Aber es sieht einfach zu komisch aus wie er mit den Mörderbaggys, den Dreads und der lausigen Haltung kämpft.

Gemeinsam können wir letztendlich aber doch noch ein zufrieden stellendes Ergebnis vorweisen und als wir schließlich lachend mit vollen Händen zurück ins Haus kommen, strahlen unsere Eltern uns mehr als glückseelig an.

Dass die dazu in der Lage sind, so fies durchdachte Pläne zu entwickeln ist ja schon hammerhart.

Aber was soll ich sagen? Spätestens nach der Holzhackaktion, kann ich nicht mehr anders. Gott, ich vergöttere Tom und wann immer ich kann und es nicht zu auffällig ist, suche ich im Lauf des Tages seine Nähe.
Nur um ihn zu beobachten, nur um über seine Grimassen und Sprüche lachen zu können … nur um bei ihm zu sein…

Er ist einfach unglaublich.

Gegen Spätnachmittag hocke ich dann tatsächlich mit ihm in seinem Zimmer auf dem Boden und unterhalte mich mit ihm. Ich hab so viel nachzuholen. Ein Jahr.
Es ist soviel in ihrem Leben passiert…

Tom erzählt mir gerade von irgendeinem Skandal den sie in einem Hotel ausgelöst haben, als sich die Verbindungstür zu Bills Zimmer öffnet und Besagter plötzlich direkt vor uns steht.

Und sofort steigt mein Puls.

Wir sind uns den ganzen Tag aus dem Weg gegangen.

Ich erstarre in meiner Bewegung, sehe ihn an.
Und das nicht unbedingt unauffällig.
Was mir aber zumindest für den Moment scheißegal zu sein scheint.

Meine Augen wandern von den tiefsitzenden zerrissenen Jeans höher über sein Becken, folgen dem bis unters Kinn hochgezogenen Reißverschluss des orangenen Adidas-Sweaters über seinen Oberkörper, kleben dann fest in seinem Gesicht und damit den mehr als ausdrucksstarken Attributen die stellenweise ähnlich und dann doch so komplett anders sind wie die seines Bruders.

Seine Züge sind weicher, die Lippen voller, die Augen nicht nur wegen dem Kajal ein Stück dunkler. Er wirkt unschuldiger und dennoch erfahrener als Tom, ich würde ihm jetzt nicht unbedingt nachsagen, dass er berechnend wirkt, aber er lässt mit seinem Auftritt eigentlich nie Zweifel, dass er weiß, was er will und bereit ist, alles dafür zu tun.

Jahre kenne ich sie. Jedes Merkmal, jede Eigenschaft.
Und erst jetzt wird mir auf brutale Weise deutlich wie verschieden sie wirklich sind. Und mit was für unterschiedlichen Augen ich die beiden betrachte. Schon immer betrachtet habe.

„Ihr sollt zum Essen kommen.“, sagen die perfekten Lippen und ich folge den Luftzügen die in seinem Mund verschwinden, wieder kehren und in meiner Vorstellung glühendheiß auf meiner Haut brennen. Folge den ruhigen Bewegungen die sein Körper macht, beobachte die entwaffnende Mimik, hinter der er ohne Schwierigkeit seine Emotionen verstecken kann.
Meine Augen erhaschen freie Haut an seinem Hals, ich genieße das sanfte Kribbeln in meinem Magen, welches sich jetzt in Kombination mit einer unakzeptablen Vorstellung bemerkbar macht.
Und unendlich langsam zieht meine imaginäre Hand den Reißverschluss seines Oberteils nach unten, spielt mit dem kleinen Stück Metall …
„Jetzt.“, unterbricht er meinen Gedankenstrom und ich zucke zusammen, kann mich aber trotzdem nicht losreißen.

Aber er wendet sich damit zu meiner grenzenlosen Enttäuschung ab und verschwindet zurück in seinem Zimmer, verschließt die Tür hinter sich, auf die ich nun immer noch mit trockenen Augen starre.

Als ich zurück zu Tom sehe, erschrecke ich fast vor dem fiesen Grinsen in seinem Gesicht.

„Wenn du ihn schon fast mit den Augen ausziehst, nur weil er dich zum Essen ruft, will ich nicht wissen wie du drauf bist, wenn er mal wirklich seine Masche abzieht.“

Mir rutscht das Herz in die Hose. Verdammt, war das gerade wirklich so offensichtlich?

„Red keinen Scheiß.“, entgegne ich trocken und ein Stück zu bissig, aber Tom lässt sich davon nicht beirren.

„Red du keinen Scheiß, Mann. Ich kann das sehr wohl erkennen, wenn Chicks scharf sind. Vor allem wenn ich sie fast mein Leben lang kenne.“

Das Kribbeln in meinem Magen wird gerade wirklich unangenehm.

„Ich bin nicht scharf auf Bill und du bist nicht der allwissende Checker für den du dich hältst.“, versuche ich die Deckung aufrecht zu halten und ziehe eine Grimasse.

„Nein, natürlich nicht.“

Damit steht er auf und greift nach meinen Händen, zieht mich ebenfalls vom Boden hoch. Das fiese Grinsen nach wie vor quer übers ganze Gesicht gepflastert.

* * *

Ich bin es doch nicht wirklich, oder?
Also scharf auf Bill.

Ich meine, das wäre doch komplett hirnrissig und absurd. Klar, seit wir hier oben sind hat sich einiges geändert und ich habe meinen schützenden Hass verloren, aber das heißt doch noch lange nicht…oder?

Wieder starre ich ihn an. Zum sicherlich hundertsten Mal während des Essens. Und mit jedem Mal mehr, wird die Sucht, ihn wieder anzusehen, schlimmer.
Es ist wie ein Spiel, das ich mit mir selbst spiele, während ich krampfhaft versuche, ein Stückchen von Simones gutem Gekochtem runter zu würgen. Ich hab gerade so was von gar keinen Hunger, dass es fast kriminell ist.
Wie lange schaffe ich es dieses mal nicht verstohlen zu ihm zu sehen? Wie lange halte ich es dieses mal aus, der Konversation zwischen Simone und meinem Vater zu folgen, ehe er wieder in meine Gedanken rutscht?

Herrgott, was ist denn los mit mir?

Wie konnte das passieren? Warum denke ich plötzlich so? Warum fühle ich das?
Warum brennen meine Fingerspitzen alleine bei dem Gedanken ihn zu berühren, warum krieg ich es nur gerade so mit Ach und Krach unterdrückt mir mit geschlossenen Augen stöhnend über die Lippen zu lecken, wenn ich mir vorstelle wie seine Haut schmecken könnte?

Woher kommt die sexuelle Anziehung und warum ist es nur bei ihm? Was hat er getan, dass ich jetzt plötzlich etwas sehe, was mir bislang so verborgen blieb?
Gut, verborgen blieb es mir nicht.
Aber ich hab nicht drauf reagiert…oder ich hab es mir verboten darauf zu reagieren…wie auch immer…
Theoretisch verbiete ich es mir jetzt immer noch, aber es fällt mir schwerer als jemals zuvor es zu ignorieren.
Ihn zu ignorieren.

Tom sitzt mir mal wieder mit einem unanständigen Grinsen gegenüber. Ich werfe ihm eine Grimasse über den Tisch.

Kleine elende Kröte.

Es wird dunkel. Wir räumen schnell ab, solange wir noch richtig was sehen. Tom hilft uns mit dem Geschirr, Simone strahlt glücklich, tätschelt ihrem Ältesten liebevoll den Kopf.

„Mum…“, nörgelt er daraufhin mürrisch und entzieht sich der Geste.

Ich kann mir ein fieses Lachen nicht verkneifen. Sie wollen ja so erwachsen sein. Aber das Bild zwischen Simone und ihren Zwillingen hat sich hier oben genauso deutlich verändert wie das zwischen ihnen und mir.
Sie sind hilfsbereiter und deutlich anhänglicher als noch zu Beginn der zwei Wochen.

Und dementsprechend stolz strahlt Simone ihrer beiden Satansbraten an. Ganz gleich was sie in ihrem Leben noch an Scheiße bauen werden, diese Frau wird sie immer lieben. Immer.

Ich verlasse die Küche, beobachte meinen Vater dabei wie er für heute ein letztes Mal nach draußen geht um Holz zu holen.

Bill indessen hat sich ein Feuerzeug geschnappt und angefangen im Wohnzimmer die dringend notwenigen Kerzen überall anzumachen, ehe die Dämmerung hereinbricht. Wieder kleben meine Augen an ihm fest, beobachten wie er schleichend langsam jede einzelne der langstieligen Kerzen berührt, entzündet und dann der aufsteigende Flamme direkt in die Tiefe blickt.

Ich könnte ihn stundenlang ansehen.

Aber ich reiße mich zusammen, wende meinen Blick ab und besteige die Treppen in den ersten Stock.

Eine Woche. Eine verdammt Woche. Das wirst du doch noch rumkriegen. Und zwar mit beiden.
Lass dir weder den einen freundschaftlich, noch den anderen emotional zu nahe gehen.

Du weißt nicht wie es wird, wenn sie wieder Götter sind.

Ich kann es kein zweites Mal ertragen, wie sie aus meinen Händen gleiten. Ich kann es nicht.
Einmal hat gereicht. Und selbst daran knabbere ich heute noch.

Nicht lange nachdem ich mich in mein Zimmer verkrochen habe, es ist von draußen schon fast dunkel, aber die letzten Sonnenstrahlen erhellen mein Zimmer, klopft es und Tom steht in der Tür. Komplett gestylt.

Ich runzle vom Bett aus fragend die Stirn, lege den Brief an Julia aus der Hand.

Er lächelt mich mit bösem Charme an.

„Mum fährt uns runter in die Stadt wo wir immer Lebensmittel kaufen. Wir gehn da so in nen kleinen Club. Weil wir hier langsam echt irre werden. Wir dachten, du willst vielleicht auch mit.“
Jetzt lässt er mich sogar mit einem breiten Lachen seine Zähne sehen, dann senkt er für einen kurzen Augenaufschlag seinen Blick und fügt mit einem niederschmetternden spitzbübischen Grinsen bei:
„Jetzt wo wir gerade wieder eng werden und unsere Eltern ein leeres Haus mehr als nur genießen würden.“

Ich ignoriere die elementar unwichtigen Informationen erstmal und starre ihm völlig irritiert ins Gesicht.
Die wollen weg mit mir? So richtig raus? Unter Menschen? In die grausame Realität hinter der Hütte?

Ich mustere seine Gesichtszüge, er grinst mich an. Mit diesem schelmischen, offenen Blick, der mir soviel Wärme und Vertrauen einhaucht wie bei keinem anderen Menschen sonst auf dieser Welt.
Ich seufze theatralisch, beobachte wie er sich mehr und mehr das fiese Grinsen nicht mehr verkneifen kann und mit seinen dunklen Augen Bände spricht.
Ich ahne warum, aber ich kann es nicht zulassen.
Werde nicht zulassen, dass ich anfange mich in seinen egozentrischen Bruder zu verknallen. Ich werde ihm nicht die Sensation liefern auf die er vielleicht so gerne scharf wäre. Denn ich weiß nicht was dahinter steckt. Bis vor ein paar Tagen habe ich ihn gehasst und jetzt lächelt er über die Tatsache, dass ich mehr und mehr die Kontrolle in Punkto Bill verliere. Vielleicht gerade deshalb. Ich wäre den beiden ausgeliefert.
Denn wenn ich dieses aufkommende penetrante Gefühl wirklich zulasse, könnten sie mich, zurück in der alten Welt, erbarmungslos brechen und das kann und darf nicht passieren.

Ich werde mir nicht freiwillig mein eigenes Grab schaufeln.

Ich bin doch nicht behämmert.

„Nee, Tom. Ich bin müde.“
Seine Mimik ändert sich nicht.
„Aber Danke.“

Das Lächeln auf seinen Lippen bleibt auch noch, als schließlich ruckartig Bill im Rahmen der Tür auftaucht.
Ebenso perfekt für die Öffentlichkeit wie sein Bruder.

Schwarz geschminkte Augen, provokative Jeans und Shirt.
Die pechschwarzen Haare am Hinterkopf makellos abstehend, der Pony hart gegelt über seinem linken Auge.

Ich beobachte wie seine Hände den Reißverschluss irgendeines dunklen Oberteils zuziehen, dann wirft er sich die Lederjacke über die Schultern.
Er trägt die schwarzen Lederbänder um seine Gelenke eigentlich immer, aber die Ringe an seinen schmalen Fingern muss er erst für heute rausgekramt haben.

„Geht sie mit?“, fragt er seinen Bruder ohne mich anzusehen und dreht das Armband an seinem rechten Gelenk in die richtige Position, mit dem Verschluss nach unten.

Tom sieht mich mit fragend hochgezogenen Augenbrauen an, leckt sich spielerisch über das Piercing in seiner Lippe.

Ich schüttle ein klein wenig apathisch den Kopf. Nur für den Fall…
Bill sieht zu mir, verschluckt mich mit diesem unglaublichen Blick und ich kann förmlich spüren wie der Kloß in meinem Hals dicker und dicker wird.

„Nein.“, sagt Tom damit und verschränkt die Hände vor seinem Oberkörper.
„Sie geht nicht mit.“

Höre ich da Spott?

„Dann los.“, ist alles was Bill darauf antwortet, ehe er an den Bund seiner Jeans greift, den Gürtel ebenfalls zurechtrückt und dann aus meiner Zimmertür verschwindet.

Tom bleibt stehen und sieht mich an. Ich weiche seinem Blick aus, verkrieche mich weiter an das Kopfgestell des Bettes. Seine Augen beobachten mich, ich habe das Gefühl er weiß genau wogegen ich ankämpfe und warum ich es tue.

„Ihr werdet die Woche niemals durchhalten.“, ist alles was er sagt, ehe er mit einem abschließenden Lächeln aus meinem Zimmer verschwindet.

Ich stehe kurz vor einem Herzinfarkt.

* * *

1 Uhr. Und sie sind immer noch nicht da.
Ich dreh durch.

Wie kann Simone, zwei 17jährige pubertierende Teenager so lange in einer fremden Stadt alleine lassen?
Ich meine, klar, ich weiß, dass sie mit dem Taxi nach Hause kommen werden, aber ich finde trotzdem, dass das alles ein ziemlich gewagtes Unterfangen ist.
So ohne Bodyguards. Im Ausland.
Ich weiß ja, dass sie in Skandinavien wahrscheinlich keine Sau kennt, aber es ist ja jetzt nicht so, dass Tom und Bill nicht auch ohne ihren Bekanntheitsstatus provokativ genug wären oder so…nööö….

Die letzte noch brennende Kerze in meinem Zimmer neigt sich dem Ende, ich beobachte die tanzenden Flammen an der Holzdecke.

Mache ich mir Sorgen um sie?

Natürlich. Ich hab mir immer Sorgen um sie gemacht. Selbst als ich sie gehasst habe, hatte ich immer Schiss, dass ihnen irgendwann mal ein verrückter Fan was tut oder so…man weiß ja wie diese hirnlosen Kreischgören manchmal so drauf sind. Wenn die das Objekt der Begierde sehen gibt’s kein Halten mehr.

Aber ich weiß, dass es noch was anderes ist. Ein klitzekleines bisschen Eifersucht. Vielleicht weil ich nicht weiß an welcher hellblonden Finnin sie gerade ihre vergoldeten Promigriffel haben.

Ich stöhne leise.

Ich bin schon wieder eifersüchtig. Dabei sind wir ja noch nicht mal wirklich wieder befreundet.

Erleichtert höre ich schließlich ein Auto in die schneebedeckte Einfahrt fahren. Imaginär ermahne ich mich zur Vernunft. Es sollte mir eigentlich egal sein, was sie machen, wann sie nach Hause kommen…was sie mit wem machen…aber das ist es nicht.
Sie sind mir nicht egal. Nie gewesen.

Ich höre ihre Schritte die alten Treppen des Hauses hochkommen.

Und erst jetzt, wo ich weiß, dass sie da sind, kann ich schlafen.

* * *

Viel zu früh wache ich an diesem Morgen auf. Irgendwas treibt mich aus meinem Zimmer und in die Gesellschaft der anderen.
Eine halbe Stunde später also, ich musste mir unter Eiswasser die Haare waschen und sie jetzt im Turban tragen, komme ich also immer noch ein klein wenig müde nach unten ins Wohnzimmer.

Wie erwartet sind Simone und mein Dad bereits auf den Beinen.

Mein Vater kommt seelig strahlend auf mich zugelaufen.

„Morgen, Schatz. Wir haben wieder Strom.“

„Ah.“, antworte ich und ziehe beide Augenbrauen hoch.
„Davon hab ich aber nix gemerkt.“

„Es dauert noch bis der Wassertank sich wieder erhitzt hat.“
Das hätte der mir nicht ein klitzekleines bisschen früher sagen können, oder? Dann hätt ich mir heute Morgen eine schöne ausgiebige Dusche gegönnt und mir keine Gefrierungen geholt.

„Demnach könntet ihr drei jetzt theoretisch auch die zwei Tage hier bleiben wenn ihr wollt und Simone und ich gehen heute alleine zu Viodora.“

Meine Augenbrauen verschwinden mal wieder im Haaransatz.

„Ha?“

Hab ich was immens Wichtiges verpasst?

„Wir wollten Simones Schwester besuchen. Das haben wir das letzte mal vor 7 Jahren gemacht. Erinnerst du dich daran nicht mehr? Sie wohnt doch gerade mal 100 Kilometer von hier.“

Vage. Sehr vage kommen die Erinnerungen an ein recht kleine Einliegerwohnung, indem wir mal bei einem unserer Trips hierher für zwei Nächte zwischenwohnten.

Richtig. Viodora, Simones jüngere Schwester. Die etwas verschrobene Tante der Zwillinge die uns damals zu dritt in ein Kinderbett gesteckt hat und meinte wir würden so lustig aussehen zusammen.
Wie Tick, Trick und Track aus Entenhausen.

Äh, ja. Richtig. Is klar, ne.

Ich erinnere mich daran, dass sie damals Dreads hatte. Und ein Tätowierung auf dem Unterarm.
Steht ja demnach völlig außer Frage wo Tick und Trick ihren Hang zur Körperkunst her haben, oder?

Sie war sehr nett, aber meines Erachtens etwas zu crazy für eine Tante. Und wirklich Lust irgendwo eingepfercht zu werden, wo ich noch weniger Möglichkeit habe den Zwillingen aus dem Weg zu gehen als hier, habe ich nicht.

„Also ich würde schon lieber hier bleiben.“, sage ich darum und mein Vater nickt.

„Ja, das dachte ich mir. Aber du kannst nur bleiben wenn die Zwillinge oder zumindest einer der beiden mit dir hier bleibt. Alleine lass ich dich nicht mitten in der Wildnis.“

Ich stöhne wehleidig.

Oh nee, bitte, nachdem sich die Lage hier so dramatisch verschärft hat, finde ich es wirklich nur angebracht, wenn die zwei aus meinem Sichtfeld verschwinden.
Zumindest der eine.

„Dad, ich bin keine fünf mehr.“

„Mir egal. Ich lass dich hier nicht alleine.“
Wieder quittiere ich seine Aussage mit einem unzufriedenen Geräusch. Er mustert mich nachdenklich.
„Wenn mich nicht alles täuscht hat Tom gestern, als es kurz zur Sprache kam, gesagt, dass er gerne Tante Vi wieder sehen würde. Und er wollte dort in der Stadt auch auf so ein komisches HipHopDingens…“
Mir schwant schlimmes. Nein, jetzt nicht im Ernst, oder?
„Ist mir gleich recht.“, sagt er und kneift mir in die Wange, zwinkert mir zu.
„Bill ist ein wenig vernünftiger als Tom.“
Ach ja? Wer sagt denn so was Blödes?
„Er hat dich immer wie ein großer Bruder beschützt. Und so wies aussieht kommt ihr ja auch langsam wieder klar, oder?“

Mir wird grad ganz schlecht. Unglaublich schlecht.

„Äh…Dad, ich glaube nicht, dass …also…“
Hilfe…Hilfe…Hilfe…
„Du weißt doch gar nicht ob Bill hier bleiben will. Vielleicht will er auch zu seiner Tante und sowieso glaube ich nicht, dass das eine gute Idee…“, breche ich ab, als ich sehe wie besagter Kerl gerade die Treppen der Hütte runterkommt.

Mit unglaublich müden Gesichtszügen, noch völlig verpeilt.

„Bleibst du mit meiner Kleinen hier, wenn wir zu Viodora fahren, Bill?“, stürzt mich mein Vater ohne mit der Wimper zu zucken ins Tal der Peinlichkeit und er reißt mich schwungvoll in seinen Arm, das Handtuch auf meinem Kopf löst sich von der Bewegung.
Durch die nassen schwarzen Strähnen dir mir in die Augen fallen beobachte ich Bill wie er erst mal versucht die Aussage der Message zu kapieren, als mein Vater bereits weiterplappert:
„Weißt du, ich kann sie hier draußen nicht alleine lassen und ich vertraue keinem meinen Engel so an wie dir.“

Ich senke den Kopf, halte die Hände vor meine Augen.
Ich fang gleich an vor Scham zu heulen. Nur weil seine neue Ische die Mutter von dem ist, muss er noch lange nicht so tun, als wäre alles in Ordnung.
Bis vor ein paar Tagen lagen wir uns über ein Jahr lang regelmäßig in den Haaren, verdammt.

„Äh…?“, fängt Bill, wie von mir erwartet, völlig überrumpelt an und kratzt sich am Hinterkopf.
„Was ist mit Tom?“

„Ich geh mit zu Vio.“, poltert es plötzlich von der Treppe dem Chaos entgegen und dann taucht Tom ebenfalls im kuschligen Wohnzimmer der Hütte auf und grinst uns an, als hätte er heute Nacht mindestens viermal das große Kribbeln gespürt.
„Das ist die einzige coole Tante die ich hab.“

Ich werfe Tom den bösesten Blick zu, zu dem ich in der Lage bin. Ich weiß genau was er vorhat. Er will, dass ich hier zwei Tage mit Bill alleine bin, aber dass kann er voll vergessen. Nur über meine Leiche.

„Muss es denn sein, dass du mitgehst?“, frage ich meinen Dad und setze den Hundeblick auf, als genau in diesem Moment Simone ins Wohnzimmer kommt mit einer Tasse Kaffee in der Hand und damit rüde die Unterhaltung unterbricht.

„Schönen guten Morgen an alle.“, sagt sie fröhlich und lächelt in die teilweise verdutzte Runde.
„Stellt euch vor, wir können endlich wieder warm duschen und normal kochen und mit elektrischem Licht lesen…“

Ich starre sie völlig aus der Situation gerissen an.

Das interessiert mich jetzt nicht wirklich. Es gilt hier eine Katastrophe zu verhindern.

„Ja…also…“, setze ich wieder erfolglos an.

„Ich bin wirklich froh, dass die von der Stromversorgung endlich reagiert haben und den eingestürzten Mast wieder aufgebaut haben. Das war ja langsam kein Zustand mehr.“, unterbricht sie mich wieder.

„Sie wird mit deinem Jüngsten hier bleiben, wenn wir zu Viodora gehen.“, plappert mein Vater dann auch noch dazwischen und strahlt Simone zufrieden an.
„Ich denke, dass das dann klar geht, wenn Tom mitkommt, oder?“

Mir klappt der Mund noch ein Stückchen weiter auf.

Werden wir hier noch nicht mal mehr gefragt? Ich meine hallo, es ist doch wohl offensichtlich, dass wir beide da nicht sonderlich viel Bock drauf haben, oder?

„Ja, wenn nur er mitkommt, kriegt Vio keine Platzschwierigkeiten. Und ich weiß, dass Tom Tante Vio liebt. Als sie vor einem Jahr bei uns zu Besuch war, hat sie fast nicht aufgehört mit ihm über Dreads und Piercings zu reden.“
Sie sieht mich ein wenig scheu lächelnd an.
„Du hast sie ja kennen gelernt, du weißt ja wie sie ist.“

„Sie ist ja auch zehn Jahre jünger als du.“, neckt mein Vater die kleine zierliche Frau vor ihm und nimmt ihr die Tasse aus der Hand.

Wir werden völlig aus der Unterhaltung geknipst.

„Hey.“, entgegnet sie gespielt entrüstet.
„Man spricht bei Frauen nicht übers Alter, Mister.“

Mein Vater lacht herzlich, ich verfolge das Ganze mit offen stehendem Mund, gefrorenen Gliedmaßen. Als mein Blick zu den Jungs fällt, erkenne ich, dass es ihnen nicht anders geht

Und dann tun sie es. Zum ersten Mal. Öffentlich. Vor uns. Vor mir.

Mein Vater greift mit seiner freien Hand an ihren Unterarm und zieht sie langsam zu sich, küsst sie zärtlich kurz auf die Wange.

Dann lässt er sie wieder los, sie sieht ihn mit rosigen Wangen an.

Ich bin von dem Bild ziemlich geschockt, als mein Blick zu Bill und Tom fällt, erkenne ich, dass es ihnen nicht anders geht. Aber sie bleiben ruhig. Zwar mit etwas deformierten Gesichtern, aber sie bleiben zumindest äußerlich still.

„Doch nicht vor den Kindern.“, sagt Simone völlig überflüssigerweise beschämt und wendet sich mit einem entschuldigenden Lächeln an uns.

Mein Kopf ist wie leer gepustet.

Es ist das erste Mal, dass ich sehe wie mein Vater Zärtlichkeiten mit einer anderen Frau als meiner Mutter austauscht.
Ich zähle den Prärieritt vor ein paar Tagen nicht dazu, weil *zärtlich* ist anders.
Und es schockt mich wirklich.
Auch wenn ich finde, dass die beiden wirklich süß sind. So verliebt, so glücklich.

Natürlich haben wir uns richtig entschieden, als wir beschlossen, ihnen die Chance zu lassen. Ich will mir wirklich nicht ausmalen, was wir zerstört hätten.

Aber mit dieser Spontanaktion ist die Konversation schlagartig beendet worden und ich fürchte fast, dass meine Frage von gerade eben ohnehin völlig fürn Arsch gewesen wäre. So verliebt wie mein Vater Simone ansieht, wird er keine zwei Tage ohne sie in diesem Urlaub bleiben.

Was bedeutet das?

Tom, das kleine Arschgesicht, wird natürlich, so wie er momentan drauf zu sein scheint, seinen Bruder und mich nicht wirklich in dieser misslichen Lage unterstützen.
Ich könnte mir sogar vorstellen, dass er gar nicht wirklich an dieser Tante interessiert ist, sondern das ganze nur macht, damit das perverse Spiel in die nächste Runde geht.

Hat der eigentlich einen an der Waffel?

Will der mich ernsthaft auf Teufel komm raus mit seinem Bruder verkuppeln? Geht’s noch? So eine kleine Ratte. Er weiß doch ganz genau, wie bitterböse das Ganze am Ende dieser Woche schon wieder sein kann.

Er steht selbstgefällig und zufrieden da, grinst mich an. Und mir platzt der Kragen. Ehemals bester Freund hin oder her. Das hier ist mehr als nur hinterhältig.

Ich stürme an Bill vorbei, der von der ganzen Aktion immer noch ein klein wenig überrumpelt zu sein scheint und schnappe Tom am Ärmel, ziehe ihn hinter mir her die Treppe hoch und in mein Zimmer.

„Spinnst du eigentlich?“, fange ich an, als ich die Tür hinter uns zugeworfen habe.
„Was will ich denn mit dem zwei Tage alleine hier machen?“

„Willst du wirklich, dass ich das ausspreche?“, fragt er frech und lässt sich auf mein Bett fallen.

So ein …Argh!

„Tom!“

„Was denn?“

„Hör auf damit.“

„Womit denn?“

Argh! Argh! Argh!

„Damit mich mit deinem Bruder zu verkuppeln.“

„Ich kupple nicht. Ich sehe mich eher als Verbindungshelfer.“

Mir platzt gleich der Kragen.

„Ich spring dir gleich ins Gesicht, du kleiner durchtriebener Sack.“, drohe ich mittlerweile mit dunkler Stimme und ich habe das Gefühl, mit den verzottelt runterhängenden Strähnen und den blitzenden Augen sehe ich wirklich aus wie ein Psychopatin.

Er hebt abwehrend die Hände hoch und kriegt einen Lachkrampf, fängt an sich auf meinem Bett hin und her zu wälzen.

„Mir haben deine Beleidigungen und das Gedrohe fast schon gefehlt, Mann.“, bringt er schließlich gurgelnd heraus und ich kapituliere.

Wo könnte ich ihm wenn er so offen und herzlich zu mir ist wirklich sauer auf ihn sein? Selbst wenn er mich in die schlimmste Katastrophe meines jungen Lebens stürzt.

Ich seufze resignierend, setze mich neben ihn aufs Bett.

„Warum machst du das?“, frage ich und starre die Wand an.

Tom beruhigt sich neben mir und setzt sich ebenfalls auf. Wir sitzen dicht beieinander, es ist unglaublich was seine alleinige Anwesenheit bereits in mir auslöst. Vertrauen, Zuneigung, Freundschaft…
Das Gefühl ist so trügerisch, so umwerfend. Es verbrennt mich, weil es so intensiv ist.

Ich wage mir nicht auszumalen wie es mit Bill wäre…

„Weißt du, ich habe hier oben festgestellt, dass sich im Prinzip zwischen uns, ohne die äußeren Umstände, nichts geändert hat. Du, er, ich…es ist immer noch dasselbe…“
Er sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, ich erwidere seinen Blick.
„…vorausgesetzt ihr zwei Volldeppen würdet euch nicht so vehement gegeneinander wehren natürlich…“
Ich versuche zu protestieren, aber mir wird gerade mal wieder entsetzlich schlecht.
„…und ich fürchte fast, dass es nie ein Ende nehmen wird, bevor ihr euch nicht endlich mal anständig besteigt.“

„TOM!“, keife ich laut und schlage ihm brutal auf den Arm.

Blöder, primitiver, immer alles aufs Ficken reduzierender Scheißkerl…

„Was denn? Ist doch so…“, sagt er lachend und reibt sich den schmerzenden Arm.
„Er ist fast sein ganzes Leben lang scharf auf dich und wenn du ehrlich zu dir selbst bist, war es bei dir auch nie anders. Wir zwei waren immer nur Freunde, aber zwischen dir und ihm war immer noch was anderes. Also los, vergessen wir das letzte Jahr…“

„So einfach ist das nicht.“, brülle ich laut und fuchtle in der Gegend rum.

Unglaublich.

„Doch. So einfach ist es.“, sagt Tom und wirkt plötzlich ernst auf mich.
„So einfach ist es wirklich. Wenn du es nur zulässt und genauso wie er aufhörst davor wegzulaufen.“

„Tom…“, sage ich und stöhne leise.

„Er mag dich wirklich. Auch wenn er immer noch Angst hat es dir zu sagen. Jetzt vielleicht noch mehr wie davor.“
Er rollt mit den Augen, spielt damit die niederschmetternde Aussage herunter.
„Du weißt ja wie sensibel er manchmal ist.“

Ich schüttle schwach den Kopf. Warum tut er das? Warum…

„Was ist in einer Woche?“

Er schlägt mit der Faust fast angepisst in seine flache Hand.

„Nicht wischen, bevor du überhaupt angefangen hast zu scheißen…“, sagt er vulgär und daraufhin schlage ich ihn wieder.

Dieses mal direkt auf den Schenkel.

„Du bist so ne Sau manchmal.“

Er ignoriert das komplett.

„Macht schon, Mann. Ich hab keinen Bock mehr auf das Theater und die ganze Rumzickerei. Wir waren so lange Freunde und ich will alles dafür tun, dass es Zuhause hinterher gut geht zwischen uns. Wir werden ja sehen wie es wird.“
Theatralische Pause.
„Wie alles wird.“

Spinner. Blödmann…der hat sie doch nicht alle…

„Ich geh mir jetzt die Haare föhnen.“, sage ich und stehe auf.
„Und du hör auf mit der Kacke, sonst brech ich dir wichtige Knochen.“

Er lacht, nimmt mich natürlich nicht ernst.

Hinterfotziger… kleiner…sturer…Grrrrr!

* * *

Es passiert tatsächlich.
Unaufhaltsam rollt das Auto mit den letzten Sonnenstrahlen und dem kleinen breithosigen Scheißer an Bord aus der Einfahrt.
Sie winken. Alle drei. Lächeln. Strahlen.

Lassen mich zurück in der Wildnis. Mit ihm.

Ich starre einerseits immer noch wehleidig, andererseits ungläubig dem Wagen nach, bis er verschwunden ist. Erst dann schließe ich die Tür und begebe mich seufzend zurück ins Wohnzimmer.

Und da steht er. Lässig gegen das Sofa gelehnt. Mit vor dem Oberkörper verschränkten Armen.
Unglaublich attraktiv und sexy.

Zwei Tage, zwei Nächte.

Das wird die Hölle.

Ich stöhne wieder theatralisch leise vor mich hin und laufe zu ihm, bleibe vor ihm stehen.

„Also…wie funktioniert das hier?“, frage ich und versuche, ihm nicht direkt in die Augen zu sehen, um dem niederschmetternden Blick auszuweichen.

„Wovon redest du?“

Wieder Stöhnen meinerseits.

„Na, das da.“, sage ich und fuchtle zwischen uns hin und her.
„Gehen wir uns aus dem Weg? Reden wir miteinander? Streiten wir? Sind wir friedlich…“
Er legt den Kopf schief.
Ich begehe den Fehler und lasse Blickkontakt wirklich zustande kommen.
„Komm schon, du weißt was ich meine.“, jammere ich.

„Du kommst mit Tom klar. Warum also nicht auch mit mir?“

Weiche Knie…immer das gleiche…mir machen diese Augen immer so unglaublich weiche Knie. Besonders auf diese Distanz.

„Er…er kommt auf mich zu, im Gegensatz zu dir…du weichst mir eher aus…“

Sein Blick verdunkelt sich.

„Ich bin nicht wie Tom.“, knurrt er tief.

Das klang fast wie ne Drohung.

„Das weiß ich…“
Und wie ich das weiß.
„Ich wollte auch nur die Fronten klären.“

Er presst plötzlich ebenso wie ich ruckartig die Luft aus seinen Lungen, richtet sich auf.

„Also ich hab kein Problem damit normal mit dir umzugehen. Lass uns einfach die zwei Tage friedlich rumkriegen und chillen. Die nächste Woche wird stressig genug, wenn ich wieder zuhause bin.“

Klar. Zuhause. Das wahre Leben.

„Gut.“, sage ich kühl und wende mich damit von ihm ab, schleiche die Treppen nach oben in mein Zimmer.
Er geht in den Keller.

Na toll. Das fängt ja schon mal prima an.

* * *

Das Haus ist leer. Irgendwie völlig geräuschlos. Man merkt es wirklich deutlich, dass drei Leute fehlen. Irgendwie fühle ich mich scheußlich einsam. Und vor allem irgendwie in einer beklemmenden Zwickmühle.

Draußen ist es bereits bitterste Nacht und ich fröstle bei dem Gedanken, was draußen an Wetter und Getier unterwegs ist.

Ich beschließe nach zu sehen ob im ganzen Haus die Fenster und Türen verschlossen sind und als ich nach erfolgreicher Absolvierung meines Vorhabens schließlich im Keller angelangt bin, kommt mir die Idee auch ein bisschen Fernseh zu glotzen.

Es kann nicht so verkehrt sein.
Man sitzt einfach nur da und guckt in dieselbe Richtung. Also nicht schlimm, oder? Und immer noch besser, als oben mal wieder vor Langeweile zu krepieren.

Nur wenn das doch so kein Ding ist, warum hab ich dann Herzklopfen wie ein Karnickel auf der Flucht, als ich gegen die Tür zum Hobbyraum klopfe?

Er brüllt ein dunkles Ja, ich betrete das Zimmer.

„Kann ich mit dir fernsehen?“, frage ich ungewohnt leise und schüchtern.

Er nickt, auch wenn ich ihm sofort ansehe, dass er von meinem Verhalten ein wenig überrascht ist.

„Warum nicht.“

Und damit setze ich mich, mit mindestens drei Metern Abstand, zu ihm auf die Couch und sehe mit ihm das an was gerade läuft.
Irgendeine Serie. Kenne ich nicht. Aber das ist mir egal.

Auch wenn das hier ein wenig merkwürdig ist, ich fühle mich viel wohler, als da oben ganz alleine.
Viel wohler.

* * *

Es wird schnell später Abend und ich bin vor ihm nach oben gegangen, als ich der Meinung war, dass es nach dem zehntausendsten Mal ihn-von-der-Seite-anstarren auffällig geworden ist.

Ich bin bereits fertig fürs Bett, mit langer gemütlicher Stoffhose und T-Shirt, als er dann auch irgendwann aus seiner Fernsehkammer nach oben kommt.

Wir begegnen uns auf dem Klo.
Ich bin nämlich gerade dabei mir die Zähne zu putzen, als er die nicht verschlossene Tür aufdrückt und plötzlich neben mir steht.

„Sorry.“, sagt er und verlässt das Bad, will die Tür wieder hinter sich zuziehen.

„Mascht doch nischt.“, schmatze ich aus vollem Zahnpastamund und mache ihm klar, dass er ruhig rein kommen kann.
„Komm rein. Bin fascht fertig.“

Und das tut er damit auch.

Auch wenn es mich wundert, dass wir so viel Nähe zulassen.

Noch während ich ihn also mit der Zahnbürste rhythmisch kreisend im Spiegel dabei betrachte wie er hinter mir an einen der Schränke läuft und sich Zeug zum abschminken zusammensucht, fängt mein Herz schon wieder an zu rasen.

Wir haben uns früher voreinander umgezogen, miteinander Zähne putzen war sowieso Pflicht und jetzt macht es mich nervös, wenn ich mir nur vorstelle, dass er sich hinter meinem Rücken im gleichen Raum abschminkt.

Hallo? Erde an mich…bin ich noch im Besitz meiner Hirnmasse?

„Ist voll ruhig ohne die drei im Haus.“, fängt er aus der peinlichen Stille heraus plötzlich an zu plappern und ich verschlucke mich fast an meiner OdolMed3Spucke als mir der tiefe Klang seiner Stimme über die Wirbelsäule rollt.

„Ischt mir ausch schon aufgefalln…“, nuschle ich wieder und starre seinen Hinterkopf durch den Spiegel an.
Ich registriere wie er anfängt sich mit irgendwas im Gesicht rumzufingern und ich spucke den klebrig weißen Brei aus meinem Mund ins Waschbecken, spüle ihn aus.
„Bin ja mal gespannt ob ich heute Nacht pennen kann.“, gebe ich dann idiotischerweise ehrlich preis und lege die Zahnbürste weg.

Aber mal im Ernst. Es ist schon irgendwie unheimlich so ohne Eltern hier draußen zu sein. Ich bin schon mit Bill kurz davor mir in die Hose zu scheißen…ohne ihn würde ich wahrscheinlich nicht unterm Bett vorkommen.

Er dreht sich zu mir und lächelt mich an. Mit fast vollständig abgeschminkten Augen.

Ich kenne ihn so.
Oft genug wenn ich bei ihnen gepennt hab, habe ich ihn so gesehen, aber ich bin immer wieder fasziniert davon wie jung und unschuldig er ohne den Kajal aussieht.
Auch wenn irgendwie ein Rest immer dran zu bleiben scheint. Er nimmt die Sache mit dem Abschminken wirklich nicht so genau.

„Wenn du wieder Schiss kriegst, tu mir den Gefallen und weck mich nicht so wie das eine mal als du bei uns übernachtet hast.“

Jetzt kann ich mir ein Lachen auch nicht verkneifen, als ich mich daran erinnere wie ich mir mal, nachdem wir einen Horrorfilm angeguckt hatten wohlgemerkt, fast in die Hosen gemacht hab vor Angst und mitten in der Nacht völlig rücksichtslos in sein Zimmer gerannt bin und rumgebrüllt hab, es wär jemand im Haus.

„Nee, mach ich nicht.“, bringe ich schmunzelnd raus.
„Keine Sorge.“

Damit greife ich nach der Haarbürste im Schrank und fange an meine völlig verzottelten Haare zu kämmen.
Bill kommt dicht zu mir und starrt sich für wenige Sekunden einfach im Spiegel an, schneidet sich selbst Fratzen.

Ich muss wieder anfangen zu grinsen. Viele seiner Handlungen sind mir so vertraut wie die von Tom. Und Fratzenziehen vorm Spiegel gehört definitiv dazu.

Er steht ungewöhnlich dicht neben mir und ich bekomme nach dem kurzen Schmunzeln plötzlich Gänsehaut am ganzen Körper.

So nahe bei ihm, war ich sicherlich seit mehr als einem Jahr nicht mehr …die Schicksalsnacht in der ich eh zu betrunken war um es wirklich zu peilen, mal außen vor gelassen… und es macht mich mehr als nur nervös.
Die ganzen Monate des Streits, der Ablehnung…es kommt mir plötzlich so unwirklich vor.

Völlig bedeutungslos.

Die Bürste verfängt sich in meinem gedankenverlorenen Zustand in einer besonders widerspenstigen Strähne, ich fange an still vor mich zu fluchen, als sich der Knoten ums verrecken nicht lösen will.

Dran zerren ist meistens das einzige was hilft…

„Warte.“, hindert mich Bill an einem kräftigen Ruck und ich wende meinen Blick durch den Spiegel wieder zu ihm.
„Nicht dran reißen.“

Und damit nimmt er mir die Bürste aus der Hand, beim Kontakt seiner Finger mit meinen explodiert das flaue Kribbeln förmlich in meinem Magen.
Er dreht sich komplett zu mir, widmet sich ohne ein weiteres Wort, oder mich anzusehen dem Knoten in meinen Haaren, kämmt mit der Bürste in kleinen Zügen vorsichtig das Chaos auseinander.

Ich beobachte ihn, mit weit aufgerissenen Augen und rasendem Herzen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Bill mich kämmt. Wir haben uns früher öfter mal an den Haaren rumgespielt, aber jetzt gerade, in dieser Situation bedeutet die Geste entsetzlich viel.

Die Wärme in meinem Körper wird zu gnadenloser Hitze, als er den Knoten schließlich erfolgreich gelöst hat und dann die Bürste an meinem Scheitel ansetzt und einfach so die endlangen schwarzen Strähnen nacheinander durchkämmt.
Er macht es unglaublich zärtlich und langsam, seine freie Hand, greift wieder und wieder tief in die widerspenstigen, völlig verhedderten Haare und ich muss mich beherrschen nicht leise aufzustöhnen vor Genuss.

Er sieht mich nicht einmal an, konzentriert sich ausschließlich auf das was er tut.

Meine Hände suchen Halt am Waschbecken, weil ich fürchte meine Beine geben nach, ich bin kurz davor einfach die Augen zu schließen und so mein Leben zu ende zu leben …
…dann hört er auf.
Einfach so.

Ich kann die Enttäuschung kaum verbergen, drehe mich zu ihm. Er scheint von seinem Verhalten selbst irritiert zu sein, sein Blick starrt stur auf die Bürste in seiner Hand, um die sich vereinzelt lange, schwarze Haare wickeln.

Als ob er sich von was losreißen müsste, schmeißt er sie schließlich ins Waschbecken und …so gut kenne ich ihn …versteckt diesen Moment in dem er gerade steckt, hinter seiner perfekten, selbstsicheren Mimik.

Er fängt an zu lächeln, als er mir ins Gesicht sieht.

„Du stehst also immer noch drauf, gekämmt zu werden.“, sagt er mehr feststellend als fragend und auch wenn die Situation durch seinen Stimmungsumschwung trügerisch ist, nicke ich offen, mit glasigen Augen.

Ich zeige ihm zu deutlich wie viel mir das gerade eben bedeutet hat und darum wende ich mich ab, beende das Ganze recht ruckartig.

„Gute Nacht, Bill.“, kriege ich noch raus, dann flüchte ich aus dem Bad und rein in mein Zimmer.

Mein Herzrasen lässt mich kaum atmen.

* * *

Da klappert was. Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass da irgendwas klappert. Die Tür von der Hütte vielleicht…was weiß ich.
Jedenfalls macht es mir eine Heidenangst.

Es ist mitten in der Nacht, der skandinavische Wind pfeift wie Höllenfeuer züngelnd um die Kanten des Hauses und ich fürchte fast, wenn ich mich noch tiefer in die Matratze verkrieche, verschwinde ich in ihr.

Keine Ahnung, warum ich mir ausgerechnet diese Nacht so in die Hose mache…schließlich hat der Wind die letzten Nächte auch immer gewettert.

Aber heute Nacht werde ich fast verrückt wegen dem winterlichen Unwetter, dem fernen dunklen Grollen aufeinander prallender Luftmassen. Ich höre durch das fest verschlossene Fenster das verzweifelte Ächzen der Bäume die sich unter dem Druck der Böen biegen, jedes fremde Geräusch erweckt in mir mehr Unbehagen und als ich mir schließlich sogar einbilde einen Wolf heulen zu hören, springe ich auf und laufe über die kalten Holzdielen an die Tür meines Zimmers, öffne sie.

Ich betrete den Flur, bereits das freundlich lodernde Feuer in der Bibliothek beruhigt mich.
Wärme umspielt meinen Körper, ich schleiche auf Zehenspitzen den Gang entlang. Aus reiner Neugier presse ich vorsichtig ein Ohr an die verbotene Tür, aber dahinter ist es erschreckend still.
Typisch Kerl. Pennt tief und fest, selbst wenn draußen die Welt untergeht.

Frustriert, fast hatte ich gehofft er ist wach und nimmt mir mit nem blöden Spruch die lächerliche Angst, schwanke ich zwischen Bibliothek und meinem Zimmer hin und her, überlege mir was ich machen könnte, um diese Nacht wenigstens noch ein kleines bisschen Schlaf zu finden. Was mir bislang wegen diesem Mördersturm und einer klitzekleinen Kleinigkeit im Bad nicht wirklich gelungen ist.

Wieder gleiten meine Augen zwischen meinem kalten Zimmer und der Bibliothek hin und her…beides sagt mir nicht unbedingt zu. Denn eigentlich bin ich hundemüde und hinlegen kann ich mich in der Bibliothek auch nicht.

Mir schießt ein Gedanke in den Kopf, den ich sofort in die Tat umwandle. Ohne zweimal darüber nachgedacht zu haben.
Ich hoffe er hat nichts dagegen, beziehungsweise, ich hoffe er erfährt es nicht.

Unsicher und wirklich außerordentlich leise drücke ich die Klinke von Toms Tür nach unten und schleiche mich in das dunkle Zimmer.
Das Feuer des Kamins erhellt den Raum für mich genug um die wichtigsten Dinge zu erkennen und ich stolpere barfuss schnurstracks auf das nicht gemachte Bett an der Trennwand der Twinzimmer zu.
Mit einem makaberen Lächeln auf den Lippen, lasse ich mich darauf sinken und greife nach der Decke, ziehe sie über meinen Körper, kuschle mich darin ein und lasse mich niederreißen von positiven Gefühlen.
Immer breiter lächelnd versenke ich meine Nase im Kissen. Sie riecht nach Tom.

Unverkennbar.

Ich glaube hier kann ich pennen, selbst wenn draußen heute Nacht wirklich die Welt untergeht.

Ich kuschle mich also tiefer in die Matratze, als mir unter der Decke etwas in die Finger kommt. Ein Kleidungsstück. Pulli…irgendwie so was.
Ich ziehe ihn vor, will ihn neben das Bett werfen, als meine Sensorik mir klar macht, dass das hier sich unterscheidet von dem Geruch der mich in diesem Bett sonst umgibt.

Ich hebe den Stoff ins schlechte Licht des flackernden Kaminfeuers und dann erkenne ich das grelle Orange und den Schnitt, identifiziere das Ding als mein Lieblingskleidungsstück an einem besagten Kerl ein Zimmer weiter.
Ich schließe mit einem Kribbeln im Magen meine Augen und ziehe das Teil dicht zu mir an meinen Körper, klammer mich daran, verstecke mein Gesicht im weichen Stoff und spiele mit den Fingern am metallenen Reißverschluss…

Mir wird bewusst, dass er gerade mal einen Meter und eine Wand von mir weg liegt…ich komme zur Ruhe und schlafe ein…

Mit den beiden bei mir.

* * *

Unsanft werde ich wach gerissen, lautes Poltern…völlig rücksichtslos. Ich versuche gegen die grelle Sonne zu blinzeln…Hallo, wie spät ist es?

„Was machst du denn hier?“, höre ich dann plötzlich eine teils verdutze und teils amüsierte Stimme an mein immer noch müdes Ohr dringen und ich richte mich auf, fahre mir einmal durch die Haare.

Vor mir steht Bill. In Shorts und Shirt. Mit völlig desorientierter Frisur und einem absolut niedlichen Grinsen auf den schönen Lippen.

Lieber Gott, so will ich immer geweckt werden…

Aber mal Spaß beiseite, ich könnte mir natürlich zentral in die Fresse dreschen. So war das hier nicht geplant. So dass ich hier einschlafe und penne bis zum morgen, ohne Rücksicht auf Verluste.
Ich wollte nicht lange schlafen.
Und vor allem schon zweimal nicht länger als der schwarzhaarige Zottelkopf da vor meinen Augen. Eigentlich wollte ich nämlich nicht, dass er weiß, dass ich mich ins Bett seines Bruders verzogen hab weil ich wegen einem Unwetter nicht pennen konnte.

„Hä?“, nuschle ich darum einfach mal Zeit schindend undeutlich und sein Grinsen wird immer breiter.

„Gib’s zu, du hattest Schiss…“, durchschaut er mich sofort und lässt sich zu mir aufs Bett fallen.
„…und hast dich nicht getraut mich zu wecken.“

Natürlich muss mein Herz schon wieder am frühen Morgen Hochleistungssport betreiben. Dass er mit mir plötzlich auf einem Bett hockt, katapultiert meine kühnsten Vorstellungen noch mal ein Eckchen weiter ins Land der Träume.
Und dass er mich so dreist mit dem Schiss-Haben ertappt, beruhigt mich auch nicht unbedingt.

Blöder, kleiner, intelligenter…geh weg! Du machst mich wahnsinnig.

„Meine Matratze war zu hart.“, platzt es plötzlich unkontrolliert aus meinem Mund.

Offensichtlich meint mein Hirn eine Ausrede finden zu müssen, obwohl er ohnehin weiß, was Sache ist. Er kennt mich zu gut.
Dummes Hirn.

„Natürlich.“, sagt er damit O-Ton Tom und zeigt mir den Vogel.

Aber dann wird ihm glaube ich bewusst, wie nahe wir uns gerade sind … wie verfänglich der Gedanke ist, zusammen in einem Bett zu sein…das tückische Spiel der Erinnerung schürt das Gefühl welches ich mit diesem einen verkaterten Morgen verbinde…

Er starrt mich einfach nur an, ich starre zurück.
Meine Fingerspitzen fangen an zu kribbeln und erst jetzt wird das brutale Verlangen geboren ihn dringend berühren zu müssen.

Mein Mund trocknet aus, mir fehlt die Luft zum Atmen.
Ich würde hier einen letzten glücklichen Atemzug tun, würde sterben unter seinem Blick und meinen Gedanken, wenn er nicht irgendwann wegsehen würde.

Er macht ein dunkles Geräusch in seiner Kehle, schließt für einen kurzen Moment kopfschüttelnd seine Augen.

Ich würde meine Seele verkaufen, wenn ich erfahren könnte, was er gerade denkt.

Er strafft fast selbstermahnend seine Schultern und sieht sich dann im Zimmer um. Er fängt an, sich durch die Decke zu wühlen, fummelt irgendwo zwischen meinen Beinen am Ende des Bettes rum.

Ich bin ein klein wenig verwirrt…

„Hast du…“, murmelt er und dreht mir den Rücken zu, kramt weiter zwischen den Decken.
„…irgendwo so n orangenes Teil gesehen?“
Ohoh. Meine Augen werden größer. Mein Puls noch ein klitzekleines bisschen schneller.
„Ich hab das vorgestern hier ausgezogen…“

Damit wendet er sich zu mir und ich spüre plötzlich wie das Korpus Delicti unter der Decke meine Hände, die sich darin verkrallt haben, verbrennt.

„Nein.“

Meine Stimme klingt total quitschig und rau, ich bete zu Gott, dass er nicht energischer danach sucht.

„Mist.“
Er steht vom Bett auf, wirft noch mal einen Blick in das ziemlich unaufgeräumte Zimmer.
„Frühstücken wir dann?“, fragt er noch abschließend und sieht mich an.

Ich nicke, er verschwindet wieder durch die kleine Tür, verschließt sie.

Er bleibt ohne das Ding…dafür ich mit meiner Würde.

* * *

Nach einem eher unspektakulären Frühstück im Keller vor der Glotze habe ich mich wieder in mein eigenes Zimmer verzogen.

Um Abstand zu gewinnen. Um runter zu kommen. Um normal zu werden.

Was mit mir gerade abgeht ist ja fast schon beängstigend.

Oh diese elende kleine Ratte von Tom. Wenn der morgen Abend wieder kommt, schwöre ich heilig ihn so lange zu würgen bis er blau anläuft.

Aber gut. Morgen Abend. Das kann so schwer nicht sein zum rumkriegen. Ich muss ihm einfach nur aus dem Weg gehen, ihn einfach ignorieren. Oder ihn einfach nur mit denselben Augen betrachten wie Tom.

Aber zu meinem Entsetzen muss ich leider feststellen, dass dieser Zug bereits abgefahren ist. Bill war und wird nie dasselbe sein wie Tom. Es war immer anders, es wird immer anders sein…
Und was daraus wird, entscheidet sich jetzt. In den letzten verdammten Tagen dieses Höllentrips. Denn entweder ich versuche mich schützenderweise von ihm abzuwenden und verliere ihn dadurch wieder vollständig wenn wir zurück in Deutschland sind… oder ich lasse es zu, baue den Kontakt auf… mit allem was da mitkommen möge…

Ich wälze mich auf meinem Bett hin und her, überlege mir was ich tun soll, wie ich mit ihm und der ganzen Situation umgehen soll…ich frage mich wie es wird, wenn wir zurück sind, frage mich ob ich damit klar komme sie wieder teilen zu müssen…

Wobei…mittlerweile ist es wohl eher so, dass die Fans diejenigen sind die sie mit mir teilen müssen, nicht umgekehrt. Schließlich habe ich keinerlei Anrecht mehr auf sie.

Bei dem Gedanken, presse ich frustriert die Luft aus meinen Lungen. Draußen scheint die Sonne hell und freundlich in die kalte Schönheit der Landschaft.

Ich muss hier raus, mir platzt gleich der Schädel.

Gerade mal zehn Minuten später stampfe ich also ein drittes Mal den vorgetrampelten Pfad um den wunderschönen See, eingekuschelt in meinen dicken Wintermantel mit Schal und Mütze.

Ich konnte Bill natürlich nicht überreden. Es ist jetzt auch nicht so, dass ich es wirklich versucht hätte …
Er ist ein unglaublicher Naturmuffel.

Aber mir kam das um ehrlich zu sein gerade recht. Ich muss ringend Abstand zwischen uns bringen. Meine ganzen Gedanken drehen sich um ihn.
Und ich stehe gerade bedenklich nahe am Abgrund, kurz davor das Gleichgewicht zu verlieren und zu fallen. Tief. Bodenlos.
Unendlich.

Ich versuche so lange es geht Zeit zu schinden, mich draußen aufzuhalten. Ich umrunde den See.
Ein zwei Stunden Marsch.

Als mein Blick wieder auf das idyllische Haus fällt, dessen Fenster die Sonnenstrahlen reflektieren, ist es bereits wieder kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Ich muss mich beeilen um rechtzeitig anzukommen, ehe die Nacht vollständig hereinbricht.
Seit gestern graust es mir mehr denn je vor diesen dichten Wäldern, den schroffen Bergwänden und dem grausamen Wind dessen Tonlage nur die Wölfe so bestialisch mitjaulen können.

In meiner wachsenden Unruhe, passiert mir dann wieder ein Missgeschick.

Und dieses mal kein kleines.

Ich rutsche ab vom glitschigen Hang, falle in meiner dicken Kleidung unbeweglich wie ein Baumstamm auf die gefrorene Erde und kullere auf das Ufer des Sees zu.
Haltlos.

Erst als ich bereits der Länge nach auf der Eisfläche liege, kommt mein geschundener Körper zur Ruhe, ich schwanke zwischen dankenden Stoßgebeten und brutalen Flüchen.

Ich sehe aus wie ein Schwein, voller Schlamm, Laub und Morast. Meine Hände sind am Gelenk leicht aufgeschürft, dunkelrot tropft das Blut auf die durchsichtige gefrorene Schicht, sickert in die kleinen Risse die sich unter mir gebildet haben.

Ich kann durch sie hindurch das tiefe Dunkel des Sees sehen, selbst wenn ich gerade mal zwei Meter neben dem Ufer liege, geht es hier mehr als nur senkrecht nach unten.

Panik macht sich breit, ich versuche Ruhe zu bewahren, richte mich auf. Nicht ganz, nur auf alle viere. Langsam, mit bibbernden Gliedmaßen und dieses mal wirklich nur mit Stoßgebeten auf den Lippen krieche ich Millimeter um Millimeter auf das Ufer zu.

Die Eisdecke trägt mich …
… für den einen Moment…

Dann bricht sie unter mir weg und der Schock des eiskalten Wassers lähmt mich. Es brennt wie tausend Nadelstiche auf meiner Haut, ich verschlucke viel in meiner Panik. Sofort wird mit den gefrorenen Lungen das Atmen zur Qual.
Ich strample mit den voll gesaugten Klamotten um mein Leben, schlage das Eis welches zwischen mir und dem Ufer liegt mit bloßen Händen auseinander, paddle wie ein Hund auf eine dicke Baumwurzel zu, an der ich mich letztendlich tatsächlich raus ziehen kann.

Ich bleibe liegen. Schnatternd. Erschöpft. Mit einem Riesenschock in den Gliedern…
…aber am Leben.

* * *

Fragt sich nur wie lange, denn der Weg von der Einbruchstelle bis zurück zum Haus kommt mir vor wie eine grausame Unendlichkeit.
Es wird rasend schnell dunkel, meine voll gesogenen Klamotten tropfen immer noch.

Als ich ankomme, ist mir so kalt wie niemals zuvor in meinem Leben.

Ich erreiche mit letzter Kraft die Klingel, drücke den kleinen Knopf wie einen rettenden Anker bis zum Anschlag ewig durch.

Würde ich nicht so unkontrolliert zittern, würde ich einen bösen Fluch über Bill und seine Faulheit zustande bringen, aber so kann ich nur wild vor mich hinschnattern und hoffen, dass der Herr seinen Arsch bald aus dem Keller an die Haustür schleift.

Das tut er dann letztendlich auch.

Als er mich sieht, stirbt ihm jedes Wort auf den Lippen. Seine Augen sind weit aufgerissen, er krallt seine Fingernägel in das Holz der Tür, starrt mich völlig geschockt an. Von unten bis oben.

„Fuck…“, stammelt er leise, dann fängt er sich, packt mich am klitschnassen Ärmel und zieht mich ins Haus, wirft die Tür zu.

Ich komme gar nicht wirklich dazu was zu sagen, da werde ich durch das Wohnzimmer und auf die Kellertreppen zugeschoben. Ich bin so steif gefroren, dass es mir in den Gelenken weh tut, als ich nach unten stolpere.
Im Hobbyraum angekommen, muss ich erst mal kurz stehen bleiben um nicht einfach seitlich weg zu brechen.

Er stützt mich unter beiden Armen, versucht mit hektischen Bewegungen die dämlichen Knöpfe des Mantels aufzukriegen. Mir kommt es vor wie eine Ewigkeit, als ich ihn dabei beobachte, wie er fluchend und äußerst brutal daran rumzerrt, mir schließlich energisch den Mantel von den Schultern streift und ihn achtlos auf den nagelneuen Teppichboden des Zimmers fallen lässt.

„Wir müssen dich warm kriegen.“, sagt er mit zittriger Stimme und packt mich wieder an den klammen Händen, schiebt mich auf die alte Sauna zu, die im angrenzenden Raum ist.

Ohne zu zögern reißt er die Tür auf, Dampfschwaden prallen mir sofort ins Gesicht und der Kontrast auf meiner Haut ist so brutal, dass es sich anfühlt wie ein Schlag mit der flachen Hand.
Ich stöhne leise auf, mir wird schwarz vor den Augen.

Bill schubst mich den letzten Meter auf die Holzbank in der Ecke zu, dann lässt er mich fallen, ich komme hart zur Ruhe.
Ich schließe die Augen vor Erschöpfung, lasse den Kopf gegen die Wand sinken. Die heiße Luft dringt in mich ein, taut die Flügel meiner Lungen. Ich kann atmen ohne Schmerzen.

„Hey!“, ruft mich in meinem apathischen Zustand die Stimme die mich so unglaublich nervös macht und dann tatschen mir Hände im Gesicht rum.
„Lass mir ja die Augen offen.“
Bill sitzt neben mir auf der Bank, mich mit einer Hand immer noch stützend. Er sieht mich an mit Panik, mit Angst…mit Sorge. Und dieser Blick tut in Zusammenarbeit mit der Sauna wirklich einen unglaublich guten Job.
„Bist du okay?“, fragt er und streicht mir grob eine Strähne aus dem Gesicht.

„M-m-m…m-mi-mir ist s-o-o ka-alt.“, stottere ich und versuche dabei nicht die Kontrolle über meinen zitternden Körper zu verlieren.

Sein Blick mustert kritisch meine Kleidung.

Hätte ich das lieber mal unausgesprochen gelassen.

„Wir müssen dir das scheiß Zeug ausziehen.“, sagt er und steht auf, packt ohne zu zögern den Saum des völlig durchnässten Pullis, hebt ihn an.

Ich käme noch nicht mal dazu zu protestieren, wenn ich meine Sprache unter Kontrolle hätte. Er hat diesen entschlossenen, keinen Widerspruch duldenden Gesichtsausdruck.

Mit einem Ruck zieht er mir das schwere Stück Stoff über den Kopf, wirft es auf den Boden. Er ist nicht gerade zärtlich, aber mein Zustand scheint in seinen Augen gerade auch nicht wirklich Raum für Zärtlichkeit zu lassen.
Wirklich komisch im Magen wird mir aber erst, als er wieder mit seinen Händen an meine Hüften greift und jetzt direkt auf nackte, eiskalte Haut fährt, das weiße Top über meinen Oberkörper zieht und ebenso achtlos hinter sich wirft.

Das lässt mich vor ihm im BH zurück und auch wenn mich das Ganze irritiert, macht es Sinn. Ohne den kalten Stoff auf meiner Haut, dringt die trockene Hitze der Sauna in jede einzelne gefroren Pore meines Körpers.

„Be-besser.“, stottere ich immer noch zitternd und versuche ihm die Angst aus der wunderschönen Mimik zu nehmen.

„Du solltest die auch noch ausziehen.“

Damit deutet er unsicher auf die Jeans, die morastig und klamm an meinen Beinen klebt und ich nicke schwach, auch wenn ich fürchte unter der folgenden Handlung wirklich zu sterben.

Ich strample Schuhe und Socken von mir, greife nach dem Knopf, versuche ihn zu öffnen, aber meine Finger sind nach wie vor so steif gefroren, dass ich immer wieder abrutsche.

Er drückt mit einem Kopfschütteln meine Hände beiseite, öffnet mit einer geschickten schnellen Bewegung Knopf und Reißverschluss der Jeans.
Dann beugt er sich über mich, packt mich am Becken und ich versuche ihm zu helfen, drücke mich von der Bank, während er den zähen Stoff langsam von meinen Hüften schiebt.

Damit sitze ich in Unterwäsche vor ihm, zitternd und immer noch mehr als apathisch. Die Hitze dringt zwar langsam mehr und mehr in jede einzelne Faser meines Körpers, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diesen wunderbaren Ort trotzdem so schnell nicht wieder verlassen werde.

Bill setzt sich direkt neben mich, packt mich wieder an den nackten Hüften und zieht mich ruckartig seitlich auf seinen Schoß, umklammert mich mit beiden Armen.
Mein Kopf fällt kraftlos auf seine Schulter, wäre ich zumindest halbwegs bei psychisch-physischer Funktionsfähigkeit, würde mich diese Berührung umbringen. Und zwar wirklich. Kein Scheiß.

Sein Herz klopft unglaublich schnell und laut gegen seinen Brustkorb, seine Hände pressen mich an ihn, als hätte er Angst jemand würde mich aus der Umarmung reißen. Immer wieder flucht er still vor sich hin. Mehr für sich, als für mich.

Mir ist schwindelig.

Nicht nur von dem Kälte- und dem Hitzeschock, sondern auch von dem was hier gerade passiert. Ich weiß, dass er das tut, weil er Angst um mich hat. Und trotzdem bringt es mich fast um.

Ich halte den Mund und schweige... genieße...
Ich schließe meine Augen und verstecke mein Gesicht an seinem Hals. Er streicht mit seinen Händen wieder und wieder über meinen nackten Rücken, versucht mich warm zu kriegen.

„Soll ich einen Arzt rufen?“, fragt er mittlerweile ein klein wenig ruhiger und seine tiefe Stimme lässt einen ohnehin fälligen Zitteranfall über meine Wirbelsäule rollen.

„N- nein…ich taue auf…D- danke.“

„Scheiße, was machst du denn für Sachen?“, fängt er dann an mit mir zu schimpfen und ich kuschle mich mehr in die Umarmung, genieße jede Sekunde dieser erbärmlichen Situation so sehr, dass ich eigentlich dafür geohrfeigt werden sollte.

„B- bin abgerutscht u- und eingebrochen.“

„Bist du sicher, dass du keinen Arzt brauchst?“

Ich bin sicher. Es wird langsam wieder.
Und ohnehin, ich wüsste nicht woher er hier in der Pampa, ohne Finnisch zu sprechen, um die Uhrzeit einen Arzt herkriegen wollte.

„S-sicher…mir geht’s schon viel be- besser.“

Und ja, das tut es. Mir geht es unglaublich gut. Was in Anbetracht der Situation makaber ist. Aber das Kribbeln auf meiner Haut fühlt sich an wie ein Feuerwerk.

„Warte kurz.“, sagt er und richtet sich ein wenig auf, öffnet die Umarmung.
Enttäuscht hebe ich den Kopf an, aber zu meiner Beruhigung, oder sollte ich besser sagen zu meiner grenzenlosen Panik, plant er nicht, mich von seinem Schoß zu schubsen, sondern zieht sich mit einem brutalen Ruck das schwarze T-shirt über den Kopf und wirft es zu den anderen Sachen, die wild den gekachelten Boden der Sauna schmücken.
Ohne mir groß die Chance zu lassen, auf die neuen Umstände zu reagieren, zieht er mich in die Umarmung zurück und der Kontakt mit seiner nackten Haut lässt für wenige Sekunden wirklich mein Herz still stehen.
„Sorry.“, keucht er heißer und lehnt sich mit mir wieder gegen die Holzwand.
„Aber ist ja nicht jeder so ’n Eiswürfel wie du.“

Meine Hand berührt durch die Position in der ich jetzt sitze seinen Oberkörper, ich würde mir wünschen, das heiße Kribbeln würde sich nicht in meiner Mitte zentrieren, sondern die viel wichtigeren erfrorenen Gliedmaßen wärmen.
Aber nein, mir scheint für meine Hormone reicht dieser Kontakt voll und ganz aus um scharf zu werden.

Ganz gleich wie lange mein letztes Nahtoderlebnis gerade erst zurück liegt.

Immer noch streichen seine Hände über meinen kühlen Körper, seine Fingerspitzen brennen wilde Formen auf meine Haut.
Denn im Gegensatz zu meiner, ist seine heiß und lebendig.
Er haucht mir mit jeder weiteren Geste wieder Leben ein und tatsächlich dauert es keine zehn Minuten und ich glaube wieder auf Normaltemperatur zu sein.

Er hält mich nach wie vor starr umklammert, erst als ich den Kopf hebe und ihn ansehe, bemerke, wie er mit geschlossenen Augen diese Katastrophe einfach vorüber ziehen lässt, reagiert er und lässt mich los, hebt mich von seinem Schoß wieder neben sich auf die Bank.

Der Verlust der Berührung macht mich fast wahnsinnig.

„Ich hol dir was zum anziehen aus deinem Zimmer und dann packen wir dich sofort ins Bett, okay?“, sagt er und sieht mich aus den schwarzen Augen an.

Ich versinke in ihrer grenzenlosen Tiefe, ihrer offenbarenden Unendlichkeit und wünsche mir in meinem weggetretenen Zustand er würde mich immer so ansehen. Denn zu gut kenne ich es auch, wenn mich diese Augen mit Verachtung strafen.

Ein melancholisches Nicken kann ich mir abringen und er steht auf, verlässt die Kammer meiner Wiedergeburt.

Mein Kopf sinkt zurück gegen das Holz, ich danke ihm und einer Instanz ein klein wenig höher still dafür, fast unbeschadet noch am Leben zu sein.

* * *

Einige Stunden später bin ich eingepackt in fünf Paar Socken, vier Pullover und zwei Trainingshosen. Und wenn er könnte, würde er mir darüber noch einen Anorak und darüber noch einen Overall ziehen. Und da drüber würde er mindestens drei Decken wickeln.

„Bist du wirklich okay?“, fragt er mich wieder, als ich mich mit ihm die Treppen nach oben ins Obergeschoß kämpfe.

„Ja.“, sage ich und lächle ihn eine Spur zu liebevoll an.
„Ich bin nur unglaublich müde.“

Könnte an den zwei Litern warmen Kamillentee liegen, die er mir eingeflößt hat.

Es ist fast mitten in der Nacht, der mir mittlerweile wirklich mehr als bekannte, eisige Wind peitscht bereits wieder um das Haus.

Alleine bei dem Gedanken bekomme ich Gänsehaut.

Ich fühle mich wie der noch fettere Bruder des Michelinmännchens, als ich schließlich auf der obersten Treppe ankomme und erst mal erschöpft nach Luft schnappen muss.
Junge, Junge, hätte nicht gedacht, dass so ein bisschen Stoff so viel ausmachen kann.

Kraftlos suche ich Halt an der Wand, mir wird immer noch schwindelig. Und zwar ziemlich häufig. Ich muss echt ins Bett.

Als ich meine Augen wieder öffne, sieht mich Bill wirklich besorgt an.
Diese Situation hier ist eine der wenigen Momente, wo er seine Emotionen nicht hinter seiner Mimik verstecken kann.

„Penn bei mir.“, sagt er plötzlich leise, fast flehend und ich drohe ob dieses Satzes fast wirklich umzukrachen.
„Ich mach kein Auge zu heute Nacht, wenn ich nicht weiß, dass du okay bist.“

Er greift nach meiner Hand und zieht mich auf seine Zimmertür zu.

„Was?“, frage ich und versuche einen klaren Verstand zu bekommen.

Aber in Anbetracht der Tatsache ist das mehr als nur ausgeschlossen. Unmöglich. Mein Herz fängt schon wieder an wie wild zu klopfen.

„Ich meins ernst. Lass dir den ganzen Stress und die Scheiße zwischen uns egal sein und penn einfach bei mir. Bitte.“

Oh mein Gott. In meinem Magen ist soeben eine Bombe explodiert. Und sie verbrennt mich bitter von Innen heraus.

Mein Körper schreit ja, mein Hirn nein.
Mein Verstand kämpft um sein Leben, während mein Herz freudig hüpfend Liedchen trällert.

Ich starre geschockt in seine bettelnden Augen, versinke in ihrem dunklen Braun, ihrer Tiefe…

Wie könnte ich nein sagen?

Selbst wenn Bill von mir verlangen würde, auf den Knien durch die Sahara zu kriechen, würde ich es tun, wenn er mich so ansieht.
Dieser Blick ist der absolute Todesstoß. Er kann von mir alles und noch viel mehr kriegen, wenn er diese Waffe so tödlich gegen mich verwendet.

Und darum nicke ich steif, versuche mir einzureden, dass nichts Schlimmes daran ist. Es ist nicht schlimm, wenn er neben mir im Bett liegt, nicht schlimm, wenn ich eine ganze Nacht mit ihm verbringe…es ist wirklich nicht schlimm.

Ich lach mich gleich tot. Nicht schlimm… es ist eine Katastrophe.

„Lass mich noch kurz ins Bad.“, sage ich und kämpfe strauchelnd gegen die Intensität seines Blickes, kriege gerade so noch mit Ach und Krach hin aufs Klo zu stolpern. Die Schüssel ächzt unter der Wucht mit der ich auf sie knalle. Gut, dass ich gepolstert bin.

Ich schließe die Augen, lehne den Kopf gegen die harte Wand.

Scheiße.

Jetzt hab ich mir tatsächlich selbst den Todesstoß versetzt.
Wie konnte ich da nur zustimmen? Bin ich bescheuert? Mir müsste doch klar sein, dass nach dieser Nacht alles anders sein wird. Egal was passiert.

Und mein Verstand weiß es. Darum schreit der kleine Mistsack auch wie ein Irrer in meiner Hirnkammer um seine Existenz, aber ich fürchte fast, dass er gegen diese Augen keine Chance haben wird. Selbst wenn ich mich jetzt zusammenreißen würde und mich doch um entscheide wird ein Blick genügen und ich werde wieder resignierend am Boden liegen.

Darum komme ich also mit immensem Herzklopfen nach ein paar Minuten wieder aus dem Bad und wanke unsicher in sein Zimmer.
Es brennt nur das winzige Licht auf dem Holztisch, er hat einen unglaublichen Berg Decken in sein Bett geschafft. Wie mir scheint hat er auch die von Tom geklaut.

Ich kann mir ein Grinsen einfach nicht verkneifen. Das alles ist so süß. So unschuldig.
Und doch weiß ich, dass Unschuld hier nicht wirklich stark vertreten ist.

„Ich komm gleich. Leg dich schon mal hin.“, sagt er damit und verschwindet aus dem Zimmer.

Ich hole tief Luft, versuche runter zu kommen, versuche nicht zu hyperventilieren. Aber keine Chance, ich glaube ich bin so nervös wie noch nie zuvor in meinem Leben.

Trotzdem…extrem hektisch springe ich aus den drei Pullis, acht Socken und einer zusätzlichen Hose, klettere dann mit mal wieder bibbernden Gliedmaßen in das Bett.
Als ich mir zwischen all den Decken und Kissen eine bequeme Lage suche, frage ich mich, warum wir nicht in mein Bett gegangen sind. Schließlich ist es größer.
Ähm…ja…vielleicht genau darum.

Argh! Was auch immer. Denk nicht nach. Schlaf.
Am besten ist es, du pennst schon bis er kommt. Das ist das allerbeste.

Aber natürlich ist das Utopie.

Bill ist vielleicht gerade mal fünf Minuten im Bad, ehe er wieder im Zimmer auftaucht und mich mit undurchsichtigem Blick ansieht.

Die Situation ist mehr als heikel.
Und das wissen wir beide.

Als ich weder eine Bewegung noch einen Laut mache um Abneigung zu symbolisieren, schließt er hinter sich die Tür, kommt dicht ans Bett gelaufen. Mein Puls gallopiert davon und wenn ich den Zustand gerade beschreiben müsste, würden mir nur Worte einfallen die sonst Kiffer verwenden.

Kein Scheiß, ich hab das Gefühl drauf zu sein. Das alles nur in einer rosaroten Seifenblase zu erleben.

Er zieht das Oberteil, welches er über dem einfachen schwarzen T-Shirt trägt aus, ohne auch nur im Ansatz zu erahnen, wie sehr ich jede einzelne seiner ruhigen Bewegungen in mir aufsauge, beobachte, studiere.

Er bewegt sich so bewusst, so unglaublich sicher.

Seine Hände greifen an den Bund seiner Jeans, öffnen den Knopf.

Ich ziehe scharf die Luft ein, als ich ihn dabei beobachte, wie er sich den harten Stoff von den Hüften streift und dann ohne mit der Wimper zu zucken zu mir ins Bett krabbelt.

Auf die kurze Distanz kann ich ihn nicht ansehen, ohne sofort einen Herzinfarkt zu kriegen, darum starre ich jetzt stur, auf dem Rücken liegend, nach oben an die Decke.

„Ist es okay?“, fragt er fast erwartet und ich nicke, rutsche ein paar Millimeter weiter von ihm weg.

Nicht seinetwegen…sondern meinetwegen. Ich verliere gleich komplett die Kontrolle.
Und das darf ich nicht.

„Ja…“, keuche ich unnötigerweise.
„Ist okay.“

„Schlaf.“, sagt er dann ohne augenscheinlich auch nur im Ansatz dieselben Probleme zu haben wie ich und greift hinter sich nach dem Schalter der kleinen Lampe, knipst sie aus.

Das lässt mich in völliger Finsternis.
Mit dem bösen Heulen des Windes.
Und dem warmen, aufregenden Körper direkt an meiner Seite, der jetzt langsam zur Ruhe kommt, flacher atmet, sich entspannt.

So wie ich es tun sollte, aber ich kann nicht.

Ich lausche jedem Atemzug, reagiere auf jede Bewegung.
Es kommt mir so vor, als ob mein tragender Muskel gleich aus meiner Brust springt und sich das Schwarz der Nacht bleibend in die Netzhaut meiner aufgerissenen Augen einbrennt.

Ich weiß nicht was ich tun soll, ich bin völlig verkrampft.

Der Zustand kommt einem Tanz an der Klippe gleich.
Ich spüre den Fall noch nicht, aber ich weiß, dass er kommt. Ich bin noch nicht abgerutscht und dennoch weiß ich, wie schwerelos mein Körper sich anfühlen wird, wenn ich gnadenlos auf den Boden zurasen werde.

Die Explosion steht kurz bevor…

„Du denkst zu viel.“, murmelt es plötzlich dicht an meinem Ohr und ich zucke zusammen.

„Was?“, keuche ich und versuche zu verdrängen, wie nahe seine Stimme und damit sein Mund an meinem Hals ist.

„Du weißt schon was ich meine. Hör auf zu denken.“

Spinnt der?

„Geht nicht.“

Ich kralle mich im Laken des Bettes fest.

„Und wie das geht.“, flüstert er trotzig und dann spüre ich plötzlich eine Hand auf meinem Bauch, die sich schleichend langsam an meine Hüften vorarbeitet, festen Halt sucht.
Er zieht mich zu sich, in eine ebenfalls seitliche Position und damit kuschelt er sich mit seinem kompletten Körper von hinten gegen meinen.
Sein heißer Atem schlägt in meinen Nacken, während die kehlig gesprochenen Worte aus seinem Mund meine süßen Weggefährten ins Delirium sind.
„Denk nicht. Lass es einfach zu.“

Und damit kehrt Stille ein.

Der Tanz ist beendet.

Ich falle. Haltlos.

* * *

Wer davon ausgeht, dass danach was lief, täuscht sich mehr als nur gewaltig.
Ich hatte noch ungefähr eine halbe Stunde Herzklopfen wie bereits mehrfach erwähntes Karnickel, dann hat mich die Anstrengung des Tages in den bittersüßen Schlaf in seinen Armen gezogen.

Aufgewacht sind wir in einer ähnlich engen Position, aber mit dem ersten Augenaufschlag hat er mich losgelassen und sich weggedreht.
Zu neutral begrüßt er mich, steigt aus dem Bett und lässt eine schmerzende Kälte zurück. Im Bett und in mir.

Als er wortlos in die Jeans schlüpft, kann ich nicht anders als ihn zu beobachten. Die Sehnsucht nach seinem warmen Körper lässt mich fast schreien.

Mit meinen Augen bettelnd versuche ich ihm klar zu machen, dass er zurück ins Bett kommen soll, aber er ignoriert mich.

Herrgott, wie kann er mich die ganze Nacht so im Arm halten und dann einfach so tun, als wäre nichts passiert?

„Ich geh schon mal runter.“, sagt er damit und verschwindet aus dem Zimmer, ich kralle mich in die Decke.

Es tut weh. Weil ich die Grenze schon überschritten habe. Ganz gleich wie er mich behandeln wird, jetzt kann ich nicht mehr umkehren. Nicht nach dieser Nacht.

Ich gebe mir lange, friere das Gefühl in seinem Bett zu liegen tief in mir ein.

Drei Tage und wir treten die Heimreise an. Drei Tage, in denen ich leiden werde wie ein Tier weil mich mein Herz diese Nacht nicht vergessen lassen wird.

Verdammte Scheiße.

Es ist noch vor zehn, als ich schließlich im Bademantel nach unten in die Küche komme und ihn dabei beobachte wie er irgendwie brutal Zeugs auf ein Tablett schmeißt, sich nicht darum schert ob es dadurch klappert und scheppert wie verrückt.
Seine schönen Gesichtszüge wirken verbissenen.

Als ich direkt neben ihm am Tresen zum stehen komme, sieht er mich nicht einmal an, sondern dreht sich wieder dem Kühlschrank zu, wühlt energisch darin.

„Geht’s dir wieder gut? Keine Folgeschäden?“, fragt er lapidar und es kommt mir so vor, als wäre es eine reine Höflichkeitsfrage.

„Ja.“, sage ich kleinlaut und wende meinen Blick von seinem Hinterkopf, sehe aus dem Fenster.

Was hab ich denn erwartet? Dass er jetzt immer so zärtlich ist wie gestern? Dass er vielleicht endlich das wahr macht was ich so sehr brauche.

Komm mal klar, Mann…das hier ist Bill Kaulitz. Stur, arrogant, selbstverliebt, skrupellos, manipulativ…

Und von wegen ‚Hör auf zu denken. Lass es zu.’
Dummes Gelaber.
Entweder hat ihn gestern mein desolater Zustand für den Moment der Hilfsbereitschaft weich gekocht oder es ist doch Masche. Berechnung. Vielleicht wollte er mich einfach nur in diesen Zustand bringen in dem ich mich jetzt gerade befinde.

Verfallen. Mit kochendem Verlangen und bitterer Sehnsucht in den Augen.

Wenn das seine Masche ist - das Spiel zwischen nah und unnahbar - muss ich zugeben, dass sie perfekt wirkt. Ich stehe so neben mir, dass ich ihm ausgeliefert bin wie ein Strohhalm im Orkan.
Wenn er mich wirklich nur brechen will um sich für das letzte Jahr zu rächen, kann ich jetzt schon sagen, dass er Erfolg haben wird.

„Komm.“, sagt er und damit läuft er runter in den Keller, stellt das Tablett auf den kleinen Tisch vor der Couch.

Er knipst die Glotze ein, setzt sich.

Und damit blockiert er automatisch jeden Kontakt den ich zu ihm aufbauen könnte. Ich kann nicht mehr tun als ihn hilflos bettelnd ansehen, hoffen, dass er mir einen kleinen Funken der letzten Nacht gibt.
Irgendwas. Ein Lächeln, eine Berührung… irgendwas…verdammt…

Aber er verwehrt es mir.

* * *

Es ist bereits kurz vor Einbruch der Dunkelheit an diesem schrecklichen Tag und ich habe ihn kaum gesehen, war meistens oben. Ich hab sein Schweigen irgendwann nicht mehr ertragen.

Ich habe mich verzweifelt und auf der Suche nach Antworten in meinem Bett hin und her gewälzt, hab frustriert gegen das Holz des Bettes gehauen und sofort jämmerlich aufgeschrieen, weil meine geschundenen Hände immer noch weh tun wie verrückt.
Ich bin mit der Situation völlig überfordert, der Emotionswahnsinn der letzten Tage macht mich zu einem seelischen Krüppel, der gebrochen auf der Suche nach Wahrheit umher kriecht.

Ich weiß nicht wie ich aus der Scheiße wieder rauskomme ohne mir das Genick zu brechen. Und ich fürchte das wird es…so oder so.

Ich höre Schritte auf der Treppe, zucke zusammen. Es ist unglaublich wie hellhörig dieses massive Haus trotz allem ist.

Er ist also oben, wahrscheinlich in seinem Zimmer. Der Gedanke macht mich verrückt, alles macht mich verrückt…ich dreh gleich durch.

Ich muss hier raus.

Ich stehe auf, öffne leise die Tür. Irritiert stelle ich fest, dass die Tür zu Toms Zimmer geöffnet ist und nicht wie erwartet die von Bill. Als ich unsicher um die Ecke des Rahmens schiele, sehe ich Bill, in Toms Bett zwischen den Laken wühlend. Sicherlich auf der Suche nach meinem bösen Corpus Delicti, welches ich natürlich unterm Kissen zurück gelassen habe.

Fündig mit dem orangenen Stück Stoff in der Hand dreht er sich zu mir und erschrickt, als er mich lautlos dastehen sieht.

„Shit!“, sagt er und hält sich die Hand aufs Herz.
„Erschreck mich doch nicht so.“

„Sorry.“, nuschle ich kleinlaut.

Er zeiht sich dieses verhasst-vergötterte Stoffding über das dunkle GreenDay-Shirt, schließt den Reißverschluss bis unters Kinn.

„Was ist los?“, fragt er ruhig und meidet meinen Blick, patscht an seine hintere Jeanstasche und fischt eine Schachtel Zigaretten zutage.

Enttäuscht, weil sie leer ist, stopft er sie zurück.

„Ich…“, setze ich an und beobachte ihn.

Gott, ich liebe seine Augen, liebe seinen Mund und die perfekte Nase ebenso wie die merkwürdige Frisur, den schwarzen Kajal und das Piercing. Ich liebe seine Kleidung, seine Haltung, seine Stimme und die Worte die er verwendet. Selbst zu wissen dass er raucht, macht Rauchen plötzlich idiotischerweise sexy.

„Du…?“, fragt er und zieht die gepiercte Augenbrauen hoch … was ich natürlich auch liebe.

„Ich…“
Reiß dich zusammen.
„..warum bist du so?“, bringe ich es dann tatsächlich raus, was mir den ganzen Tag auf der Zunge brennt.

„Warum bin ich wie?“, antwortet er neutral.

Ich seufze leise, senke den Kopf, fange an frustriert an den Ärmeln des dicken Pullis herumzuspielen.

„Warum bist du so anders?“

Er stöhnt.

„Ich bin nicht anders.“

„Im Vergleich zu gestern schon.“

Meine Stimme ist brüchig und unsicher, ich trete nervös von einem Fuß auf den anderen. Ich weiß nicht, was ich damit bezwecken will. Ich weiß es echt nicht.
Ich will nur, dass dieser schleichend tödliche Zustand in dem ich mich gerade befinde schnell ein Ende findet.
Denn ich spüre in meiner Erinnerung seine Nähe, seine Wärme, höre seine Worte, erlebe den Moment meiner Kapitulation und damit meines Falls wieder und wieder…

„Gestern ging’s dir auch dreckig.“, sagt er brutal, sieht mir direkt in die Augen.

Und damit starre ich ihn betäubt an. Fühle mich, wie ins Gesicht geschlagen.

Also doch. Er war nur so nett, weil ich gestern kurz davor war zu krepieren. Das ganze Gerede von „es zulassen“, war berechnende Masche, die mich beruhigen sollte und zuzutrauen wäre es ihm, dass er mit dieser ganzen Sache hier zuhause den vernichtenden Schlag gegen mich führen wird.

Ich weiß, dass es kindisch ist, aber ich kann nicht kontern, kann nicht einen blöden Spruch bringen und dann hoch erhobenen Hauptes davon stolzieren.

Ich habe meine Verteidigung aufgegeben und jetzt steht er mit erhobener Waffe vor mir, kann mit spielerischer Leichtigkeit den Sieg in diesem Krieg davon tragen.

Bevor sich bittere Tränen in meinen Augen sammeln könnten, wende ich mich von ihm ab und verlasse das Zimmer, strauchle auf den Flur, mir schnürt die Situation fast die Kehle zu, ich kann nicht glauben, dass ich tatsächlich auf ihn reingefallen bin.

„Scheiße, warte!“
Ich zucke zusammen unter seiner lauten Stimme, wende mich ihm noch mal zu. Er kommt auf mich zugelaufen, bleibt dicht vor mir stehen und starrt mich an, zögernd, unsicher.
Anders, als gerade noch.
„Was machen wir hier eigentlich?“, fragt er dann mit sanfter Stimme und sieht mich an, ich lehne mich gegen das Holz meiner Tür, versuche ruhig zu bleiben, auch wenn mein Körper nicht ganz mitspielt.
„Ich denke wir hassen uns.“

Seine Tarnung fällt.

„Ich hasse dich nicht.“

„Aber du hast es mal getan.“

Ich schüttle kraftlos den Kopf.

„Merkst du denn nicht, dass für mich das alles längst vorbei ist. Der Streit, das letzte Jahr…es ist mir egal. Was für mich zählt ist das hier und jetzt. Und ich hasse dich nicht…“
Ich schließe meine Augen.
„Wie könnte ich…?“

„Es hat mich so viel Kraft gekostet.“, flüstert er leise, ich sterbe mit dem Klang seiner ruhigen, tiefen Stimme.

„Was?“

Er lacht kurz ironisch.

„Dich loszulassen.“

„Mich loszu…bitte?“, frage ich irritiert und öffne die Augen wieder, sehe ihn an, aber er meidet meinen Blick.

„Spiel nicht die Unwissende. Ich weiß, dass dir der kleine Sack gesteckt hat, was damals mit
mir los war.“

„Aber das ist doch so lange …“

„…her? Ja. Aber das ändert nichts daran, dass ich fast das gesamte vergangene Jahr dafür gebraucht habe, um zu kapieren, dass es nicht geht. Erst nicht, weil wir Freunde waren und dann nicht, weil wir Feinde geworden sind.“
Wieder ziert ein ironisches Lächeln seine Lippen, ich spüre wie meine Knie weich werden.
„Und dann kommt meine Mutter und zwingt mich hierzu. Und glaub mir, ich wäre dir wirklich dankbar gewesen, wenn du einfach weiterhin einen auf Bitch gemacht hättest.“

„Aber…“

„Ich wollte die zwei Wochen echt nur rumkriegen. Irgendwie. Weil ich ganz genau weiß, dass es keine Chance gibt, dass es funktioniert. Hier vielleicht, aber nicht zuhause.“
Totale Reizüberflutung. Ich kann ihm kaum folgen.
„Aber du lässt mich nicht. Du bist plötzlich wieder so wie früher. Du sprengst alle Gründe warum ich Abstand zu dir halten sollte weg und dann jagst du mir auch noch eine Heidenangst ein.“

„Das war doch keine Absicht.“, presse ich angespannt heraus, das Gespräch macht mich fast wahnsinnig.

Genauso wie sein Blick.

„Ich weiß, dass es keine Absicht war. Aber…letzte Nacht … ich…scheiße…jetzt bin ich wieder genau da, wo ich vor einem Jahr schon mal war…“

Und damit verstummen wir beide. Mir schlägt mein Herz bis zum Hals, ich atme viel zu hektisch.
Sekunden vergehen, in denen wir uns einfach nur anstarren.
Ich weiß, dass es diese Momente sind, an die man sich im Nachhinein nicht mehr erinnert, weil man sie nicht wirklich bewusst erlebt.

Ich sehe es nicht wirklich als Geständnis, aber trotzdem legt er mit dem letzten Satz in meinem Kopf endgültig einen Schalter um und ich kann trotz aller Vernunft nicht anders reagieren, als auf ihn zuzugehen.

Er hat die selbstsichere Maske komplett fallen gelassen, wirkt verkrampfter und unsicherer als ich. Darum verbanne ich für diese Sekunden alle restlichen Zweifel die ich habe in irgendeinen toten Punkt meiner Seele und greife nach seiner Hand, ziehe ihn zu mir.
Automatisch hebe ich den Kopf an, fixiere seine Lippen, frage mich ein letztes mal ob ich das hier überhaupt überleben werde, ehe ich die letzten Zentimeter Distanz einfach verschwinden lasse und ihn küsse.

Außer unseren Händen und dem Kuss gibt es keine Berührung zwischen uns, und selbst das ist so leicht und kaum merklich, dass es mehr ein bittersüßer kaum existenter Hauch ist.
Und es reicht dennoch um mich wahnsinnig zu machen.

Sekunden verstreichen in denen wir einfach nur vorsichtig miteinander spielen, versuchen mit der ungewohnten Situation klar zu kommen. Dann werden wir mutiger, verdrängen das letzte Jahr, verdrängen dass wir eigentlich mal sowohl Freunde wie auch Feinde waren.

Ich sterbe wirklich in diesem Moment…

… dann höre ich wie sich die Haustür ein Stockwerk tiefer öffnet, mein Verstand reaktiviert sich.

Sie sind zurück.

Wir unterbrechen den Kuss, schwer atmend, mit beidseitig weit aufgerissenen Augen und brennenden Lippen.
Er lässt meine Hand los, aber bleibt nach wie vor dicht bei mir stehen, sein Blick haftet wie festgefroren auf mir.

Dann steht plötzlich Tom bei uns im Flur, wir beachten ihn nicht.
Ich kann nicht. Ich kann nicht von Bill wegsehen. Es fällt mir unglaublich schwer gegen den Drang anzukämpfen das eben Geschehene sofort wieder zu tun.
Egal wer mir dabei zusieht.

„Ich will jedes einzelne, noch so dreckige Detail.“, zerbricht Tom dann die bittere Stille und drängelt sich an uns vorbei, verschwindet mit einem Lächeln in seinem Zimmer.

Mein Vater ruft meinen Namen, ich lasse von ihm ab, wortlos, laufe auf den Absatz der Treppen zu.

Den letzten Blick den ich zu ihm zurückwerfe, hätte ich mir sparen sollen…

* * *

Als ich unten im Wohnzimmer ankomme, gebe ich mir erst noch ein paar Sekunden, ehe ich mich in der Lage fühle meinem Vater unter die Augen zu treten.
Verräterisch fahre ich mit meinem Handrücken über meine Lippen, versuche das immer noch anhaltende Kribbeln loszuwerden.

Keine Chance.

„War der kleine Kaulitz nett zu meinem Engel.“, fragt mein Vater, als er auf mich zugelaufen kommt und mich überfällt bei der Nennung seines Nachnamens ein Zittern.

Krank. Völlig krank.

„Ja.“, hauche ich mit rosigen Wangen und frage mich insgeheim ob mein Vater zu „nett“ auch rumknutschen, im selben Bett pennen und fast nackt aneinanderkuscheln zählt.

Ich lasse die Frage unbeantwortet.

„Siehst du. Ich wusste, dass ihr nur mal in Ruhe miteinander reden musstet. Ihr seid einfach wie Geschwister.“
Ich lächle verkrampft.
Was soll ich auch sonst tun?
Schließlich brennt mir der feurige Kuss meines „Bruders“ immer noch auf den Lippen.
„Grüße von Tante Viodora. Sie fand es sehr schade, dass ihr nicht mitgekommen seid, aber es wäre wirklich schwierig mit dem Platz geworden. Schließlich können wir euch heute nicht mehr zu dritt in ein Bett stecken.“
Haha…nein…wir zu dritt in einem Bett… das wäre ja absolut undenkbar…
„Komm, zur Feier des Tages kochen wir heute mal. Wir haben tolle Sachen eingekauft.“

Und damit packt er mich an der Hand, zieht mich auf die kleine Küche zu.

Mir ist ganz schrecklich schlecht.

* * *

Bill starrt mich an. Aus diesen dunklen, gefährlichen Augen.

Das ganze verdammte Essen lang.

Unter seinem Blick fängt mein Körper an zu brennen, ich lasse mehr als nur einmal meine tollpatschigen Fähigkeiten an die Oberfläche treten.
Mir fällt das Messer runter, ich kleckere, ich erschrecke wenn mich jemand unerwartet anspricht…

Er hingegen bleibt völlig ruhig. Er spricht kaum. Isst kaum. Alles was er tut, ist mich ansehen. Und das mit einer ausdauernden Leidenschaft, dass ich fürchte, gleich wie ein sterbender Komet in der Atmosphäre zu verglühen.

Heute bin ich zum ersten mal wirklich außerordentlich froh, dass unsere Eltern so auf sich fixiert sind. Ich will mir gar nicht ausmalen was da los wäre, wenn auch nur im Ansatz durchsickern würde…mein Vater würde ausrasten…

Tom sitzt da und grinst dumm. Mehr als dumm. Zufrieden. Wissend.

Einerseits stört es mich, weil ich genau weiß, dass der durchtriebene kleine Sauhund im Prinzip nur einen geglückten Plan feiert. Andererseits bringt es mich zum schmunzeln, weil ich fast das Gefühl habe, er freut sich für uns...äh…ihn…mich…wie auch immer…

Es dauert eine grausame Unendlichkeit bis mein Vater und Simone der Meinung sind, dass wir uns genug über den Trip zu Tante Viodora angehört haben, dann springe ich vom Stuhl auf und flüchte nach oben.

Dass ich damit rotzfrech den Abwasch Abwasch sein lasse, ignoriere ich. Aber noch eine verdammte Sekunde länger unter diesem Blick und ich wär ihm über den Tisch direkt an den Hals gefallen, Herrgottnochmal.

Oben angekommen, knalle ich die Tür meines Zimmers zu und werfe mich aufs Bett. Mit dem Gesicht ins Kissen.

Wie konnte ich nur mit ihm rumknutschen? Bin ich eigentlich wahnsinnig?
Mir hätte doch so klar sein müssen, dass diese kurzen winzigen Sekunden niemals die geballte Masse an Sehnsucht stillen könnten. Eine Sehnsucht die vielleicht seit Jahren existiert.
Ein Tropfen auf den heißen Stein war das, mehr nicht.

Und jetzt wo die Wüste das Wasser kennt, sehnt sie sich mehr danach denn je…

Doch der Regen kommt nicht.
Nicht für die Wüste und schon zweimal nicht für mich. Auch wenn ich es im Stillen gehofft hatte.

Es ist bereits mitten in der Nacht und ich liege immer noch wach in meinem Bett. Draußen tut Finnland mal wieder alles dafür nicht als wirklich wetterfreundliches Land dazustehen.
Ich ziehe mir die Decke bis an die Nasenspitze, der volle Mond erhellt mein Zimmer großzügig. Ich kann die Schatten der rasch vorüberziehenden Wolken an der kargen Wand des Zimmers sehen.

Mein Blick fällt auf den kleinen digitalen Wecker.

Kurz vor 3.

Es bringt nichts. Ich krieg kein Auge zu.

Darum mache ich also das Licht wieder an, setze mich auf. Ich sehe mich im Zimmer um, versuche etwas zu finden, womit ich mich in dieser schlaflosen Nacht beschäftigen könnte. Aber wirklich begeisterungsfähige Einfälle kommen mir nicht.
Außer Julia mal wieder über die neu hereinbrechenden Katastrophen meines Skandinavien-Trips zu beichten und darum schnappe ich mir einen Stift, den Block und meinem kleinen MP3Player, stecke mir die kleinen Stöpsel in die Ohren und suche mich durch die Festplatte des kleinen Geräts zu einem stimmungsfördernden Lied.
Placebo, The Bitter End.
Irgendwie makaber…aber so unglaublich treffend.

Ich setze den Stift an, datiere den heutigen Tag, drehe die Lautstärke hoch. Ich beichte ihr haarklein alles. Das Drama auf dem Eis, die Sauna, die Nacht, den Kuss…ich bin zu ihr ehrlicher als zu mir selbst.

Gott, ich schreibe ihr, dass ich…dass ich…

Aaaaaaaahh!
OH MEIN GOTT!
Herrgott, mein Herz! Mein armes Herz…

Ich reiße mir die Stöpsel aus den Ohren, starre der Person ins Gesicht, die mitten in meinem Zimmer steht.

„Spinnst du? Ich hab grad fast einen Herzinfarkt gekriegt, du Arsch.“, zische ich alles andere als freundlich und halte mir die Hand auf meine Brust.

„Sorry. Mehr als klopfen kann ich nicht.“, gibt er patzig zurück und starrt mich durch die pechschwarzen Strähnen mit seinen Augen an.

Und…scheiße, schon wieder so ein Aufhör-zu-atmen-Blick… wieder nur in Shorts und Shirt...mit einem auffallend neckisches Grinsen auf den perfekten Lippen... so frech, so unglaublich sicher…

„Was willst du denn hier?“

„Ich hab gesehen, dass bei dir noch Licht brennt und dachte, ich wünsch dir noch ne schöne Nacht.“, bringt er knochentrocken hervor.

Ich fange an zu grinsen, auch wenn mir nach allem anderen als Grinsen ist. So wie er dasteht, direkt neben meinem Bett, mit diesem tödlichen Blick…

„Ach so.“

Er zieht die gepiercte Augenbraue hoch.

„Genau so.“

„Ja dann…“, sage ich und sehe ihn herausfordernd an, mit verschränkten Armen vor meiner Brust.

Ich muss lebensmüde sein.

„Was…ja, dann?“

„Ja dann sag es.“

Er kneift die Augen zusammen, lächelt sadistisch selbstsicher.

Wir spielen ein Spiel. Ein Spiel, bei dem der Einsatz hoch ist. Und der nächste Zug kann entscheidend sein. Gefährlich entscheidend…
Und doch…

„Ich wünsch dir noch ne schöne Nacht.“, sagt er dunkel und ich versuche das Kribbeln zu ignorieren.

„Danke.“

„Bitte.“

„Wünsch ich dir übrigens auch.“

„Danke.“

Äh…

„Bitte…“
Er lacht, ich bin völlig irritiert.
„Und jetzt?“

Sein Grinsen wird undurchsichtig, unberechenbar. Langsam beseitigt er den letzten Meter Distanz zwischen ihm und dem Bett.
Er versteckt sich hinter der täuschenden Mimik. Weil er weiß, dass er das Spiel längst gewonnen hat.

„Jetzt frag ich dich ob wir das von vorhin noch mal wiederholen können?“, bringt er tief aus seiner Kehle hervor und beugt sich zu mir runter…langsam…wie ein Tier auf der Jagd…ohne auch nur den Hauch einer Regung meinerseits aus den dunklen Augen zu verlieren.

Puls auf 3000.

Oh Shit. Oh Scheiße…scheiße, scheiße, scheiße…

„Ha?“
Stell dich dumm, stell dich einfach dumm.
„Ich weiß ni…“

„Ich will dich noch mal küssen.“

Seine Hände stützen sich links und rechts von meinen Beinen auf der Matratze ab, er lehnt sich weiter zu mir und der Blickkontakt reißt ab, er fixiert meine Lippen…

„Warum?“, keuche ich heißer und folge seinem Blick, der sich förmlich festfrisst auf meinem Mund.

Meine Hand umkrallt den Stift, der Block wölbt sich unter dem Druck den ich auf ihn ausübe. Meine Atemzüge sind fast schmerzhaft, seine Augen aus so bitterer Nähe anzusehen, macht mich fast wahnsinnig.

„Weil es mir gefallen hat.“

„Ach?“, hauche ich zitternd und drücke mich zurück ins Kissen.

„Dir nicht?“

Herzstillstand.

„Doch…“

Und das reicht ihm.

Ruckartig presst er seine Lippen auf meine, ich schließe im Schock sofort meine Augen, lasse mich darauf ein.
Seine Küsse sind in den ersten Sekunden hart, kurz. Dann begreift er, dass er meinen nicht existenten Widerstand gebrochen hat und wird ruhiger.

Es ist anders als vorhin.
Jetzt bestimmt er. Und zwar von der ersten, bis zur letzten Sekunde.
Er spielt mit mir.
So wie er mit allen spielt. Es sind seine Regeln. Immer schon gewesen.

Er entzieht sich dem Kuss, wenn er es will.
Nur um mir dann provokativ, kaum spürbar, über die Lippen zu lecken, was mich sofort dazu zwingt, auf ihn zuzukommen. Mit einem flehenden Stöhnen in der Kehle.

Er wiederholt das Spiel. Folternd, oft….

Irgendwann platzt mir der Kragen und ich werfe Block und Stift quer durchs Zimmer, packe ihn am Nacken, zerre ihn brutal direkt zurück in den Kuss. Meine andere Hand sucht blind einen greifbaren Punkt, findet den Stoff des Shirts und damit ziehe ich ihn komplett zu mir aufs Bett, wir sinken zurück in eine liegende Position.

Ich spüre sein triumphierendes Lächeln auf meinen Lippen, aber es ist mir so was von scheißegal, dass er merkt, dass mich seine Masche gerade völlig wehrlos macht.
Soll er es wissen.

Sein Gewicht auf meinem Körper macht mich fast wahnsinnig, die quälende Ruhe die in seinen Bewegungen liegt, bringt fast einen Vulkan tief in meinem Innern zum explodieren.

‚Er hat es meinetwegen’, denke ich, als er geduldig zulässt, wie ich mit der Silberkugel in seinem Mund spiele.
Er hat es sich aus Trotz meinetwegen stechen lassen.

Ein unkontrollierbares Zittern breitet sich rasend in meinem gesamten Körper aus, zwingt mich irgendwann dazu den Kuss abzubrechen, um mir wenige Sekunden der nötigen Beruhigung zu geben.

Er stützt sich auf den Ellenbogen links und rechts neben meinem Kopf ab und sieht mich an, ich halte ihn fest an den Hüften, um auf jeden Fall verhindern zu können, dass er sich mir entzieht.

Bislang hat er das nicht vor.

„Und?“, fragt er grinsend.
„Findest du es immer noch scheiße?“

Und damit schiebt er die kleine silberne Kugel zwischen seine Zähne, hält sie, lässt sie mich ansehen.
Und genau das tue ich…völlig fasziniert.

„Nein…“, keuche ich abwesend und schüttle den Kopf, beobachte wie er sie grinsend wieder in seinem Mund verschwinden lässt, seine Augen schließt und den Kopf wieder zu mir senkt.

Mich umreißt, mir jede Hemmung gnadenlos austreibt.

Scheiße finden?
Dass ich nicht lache, ich liebe es. Mehr als das…ich vergöttere das verdammte Ding in seiner Zunge. Ich darf mir gar nicht ausmalen, was er damit alles machen kann…sonst, und das ist kein Witz, bin ich im Stand und komme nur aufgrund meiner blühenden Fantasie.

Aber wir werden beide langsam ruhiger, weniger hektisch und wild. Unsere Hände sind zu keinem Zeitpunkt Bestandteil des Spiels, aber wir küssen uns so ausdauernd und leidenschaftlich, als wären wir zu nichts anderem geboren worden.

Irgendwann hebt er sein Becken an, unterbricht den Kuss.
Ich verstehe was er vorhat und ziehe die Decke, die nach wie vor zwischen uns liegt, unter ihm hervor, lasse zu, dass er sich jetzt direkt auf mich sinken lässt. Als ich versuche uns beide wieder zuzudecken, bewegt er unabsichtlich seine Hüften, lässt mich damit nur zu deutlich spüren, dass wir mittlerweile wirklich keine Kinder mehr sind.

Wir starren uns mit großen Augen und angehaltenem Atem direkt an.

Es ist der intimste Moment den ich je mit ihm hatte und zeitgleich der erste wirklich erregende meines Lebens.
Und das obwohl ich mit Jungs eigentlich nicht unerfahren bin.

Sein Blick ist klar und plötzlich frei von provozierenden Eigenschaften.

Wir wissen, dass wir an einer Kante stehen. Einer gefährlichen Kante hinter der ein Abgrund gähnt.

Und plötzlich bekomme ich Schiss.
Rumknutschen und miteinander schlafen sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Höchstwahrscheinlich wäre ich sofort dazu bereit, wenn er es versucht, aber ich weiß, dass ich damit meinem Leben praktisch ein Ende setzen würde.
Denn, auch wenn mein Hirn völlig vernebelt ist, ich weiß, dass dieser… Zustand… in drei Tagen vorüber sein wird. Dass dann alles anders wird.

Es wird mir schwer genug fallen, dann hiermit klar zu kommen, aber DAS würde ich nicht verkraften können.

Er sieht die Zweifel in meinen Augen sofort.

„Soweit gehen wir nicht.“, flüstert er leise und senkt seinen Mund an meinen Hals, küsst vorsichtig die empfindliche Haut unter meinem Ohr.

Und dieses mal ist es mein Verstand der erleichtert Liedchen trällert, während mein Körper vor Verlangen ungebändigt nach Erlösung schreit.

* * *

Keine Stunde … keine Minute … keine einzige verdammte Sekunde hab ich geschlafen. Wie auch?
Schließlich ist er nach wie vor hier. In meinem Bett.

Er liegt seitlich, mit dem Gesicht zu mir gedreht. Die geschlossenen Augen, zeugen noch von den üblichen Kajalspuren, seine Haare hängen ihm tief in die Stirn. Er atmet gleichmäßig, ruhig. Völlig friedlich.

Er schläft seit vielleicht einer Stunde. Jetzt ist es kurz vor 9. Also kann man sich ausrechnen wie lange wir die Nacht damit verbracht haben uns gegenseitig wahnsinnig zu machen.

Und er behielt Recht. Wir haben es soweit nicht kommen lassen. Wir haben es außer knutschen eigentlich zu gar nichts kommen lassen.
Auch wenn meine Hände sich sehnlichst gewünscht hatten, diesen Körper von oben bis unten erkunden zu dürfen.

Aber ich hielt mich zurück. Genauso wie er es tat.

Das fahle Licht des jungen Morgens lässt mich die sanften Züge seines Gesichtes betrachten, ich kann nicht von ihm wegsehen, auch wenn mich die Müdigkeit fast auffrisst. Meine Augen wollen und wollen sich nicht schließen.
Mein Blick fällt auf seine Lippen und das mittlerweile bekannte kribbelnde Gefühl jagt mir einmal mehr durch den kompletten Körper.

Wir haben kein Wort miteinander gesprochen. Nicht einmal. Haben uns nie lange genug die Zeit dazu gelassen den Gedanken des Zweifels Beachtung zu schenken.

Zweifel an dieser Sache habe ich auch jetzt keine. Ich weiß, dass ich dieses Gefühl und die letzten Stunden nie vergessen werde.
Aber ich weiß auch, dass dieses Märchen bald ein jähes Ende nehmen wird. So oder so, ganz egal ob von seiner Seite das was Ernsteres oder einfach nur Rummachen ist, übermorgen endet der Wahnsinn.
Übermorgen, wenn er wieder zurück auf den Olymp klettert.

Er hat es selbst gesagt. Es hätte Zuhause keine Zukunft.

Ich habe also zwei volle Tage und zwei Nächte um meinen Traum zu leben. Und ich finde nicht, dass ich diese Zeit auch nur im Ansatz irgendwie mit Schlafen vergeuden sollte. Ganz gleich wie müde mein Körper ist.

Schleichend langsam setze ich mein Denken in die offenbarende Tat um und suche unter der Decke seine Hand, die er irgendwo in ein umklammertes Kissen vergraben hat, ziehe sie sacht hervor.

Er bewegt sich zwar, aber er scheint nicht aufzuwachen.

Ich betrachte die feingliedrige Hand mit stoischer Ruhe und Geduld, widme mich jedem an den Nägeln schwarz lackierten Finger einzeln und streichle über seinen Handrücken und die Innenfläche.

Er trägt ein schwarzes, breites Lederarmband um sein schmales Gelenk, welches ich fasziniert betrachte, es dann mit zitternden Fingern vorsichtig am metallenen Verschluss öffne. Ich hebe seinen Arm an, löse es, lege es dann neben das Bett um auf die frei gewordenen Haut tausende von bittersüßen kleinen Küssen zu verteilen.
Die weiche Innenseite seines Handgelenks lässt mich unter meinen Lippen seinen Puls spüren und ich liebe das Gefühl seine Lebensenergie so förmlich in mir aufnehmen zu können.
Der Geruch seiner Haut macht mich wahnsinnig, als ich unbeherrscht seine Handfläche küsse, bewegt er sich plötzlich, sein Daumen streicht zärtlich über mein Kinn.

Als ich zu ihm aufsehe, lächelt er mich mit müden Augen an.

„Schon wieder wach?“, fragt er rau und seine Stimme lässt mein Herz einen wilden Satz machen.

„Noch gar nicht geschlafen.“, gebe ich zurück und lasse seine Hand los, mit der er jetzt in sein eigenes Gesicht fährt, sich ein paar Strähnen aus der Stirn streicht.

„Warum nicht?“

„Ich konnte nicht.“

Ein gequälter Moment huscht über seine Züge, seine Augen verlieren den glücklichen Glanz.

„Ist es wegen Zuhause?“, fragt er dann, auch wenn ich genau weiß, dass er diese Frage nicht stellen wollte.

„Ja.“, sage ich heiser und bringe trotzdem leichtfertig ein Lächeln zustande.
„Aber ich will nicht darüber reden. Nicht solange wir hier sind.“

„Okay.“

Und damit schließen wir unausgesprochen einen Pakt. Eine Vereinbarung. Er weiß, dass ich mir keine Hoffnungen mache, was das Ende dieser Woche anbelangt. Aber er weiß auch, dass ich diese beiden letzten Tage mit ihm ohne schlechtes Gewissen verbringen werde. Auch wenn ich es haben sollte.

Aber ich werde diesen unwirklichen Zustand nicht aufgeben, um in der knallharten Realität zu Boden zu gehen.

Ich werde ihn festhalten, werde ihn leben.
Ich werde ihn lieben.
Mit allem was dazu gehört.

Mich selbst bestätigend komme ich auf ihn zu, bin froh, dass er so ruhig und ohne Hektik einfach liegen bleibt und nicht so brutal aus dem Bett springt wie gestern Morgen.
Ich kuschle mich in seinen Arm, verstecke mein Gesicht an seinem Hals, atme seinen unverwechselbaren Geruch ein und lausche dem gleichmäßigen Herzschlag.

Ich habe von diesem perfekten Moment geträumt.

Aber ich hätte nie gedacht, dass er für mich wirklich mal existieren wird.

* * *
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