, ich senke beschämt den Blick, weiche ihm aus. Mir ist klar, dass ich mich und damit auch Bill verrate.
„Sehr schön. Auf Weiber ist doch einfach Verlass, wenns drum geht interessante Dinge durch Gesichtsrötung preis zu geben.“
Er lacht lauthals.
„Mein blöder Bruder hat keine Miene verzogen.“

„Es ist nichts gelaufen.“, versuche ich die Sache runterzuspielen.
„Schon gar nicht das was du denkst.“

„Was denke ich denn?“, fragt er grinsend.

Ich rolle mit den Augen, er lässt sich auf mein Bett fallen.

„Deine kranken Fantasien möchte ich besser nicht genauer ergründen.“

Plötzlich bückt er sich, hebt was vom Boden auf. Als ich es erkenne, versinke ich in Selbstmitleid und Scham.

Mist.

„Aha.“, sagt er triumphierend und hält das blöde schwarze Armband, das ich Bill vom Gelenk gefummelt hab, in seiner Hand.
„Es ist also nichts gelaufen…?“
Ich stöhne theatralisch, schließe meine Augen.
„Verarschen kann ich mich selber.“

„Natürlich ist was gelaufen, du kleines Mistvieh.“, sprudelt es dann nach wie vor blind aus mir hervor und ich lege die Hand über meine Stirn.
„Das wolltest du doch so.“

„Hey…mal langsam…ich wollte nur, dass ihr endlich aufhört wie auf rohen Eiern umeinander rumzutanzen.“

Immer diese metaphorische Darstellung. Mein armes Gehirn.

„Wir sind nicht…umeinander rumgetanzt…“, gebe ich genervt zurück.

„Seid ihr wohl.“

„Na gut…vielleicht ein bisschen…aber …das wär alles nicht so weit gekommen, wenn du mich hier nicht mit ihm allein gelassen hättest.“

Stille. Ich bin in Gedanken schon wieder bei diesen Augen…

„Bereust du es?“

Gute Frage.

„Nicht direkt.“

„War es so schlimm?“

Ha, ha. Witzig.

„Nein, Mann….“

„War es so geil?“

Seufz.

„Ja…“
Oh! Scheiße…
„TOM!“

Blöder, kleiner…

„Wo ist dann das Problem?“

In zwei Tagen liegt das Problem.

„Ich bereue es JETZT noch nicht.“

Er scheint es sich auf meinem Bett bequem zu machen, ich höre die Matratze unter seinem Körpergewicht ächzen.

„Was ist denn jetzt genau gelaufen, Mann. Wenn man dir so zuhört, könnte man ja fast meinen du hast dir von ihm den Verstand aus dem Schädel vögeln lassen.“

“TOM!!!“, schreie ich mal wieder entrüstet und hysterisch nach Luft schnappend in seine Richtung.
„Zum letzten Mal: Ich schlafe nicht mit deinem Bruder. Und das werde ich auch nicht.“

„Sicher…“, ist alles was ich für diese Aussage ernte.
Ich bin froh, ihm nichts ins dreckig grinsende Gesicht sehen zu müssen.
„Also bislang kein Gipfelstürmen … nur rumfummeln…“

Gott…unglaublich…führe ich diese Konversation wirklich? Zum guten Glück, kann ich zumindest stellenweise mein Gesicht in meiner Hand verstecken.

„Nicht rumgefummelt …nur rumgeknutscht…“

Boden, tu dich unter mir auf…Bitte…

„Und das reicht, dass du so abgehst?“

Er murmelt irgendwas leise, für mich unverständlich, vor sich hin.

„Ja, das hat gereicht.“, gebe ich erschöpft zurück.

„Und? Ist doch schick. Ich find’s geil, wenn…“

„Gar nix ist schick, du Blödmann.“, unterbreche ich ihn und nehme die Hand tatsächlich aus meinem Geicht, richte mich auf.
„Wohl wieder vergessen, dass wir in zwei Tagen nach Hause fahren?“

Er bringt sich auf dem Bett ebenfalls in eine senkrechte Position.
Wir haben Blickkontakt, er zieht sofort beide Augenbrauen hoch, fängt an energisch vor sich hin zu fuchteln.

„Nee, ey, da drüber diskutier ich nicht schon wieder mit dir. Es geht alles, wenn man’s nur will…“

Ich seufze frustriert. Es gibt so vieles was er nicht weiß. So vieles was etwas Ernstem gnadenlos im Weg stehen würde.
Es wird nie gut gehen Zuhause.
Auch Toms naives Zureden kann mir da keine Illusionen machen.

„Ist ja auch egal. Solange wir hier sind, geben wir der … Sache nach… und dann…“

„…dann sehen wir weiter.“, unterbricht er mich und fängt an selbstgefällig vor sich hin zu grinsen.
„Ich wusste, dass er dich irgendwann noch rumkriegt. Ich hab’s ihm immer gesagt. Mir war so klar, dass du auch scharf auf ihn bist und ihr irgendwann …“

Sag mal, red ich chinesisch?

„Tom…er hat mich nicht rumgekriegt.“

„Ja … noch nicht.“

Ich seufze genervt. Keine Chance. Wie könnte ich auch nur im Ansatz erwarten mit Tom ein Gespräch über Zwischenmenschliches zu führen, ohne dass er andauernd Sex mit reinbringen muss?

„Whatever. Bist du jetzt zufrieden, nachdem du alles aus mir rausgequetscht hast?“

„Nee…ich hatte noch nicht ein einziges schmutziges Detail.“

Ich kneife die Augen zusammen.

„Du wirst auch keins kriegen.“

„Och, komm schon…“

„Tom…“, drohe ich und er lacht herzhaft.

„Schon gut, schon gut…wenigstens hast du es raus gelassen. Mein Bruder hingegen scheint plötzlich fast völlig das Sprechen verlernt zu haben.“

Na Gott sei Dank.
Aber dass er Tom davon aber so gar nichts erzählt hat wundert mich jetzt doch.

„Ich denke ihr erzählt euch immer alles?“

Er kratzt sich am Hinterkopf, fummelt an Bills Armband, welches er immer noch in den Händen hält, rum.

„Wenn es um dich geht, macht er seit einem Jahr immer dicht. Selbst bei mir.“

„Oh…“, kriege ich raus, dann schnürt sich meine Kehle zu.
Nie hätte ich erwartet, dass es ihn so umgerissen hat.
„Jedenfalls muss ich dir jetzt erzählen, in was für nem krassen Club ich bei Vio war…da war so n Typ, der hat…“, plappert dieser männliche Klatschtantenverschnitt dann locker in einem ganz anderen Thema weiter und ich versuche Bill loszulassen.

Ich darf mich in nichts verrennen. Nicht noch mehr.

Eineinhalb Tage und zwei verdammte Nächte.

* * *

Es wird Abend. Ich bin mit meinem Vater alleine im Wohnzimmer. Simone und die Zwillinge sind im Keller.
Ich kuschle mich an seine Schulter, spähe in das Buch, das er im schlechten Licht des Kaminfeuers liest.

Der Aufstieg Roms.

Ich schließe irgendwann, dicht an meinen Vater gekuschelt die Augen und genieße die Stille, die Wärme, die Geborgenheit. Das angenehme friedliche Kribbeln in meinem Bauch, die Vorfreude…

Warum kann diese Hütte nicht die Welt sein?

Ich habe einen Vater…eine Frau die sich wahrlich perfekt in der Rolle der Mutter machen würde…einen besten Freund …und jemanden der mich nur mit einem schwachen Lächeln und einer Umarmung so glücklich macht, wie ich es noch nie zuvor in meinem Leben war.

Im Ernst…das hier, dürfte ruhig meine Zukunft sein, ich hätte kein Problem damit. Ganz und gar nicht.

„Geht’s meinem Engel gut?“, fragt mein Vater in sein Buch vertieft, einfach nur um mir das Gefühl zu geben, dass er diesen Moment auf seine Weise genauso genießt wie ich.

„Ja.“, hauche ich leise.

„Nicht mehr böse, weil ich dich gezwungen habe, mit nach Finnland zu kommen?“

Er blättert um. Das Knacken der Holzscheite im Kamin macht mich entsetzlich müde…

„Nein…nicht mehr böse…“

Gar nicht mehr böse.

* * *

Um mich herum knackt es immer noch. Es ist angenehm warm. Ich registriere, dass über mir eine kuschelige Decke liegt.
Ich befinde mich der Länge nach auf dem Sofa…und irgendjemand streichelt mir über den Kopf…

Als ich die Augen öffne, kniet Bill vor mir… mit einem ruhigen Lächeln auf den Lippen.

„Komm, lass uns pennen gehen.“, sagt er leise und ich brauche einige Sekunden um vom einen Traum in den anderen zu schweben.

Ich richte mich auf, das Wohnzimmer ist leer.
Ich höre Geräusche aus dem großen Bad. Offensichtlich bin ich eingeschlafen und mein Vater ist jetzt ebenfalls dabei sich fertig fürs Bett zu machen.
So wie die Zwillinge und Simone.

Tom kommt in diesem Moment gähnend die Treppen aus dem Keller hoch und murmelt ein leicht ironisches, aber nett gemeintes „Süß“, als er uns sieht. Dann kommt Simone und Bill steht auf, bringt ein wenig Abstand zwischen uns.
Sie verschwindet völlig ahnungslos mit einem liebevollen Lächeln in unsere Richtung zu meinem Vater ins Bad und dann stehe auch ich auf, lasse mich von ihm die Treppen nach oben ziehen.

Er lehnt mich mit dem Rücken gegen die Wand des Flurs, Tom scheint gerade ebenfalls im Bad verschwunden zu sein.

Er sieht mich an, aus ebenfalls müden Augen. Und trotzdem bekommen wir beide mit jeder Sekunde länger die wir wach so nahe beieinander sind wieder ein drängendes Kribbeln.

„Gute Nacht.“, flüstert er leise und streicht mit seinen Lippen über meine.

Natürlich reicht mir das nicht.

Meine Hände fahren an den Bund seiner Jeans, ziehen ihn zu mir, während der Kuss mit jeder Sekunde intensiver wird.

Erst als das Wasser im Bad ausgeht und eventuell Tom gleich aus der Badtür tritt, lösen wir uns voneinander und sehen uns an.

„Kommst du nachher rüber?“, frage ich bettelnd.

Sag ja. Sag ja. Gott, bitte sag ja. Nein…scheiße…sag nein. Sag nein…

„Wenn du willst…“

„Ja, will ich…“

Er drückt mir lächelnd einen kurzen Kuss auf die Stirn.

„Dann bis gleich.“

Damit verschwindet er in seinem Zimmer…

…und liegt genau eine halbe Stunde später in meinem Bett.

Und dieses Mal reicht uns beiden küssen nicht mehr.

* * *

11 Uhr. Frühstück.

Vor mir sitzt Tom. Mich mega breit angrinsend.

Neben mir mein Vater. Simone mega breit angrinsend.

Am Tischende Simone. Meinen Vater mega breit angrinsend.

Bill grinst nicht, sondernd starrt. Direkt und absolut offensichtlich zu mir.
Mit einem Blick der mir sagt, dass er nicht wirklich Lust hat darauf zu warten bis es dunkel wird um mich wieder an den Rand des Wahnsinns zu treiben.

Ich…ja ich sitze da und bebe innerlich.
Ich bin mir sicher, dass ich gucke wie ein Trabbi auf dem Hockenheimring. Völlig überfordert.

Das hier ist ein Witz. Eine Farce. Eine Komödie.

Es ist alles. Aber nicht die Wahrheit. Nicht die Realität.
Das kann nicht sein. Es kann einfach nicht sein.

Letzte Nacht war …Gott…

Innerlich fange ich schon wieder an zu kochen. Ich muss mich echt beherrschen.

Scheiße.
Warum nur sind wir so weit gegangen?

Sicher, es ist nicht zum „Gipfelstürmen“, wie Tom es bezeichnen würde, gekommen, aber das was wir getan haben, war trotzdem für meine kümmerliche Existenz der Todesstoß.
Dass er mir einen hammerharten Orgasmus beschert, stand nämlich nicht auf meiner Liste. Und zwar keineswegs.
Und dass ich es ihm hinterher gleich heimzahlen muss, genauso wenig…

So ein …ich bring ihn um…Tom hat mich sicherlich gehört…aber was muss er auch tatsächlich … bis zum bitteren Ende…

…und wenn der nicht gleich seine verdammten Finger von der Tischplatte nimmt und vor mir versteckt, fange ich an mich auf diesem scheiß Stuhl selber in Ekstase zu schaukeln.

Shit. Denk nicht dran…guck ihm nicht auf die Hände…super…guck ihm aber am besten auch nicht ins Gesicht…guck ihn am Besten gar nicht an…

„Schatz, du bist so still…“, dringt die Stimme meines Vaters schwach an meinen völlig überforderten Verstand heran und ich versuche mich von diesen dunklen Augen loszureißen, versuche zu ignorieren, dass er mich mit seinen Blicken förmlich vor allen auszieht.
„...ist alles in Ordnung?“

„Ich…“, fange ich an und wieder sehe ich zu ihm zurück, erinnere mich.
Spüre wie sein Körper auf meinem liegt, seine Zunge über die Haut an meinem Hals leckt… die Kugel über meinem Puls tanzt…
…während seine schlanken Finger…
Mein Mund trocknet aus, das böse Kribbeln kommt zurück...
„..ich…“
Tom tritt seinen Bruder geistesgegenwärtig unterm Tisch ans Bein, der Blickkontakt bricht…
„…ich glaube ich hab mir was gefangen als ich vor kurzem draußen spazieren war.“, kann ich jetzt einen grammatikalisch korrekten Satz rauskriegen und sehe meinen Vater an.
„Ich hab da ein bisschen gefroren.“, erinnere ich mich an meinen Einbruch ins Eiswasser und die höllischen Schmerzen.

„Weil du auch immer so leichtsinnig nackig rum läufst.“, meckert mein Vater sofort ganz altmodischer Erzieher und widmet sich wieder seinem Kaffee.
„Du musst im Wald keinen mit bauchfreien T-Shirts beeindrucken.“, murmelt er weiter und ich verdrehe die Augen.
Als ob ich so ne Hirnlospüppi wär. Echt.
Ich hab ihm nicht erzählt, was passiert ist. Ich wollte ihn nicht beunruhigen. Und ich wollte nicht, dass er Bill durch die Mangel dreht. Was er sicherlich getan hätte, wenn er die ganze Sache mit Sauna und kein Arzt und im Bett warm halten ans Tageslicht gekommen wäre.
Wobei…mittlerweile ist das eh überholt…
„Wenn du nächste Woche zur Schule wieder krank bist…“

„Jetzt lass doch das Kind. Du warst auch mal jung.“, schreitet Simone deckend für mich ein und mein Vater verliert sofort den vorwurfsvollen Gesichtsausdruck.

„Leg dich am besten gleich nach dem Frühstück noch mal hin und schlaf ne Weile.“, sagt er an mich gewandt und wie auf Kommando…der Teufel soll mich dafür holen … fällt mein Blick zu Bill, der fast genauso ruckartig den Blickkontakt zu mir wieder hergestellt hat.

„Ja…“, krächze ich etwas heißer.
„…ich glaube, dass wäre eine gute Idee.“

Und damit wird die Unterhaltung zu was anderem hingelenkt. Irgendwas. Keine Ahnung.
Mir brennt schon wieder der Gedanke im Kopf, eventuell nicht mehr bis zum Ende des Tages warten zu müssen, um erneut ohne Flügel das Fliegen zu lernen.

* * *

Ich stürme also nach dem Frühstück in mein Zimmer, schließe die uralten Rollläden und verbiete so dem Tageslicht zu mir und meinem Wahnsinn durch zu dringen.
Ich hüpfe aus der Hose, bin mit einem Satz zurück im Bett. Sofort dringt mir sein Geruch, der in Kissen und Decke haftet, in die Nase und ich grinse seelig.

Gute Idee war das mit der Grippe.

Mein Gott, was ist nur los mit mir? Wer hat diesem Schmetterlingszuchtverein erlaubt in meinem Magen Dauerresidenz zu beziehen? Wer hat meinem Herz den Befehl gegeben seit neustem alles doppelt so schnell zu tun? Warum ist es seit gestern Nacht so unangenehm heiß zwischen meinen Beinen?
Und überhaupt…wo ist mein Verstand? Hat den wer zufällig gesehen?

Ich wälze mich auf die Seite, lausche in die Stille des Hauses. Quälende Minuten vergehen, es bleibt bis auf die wenigen Geräusche aus dem Erdgeschoß ruhig.

„Komm schon. Ich halt’s nicht mehr aus.“, murmle ich vor mich hin und kralle mich brutal ins Kissen.

Und dann höre ich tatsächlich Schritte auf der alten Treppe. Hektische Schritte.
Ich springe sofort aus dem Bett, noch ehe er zum Klopfen die Hand anheben könnte, öffne ich die alte Holztür, packe ihn am Shirt und ziehe ihn ins Zimmer.

Als die Tür zurück ins Schloss fällt, habe ich bereits meine Lippen auf seine gepresst und meine Arme um seinen Nacken geschlungen. Er packt mich an den Hüften, zieht mich zu sich.

Eine schier undenkbare Ewigkeit brauche ich, bis ich in der Lage bin, genugsam von ihm abzulassen.
Mein Herz rast, meine Lippen brennen und meine Hände kribbeln in freudiger Vorahnung.

Ich sehe ihm direkt in die Augen, erkenne so viel Feuer und Impulsivität. So viel Leidenschaft…

„Eine Sekunde länger und ich hätte dich vor deinem Vater angefallen.“, presst er hektisch hervor und zieht mich wieder in einen Kuss.

„Damit hättest du…“, nuschle ich außer Atem gegen seinen halbgeöffneten Mund.
„…sein Weltbild…“
Himmelherrgott, was macht der denn da schon wieder mit seinen Händen?
„…vollkommen zerstört.“

Er grinst schelmisch, so als ob er darauf stolz wäre, dann schiebt er mich langsam aufs Bett zu und wir lassen uns fallen.

Ich kann keinen klaren Gedanken fassen, es ist mir völlig egal, dass es helllichter Tag ist, unsere Eltern jede Sekunde rein platzen könnten, Tom uns wahrscheinlich schon wieder hören wird und das hier eigentlich wirklich nicht sein darf.

Das Bett ächzt widerwillig unter der Belastung, wir lassen uns gegenseitig keine Chance, den Verstand einzuschalten.

Nicht schon wieder. Nicht schon wieder…

Die Hände…wo sind seine verdammten Hände…?



Oh mein Gott!

* * *

Die letzte Nacht.

Und wir haben beschlossen, diese NICHT miteinander zu verbringen.
Weil die Sache eskalieren würde.

Weil ich mich nicht mehr zurück halten könnte und er genauso wenig.

Schon heute Mittag hat nicht mehr viel dazu gefehlt. Und es darf nicht passieren. Aus so vielen Gründen nicht.

Und darum liege ich jetzt also alleine, mitten in der Nacht, in meinem Bett, jeder Zentimeter meines Körpers schreit nach seinen Berührungen, mein Herz hämmert wie wild erwartend vor sich hin.
Ich schließe meine Augen und versuche mich zu beruhigen. Versuche mir einzureden, dass es das Beste ist, wenn wir ab jetzt wirklich die Finger voneinander lassen.

Morgen nach dem Frühstück fahren wir wieder nach Hause.

Und wenn ich bereits jetzt in stummen Qualen wahnsinnig werde, will ich mir nicht ausmalen, wie es wäre wenn wir den letzten Schritt auch noch gehen würden.

Ich seufze leise in die Dunkelheit meines Zimmers, gehe die letzten 14 Tage noch mal zurück. Guter Gott, niemals hätte ich hiermit gerechnet. Niemals.
Ich habe sie so sehr verachtet, habe alles gehasst was sie ausmacht.

Ich wollte ihnen diesen Hass so deutlich zeigen wie sie ihn mir im letzten Jahr zuteil kommen ließen, ich wollte ihnen so stark und kalt entgegen treten wie sie mir.

Ein Jahr. Und gerade mal 14 kümmerliche Tage später ist alles anders.

Jetzt empfinde ich für Tom Vertrauen, Freundschaft und Zuneigung, den bitteren Drang mich ihm genauso offenbaren zu können wie früher.
Und ich spüre wildes Verlangen, unberechenbare Sehnsucht und vielleicht noch etwas Stärkeres tief in mir drin für Bill. Etwas das mich so schwach macht, dass ich alles vergesse. Alle Zweifel, alle Gründe warum das hier so falsch ist, unbeachtet lasse.

Ich hätte nie gedacht, dass Himmel und Hölle so nahe beieinander liegen.

Tränen steigen in meine geschlossenen Augen, als ich dem Wind lausche, damit versuche mein eigenes Herzklopfen zu ignorieren.

Es ist so falsch…ich fühle mich so unglaublich schäbig…schuldig…
Und ich werde sterben wenn ich nach Hause komme, werde von ihnen bestraft werden dafür, dass ich es zugelassen habe ihnen so nahe zu kommen…

Werde dafür bestraft werden gesündigt zu haben…zurecht…

Ich springe auf, ertrage den Gedanken nicht mehr. Ich will die Zeit anhalten, will in dieser letzten Nacht gefangen bleiben. Ich will nicht zurück…

Ich mache Licht, krame aus meiner bereits gepackten Tasche den Block mit dem Brief an Julia hervor und setze mich auf die kleine Couch, lese ihn.
Es sind über 15 Seiten. 15 Seiten die zunächst voller Hass und Ablehnung sind. Die von Misstrauen und Angst zeugen.
Aber mit jeder weiteren Seite verwende ich andere Worte. Ich weiß, dass ich auf diesen Seiten den Wandel dokumentiert habe. Ich habe versucht zu begreifen was hier passiert, weil mein Verstand in dieser Hütte nie klar genug dazu war.
Julia wird diesen Brief nie kriegen.
Ich werde ihn einfach behalten und versuchen mit seiner Hilfe die letzten 14 Tage zu verstehen.

Als ich die letzten drei Seiten des Briefes lese, laufen die Tränen still über mein Gesicht, ich kann sie nicht zurück halten.

Ich schreibe von brutalem Verlangen, von Sehnsucht und von meiner Bereitschaft alles für ihn aufzugeben. Ich schreibe, dass ich keine Reue empfinde, obwohl ich es sollte, schreibe, dass ich nicht in der Lage bin meine Sünde zu erkennen, weil die gnadenlose Zuneigung alles überschattet.

Ich schreibe von einem Gefühl welches mir Angst macht.

Liebe.

Es ist so unglaublich lächerlich.
Aber ich kenne ihn mein ganzes Leben lang. Und ich habe ihn schon mal geliebt. Kindlich geliebt.
Warum sollte es also so absurd sein, wenn ich es jetzt wieder, auf eine noch viel stärkere Art und Weise, tue?

Weil es falsch ist. Und ich weiß das.

Ich schließe meine Augen, die Tränen tropfen auf den Brief in meiner Hand, den ich jetzt mit meinen Händen verknittere.

Ich weiß es, aber ich will es nicht akzeptieren.

Ich springe vom Sofa auf, laufe an die Tür meines Zimmers, öffne sie. Als ich nach draußen auf den Flur trete, sehe ich sofort, dass bei ihm noch Licht brennt.
Ich zögere eine winzige Sekunde, als ich in der fast vollkommenen Finsternis des Flurs stehe.

Ich schließe einen Pakt mit dem Teufel, verkaufe meine Seele. Ich flehe ihn an, mir die Sünde nicht als Sünde erscheinen zu lassen. Flehe ihn an mir die Reue und die Zweifel zu nehmen.

Und er tut es.
Es kümmert mich nicht. Wieder mal nicht. Ich bin was ich bin. Hier. In diesen 14 Tagen. Und ich brauche es.

Damit laufe ich auf diese verbotene Tür zu, klopfe leise und warte keine Sekunde ehe ich die Türklinke nach unten drücke.

Ich betrete das Zimmer.

Er sitzt auf seinem Bett. Mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, die Beine angewinkelt auf der Matratze, sein rechter Arm stützt sich darauf ab, er fährt sich nachdenklich mit der Hand durch die pechschwarzen Haare, die sein wunderschönes Gesicht umrahmen.

Als er das Geräusch der knarrenden Tür vernimmt, sieht er zu mir her. Er hat wie ich noch keine Sekunde geschlafen.

„Es ist mir egal.“, sage ich heißer und komme auf ihn zu, bleibe vor seinem Bett stehen.

Ich sehe ihn an, mustere ihn von Kopf bis Fuß und stehe sofort in Flammen. Warum nur reizt er mich so? Warum nur ist er für mich so widersprüchlich und doch vollkommen zugleich?

„Aber…“, fängt er unsicher an, seine Augen sehen gequält zu mir hoch.
„…es wäre nur dieses eine Mal.“

„Ich weiß.“

„Du wirst es bereuen.“, sagt er leise.

Denn er weiß mehr als Tom.

Aber er kennt meinen Pakt mit dem Teufel nicht.

„Nein, werde ich nicht.“

Und damit lasse ich ihm nicht die Zeit, mir zu widersprechen, knie mich zu ihm aufs Bett, umfasse mit beiden Händen sein Gesicht und ziehe ihn zu mir. Der Kuss ist scheu und unsicher, aber er verliert diese Attribute mit jeder weiteren Sekunde.

Wir sinken zurück in eine liegende Position, ich seufze erleichtert in seinen Mund, als mein Körper die vertrauten Berührungen erlösend aufnimmt, die brennende Sehnsucht zumindest für den Moment gestillt wird.

Meine Hände fahren unter das schwarze T-Shirt direkt auf nackte Haut an seinen Hüften, streichen sanft über seine Wirbelsäule und die Schulterblätter. Ich schiebe den Stoff bis hoch in seinen Nacken, empfinde es als störend, dass ich ihm jetzt nicht ungehindert an den Hinterkopf fassen kann.
Er richtet sich auf, lässt zu, dass ich es ihm über den Kopf ziehe und neben das Bett werfe.

Seine Hände werden lebendig, wiederholen das was ich gerade bei ihm getan habe und lassen mich nach nur wenigen Sekunden fast nackt vor ihm zurück.
Und ich hasse und liebe es zugleich, dass ich jetzt seinen Lippen, seiner Zunge und diesem elenden Silberspielzeug so gnadenlos ausgeliefert bin.
Er leckt über meine brennende Haut, spielt mit mir, findet mit jeder Sekunde zurück in seine selbstsichere, führende Rolle und ich bin bereits jetzt kurz davor einfach zu explodieren.

Ich kann es nicht ruhig angehen, auch wenn ich es sollte. Wenn er nicht dafür sorgt, dass ich sofort sterbe, dann tut es die kochende Ungeduld.
Mit ihr fallen die letzten Barrieren, die letzten Stoffstücke. Nicht unbeholfen, sondern geschickt. Schnell und trotzdem nicht brutal.

Vielleicht kennen wir uns einfach zu lange um überhaupt noch Hemmungen zu haben.

Mit ihm auf mir winkle ich die Beine an, mein Herz schlägt mir bis zum Hals, mein Körper zittert. Zu spüren, dass es ihm nicht viel besser geht, gibt mir das Gefühl, dass es in sich widersprüchlich richtig ist.

Mit geschlossenen Augen und einem mich vollkommen umreißenden Stöhnen auf den Lippen lässt er seinen Kopf an meinen Hals sinken, versucht vielleicht ein letztes Mal, es doch nicht so weit kommen zu lassen.

Aber wir haben die Grenze schon passiert. Zu lange schon.

Er atmet schwer, sein Körper bettelt um Erlösung. Wie meiner.

Er hebt den Kopf wieder an, sieht mir direkt in die Augen.
Und er findet die gesuchte Bestätigung, die ihn die letzte entscheidende Bewegung mit seinen Hüften tun lässt.

* * *

Es kam mir so vor, als würde sich in diesem Moment alles verändern. Nicht nur zwischen uns, überall. Die Welt wurde schöner und hässlicher zugleich.

Ein Widerspruch in sich. Von Anfang an.

Und doch war es für mich vollkommen. Ich habe es schuldlos genossen. Jede Sekunde davon.

Schließlich hat mich dieser Moment meine Seele gekostet.

* * *

Müde werfe ich meine Tasche auf mein Bett, beginne mit dem Ausräumen. Mein Zimmer kann mir nicht die nötige Normalität bieten, die ich mir erhofft habe.

18 Stunden Rückfahrt.
18 Stunden seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe.

Es kommt mir vor wie eine grausame Unendlichkeit.

Stumm habe ich das Haus verlassen, stumm stieg ich in den Wagen. Ohne Regung warf ich einen letzten Blick auf den See, die schneebedeckte Landschaft und die Bäume, die sich auch an diesem Morgen unter der Brutalität des skandinavischen Windes bogen.

Ich ging, aber ich ließ einen großen Teil von mir zurück. In diesem Haus.

Und nun sitze ich wortlos auf meinem Bett, mit der gnadenlosen Angst sie wirklich wieder zu verlieren.
Habe die Angst, dass wir hier wieder Feinde werden.
Ich habe die Befürchtung, ohne ihn nicht leben zu können.

Viele Gefühle. Aber es ist nach wie vor keine Reue. Der Teufel hält meine Seele fest umklammert.
Keine Reue.

Seufzend ziehe ich mich aus, lege mich hin. Es ist mitten in der Nacht. Ich schließe meine Augen ein letztes Mal mit dem Gedanken an ihn.

Morgen dreht sich die Welt wieder in die andere Richtung.

Der Wahnsinn endet.

* * *

Ich wache spät auf. Es ist bereits nach 12 als ich geschlagen aus meinem Bett krieche, vor meinen großen Spiegel schleiche.
Meine schwarzen, langen Haare hängen strähnig in mein Gesicht, über meine Schultern, meine Augen sind müde. Morgen ist Montag.
Schultag.

Mein Gott, was hab ich Lust.

Mein Blick fällt zum Fenster. Auf das ansprechende Haus welches direkt an unserer Grundstücksgrenze in hellem Weiß dasteht. Hohe Bäume säumen das Gelände, Trauerweiden, Birken. Das Haus ist wunderschön. Kleiner als unseres, aber wunderschön.

Ich weiß, dass sie schon weg sind.

Tom hat mir gesagt, dass sie bereits Sonntagmorgen von ihrem Manager abgeholt werden, um wieder auf Tour zu gehen. Das war auch der Grund, warum wir bereits Samstag wieder abreisen mussten.

Ich seufze also gequält, zwinge mich dazu wegzusehen, wieder hin zu mir und meinem Spiegelbild. Ich sehe mir in die Augen, versuche mich selbst zu finden.

Warum bereue ich es nicht?
Ich sollte es doch.

Mein Telefon klingelt, ich reiße mich los, hebe ab.

Es ist Julia.
Sie ist völlig aufgeregt, will alles wissen. Sie will wissen ob wir in diesen zwei Wochen Finnland für alle Beteiligten in ein groteskes Schlachtfeld verwandelt haben.

Und ich lasse sie in diesem Glauben. Gebe ihr das was sie hören will. Ich erzähle ihr mit schwacher Stimme, dass wir uns gehasst haben.
Dass es die Hölle war.

Und damit lüge ich sie nicht an. Denn das war es für mich.

Aber ich erzähle ihr nicht, dass ich sie in diesen zwei Wochen auch geliebt habe, erzähle ihr nicht, dass ich für die letzten Tage die Hölle verlassen habe und Gast im Himmel war.

Warum auch? Sie würde es ohnehin nicht verstehen. Ich bin mit Julia erst wirklich gut seit ungefähr einem Jahr befreundet. Nach der zerbrochenen Freundschaft mit den Zwillingen habe ich mir andere Freunde gesucht. Freunde die nicht automatisch auch Kaulitz-Freunde waren.

Und so kennt Julia nur den Hass und die Abneigung. Sie kennt nicht die Zwillinge vor ihrer skrupellosen Wandlung. Sie kennt nur die Arschlöcher, nicht die anbetungswürdigen herzlichen Menschen die sie waren bevor wir uns verstritten haben.

Sie hat meinen Hass immer unterstützt. Natürlich. Sie ist meine beste Freundin. Und ich habe nicht nur mir, sondern auch ihr den Hass förmlich eingeredet.

Würde ich ihr jetzt erzählen, dass ich in den letzten Tagen vertrauensseelig mit dem Feind gekuschelt und geschlafen habe, würde sie mir schätzungsweise umgehende die Männer in Weiß vorbeischicken.
Vor allem wenn sie erfahren würde, dass ich zumindest mit einem der beiden alles auf das Ende der zwei Wochen beschränkt habe.
Ich hoffe, mit aller Kraft die ich in meinem Körper habe, dass zumindest das Gerede von Tom ernst zu nehmen war und wir die Freundschaft halten können.

Nicht so wie sie früher war. Nicht so wie sie in der Hütte war.

Ich bin nicht naiv.
Ich weiß, dass das nicht möglich ist.

Aber ich will den Hass nie wieder spüren müssen. Ich will ihn kennen, will wissen was in seinem Leben passiert. Ich will, dass er mir vertraut, genauso wie ich will, dass ich ihm vertrauen kann.
Ich brauche ihn. Möchte ihn hin und wieder sehen. Und wenn es nur einmal im Monat ist.

Und ich wünsche mir, dass ich in Bill wieder dasselbe sehe wie in Tom. Einen Freund. Nicht mehr. Ich will, dass es aufhört. Ich will, dass die Sehnsucht weggeht. Dass das Verlangen nachlässt. Ich will, dass die Liebe, die er eigentlich nicht besitzen dürfte, in freundschaftliche Zuneigung umschlägt.

Als ich auflege und mich mit Julia morgen im Pausenhof verabrede, bin ich wie in einem anderen Körper.

Denn ich habe ihr tatsächlich alles vorenthalten. Kein Sterbenswort. Finnland wird mein kleines dreckiges Geheimnis bleiben.
Und dafür gibt es gute Gründe…

Seufzend verschwinde ich im direkt an mein Zimmer angrenzenden eigenen Bad, steige unter die Dusche, lehne meinen Kopf gegen die kalten Fließen.

Meine alte Welt nimmt mich gefangen.
Und obwohl ich weiß, dass es gut ist, breche ich nach wenigen stillen Sekunden unter dem heißen Wasserstrahl zusammen und weine bittere Tränen.

Sie sind mein Leben.
Immer schon gewesen. Egal welche übermächtige Emotion ich ihnen zuteil kommen ließ.
Ich habe sie geliebt. Dann gehasst.
Jetzt liebe ist sie wieder…und dieses Mal wird mich dieses Liebe wirklich umbringen.

Ich gebe mir lange.
Erst als das Wasser kalt wird, meine Lippen bereits blau sind, steige ich aus der Dusche, trockne mich ab, wickle das Handtuch um meinen zitternden Körper.

Als ich zurück in mein Zimmer laufe, höre ich die Stimme meines Vaters. Er brüllt meinen Namen, sagt, dass er zu Simone rüber geht.
Dann sagt er noch, dass ich Besuch habe und ich senke den Kopf, schließe meine Augen.

Ich höre Schritte auf der Treppe, die Tür zu meinem Zimmer öffnet sich.

Und dann steht er vor mir.

Nico. Mein Freund.

* * *

„Ich hab dich vermisst.“, haucht er heißer und kommt zu mir, reißt mich in einen stürmischen Kuss.

Mein Körper ist gelähmt, ich brauche mehrere Sekunden bis ich mich darauf einlassen kann. Er fackelt nicht lange, löst mit einer ruckartigen Bewegung das lockere Handtuch.

Ich halte ihn nicht auf. Warum auch? Wir sind seit über einem halben Jahr zusammen. Wir schlafen meistens miteinander wenn wir uns längere Zeit mal nicht gesehen haben. Und da ich meinen Vater aus dem Haus weiß…

Wir laufen rückwärts auf das Bett zu, ich schalte auf Automatik, versenke meine Hände, in seinen strohblonden, kurzen Haaren, lasse sie danach hungrig über die kräftigen Oberarme wandern.
Ich knöpfe hektisch sein Hemd auf, meine Finger gleiten über die, für einen 19jährigen doch recht stark ausgeprägten Muskelansätze.

Es ist so anders. Alles.
Seine Haut fühlt sich anders an. Seine Küsse wirken unerfahren und vor allem von ihm aus nur als Pflichtübung.
Seine Bewegungen sind ruckartiger, unkontrollierter. Seine Atemzüge wirken auf mich künstlich.
Der Sex ist nicht gerade einfühlsam. Und, da wir uns lange nicht gesehen haben, seinerseits außerordentlich kurz.

Aber es stört mich nicht.

„Ich liebe dich.“, keucht er, als er mich an seinen verschwitzten Körper zieht und meine Stirn küsst.

Keine Reue.

„Ich weiß.“, sage ich und stehe auf, verschwinde wieder im Bad um mir erneut den Schweiß vom Körper zu spülen.

Nico ist Julias älterer Bruder. Wir sind, wie schon gesagt, seit über 6 Monaten zusammen.

Er hat natürlich meinen Ärger mit den Kaulitz-Zwillingen auch mit gekriegt. Und zwar nicht zu knapp.

Er hat sich aber immer raus gehalten. Ist ihnen und einer Konfrontation zwischen uns immer aus dem Weg gegangen
Weil er das Ganze lapidar als „Kindergarten“ abgetan hat.

Er ist drei Jahre älter als ich und das lässt er mich oft spüren.

Man darf das nicht falsch verstehen. Er ist wirklich ein netter Kerl und er trägt mich auf Händen. Ich weiß, dass er mich liebt.
Und ich dachte eigentlich, ich tue es auch. Zumindest habe ich mir das immer selbst gesagt.

Es war einfach ihn kennen zu lernen. Und noch einfacher mit ihm zusammen zu kommen. Ich habe jemanden gesucht der mir Halt gibt. Jemand der in meiner von kindischen Streitereien beherrschten Welt einen schützenden, ruhigen Pol bietet. Jemand der erwachsen ist.

Und Nico hat sich in der starken Rolle zu sehr gefallen um nicht darauf einzugehen.

Unsere Beziehung ist häufig recht nüchtern. Weil er Freunde hat die älter sind als ich und die weder mit mir was anfangen können, noch ich mit denen.

Und trotzdem, es funktioniert. Mein Vater hat Nico akzeptiert. Er weiß nicht, dass ich mit ihm schlafe und ich glaube das würde ihm auch nicht gefallen. Aber er weiß, dass ich in guten Händen bin. Dass, nachdem ich meine „Brüder“ verloren habe, wieder jemanden bei mir ist, der mich beschützt.

Er hat ihm nie so vertraut wie Bill und Tom, aber es war das Beste was nach den beiden kommen konnte.

Dass er Julias Bruder ist, macht die ganze Sache in Finnland natürlich noch eine Ecke problematischer. Denn ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie sie darauf reagieren wird, wenn ich ihr sage, dass ich Nico betrogen habe.

Und genau das habe ich. Das und nichts anderes.

Und doch lässt es mich erschreckend kalt. Ich nehme mir von ihm, was er mir geben kann. Genieße die Vorteile die er mir bringt. Aber ich kann nicht gerade behaupten, dass ich mich schuldig fühle unter der Tatsache, dass mir die Berührungen eines anderen tausendmal mehr geben als seine.

Dabei habe ich vor den letzten zwei Wochen nicht so gedacht. Ich hing viel mehr an ihm. War viel abhängiger von ihm, als ich es jetzt bin. Ich hätte mir niemals vorstellen können fremd zu gehen und jetzt wo es passiert ist, ist es mir scheißegal.

Als ich wieder zurück ins Zimmer komme, hat er sich bereits wieder angezogen.

„Und?“, fragt er und schließt die Schnalle an seinem Gürtel.
„Hast du dich im hohen Norden mit deinem Kindergarten anständig gezofft?“

Ich lächle schroff.

„Sie sind längst keine Kinder mehr.“

„Sie benehmen sich aber so.“, entgegnet er völlig desinteressiert und ich spüre wie ich sauer werde.

„Lass uns über was anderes reden.“

Ich lenke ab.

Normalerweise hätte ich diese Einladung zum Ablästern nicht abgeschlagen, aber wie könnte ich jetzt auch nur ein schlechtes Wort über sie kommen lassen ohne aggressiv zu werden? Geschweige denn selbst etwas Negatives sagen…

„Was sind das denn für neue Töne?“, durchschaut er mich sofort und kommt auf mich zugelaufen.
„Du gehst der Möglichkeit dich über deine Lieblingshassobjekte zu äußern aus dem Weg?“

Er bleibt dicht vor mir stehen, mustert mich kritisch mit seinen stechend blauen Augen.

„Ich bin erwachsen geworden.“, sage ich und halte seinem Blick stand.

Es fällt mir nicht schwer.

„Das ist auch Zeit geworden. Hätte ich noch einmal den Namen „Kaulitz“ aus deinem Mund hören müssen, wären mir wahrscheinlich die Sicherungen durchgebrannt.“

Er lächelt.

„Was hast du gemacht in den letzten zwei Wochen?“, reagiere ich kein Stück auf seinen letzten Satz und suche mir aus meinem Schrank was zum anziehen.

„Ich hab am Auto rumgebastelt. Neuer Heckspoiler. Zeig ich dir morgen.“

„Aha.“, entgegne ich gelangweilt.

Nicos Faible für Cartuning hat mich noch nie interessiert.

„Ansonsten nichts Besonderes.“

Warum nur, schmerzt es mich so sehr? Nico ist bei mir. Und ich mag ihn wirklich. Ich weiß, dass er manchmal etwas eigen ist.

Und trotzdem tut es weh. Ich vermisse Bill.

Ich weiß wie es sein könnte…

…der wahre Moment…

„Sei mir nicht böse, aber ich bin müde.“, sage ich und wende mich mit der Kleidung in der Hand von ihm ab.

„Kann ich mir vorstellen. Nach zwei Wochen in der Hölle.“

„Ich ruf dich an.“

„Alles klar. Julia will morgen in die Stadt mit dir. Ich hol euch danach ab.“

„Okay.“

Er kommt zu mir, zieht mich in seinen Arm. Jetzt sind seine Berührungen zärtlicher als vor dem Sex.
Und dennoch prallt es an mir ab.

„Es ist schön, dass du wieder da bist.“, murmelt er an mein Ohr, küsst mich und geht dann.

Die Tür fällt zu.

„Nein, ist es nicht.“, flüstere ich und werfe mich zurück auf mein Bett.


Tage vergehen.
Ich gehe in die Schule, gliedere mich wieder ein. Gehe weg mit Julia und Momo, treffe mich mit Nico. Es läuft wie es immer läuft.

Äußerlich.

Innerlich frisst mich alles auf. Mit jedem weiteren Tag der zwischen der Hütte liegt. Ich werde fast wahnsinnig. Bin kurz davor auszurasten, weil ich sie so sehr vermisse.

Julia wundert sich warum ich hundertmal am Tag mit ihr telefoniere, sie andauernd sehen will. Aber ich brauche das Gefühl von Freundschaft, brauche das Gefühl jemanden zu haben dem ich vertrauen kann.

Über Nico falle ich her, als gäbe es kein Morgen. Und mit jedem Mal bin ich unbefriedigter, unzufriedener, frustrierter. Es reicht nicht. Stillt die gnadenlose Sehnsucht und das Verlangen nicht.
Es ist der falsche Körper.

Von den Zwillingen habe ich kein Sterbenswörtchen gehört. Von Tom nicht und schon zweimal nicht von Bill.
Ich versuche damit umzugehen, versuche mir einzureden, dass ich ohnehin wusste, dass es so sein würde.

Aber das ist nicht wahr. Ich habe daran geglaubt. Nicht bei Bill, aber zumindest bei Tom. Ich dachte er meldet sich. Dachte er hätte es ernst gemeint.

Und wie ich es von der erneuten Trennung erwartet habe … es bringt mich um.

Ich werde mit jedem Tag apathischer. Versuche krampfhaft in allen anderen das zu finden was sie mir gegeben haben. Aber das kann niemand.

Niemand ist wie sie. Und niemand wird jemals sein wie sie. Sie sind einzigartig.

Auch wenn ich sie für ihre Einzigartigkeit hasse.

Eineinhalb verdammte Wochen sind vergangen.
Ich küsse bereits mit meinen Lippen den Boden der Hölle, als der Himmel schließlich Mitleid mit mir hat.

Ich sitze in meinem Zimmer, wühle zwischen einem Berg Klamotten auf der Suche nach meiner Lieblingsjeans als mich das Klingeln meines Handys fast zu Tode erschreckt.
Bereits von weitem springen mir auf dem Display die 3 Buchstaben entgegen und ich bekomme Herzklopfen, fange an zu strahlen.

Tom.

„Hallo?“, frage ich unsicher und bin erst mal verhalten.

Schließlich weiß ich nicht was mich erwartet.

„Hey Süße.“, dröhnt es mir durch den Hörer entgegen.

Es hätte aber auch „Füße“ oder „Gemüse“ heißen können. Ich verstehe eigentlich so gut wie kein Wort, weil es so laut ist.

„Wo bist du denn?“, frage ich brüllend und halte mir das andere Ohr zu.

„In der Halle, die Techniker machen grad Soundcheck.“
Toll.
„..warte… da hinten ist ne Tür…ich geh mal raus…“
Und damit lausche ich seinen Schritten, beziehungsweise seinen erahnten Schritten, versuche das Pochen in meinem Schädel zu ignorieren. Mit was proben die? Iron Maiden?
Ich höre eine Tür… sie muss aus Metall sein, da sie quietscht und blechern klingt…es wird für den Bruchteil einer Millisekunde tatsächlich leiser in der Leitung.
Dann wird die laute Musik durch gnadenloses Gekreische ersetzt.
„Scheiße.“, flucht er laut und die Tür wird wieder zugezogen, die Musik hämmert wieder.
„Stehn die an jeder verreckten Tür der Halle?“

Ich kann mir einerseits ein Lachen nicht mehr verkneifen. Schon blöd, wenn man jede Regung mit ohrenbetäubendem Gekreische quittiert kriegt.

„Groupies?“, brülle ich gegen den Lärm an.

„Nee, Kreischgören.“, gibt er zurück und ich höre wieder seine Schritte.
„Groupies schreien nicht, die kriegen unsere Aufmerksamkeit anders.“

„Aha.“, sage ich deutlich unglücklicher und lasse mich zurück aufs Bett fallen.

Ich hasse Groupies, ich hasse Groupies…diese dummen, niveaulosen, blöden…

„Dann muss ich dich halt doch mit in die Umkleide nehmen…“, höre ich ihn wieder sagen und nur ein paar Sekunden später wird es still.
Fast unheimlich still.
Meine Ohren dröhnen, ich kann sein heftiges Atmen vernehmen. Offensichtlich ist die Halle groß.
„Sorry.“, sagt er und dann glaube ich zu hören wie er sich auf eine Couch oder einen Sessel fallen lässt.

„Kein Problem.“

„Also, wie geht’s dir?“

„Gut.“, gebe ich wortkarg zurück.

Ich habe mich so darauf gefreut, ihn wieder zu hören…und jetzt läuft das so…aber was will ich eigentlich? Ich muss doch dankbar sein, dass ich überhaupt was von ihm höre.

„Tut mir Leid, dass ich mich jetzt erst melde. Die erste Woche war echt scheiß stressig.“

„Ich hab sowieso nicht damit gerechnet dass du es tun wirst.“, sage ich ehrlich.

„Dann hast du aber so was von falsch gerechnet, Mädchen. Mich wirst du nicht mehr los. Nicht noch mal.“

Ich fange an zu lächeln, lasse mich zurück fallen in mein Bett.

„Im Rechnen war ich eh immer mies.“

Er lacht. Natürlich. Wir sind alle drei Vollnieten in Mathe.

„Hast du die Holzhüttenfolterkammer also noch gut überlebt?“, fragt er.
„Keine Folgeschäden, weil zu viel Kaulitz.“

„Na ja…“, setze ich an, breche aber ab.

„Also mir hat’s im Nachhinein gesehen echt gefallen.“

„Mir auch.“

„Vielleicht können wir’s ja irgendwann noch mal machen.“

Das glaubst du doch selbst nicht.

„Vielleicht.“
Es reicht mir nicht. Ich brauche mehr. Nur telefonieren macht das schreckliche Gefühl fast noch schlimmer.
„Aber erzähl…wie läuft die Tour.“, versuche ich mich abzulenken.

„Gut soweit. Die Hallen sind brechend voll, die Weiber geil…“

Und noch ein paar Kilo mehr auf mein geschundenes, nicht mehr mir gehörendes Seelchen.

„Natürlich.“

Ich klinge traurig. Wirklich geknickt. Und Tom kennt mich. Er merkt es sofort.

„Ich zieh dich damit nur auf. Es ist nicht soo schlimm.“, sagt er und will aufmunternd klingen.

„Wie schlimm ist es denn?“, frage ich scheinheilig und mein Herz schlägt mir bis zum Hals.

Lautstark. Schmerzhaft.

„Bei mir?“

Ich will es nicht wissen. Ich darf es nicht wissen…es wird mich umbringen…

„Bei euch beiden.“

Argh!

„Komm schon, das willst du nicht wissen.“, sagt er gequält.

Natürlich will ich es nicht wissen.

„Doch.“

Er schweigt. Überlegt ob er mir antworten soll. Ich weiß, dass er mir jetzt ohnehin nur eine abgeschwächte Version der Wahrheit geben wird.

„Na ja, so auf Tour schon ab und zu.“

„Also stimmt es. Ihr fickt wirklich mit Groupies.“

Mein Herz steht still.

„Na ja…also…“, druckst er rum.
Er klingt überrascht.
„Ich dachte, das wusstest du.“

Es aus der Presse zu lesen und gesagt zu kriegen sind zweierlei.

„Ich hab geblufft. Das war im Keller rein hypothetisch in den Raum gestellt.“

„Oh…sorry…“

„Ist mir egal. Ihr könnt machen was ihr wollt. Es gehört zu dem was ihr jetzt seid leider dazu. Ich werde es nie toll finden, aber ich werde es akzeptieren.“

Muss ich wohl, wenn ich sie nicht wieder verlieren will.

„Es ist wirklich nicht so schlimm wie du es dir jetzt vorstellst. Auch wenn Bill gerade…“, unterbricht er sich selbst.

Mir rutscht mein Herzt augenblicklich in die Hose.

„Was macht Bill gerade?“, frage ich verräterisch interessiert.

„Nichts. Wir klären das Zuhause. Es gibt da so zwei, drei Dinge über die ich mit dir reden muss, weil mein Sackgesicht von Bruder penetrant schweigt und mal wieder alles in sich rein frisst.“

Bedingt kann ich das vielleicht verstehen. Ich mach’s nicht anders.

„Zuhause? Hier oder wie?“

Ich runzle die Stirn.

„Jop. Komme nämlich am Wochenende zufällig in die Gegend.“, entgegnet er und ich kann sein Grinsen förmlich sehen.
„Gig in Magdeburg. Also Mörderheimspiel. Weißt du wie geil das wird?“

Ich kanns mir vorstellen.

Aber dass er gerade so vom Thema ablenkt, lässt mein Herz so brutal schlagen, dass es weh tut. Mir ist schlecht. Ich habe eine böse Befürchtung.

Aber warum auch nicht. Er kann tun und lassen was er will.

„Und du kommst mich echt besuchen?“, frage ich ungläubig, verdränge die finsteren Gedanken die mich tief von innen heraus auffressen.

„Ich wohne 20 Meter von dir weg. Warum also nicht?“

„Du hast es im letzten Jahr auch nicht getan.“

„Da hättest du mir auch was um den Schädel geschlagen, wenn ich vor deiner Haustür gestanden wäre.“

„Stimmt.“

Wir fangen beiden an zu lachen.

„Bis Samstag dann.“, sagt er ruhig und seine Worte lassen eine angenehme Wärme in meinem Körper zurück.

„Bis Samstag, Tom.“

Und damit lege ich auf.

Glasig starre ich auf das Handy in meiner Hand. Zerrissen. Schwarz und Weiß. Freude und Trauer in mir tobend.
Schreiend.

Die Seele die der Teufel fest in seinen hässlichen Klauen hält, lacht und weint zugleich.
Ich werde am Wochenende Tom sehen, aber ich fürchte was er mir zu sagen hat, wird mich umbringen.


Ich erlebe den Donnerstag und den Freitag in einer Art Seifenblase. Ich versuche alles abzuschotten, versuche mich emotional auf die Konfrontation mit Tom vorzubereiten. Nicht weil ich Angst davor habe, dass es zwischen uns anders sein könnte als in der Hütte.
Auch wenn ich noch nicht ganz begreife warum…die Angst, dass Tom hier nicht das ist, was er dort war, existiert nicht mehr.
Wir haben über die Kälte Finnlands hinaus immer noch den Willen es fest zu halten. Und das lässt die alten Wunden endlich heilen.

Die neuen, noch blutigen hingegen, werden weiter aufgerissen. Mit jeder Stunde. Denn ich habe Angst vor dem was Tom mir sagen wird.

Wirklich.
Auch wenn es lächerlich ist. Er hat es mir gesagt. Und ich habe zugestimmt. Einmal. Und dabei sollte es bleiben. Einmal.
Und wir wollten danach wieder in unsere alten Leben zurück. Wollten loslassen. Weil es nicht geht. Weil zu viel passiert ist. Weil zu viel etwas so Zerbrechlichem im Wege stehen würde.

Und jetzt fürchte ich, dass mich dieses eine, verdammte Mal tatsächlich den Kopf kosten wird.

Mein Vater und Simone stehen mittlerweile bekennend zu ihrer Liebe. Die Nachbarschaft zerreißt sich selbstverständlich das Maul.
Und auch zu Julia ist es mittlerweile durchgedrungen. Sie bemitleidet mich aufrichtig, auch wenn sie sich wundert, dass ich mit dieser Situation vollkommen gelassen umgehe. Ich freue mich für meinen Vater. Ich freue mich für Simone. Es ist mir egal, was hinten rum die Leute sagen, nur weil zwei geschiedene Menschen wieder Lust auf eine Partnerschaft haben.
Gut, dass Simone ausgerechnet die Mutter von Deutschland bekanntestem Zwillingspärchen ist, heizt die Sachlage noch mal an, aber wie schon gesagt: es ist mir egal.

Ich kann die negativen Blicke auf dem Schulhof genauso gut ignorieren wie das Anschleimen der zahllosen Wannabe-Bekannten.

Was ich allerdings nicht ignorieren kann, ist meine stetig wachsende Ungeduld und Nervosität die ich Freitag Abend schließlich in mir stecken habe. Eine kontroverse Gefühlsmischung aus „Nicht-auf-eine-Arbeit-gelernt-haben“ und „Freudig-erwartendem-Lampenfieber“.

Irgendwie unangenehm…und dann wieder nicht.

Nico ist in der letzten Zeit oft mies drauf.
Und ich kann es ihm nicht verübeln. So sehr wie ich ihn kurz nach meiner Rückkehr aus Finnland fast mit Haut und Haaren aufgefressen habe, so knallhart weise ich ihn jetzt zurück.

Ich kann ihn noch nicht mal richtig küssen. Auch wenn ich mich dazu zwinge, weil ich auf keinen Fall Misstrauen in ihm aufkommen lassen will.

Mit Julia verhält es sich ähnlich. Ich hab in den letzten Tagen kaum mit ihr gesprochen, ziehe mich mehr und mehr zurück.

Als es endlich Samstag wird, bin ich kurz davor vor Nervosität tot umzufallen.

Es ist gerade mal 3 an diesem herbstlauen Tag als mein Vater nach Ertönen der Türklingel schließlich durchs Haus brüllt:

„Schatz, die Zwillinge sind hier.“
Mein Herzschlag setzt aus.
„Ich schick sie hoch. Ich hoffe du hast was an.“, grölt er heiter klingend hinterher.

Die Zwillinge? DIE? Also in der Mehrzahl?

Oh Nein…oh nein…oh nein…

Ich sehe mich hektisch und völlig sinnlos panisch um. Ich bin völlig ungestylt…das Zimmer ist nicht aufgeräumt…nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass er mitkommt…

…scheiße…

Die Tür öffnet sich.
Tom betritt mein Zimmer. Mit einem offenen freundlichen Grinsen im Gesicht. Er breitet noch im Türrahmen die Arme aus, was ihn in seinen viel zu weiten Klamotten aussehen lässt wie ein bunter Mönch mit Dreads.
Äh, na ja, ein merkwürdiger bunter Mönch mit Dreads eben.

Nur wenige Sekunden später presst er mich an sich, umarmt mich herzlich und vollkommen ehrlich.

Ich würde wahrscheinlich vor Freude die ein oder andere Träne verdrücken müssen, würde mein Blick nicht über Toms Schulter auf seinen schwarzhaarigen Bruder fallen.

Noch während ich zerrissen die Umarmung erwidere, versuche, mich auf seine Worte zu konzentrieren, starre ich also Bill an, der gerade mal einen Schritt in mein Zimmer gemacht hat und dann stehen geblieben ist.
Er ist völlig starr, ohne Regung im Gesicht. Seine Augen sind wie üblich dunkel geschminkt, seine Haare akkurat in der populären Frisur formvollendet.

Wir haben Blickkontakt.
Aber ich würde es eigentlich eher willenloses Anglotzen nennen.

Langsam, ganz langsam, wird Toms Stimme leiser, das taube Gefühl um mich herum wird intensiver und alles was ich sehe ist er.
Alles woran ich mich erinnere ist diese Nacht.

Mir kommt es vor wie der Bruchteil einer Sekunde, aber tatsächlich muss dieser Moment im Minutenbereich gelegen haben.

„Hallo? Noch da?“, wedelt Tom mit seiner Hand vor meiner Nase rum, ich zucke zusammen und er wendet sich dann genauso gestikulierend an seinen Bruder.

Erst jetzt registriere ich, dass die Umarmung längst beendet worden ist.

Ich schüttle den Kopf, versuche aus dem unwirklichen Zustand auszubrechen. Mir muss irgendwas einfallen um die Peinlichkeit herunter zu spielen.

„Sorry, war irgendwie ungewohnt.“, sage ich mit trockener Kehle und wild klopfendem Herzen.
„Es ist so lange her, dass ihr hier gewesen seid.“
Tom seufzt leise vor sich hin. Fluchen tut er auch, wenn ich das richtig höre. Aber ich bin immer noch nicht ganz da und verhöre mich vielleicht auch ganz einfach.
Bill hat sich mittlerweile auch komplett gefangen und trotzdem steht er völlig verloren und unsicher im Zimmer. Der Anblick ist ungewohnt.
So sieht man ihn selten.
„Aber es ist schön, dass ihr gekommen seid.“, füge ich leise hinten an.

Dann könnte man für eine kleine Ewigkeit eine Feder fallen können.
Tom wartet darauf, dass Bill was sagt … ich warte darauf, dass Bill was sagt … aber er kriegt den Mund nicht auf.

„Wir haben dir was mitgebracht.“, übernimmt deshalb das sonst so coole HipHop-Hörnchen in den Riesenklamotten überdreht die Führung wieder und zieht etwas hinter seinem Rücken vor.
„Nen Backstagepass für heute Abend. Du musst kommen.“

„Äh…“

„Du MUSST kommen.“, sagt er und der Ausdruck duldet keine Widerrede.

Er drückt mir die eingeschweißte Plastikkarte in die Hand. Ich drehe sie in meinen Händen hin und her, betrachte das kleine Bild von den Zwillingen und ihren beiden Freunden, lese den so erfolgreichen, absurden Namen…

„Eigentlich hab ich schon was vor.“, gebe ich mit mulmigem Gefühl im Magen zurück.

„Das ist mir scheißegal. Mitbringen, die Schnecke! Der Pass zählt auch für zwei.“

Oh Tom, du Unwissender …

Mein Blick fällt zu Bill, der da steht, nach wie vor und mich ansieht. Sein Blick ist anders als gerade noch. Emotionaler, gequälter.
Er weiß ganz genau mit wem ich mich treffe. Er erkennt es an der Art und Weise wie ich es sage. Schließlich weiß er von Nico. Ich habe ihm an dem Abend als ich ins Eis gebrochen bin von ihm erzählt.

„Es ist ein er.“, sage ich und senke den Kopf.

Kurz ist es wieder totenstill, Tom ist sichtlich irritiert.

„Oh…“
Er wirft einen Blick über seine Schulter zu seinem Bruder.
„Na ja…wie auch immer. Dann kommst du eben mit …ihm.“

„Ja, vielleicht.“, murmle ich leise.

„Wenn du nicht kommst, leg ich dich morgen übers Knie. Ich hoffe dir ist das klar.“, scherzt er und zieht die Augenbrauen hoch, fummelt an dem schwarzen Nike-Armband an seinem Gelenk rum.

Wieder wandert mein Blick zu Bill. Er steht immer noch völlig bezugslos da und starrt stur vor sich hin.

„Es ist … nett, dass du dich Tom angeschlossen hast.“, sage ich in seine Richtung und würde mir am liebsten augenblicklich die Zunge abbeißen.

Nett. So ein behämmertes Wort.

Aber ich will mit ihm reden, ich will auf ihn zugehen, will dass wir darüber sprechen können, was zwischen uns passiert ist. Auch wenn wir uns versprochen haben, genau das nicht zu tun. Wir wollten es beide einfach vergessen. Hinnehmen.
Aber ich kann nicht. Nicht wenn er vor mir steht.

Er nickt verkrampft.

Nicht die Reaktion die ich erhofft hatte.

Verdammt noch mal, sag was…irgendwas…

„Ja…also….“, schlüpft Tom mal wieder in die peinliche Stille und lässt sich auf mein Bett fallen.
„...erst wollte er mit … dann wieder nicht … dann unbedingt … dann wieder auf gar keinen Fall …“

„Tom!“, macht Bill jetzt zum ersten Mal seinen Mund auf.

„…und jetzt steht er hier und sagt kein Wort. Mann ey, ist das kompliziert mit euch.“
Ich drehe mich entsetzt zu Tom, sehe ihm ins Gesicht.
Er starrt ausdruckslos im Liegen an die Decke, mit hinterm Kopf verschränkten Armen.
„Soll ich vielleicht kurz ne Rund um den Block laufen, damit ihr …“
Er malt Gänsefüßchen in die Luft.
„…“reden“ könnt. Oder muss ich erst wieder tuntig kuppeln wie ein Weltmeister, dass ihr endlich checkt was mir schon seit Jahren klar ist?“

„TOM!“, schreien Bill und ich jetzt gleichzeitig und Besagter zieht die Augenbrauen hoch, zuckt genervt mit den Schultern.

„Is ja gut, ey.“

„Ich muss jetzt eh los. Soundcheck und so.“, sagt Bill etwas kratzig mit harter, abweisender Haltung.
„Wollt nur kurz „Hallo“ sagen. Bis dann.“

Und damit dreht er sich der Tür zu, geht den einen Schritt den er am Anfang getan hat zurück und verlässt damit mein Zimmer wieder.

Ohne meine Reaktion abzuwarten.

Ich starre die leere Tür an, spüre wie sich unerwünschte Flüssigkeit in meinen Augen sammelt.

„Du hast ja noch nich mal „Hallo“ gesagt, Mann!“, brüllt Tom ihm hinterher und richtet sich auf.
„Feige Sau.“

Ich lasse mich zu ihm aufs Bett fallen, meine Augen kleben nach wie vor auf der Tür.

„Ich fasse es nicht…“, stammle ich benommen vor mich hin und würde mir in diesen Sekunden wünschen einfach aufhören zu existieren.

„Echt. Ich raff’s auch nicht. Ich weiß nicht was der Spinner für ein Problem hat.“
Ich schlucke unbehaglich. Ich wüsste da vielleicht so ein, zwei Antworten drauf.
„Aber das ist ja mit ein Grund warum ich hier bin. Also…am Besten…“, sagt er und dreht sich damit auf dem Bett sitzend zu mir. Ich bin froh, dass er die Cap so tief ins Gesicht gezogen hat und ich ihm dadurch nicht direkt in die Augen sehen muss.
„…fangen wir noch mal in Finnland an. Was genau ist in der letzten Nacht gelaufen?“

Ich stöhne jämmerlich, schließe die Augen und lasse mich zurück auf die Matratze fallen.

„Zwing mich nicht dazu, Tom…bitte…“

Ich will da nicht drüber reden. Gott ich könnte das nie aussprechen.

„Also habt ihr miteinander gepennt!?“, sagt er in einer völlig normalen Tonlage, mehr feststellend als fragend, während mich das Ausgesprochene schier einen Salto rückwärts auf dem Bett machen lässt.
Ich krieg natürlich den Mund nicht auf, liege einfach nur da und bete, dass der Moment vorüber geht.
„War mir ja von Anfang an klar, dass es darauf hinaus läuft.“, bestätigt er sich seine Frage damit selbst.
„Nur … was soll jetzt das Theater? Warum rufst du ihn nicht an? Warum er dich nicht? Warum scheuert er mir fast eine, nur wenn ich deinen Namen sage. Und warum kommst du heute Abend mit nem anderen Stecher aufs Konzert?“

Der letzte Satz quält mich unglaublich.

Ich öffne meine Augen, richte mich auf, versuche ihm direkt ins Gesicht zu sehen, auch wenn es mir schwer fällt.

„Der Stecher ist mein Freund.“, sage ich leise und versuche sofort in seinem Blick die Reaktion herauszulesen.

Quälende Sekunden bleibt er still.

„Seit wann?“, fragt er dann sichtlich geschockt.

„Seit über einem halben Jahr.“

„Oh.“

Ich senke mit einem bitteren Lächeln den Kopf.

„Genau: Oh.“

„Liebst du ihn?“

„Wen?“, frage ich irritiert und suche erneut Blickkontakt.

„Den Typen.“

„Nicht so wie ich Bill liebe.“

Meine Augen weiten sich, schützend legt sich für den Moment die Hand über meine Lippen…

Oh mein Gott. Ich hab es ausgesprochen. Oh mein Gott…

„Dann mach Schluss.“

Fass dich!

„Wozu? Um für eine erinnerungsbedingte, chancenlose Affäre eine feste, sichere Beziehung aufzugeben. Klingt das so sinnvoll?“

„Sie ist nicht chancenlos.“

„Doch ist sie. Tom, sieh dich doch an. Sieh mich an. Ihr werdet heute Abend vor zehntausend Leuten eine Riesenshow abziehen, werdet morgen vielleicht wieder irgendwo in Polen, Holland oder weiß Gott wo auftreten. Wie soll ich damit klar kommen? Wie soll ich, wenn es mir schon so schwer fällt, meinen besten Freund mit der ganzen Welt teilen zu müssen, es hinkriegen dasselbe mit ihm zu tun.“

Tom fängt an zu lächeln.

„Du kennst dich definitiv nicht mit unserem Tourplan aus, oder?“

Ich runzle irritiert die Stirn.

„Nein, wieso?“

„Wir sind in zwei Wochen fertig mit der Tour. Danach geht’s hier locker fürs nächste Dreivierteljahr erstmal ins Studio um das neue Album aufzunehmen.“

Und mal wieder fühle ich mich wie ins Gesicht geschlagen.

„Was?“

„Du wirst uns ne ziemlich lange Zeit direkt an der Backe kleben haben.“

Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, meine Augen sind weit aufgerissen. Fragend. So vollkommen überfahren. Ich bin noch nicht mal zu einer Emotion fähig. Nur den Schock den diese Aussage mit sich bringt, spüre ich gerade in jeder noch so kleinen Zelle sitzen.

„Wa- warum hast du mir das nicht gesagt?“, stottere ich und sehe nächtelanges Rumflennen, weil ich sie Wochen-, ja sogar Monatelang nicht sehen werde, als sinnlos dahin treiben

„Du hast mich nicht gefragt.“

Ich haue ihm für diese Frechheit natürlich sofort auf den Schenkel.

„Tom…du Sack…du hast zu mir selbst gesagt, dass es schwierig wird, wenn wir wieder hier sind. Was hast du denn dann gemeint, wenn nicht das?“

„Na ja, ich dachte halt, dass du in deiner gewohnten Umgebung wieder bitchig wirst.“

Und damit kann ich mich nicht mehr beherrschen. Jetzt muss der aufgestaute Druck raus. Jetzt sofort. Oder ich fange mit lachen und heulen gleichzeitig an. Und das würde irgendwie dumm aussehen.

Ich stürze mich also auf ihn, nagle ihn zurück in die Matratze und schüttle ihn so lange an den Schultern, bis die Cap von seinem Kopf rutscht, er vor lauter lachen, gleichzeitig motzen und versuchen sich zu wehren, fast vom Bett fällt.

Als ich schließlich von ihm ablasse, meine Haare richte und versuche wieder zu Atem zu kommen, richtet auch er sich auf, bringt fluchend die Cap wieder in ihre ursprüngliche Ausgangsposition.
Auf die abstehenden Dreads rechts, mache ich ihn besser nicht aufmerksam, sonst massakriert er mich.

„Ich hab’s dir nicht gesagt, weil ich dachte, dass er das tun wird.“, sagt er dann ruhig und ich sehe ihn an.
„Er war so umgedreht da oben. Ich mein, ich weiß, wir beide waren es. Wir haben echt gemerkt wie scheiße wir uns manchmal verhalten haben, wie …“
Er zögert. Seine Augen blitzen.
„…na ja…nennen wir es arrogant … wir stellenweise selbst zu Leuten, die wir mochten geworden sind.“
Oha. Welch weise Worte, aus solch törichtem Mund.
„Jedenfalls haben wir daraus gelernt. Bill und ich haben in Finnland nicht so viel gequatscht wie auf Tour oder zuhause, aber das was wir geredet haben, war eindeutig. Er war froh da oben gewesen zu sein. Er hat genauso viel mitgenommen wie ich. Und er will es genauso festhalten.“

„Warum hat er mir dann schon dort gesagt, dass diese …Sache…“
Ich fuchtle, einen Kreis zeigend, vor mir rum.
„…hier vorbei sein wird?“

„Na ja, weil er eben nicht sicher war, wie lange unser Frieden hier halten würde. Er ist der Pessimist von uns beiden. Ich schätze er hat dem Ganzen einfach keine Zukunft gegeben.“
Ich senke den Kopf, seine Worte tun mir weh.
„Und wenn er wusste, dass du einen Freund hast, dann wird das sicherlich der Hauptgrund gewesen sein.“
Ich presse meine Kiefer aufeinander, halte die Luft in meinen Lungen gefangen und sehe zu ihm auf, sein Blick mustert mich fragend, eindringlich.
„Wusste er es?“

„Ja.“, flüstere ich beschämt.

„Dann wundert es mich echt, dass er es überhaupt dazu kommen lassen hat. Es ist eigentlich nich so sein Ding in ne Beziehung rein zu funken.“

Mit diesem Satz entweicht mir der zurückgehaltene Sauerstoff wieder, ich würde mich am liebsten selber verprügeln.
Denn schätzungsweise wäre es auch gar nicht dazu gekommen, wenn ich mich hätte beherrschen können.

„Es ist meine Schuld. Ich bin mitten in der Nacht zu ihm, obwohl wir vereinbart hatten es zu lassen.“

Ich habe betrogen. Ich. Und trotzdem…keine Reue. Braver Teufel, guter Teufel…

„Völlig egal. Mir ist nicht ganz unbekannt, dass da zwei dazu gehören und ich gehe jetzt mal nicht davon aus, dass du ihn vergewaltigt hast, also…“

Er zuckt mit den Schultern.

„Was soll ich denn jetzt machen?“, frage ich frustriert und starre direkt in die Augen der genetischen Kopie meiner Sünde.

„Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Das musst du wissen. Du ganz allein. Ich kann dir sagen, dass es nicht einfach wird. Er scheint gerade der Ansicht zu sein, dich mittels Groupies aus dem Hirn zu kriegen und ein rankommen an ihn ist fast nicht drin. Hast du ja gemerkt.“

Und da war es wieder. Dieses Stechen in der Brust.

„Er macht also echt mit Groupies rum?“, frage ich matt und nicht wirklich interessiert.

Schließlich kenne ich die Antwort schon.

„Seit neustem nicht zu knapp. Eigentlich fast nach jedem zweiten Konzert.“

Mir entgleisen alle Gesichtszüge.

Wir sind seit zwei Wochen zurück. Sie haben durchschnittlich vier bis fünf Konzerte pro Woche. Das heißt dass …
Oh Gott…

Ich schließe meine Augen.

Aber was will ich? Schließlich habe ich mit Nico versucht genau dasselbe zu erreichen, was er mit seinen willigen Fans versucht.
Verdrängen. Loslassen.

Aber da waren die Karten noch anders.
Da wusste ich noch nicht, dass sie den Kontakt wirklich zu mir suchen würden. Da wusste ich noch nicht, dass wir es wirklich festhalten werden. Und da wusste ich auch noch nicht, dass ich sie die nächste Zeit direkt bei mir haben würde.

Hätte es einen Sinn? Hätte ich eine Chance wenn ich es versuchen würde?
Was wäre in einem Dreivierteljahr?
Was wenn er irgendwo jemanden kennen lernt der ihn so anhimmelt, dass er nicht widerstehen kann? Was wenn ich ihn nicht teilen kann? Was wenn mich sein Bekanntheitsgrad wahnsinnig macht?
Was wenn er mit den Groupies nicht aufhören kann?

Es wird mir schlagartig bewusst.

Es würde nicht gut gehen. Trotzdem nicht. Zu viele Fragen, zu viele Negativfaktoren.

„Wenn ich heute Abend komme, werde ich mit Nico kommen.“, sage ich mit hängenden Schultern.
„Und ich denke, dass es das Beste ist, wenn ich euch dort aus dem Weg gehe.“

Damit sehe ich vorsichtig zu ihm, sein Gesichtsausdruck ist nicht gerade begeistert.

„Wie ich schon sagte: Das musst du ganz alleine entscheiden. Hier höre ich auf mit meiner Kuppelei, das versprech ich dir hoch und ehrlich. Hätte ich vorher gewusst dass du…“, unterbricht er sich selbst und kneift kurz die Augen zusammen.

„…hättest du es trotzdem gemacht.“, vollende ich seinen Satz und sehe ihn mit einem schwachen Lächeln an.

Er grinst.

„Wahrscheinlich. Schließlich ist er mein Bruder.“

Ich seufze schwer. Der Muskel in meiner Brust fühlt sich an wie ein Stein.

„Es ist besser, wenn wir uns an die Vereinbarung halten. Ich ruf dich vorm Konzert noch mal an.“, sage ich dann und stehe auf.

Er tut es mir sofort nach.

„Okay.“

„Danke.“, hauche ich leise und er nimmt mich in den Arm, presst mich an sich.

„Ich will dir da jetzt echt nicht in die Entscheidung kacken, aber du weißt hoffentlich, dass es für euch beide die Hölle sein wird, wenn ihr so oft miteinander auskommen müsst und ihr trotzdem dazu gezwungen seid, so zu tun, als wärt ihr nur Freunde.“

„Ich weiß.“

„Wenigstens check ich jetzt, was mit ihm los ist. Ich hasse es, wenn er so scheiße melancholisch vor sich hin schweigt und ich nicht weiß warum.“

Ich ringe mir wieder ein Lächeln ab.

„Bis heute Abend.“, sage ich und ich weiß, dass ich kommen werde.

Mit Nico. Ich werde ihn einfach überreden. Ich weiß noch nicht wie ich das mache und wie ich ihm erkläre, dass aus Hass plötzlich wieder Freundschaft wurde, aber ich werde mir schon was einfallen lassen. Und ich werde keine Widerrede dulden. Ganz egal, was er sagt.

Warum eine sichere Beziehung für eine riskante Affäre aufgeben?

Es wäre völlig idiotisch.

„Bis später.“, entgegnet er und geht.

Heute Abend werde ich den Teil der Abmachung besiegeln. Ich werde ihn loslassen, werde es vergessen.
Ich werde ihm da entgegen treten wo er mich umreißen wird. Auf seinem Berg, auf seinem Thron.
Auf der Bühne.

Und trotzdem werde ich stark bleiben.

Weil ich es muss.


„Du hast echt n Schatten.“, meckert er wiederholt und rast so brutal um eine Kurve, dass ich mich im Sitzgurt festkralle.

„Ich weiß es so langsam, Nico. Du sagst es mir nicht zum ersten mal.“

Es dämmert bereits, die Straßen sind nass vom heute Nachmittag gefallenen Regen.

„Wenn du mit den Wixern unbedingt wieder Freundschaft schließen musst - was ich ja echt nicht wirklich verstehen kann - meinetwegen, aber was musst du denn auf so ein pubertäres Deppentreffen mit Tinituspotenzial?“

Warum noch mal wollte ich unbedingt, dass Nico mitgeht? Ach so, ja, er sollte mich beruhigen und nicht AUFREGEN!

„Konzert heißt das. Und ich gehe hin weil sie mich eingeladen haben und ich sie noch nie wirklich live in einer großen Halle gesehen habe. Darum.“

Er krallt sich im Lenkrad seines aufgemotzten Golf fest, dreht Sean Paul noch ein Eckchen lauter.
Eigentlich ist eine Konversation fast unmöglich.

„Das sind kleine Kinder, verdammte scheiße.“

Damit nehme ich meinen Blick von der Straße, sehe ihn an. Sein Gesicht wirkt verbissen und kantig.
Aber auch ich hab sein Geschrei jetzt satt.
Ich drehe die Musik fast auf Aus, was ich mit einem wütenden Grunzen quittiert kriege.

„Die Zwillinge sind über ein halbes Jahr älter als ich.“, sage ich ruhig und tief.
Er merkt, dass ich jetzt selbst wirklich sauer werde.
„Bin ich denn in deinen Augen dann auch ein Kind?“

Er sieht kurz zu mir, dann zurück auf die Straße, geht vom Gas.

Eigentor, mein Freund.

„Nein…Mann, natürlich nicht… aber was willst du denn da? Und überhaupt, was soll ICH da?“

Ich kneife meine Augen zusammen, setze zum tödlichen Schlag aus. Ich habe nur darauf gewartet diesen Stein heute Abend fallen zu lassen.
Ich hätte es niemals tun sollen, aber der Zorn über sein lächerliches Verhalten hat es hervorprovoziert.

„Wäre es dir lieber wenn ich mit ihnen den ganzen Abend und vielleicht die ganze Nacht alleine bin?“, frage ich dunkel und er erkennt die Anspielung die ich machen wollte.

Er sieht mich an, vergisst die Straße fast vollkommen.
Ich weiß, dass ich mit dem Feuer spiele. Ihm wäre bis gerade eben nie der Gedanke gekommen, dass zwischen mir und ihnen mehr als Hass und Freundschaft sein könnte.

„Nein.“, gibt er kratzig zurück.
„Das will ich nicht.“

„Dann sei ruhig und akzeptiere, dass wir wieder klar kommen. Dieses Konzert ist so was wie die Besiegelung unseres Friedens.“

Und gleichzeitig mein größter Kampf mit dem Regenten des Berges. Aber das muss Nico ja nicht wissen.

„Meinetwegen.“, gibt er unsicher zurück und konzentriert sich wieder auf die Straße.

Die Musik bleibt leise. Wir reden kein Wort mehr miteinander bis wir vor der Halle ankommen.

Die Menschenmassen und die Hysterie, die wir bereits auf dem Parkplatz sehen, lässt mir ein unangenehmes Kribbeln über den Rücken hetzen.

Überall rennen Mädchen rum. Kleine, Dicke, Große, Dünne...
Blond, Brünett, Schwarz…
Manche mit Eltern, manche in einer ganzen Clique. Viele sind Blutjung.
Aber wie erwartet sind auch nicht wenige von ihnen ungefähr so alt wie ich. Einige sogar älter.

Und eine nicht unerhebliche Anzahl dieser Mädchen ist bildhübsch. Und verpackt in Stoff der Marke: weniger ist mehr.

Im Gegensatz zu denen die sich Namen auf Arme und Gesicht kritzeln, sind sie ruhig, schreien nicht wie besessen rum. Es kümmert sie nicht ob sie zuerst oder zuletzt in die Halle kommen werden.
Sie werden später ihr Glück versuchen. Später, wenn das Konzert vorbei ist und die AfterShowParty im „Delivery“ steigt.
Später, wenn sie mit List und Tücke versuchen werden, einen der vier um die perfekt manikürten Fingerchen zu wickeln.

Bevorzugt meine personifizierte Sünde.

Und vielleicht wird er sich auch heute Abend darauf einlassen.

Als ich aus dem Wagen aussteige, mit Nico auf die Halle zulaufe, kommt mir der Gedanke, dass das hier wirklich eine scheiß Idee war.

Natürlich will ich stark sein. Natürlich will ich ein Exempel statuieren. Und natürlich will ich mir selbst etwas beweisen, aber ich fürchte, dass es mich viel Kraft kosten wird. Denn ich werde nicht nur gegen den Olymp und seine Götter, sondern auch gegen seine zahlreichen Anhänger bestehen müssen.

* * *

Ich leide wie ein Tier.

Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, meine Hände sind eiskalt.
Das Geschrei und der fanatische Puls der kochenden Halle schickt mir ein Zittern nach dem anderen durch den Körper, ich würde mir einfach wünschen aufspringen zu können und zu gehen.

Aber ich kann nicht. Ich bin wie festgefroren, auf dem harten Sitz, meine Augen sind starr aufgerissen. Ich kralle mich so sehr an Nicos Hand, dass ich fürchte, ich breche ihm gleich die Finger und es fehlt in diesen Sekunden wirklich nicht mehr viel und ich höre einfach auf zu atmen.

Ich sitze in der Backrow der Halle. Sie ist direkt rechts über der Bühne. Dunkel, abgelegen. Ohne den ganzen tollen Schnickschnack den sich viele vielleicht erdenken.
Die Stühle sind aus altem Holz, der alte Parkettboden morsch und schmutzig.

Aber wir sind so nahe wie kaum einer der Fans aus der Halle an ihnen. Sehen und Hören am besten. Und wir hätten theoretisch die Möglichkeit direkt in den Backstagebereich zu gehen, ihnen dabei zusehen wie sie in ihre Umkleiden laufen, Gitarren wechseln, was trinken…

Könnten theoretisch.
Aber ich bin mit Nico durch die Gänge geschlichen wie ein Verbrecher. Ständig mit gehetzten Augen und eingezogenem Kopf. Ich wollte nicht, dass sie mich mit ihm sehen. Wollte nicht, dass ich mit ihnen sprechen muss, während Nico sich besitzergeifend an meine Hand klammert.
Dabei ist es eher so, dass ich mich an ihn klammere.
Er ist es wieder mal. Meine sichere Mauer, mein Fundament, meine Sicherheit. Der Ruhepol in meinem Leben.
Ich wäre schon auf dem Weg hier her zusammen geklappt, wenn er nicht bei mir gewesen wäre.

Und doch kann mir jetzt die Mauer keinen Schutz mehr bieten.

Ich weiß nicht, ob es an der umwerfenden Atmosphäre liegt, die die zehntausend Menschen direkt unter mir erschaffen, oder ob es wirklich nur die vier und ihre Show sind.

Ich denke es ist eine perverse Mischung aus beidem. Sie sind wie eine Einheit. Sie und ihre Fans.
Sie bilden zusammen, in dieser Konstellation, ein perfektes Individuum. Der eine kann ohne den anderen nicht existieren. Und das wissen sie. Und dieses Wissen zeigen sie sich. Indem sie schreien, mitsingen, Zugaben spielen, lächeln…alles geben wozu sie zu geben im Stande sind.
Es ist eine fanatische Sucht, eine Abhängigkeit…auf beiden Seiten.

Es ist wie bei mir. Abhängigkeit.
Ich bin abhängig von ihnen. Mein Leben muss sich um sie drehen. Egal wie.

Ich kenne einige ihre Lieder.
Viele von ihnen habe ich gehört als sie noch in der Rohfassung waren. Frisch geschrieben von Bill, frisch zusammengeklampft von Tom…

Durch den Monsun, Leb die Sekunde, Der letzte Tag, Unendlichkeit …

Wenn nichts mehr geht.

Ich weiß noch, dass ich geflennt habe wie ein Kleinkind, als ich den Text das erste mal gelesen hab. Bill saß vor mir und war völlig verstört, weil er nicht wusste warum ich es tat. Aber ich habe mich damals schon gefragt wie er es schafft, mit Worten Gefühle greifbar zu machen.
Und das hat er mit diesem Lied getan.
Verzweifelung, Einsamkeit, Trauer, Angst … Hoffnung.

Ich kenne die ausgearbeitete Version nicht.
„Wenn nichts mehr geht“ war einer der Songs die kurz vor unserem Streit entstanden. Ich höre es zum ersten mal gespielt, zum ersten mal gesungen.

Die Worte fliegen durch die Halle, dringen in mich und tausende von anderen Leuten ein, sie geben sie wieder, singen sie mit Leidenschaft und bedingungsloser Hingabe.

Seine Worte.

Ich kämpfe gegen die Tränen, kämpfe gegen die erneute Kapitulation.

Vergebens.

Ich wollte auf dem Olymp siegreich sein. Wollte der trügerischen und verbotenen Sünde trotzig die Stirn bieten. Wollte sie dort schlagen wo sie am mächtigsten war.

Stattdessen liege ich jetzt vor den Steilwänden des Berges zerschlagen am Boden.


„Du bist so still.“, macht sich Nico im Auto neben mir bemerkbar, als wir wieder auf dem Rückweg durch die Randregionen Magdeburgs sind.

Es ist dunkel, der Regen schießt in Strömen vom Himmel.

„Ich bin müde.“, sage ich und starre verloren auf die dicken Tropfen, die gegen die Windschutzscheibe prallen.

„Ist das der einzige Grund für deine Melancholie?“, fragt er ruhig und tief, ich höre den Hauch von Misstrauen.

Kein Wunder. Er hat die ein oder andere Träne sicher gesehen.

„Ich hab Kopfweh.“

„Aha.“, ist alles was er entgegnet und eigentlich ist es mir völlig gleichgültig ob er im grausamen Zustand des Zweifels fest hängt oder nicht.

Schweigend fahren wir nach Hause, schweigend machen wir uns fertig für die Nacht und schweigend lassen wir uns zusammen in mein Bett fallen.

Er hat mich überredet hier bleiben zu dürfen. Es ist selten, dass er bei mir schläft. Ich übernachte eigentlich immer bei ihm, beziehungsweise offiziell bei Julia, um bei meinem Vater kein allzu großes Unbehagen zu schüren. Aber ich musste nach Hause heute. Ich musste in meinem eigenen Bett schlafen.

Ich musste ihnen nahe sein.

Und obwohl ich weiß, dass es für Schwierigkeiten sorgen wird, habe ich erlaubt, dass Nico bei mir schläft. Weil ich mir eingeredet habe, dass ich es ihm schuldig bin.

Er startet einen Versuch, den ich knallhart abblocke, mich schlafend stelle.

Knurrig und genervt dreht er sich weg von mir, es dauert eine tödliche halbe Stunde bis er endlich schläft und ich in Ruhe in der vollkommenen Dunkelheit meines Zimmers nachdenken kann.

Ich lausche dem Prasseln des Regens, versuche einen klaren Kopf zu kriegen. Versuche meine Niederlage schön zu reden.
Aber ich glaube mir diesen Versuch selbst nicht.

Er hat gestrahlt, während ich litt. Er hat sich voller Energie über die Bühne bewegt, während ich mit gebrochenem Rückrat am Boden lag.

Seine Welt kann nicht mit meiner existieren.
Aber ich kann auch nicht ohne ihn existieren.

Die Schlange beißt sich selbst in den Schwanz, denn obwohl ich weiß, dass er mich brechen wird, renne ich ihm Minuten später selbstzerstörerisch in die Arme.

Weil ich es muss.
Weil ich gar nicht anders kann.

Durch den Regen, mitten in der Nacht. Barfuß. In nicht mehr als einem T-Shirt und Unterwäsche.

Zitternd, mit dem Handy an meinem Ohr stehe ich vor seiner Haustür, bete und hoffe, dass er nach der Party im „Delivery“ alleine nach Hause gegangen ist. Bete und hoffe, dass Nico im Haus nebenan nach wie vor seelig und ahnungslos schlummert, während ich meiner Sünde bettelnd entgegen stürze.

Das harte Prasseln der Regentropfen zwingt mich dazu angestrengt in den Hörer zu lauschen. Und tatsächlich…er nimmt ab.
Ich bin jetzt schon mit den Nerven am Ende.

„Bill?“, flüstere ich leise ins Telefon und kauere mich unter den Vorsprung seiner Eingangstür.
„Bist du wach?“
Wieder Erwartens ist er das, ja. Er hat noch nicht mal geschlafen.
„Vor deiner Haustür.“, antworte ich auf seine irritierte Frage.
„Ich muss mit dir reden.“

Und damit beenden wir das Gespräch.
Ich presse mich Schutz suchend gegen das Holz der Tür, werfe einen letzten prüfenden Blick auf das Fenster meines Zimmers.
Dunkel. Er ist nicht aufgewacht. Ich bete erneut zu Gott, dass das so bleibt.

Dann öffnet sich die Tür, hinter der es genauso finster ist wie hier draußen.
Trotzdem erkenne ich im schwachen Licht einer entfernten Straßenlaterne die struppigen, desorientierten Spikes und die nicht abgeschminkten Augen.

Wortlos lässt er mich eintreten, er schließt hinter mir die Tür. Wage erkenne ich Licht am oberen Treppenabsatz der ersten Etage, er läuft an mir vorbei, auf besagte Treppen zu. Als meine Füße, den weichen Teppichboden des Flurs betreten, wird mir erst bewusst wie absolut hirnrissig es war, durch die Hecken und Beete zweier Garten zu jagen.
In völliger Finsternis, wohlgemerkt.

Ich sehe einen schwachen Lichtschein zwischen einem Türspalt, es ist vollkommen still im Haus.
Wir laufen leise darauf zu, dann öffnet er das massive Holz zu einem breiten Schlitz und ich schlüpfe bibbernd hindurch, betrete sein Zimmer.

Leise schließt er die Tür wieder hinter uns, ich lasse für den bittern Bruchteil einer Sekunde meine Augen über sein Zimmer gleiten.

Es ist fast noch so wie ich es vor einem Jahr das letzte Mal verlassen habe.

Eine Mischung aus perfider Ordnung und brutalem Chaos.

So sind zum Beispiel seine CDs liebevoll sortiert und im schwarzen Regal eingeräumt, während seine Klamotten überall rum fahren. Bett, Stuhl, Boden, Couch…
Die Poster an den Wänden sind akkurat mit feinen Zeichnungen auf der Tapete umrahmt, während direkt daneben in Krakelschrift mit dickem Edding einfach genau das was ihm gerade durch den Kopf ging an die weiße Raufaser geschmiert wurde. Sehr zum Leidwesen von Simone natürlich.
Sein Schreibtisch sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, das Bett ist natürlich ungemacht.

Ich kann mir keinen schöneren Ort auf dieser scheiß Welt vorstellen.

Langsam und mit unglaublichem Herzklopfen, drehe ich mich zu ihm, das kleine Licht neben seinem Bett kann dem dunkel gestalteten Raum kaum genug Helligkeit spenden.

„Was ist los?“, fragt er und mustert mich kritisch.

Ich starre ihn an, folge in einer Linie von seinen pechschwarzen Strähnen die ihm tief in die Augen hängen, über seine Nase und den Mund, hinab über sein Kinn, den Hals, das dunkle Shirt und die Short, bis zu seinen Füßen und wieder zurück.

„I…ich…“, fange ich an und unterbreche mich selbst nervös, weil mich einfach alles an ihm gnadenlos anspricht.

Er wendet sich von mir ab, bückt sich und zieht aus einem Stapel Klamotten ein sicherlich benutztes Handtuch vor, drückt es mir in die Hand, ich werfe mein Handy auf die Couch.

Dankend strubble ich mir in meiner wortkargen Hilflosigkeit erst mal ausgiebig über die Haare und die nassen Arme.
Als ich an mir runter sehe, fällt mir auf, dass das T-Shirt klamm an meinem Körper klebt, meine Beine mit Regentropfen übersäht sind.

Ich zittere schrecklich. Vor Aufregung und Kälte. Und dass er jetzt wieder auf mich zukommt und mir das Handtuch langsam aus der Hand nimmt, macht es nicht unbedingt besser.
Er lässt es achtlos neben sich auf den Boden fallen und sieht mich an.

„Irgendwie kommt mir dein aktueller Zustand schwer bekannt vor.“, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen und spielt damit auf den Tag meines Eiseinbruches an.

Der bittere Beginn dieser Katastrophe.

Unbewusst zerstört er damit die Vereinbarung die wir hatten, macht sie unwirksam mit einer einzigen, kurz implizierten Andeutung.

Denn ich erinnere mich an Finnland.
Erinnere mich an die letzte Nacht. Erinnere mich an seine Berührungen, seine Worte…erinnere mich daran wie es war…wie es wieder sein könnte…

Mein Blick sucht seinen, das scheue Lächeln, das bislang auf seinen Lippen lag, verschwindet.
Wieder hört die Welt auf sich um ihre eigene Achse zu drehen und wieder fängt es an in meinem Magen höllisch zu kribbeln.

Ich hebe meine Hand, strecke sie nach ihm aus, er tut es mir nach und genau in der Mitte zwischen uns treffen sie aufeinander. Eiskalt und warm.
Die Berührung lässt mich meine Augen schließen, für mich ist es wie eine Erlösung, ihn nach so langer Zeit endlich wieder berühren zu können.

Unsere Finger spielen miteinander, ich spüre, dass er mir näher kommt, weiß, dass auch ich mich langsam auf ihn zu bewege.

Vielleicht versuche ich für den Bruchteil einer Sekunde es aufzuhalten, ich denke darüber nach, wieder da hin zu gehen wo ich jetzt sein sollte. Drüben, in meinem Bett, in Nicos Armen.
Nicht hier, bei ihm.

Der Regen schlägt laut gegen das Fenster, Wind spielt mit den halbgeschlossenen Jalousien seines Zimmers und entfernt höre ich das dunkle Donnern eines Gewitters.
Ich werte es als Zeichen. Denn Unwetter scheinen definitiv immer die stummen Zeugen unserer Fehler zu sein.

Blind spüre ich plötzlich seine andere Hand, die sich unsicher auf meine Hüften legt, mich zu ihm in eine Umarmung zieht. Mein Kopf kommt auf seiner Schulter zur Ruhe, ich atme seinen unverwechselbaren Geruch ein, vergesse alles.
Wie üblich.
Der Teufel nimmt unseren Deal ernster als ich es erwartet hatte.

Ich habe mir vorgenommen mit ihm zu reden.
Aber wenn ich ehrlich bin, war mir klar, dass es dabei nicht bleiben würde, wenn er mir auch nur im Ansatz zeigt, dass er zu etwas anderem bereit ist.

Und vielleicht ist es ja auch gar kein Fehler. Vielleicht soll es so sein. Denn jedes Gefühl, welches diese Umarmung mit sich bringt, ist richtig.
Vielleicht bin ich genau da wo ich hingehöre. Wo ich schon immer hingehört habe.

Die letzten Gedanken lassen mich meinen Kopf leicht anheben, meine Wange streicht über seine.
Kalt und heiß…

Meine Lippen berühren sein Ohr, unabsichtlich absichtlich hauche ich schwach dagegen.

Ich weiß, dass ihm das Gänsehaut macht, weiß, dass es etwas in ihm auslöst, wogegen er nur schwer ankämpfen kann…

„Du hast mir so gefehlt.“, flüstere ich leise und damit wird die Abmachung schlagartig nichtig.

Die Grenzen verschwinden.

Er reißt mich in einen fast schon verzweifelten Kuss, alles was ich in den letzten zwei Wochen so krampfhaft weggeschlossen hatte, bricht aus mir heraus und mir wird klar, das ich es nie verdrängen werden kann.
Es wird immer da sein. Weil es schon immer da war.

Ungeduldig fahren meine noch nassen, eiskalten Hände unter den Stoff auf die nackte Haut an seinen Hüften, er zieht durch die Berührung scharf die Luft ein, unterbricht den Kuss.
Nur um dasselbe bei mir zu tun.
Ich weiß allerdings nicht, ob er einfach nur wegen der nassen, unangenehmen Kälte das T-Shirt langsam höher über meinen Körper schiebt, oder ob ich ihn schon wieder in diesem gefährlichen Zustand habe.

Ich gehe einen Schritt zurück, hebe meine Arme an, helfe ihm. Wir halten Blickkontakt bis er mir das schwere Stück Stoff vorsichtig über den Kopf zieht und ich weiß jetzt, dass es definitiv der Zustand ist, der ihn das tun lässt.

Das T-Shirt landet direkt neben dem Handtuch auf dem Boden, Sekunden verstreichen in denen er mich einfach nur ansieht, dann fahren seine Hände auf meinen nackten Rücken, ziehen mich zurück in die Umarmung, einen Kuss, der mich wieder an die Schmetterlinge in meinem Bauch und die Hitze zwischen meinen Beinen erinnert.

Ohne darüber nachzudenken, schiebe ich ihm ungeduldig ebenso das schwarze Kleidungsstück über den Kopf, um mich dann wieder bettelnd an seinen heißen Körper zu klammern, mir all das zu nehmen, was mir in den letzten Tagen so gefehlt hat.

Wir stolpern rückwärts… vorwärts… völlig blind auf das Bett zu, lassen uns fallen, versuchen, ohne wirklich voneinander abzulassen, so schnell wie möglich die restlichen störenden Barrieren wegzukriegen.

Und dann kann die Sehnsucht gestillt werden.

Jetzt sind die Berührungen da wo ich sie brauche. Genau so sanft und doch forsch, dass ich sofort alles um mich herum vergesse.
Jetzt sind die heiseren, leisen Worte die, die ich hören will. Gesprochen von der Stimme deren Klang mich wahnsinnig macht.
Die ruhigen und mal heftigeren Bewegungen lösen genau das in mir aus, wozu Nico nie in der Lage war.

Als mir meine imaginären Flügel über den Abgrund helfen, kralle ich mich an seinen Schultern fest, versuche, still zu bleiben. Er macht es mir einfach und verschließt meine Lippen mit seinen, erstickt den entweichenden Laut irgendwo tief in seiner Kehle, bis das letzte, brutale Kribbeln meines Körpers abebnet.
Dann bricht er selbst schwer atmend auf mir zusammen und ich umklammere ihn so fest, wie mein desolater, verausgabter Zustand es zulässt.

Minuten verstreichen, die wir vollkommen bewegungslos verbringen. Ich lausche seinem Atmen, seinem Herzschlag.

Mein Verstand versucht mich an die Zeit und mein Wesen vor Finnland zu erinnern.
Aber ich finde mich nicht mehr.
Das was ich war, als wir so verstritten gewesen sind, scheint für mich nicht mehr zu existieren.
Ich weiß nur, dass mich der blinde Zorn hiervor zurückgehalten hat.
Und jetzt, wo der Hass weg ist … und ich jenseits der Grenzen war, wird mir das nicht mehr möglich sein. Nie wieder.

Sanft fährt meine Hand in seinen Nacken, ich spiele mit den feuchten Haarsträhnen, streiche unter der Decke über seinen Rücken.

Er lässt es zu, bleibt völlig ruhig liegen.

Ich bin zugegeben fix und fertig, meine Augen schließen sich. Wieder mal unterläuft mir ein Kapitalfehler.

Ich schlafe ein.


Als ich aufwache, dringen bereits die ersten Strahlen der Sonne an meine Augen. Ich weigere mich, sie zu öffnen, da mir schon bei geschlossenen Lidern alles recht grell erscheint. Ich genieße einfach die Ruhe, genieße die Wärme, genieße das Gefühl der Geborgenheit...

Erst ein penetrantes Klopfen zwingt mich schließlich doch dazu die Augen zu öffnen.

Ich starre direkt auf ein wild umkritzeltes Green Day Poster. …und das macht mich binnen Sekunden schlagartig hellwach.

Oh Fuck! Schon wieder. Ich habs schon wieder gemacht…scheiße, scheiße, scheiße…

Nach wie vor liegt er leicht zur Seite gerutscht auf mir, sein Gesicht an meinem Hals, die pechschwarzen Haarsträhnen kitzeln mich sanft an den Wangen.

Oh mein Gott. Nein…Uhrzeit…Uhrzeit…wie spät ist es…?

Wieder klopft es an die Holztür in der hinteren rechten Ecke des Zimmers, ich bin vor Schreck und der Erkenntnis wo ich bin … und was ich wieder getan habe, nahezu vollkommen gelähmt.

„Alter, jetzt komm mal in die Gänge, ey. In ner halben Stunde is Abfahrt.“
Oh Gott, scheiße. Tom.
Ich höre, wie die Tür brutal aufgetreten wird, der bislang noch friedlich schlafende Körper über mir zuckt zusammen.
Er hebt den Kopf, sieht mich an. Und mit der Erinnerung an letzte Nacht ist bei ihm der Schock genauso lähmend wie bei mir.
„Verdammte Scheiße, jetzt krieg den Arsch ho…“
Und damit steht Tom direkt vorm Bett.
„…oh…“
Seine Augen sind weit aufgerissen, ich fürchte, sein Kiefer hat soeben schmerzliche Bekanntschaft mit dem Boden gemacht.
„…oh Fuck…“, stammelt er wieder und von seiner sonstigen Coolness ist in diesen Sekunden rein gar nichts zu finden.
Allerdings sollte ich fair bleiben und zugeben, dass ich ihn nicht minder blöd anglotze und um Fassung ringe. Schließlich klammere ich mich gerade komplett hüllenlos an seinen kleinen Bruder und versuche aus einer Katastrophe auszubrechen.
Aber Tom wäre nicht Tom, wenn er sich nicht selbst in so einer Situation recht rasch fangen würde.
„Es zu wissen … und es zu sehen…Megaunterschied, Mann. Echt.“

Und dann ist es sekundenlang wieder völlig still zwischen uns. Bill lässt seinen Kopf zurück an meinen Hals sinken, holt tief Luft, versucht erst mal das rüde Wachwerden zu verarbeiten. Ich werde lockerer, meine Finger die ich ihm völlig verkrampft in die Schultern gekrallt habe, lösen sich langsam, lassen von ihrem brutalen Griff ab.

„Shit, du Sack. Klopf doch.“, presst Bill jetzt mit einem heftigen Atemzug zwischen den Zähnen hervor und für diese kurze Sekunde, kann ich seine Nähe trotz aller Katastrophen genießen.

„Und wie ich geklopft hab. Aber wenn du dich heute Nacht natürlich stundenlang fickenderweise verausgabt hast, wundert es mich nicht, dass du’s nicht mitkriegst.“

Immer diese Vulgärkommunikation…das ist doch…

Strafend wende ich meinen Blick zu Tom, der sich natürlich keineswegs beschämt weg dreht oder so, sondern uns mittlerweile grinsend interessiert mustert, mit seinen Augen verfolgt wo meine Hände sind, mein nacktes Bein unter der Decke vorlugt…

So ein…

„Tom, hol deinen Bruder aus dem Bett. Ich hab keine Lust, von David wieder einen Vortrag zu kriegen, weil ihr nie rechtzeitig fertig seid.“, schreit es dann etwas genervt aus dem unteren Stockwerk und jetzt ist mein Griff um seine Schultern wieder hart wie Stein.

Simone. Oh Scheiße…scheiße…

Hektisch richtet sich Bill an seinen Bruder, wären wir nicht beide nackt, wäre er wahrscheinlich längst aus dem Bett gesprungen.

„Raus!“, zischt er laut und Tom verschwindet ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer, verschließt die Tür.

Ich weiß, dass er uns Deckung geben wird, versuchen wird, das ganze zu vertuschen.

Während ich also noch meine Sachen zusammen suche und mich hektisch irgendwie reinkämpfe, ist Bill bereits in den Shorts, schnappt sich vom Boden ein T-Shirt, zieht es sich über den komplett verstrubbelten Kopf.
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