„Hier!“, unterbricht mich Tom und zieht hinter seinem Rücken eine Flasche Tequilla vor.
„Das macht dich lockerer.“

Und damit stellt Bill drei kleine Gläser auf den Tisch, setzt sich auf den Boden und lehnt mit dem Rücken gegen das Polster des Sofas.
Sein Bruder tut es ihm sofort gleich, angelehnt gegen das Holz des Bettes.

Und damit stehe ich als einzige dumm wie Brot im Zimmer rum, mit weit aufgerissenen Augen und ausgeknipsten Gehirn.

Sind die eigentlich noch zu retten? Was …? Wie kommen die…?

Ich sauf doch nicht mit denen!

„Seid ihr irre?“

Sie sehen vom Boden beide zu mir hoch.
Sie lächeln frech und völlig offen.
Beide.

Mir scheint dass sie der Wein vom Essen noch ein Stück weit mehr als mich vergessen lässt, dass wir eigentlich keine Freunde mehr sind.

„Immer schon, ja. Aber das haben wir schon vor Jahren geklärt und jetzt setz dich hin.“, sagt Tom und greift nach meiner Hand, zieht mich nach unten in die Knie und bevor ich überhaupt an Gegenwehr denken kann, sitze ich neben ihm auf dem Boden.

„Das hier war eh längst überfällig.“, murmelt Bill vor sich hin, während ich immer noch komplett neben der Spur bin.

Wie können die einfach so davon ausgehen…? Und überhaupt…das hier ist mein Zimmer? Wer hat denen erlaubt, dass sie…?
Einfach so…?

Und verdammt…? Was meint Bill mit überfällig? Eine Aussprache? Überfällig? Zwischen uns dreien? Bitte?
Wo ist die Abneigung? Wo ist der Hass? Warum sind sie so …umgänglich?

Gott, es wird mir das Herz brechen, wenn wir wieder zurück in Magdeburg sind und sie wieder zu Deutschlands bekanntesten Jungrockstarprolls werden.

„Ich trink doch nicht mit euch!“, brabble ich immer noch irritiert vor mich hin und sie grinsen fies.

„Wieso? Angst, dass wir dich unter den Tisch saufen?“, stachelt Tom und ich sehe ihn angriffslustig an.

„Das ist nicht das Problem. Aber ich mag die Vorstellung nicht, mit euch zusammen betrunken in einem Zimmer zu sein. Und überhaupt, wo habt ihr die Flasche her? Seid ihr Alkoholiker?“

Sie fangen beide an zu lachen, Bill sucht den Blickkontakt zu mir.

„Natürlich sind wir keine Alkoholiker. Die Flasche haben wir aus dem Keller geklaut. Mum hat irgendwann im Lager eine kleine Bar eingerichtet und wir finden, das ist ein guter Zeitpunkt um mit einer alten Freundin mal über diverse Dinge zu reden.“

Es liegt eine versteckte Botschaft hinter der Aussage, aber sein Blick irritiert mich so, dass ich der Sache nicht auf den Grund gehen kann.

Ich bin nach wie vor einfach zu geschockt darüber, dass sie den Kontakt zu mir suchen. Egal auf welche Art und Weise, egal was dabei raus kommt.
Das hier kommt von ihnen und, auch wenn es das nicht sollte, es macht mich glücklich.

„Ich bin aber keine Freundin mehr.“, sage ich dennoch misstrauisch und das Grinsen der beiden wird breiter.

„Soweit richtig.“, fährt Bill fort und seine Gestik macht mich tierisch nervös.
Seit wann das denn?
„Das haben wir im letzten Jahr auch oft genug gemerkt. Und ich sag auch gar nicht, dass wir an diesem Zustand unbedingt was ändern wollen. Wir wollen nur ungezwungen über das Warum reden.“

Bislang sind die Streitereien immer so abgelaufen, dass wir uns gegenseitig was an den Kopf geworfen haben und dann wutentbrannt davon gestürmt sind.

Aber hier haben wir keine Möglichkeit davon zu stürmen.

Zum ersten Mal können und müssen wir uns uneingeschränkt alles anhören was wir uns gegenseitig zu sagen haben und vielleicht, aber nur vielleicht ist das ganze hier ein erster Schritt aufeinander zu.
Denn entweder wir werden uns gleich anfangen zu prügeln, oder aber wir können diverse Dinge aus der Welt schaffen.

Um wieder Freunde zu werden ist wahrscheinlich zu viel passiert, aber eventuell schaffen wirs auf eine neutrale Leben-und-leben-lassen-Basis. Auch zuhause.

„Gut. Ihr wollt also, dass ich euch erkläre warum ich euch für skrupellose Idioten halte?“, fange ich darum also enthusiastisch und innerlich grinsend an.
Beide ziehen sofort irritiert die Augenbrauen hoch, werfen sich gegenseitig einen Blick zu. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht ihnen endlich mal alles zu sagen, was mir schon so lange auf der Zunge brennt.
Alles. Jede Kleinigkeit.
Zeit genug haben wir ja.
„Also gut, warum nicht?“
Auf diesen Tag hab ich so lange gewartet.
Endlich mal mehr als nur kurz ne Beleidigung brüllen.
Endlich kann ich ihnen alles sagen, was mich so sehr an ihnen stört.
„An dem Tag, an dem ‚Durch den Monsun’ auf die eins geschossen ist, hat es bei euch im Schädel irgendeinen Schlag gelassen. Und ihr habt irgendwie in kürzester Zeit alles abgelegt was euch früher ausgemacht hat.“

„So ’n Quatsch.“, fährt mir Tom sofort dazwischen und damit ist die heitere Diskussionsrunde also eröffnet.

Ich gegen die Zwillinge.

Auweia, das wird ein harter Kampf.

* * *

Drei Stunden später tut mir der Hals vom vielen Brüllen weh. Aber ich fühle mich fast 10 Kilo leichter. Ich hab mir viel von der Seele geredet.

Völlig erschöpft lehnen auch die Zwillinge mir gegenüber am Sofa, halten Blickkontakt mit mir.

Ich bin immer noch überrascht wie ehrlich und offen wir zueinander waren. Ich hab ihnen alles gesagt was mich stört. Jede Kleinigkeit.
Das dumme Geprahle, die Lügen in der Öffentlichkeit, die Partys, die Groupies...
Die komplette Wesensveränderung, ihre kalte Arroganz, die Überheblichkeit, die dummen Entschuldigungen…

Und dann die Streitereien mit mir…

Auch wenn ich nur sagte, dass ich ihr Verhalten moralisch nicht in Ordnung fand und vollkommen verschwiegen habe, wie sehr ich wirklich emotional darunter gelitten habe, haben sie viel eingesehen. Haben oft einfach nur den Kopf gesenkt und mir zugehört.

Und schätzungsweise hätte ich heute alleine vom erzählen einen Heulkrampf gekriegt, aber Gott sei Dank hab ich zwischendurch immer ein kleines Glas vom Giftzeug der Jungs getrunken und der Alkohol hält mich emotional auf dem Boden.

Weil mir das alles hier unwirklich erscheint.

Es kann nicht sein, dass ich hier tatsächlich mit Tom und Bill sitze und mich mit ihnen über unsere zerstörte Freundschaft unterhalte.

Das kann einfach nicht sein.

Jedenfalls haben mir die beiden dann einiges zum Ruhm erzählt. Wie selten sie nur noch zuhause sind und wie oft sie sich wünschen, es wäre nicht alles so schnell gegangen.
Sie erzählen, dass sie kaum wahre Freunde im Business haben und oft auf die Schnauze gefallen sind, weil sie in der Öffentlichkeit Fehler gemacht haben.

Sie geben zu, dass sie sich verändert haben, aber sie sagen auch, dass diverse Veränderungen notwendig waren, wenn sie im letzten Jahr überleben hätten wollen.

Und, auch wenn ich das nach außen hin so nicht zugegeben habe, ich hab sie bis zu einem bestimmten Punkt verstanden.
Damit meine ich nicht die Groupies, das dumme Geprahle oder das Lügen. Das verurteile ich nach wie vor.
Aber ich begreife, dass der Einfluss von Ruhm und Macht Menschen ohne ihr eigen gewolltes Zutun völlig verändern kann.
Das alte Wesen verdrängt wird und ein neues die Führung übernimmt.

Aber das heißt nicht, dass das alte Wesen nicht mehr da ist.
Nur weggesperrt.
Tief im Innern.
Weil sie nicht anders können. Weil man von ihnen verlangt, so zu sein.

Natürlich hab auch ich mir einiges anhören müssen. Sogar den Vorwurf sie bei der Presse schlecht gemacht zu haben, musste ich mir gefallen lassen.

Völliger Quatsch. Ich hab mich prinzipiell nie bei der Presse über die beiden geäußert. Ich bin doch nicht bescheuert.

Aber ich weiß, dass viele private Details der Presse zugespielt worden sind und ich kann irgendwie verstehen, dass sie Angst haben vor jeder Person die intime Dinge über sie weiß.

Und eins sei gesagt, ich weiß wahrscheinlich mehr intime Dinge über die beiden als Simone selbst.
Aber ich hab nie mit jemandem darüber gesprochen.
Auch wenn ich einen Riesenhass auf die beiden hatte, letztendlich hat mich davor immer etwas zurückgehalten.

Jedenfalls sitzen wir uns jetzt fix und alle gegenüber. Beide Parteien nicht mehr ganz nüchtern.
Aber das Gespräch hat mir viel bedeutet.

Aber ändern können wir nichts daran. Es ist wie es ist. Tokio Hotel existiert.
Und mit der Band besteht die Macht, die die Zwillinge im Kreislauf des Ruhmes gefangen hält.
Und sie werden nicht ausbrechen. Sie hassen und sie lieben es zugleich. Sie brauchen es.

Und ich akzeptiere das.

Auch wenn ich damit die Zwillinge von früher endgültig in der Versenkung verschwinden lasse.

Wir verdauen still was gerade zwischen uns passiert ist. Lange.

Bis Tom wieder einfällt weswegen das ganze eigentlich wirklich aufkam. Weswegen wir eigentlich wirklich hier sitzen.

„Nachdem wir darüber jetzt also mal gequatscht hätten… was ist heute mit dir los?“

Und damit sind wir wieder beim Thema. Die Bilder sind sofort wieder präsent.

Schöne Scheiße.

„Nein.“, lalle ich mittlerweile doch ein klein wenig angeheitert und hebe die Hände.
„Ich sage kein Wort. Ihr wollt das sowieso nicht wissen, glaubt mir.“

Oh Mist. Jetzt mache ich sie noch neugieriger. Aber mir sitzt durch den Alkohol die Zunge etwas locker.
Verdammt.

„Lass das unsere Sorge sein. Komm, spuck’s aus.“

„Auf keinen Fall. Ihr werdet ausrasten…“

Ich schüttle heftig den Kopf.
Denn was ich sehe beunruhigt mich aufs Äußerste.
Die Zwillinge fixieren mich mit ihren Augen, sehen sich dann an und nicken sich zu.

Und die Situation erinnert mich zu sehr an früher.

„Du hältst sie fest…“, höre ich Tom nuscheln und meine Augen werden groß.

Oh mein Gott…die werden doch nicht etwa… schließlich sind wir keine Freunde mehr, auch wenn wir gerade…und überhaupt, für so Scheiß sind wir zu alt…sie können nicht…



Aber sie können doch und ich komme mir vor wie um 10 Jahre zurückversetzt.

Der Wendepunkt in unserer aktuellen Beziehung tritt ein.

Sie springen beide auf, Bill packt meine Hände und hält sie nach oben, während Tom anfängt mich so sehr an den Hüften zu kitzeln, dass es mir Lachtränen in die Augen treibt.

Ich schreie wie am Spieß, aber Bill hat heute deutlich mehr Kraft als früher. Er schafft es mich nur mit einer Hand festzuhalten, während er mir die andere über den Mund legt, damit mein bitteres Kreischen und Flehen erstickt.

Ich hab keine Chance.

„Sagst du’s?“, fragt Tom wieder und wieder und irgendwann kann ich nicht mehr.

Ich nicke verzweifelt und Bill nimmt die Hand von meinem Mund, lässt mich los.
Auch Tom hört auf, bleibt aber direkt vor mir sitzen, sieht mich abwartend an.

„Okay. Ich sag’s euch.“, presse ich völlig außer Atem hervor und wische mir mit einem bösen Blick in Richtung Bill, die Lachtränen aus den Augen.

„Na also…“,sagt Tom und tätschelt meinen Schenkel.
Ich glaub ich bin im falschen Film.
„Braves Mädchen.“

„Aber wehe ihr beschwert euch nachher.“, sage ich drohend und boxe zuerst Tom an den Arm, dann Bill vors Scheinbein.

Alte Kindsköpfe.

„Werden wir nicht.“, sagt Tom lachend und die Situation wird so unwirklich, dass ich fast selbst einen Lachkrampf bekomme.
„Und jetzt erzähl endlich.“

Und damit hole ich tief Luft, schließe meine Augen.

„Eure Mutter hat Sex mit meinem Vater.“
Klasse!
Einen harmloseren Weg, den beiden das zu sagen, hab ich wohl nicht gefunden.
Ich öffne ganz langsam meine Augen wieder…und sehe zwei völlig versteinerten Jungs ins Gesicht.
„Ich hab euch ja gesagt, ihr wollt das nicht hören.“

Bill findet als erster seine Sprache wieder und fängt an zu stammeln.

„Was redest du da? Woher willst du das wissen?“

Ich stöhne leise, versuche die Bilderflut in meinem Kopf zu ignorieren.

„Ich hab sie heute Morgen in flagranti erwischt.“

„Was?“, platzt jetzt auch Tom dazwischen und anhand seiner hohen Tonlage wird mir klar, dass ihn das ganze genauso schockiert wie mich.

Sekundenlang sind wir vom Sachverhalt, der zwischen uns in der Luft liegt, völlig geschockt, aber dann bringt der Alkohol etwas in uns hervor, was so in dieser Art und Weise nicht geplant war.

Wir haben nämlich mittlerweile deutlich zu viel getrunken. Und zwar alle drei.

Das Schweigen hält an, für wenige Sekunden, dann fangen die Zwillinge plötzlich beide an lauthals loszulachen und werfen sich neben mich auf den Boden, halten sich den Bauch.

Eine kurze Schocksekunde bin ich noch völlig irritiert, dann muss ich mitlachen.

Es ist einfach so verrückt, dass man nur darüber lachen kann.

Gott, wir sind so verfeindet und unsere Eltern beschließen ein Pärchen zu werden. Es ist so albern und Gott, ich bin auch albern…

„Darauf muss ich erst mal einen trinken.“, sagt Bill und krabbelt auf allen Vieren zum Tisch, schenkt sich ein und ext das Glas weg.

Tom tut es seinem Bruder sofort nach und ich zucke lachend nur mit den Schultern. Das ist nicht die Reaktion die ich erwartet habe, aber solange sie sich nicht aufregen und anfangen rumzubrüllen, soll mir das gleich recht sein.

Ein Hoch auf das Hirnzellen zerstörende Produkt Alkohol.

Sie kriegen sich fast nicht ein vor Lachen und schließlich gebe ich mich der Absurdität des Ganzen geschlagen, geselle mich zu ihnen und schenke mir auch noch mal ein.

Jetzt ist eh alles egal.

* * *

Es ist bereits mitten in der Nacht und wir sind immer noch wach. Übel betrunken zwar, aber wach.

Tom zeigt mir gerade hinter der Tür, wo er im Sommer 2001 hingekotzt hat, als er mit mir das erste mal Bier getrunken hat. Und Bill erzählt wie er sich hier einmal nachts im Schrank versteckt hat um mich Punkt zwölf als Werwolf verkleidet zu Tode zu erschrecken.
Nur dass ich in dieser Nacht schon lange bei Tom im Bett gepennt hab und er völlig umsonst gewartet hat. Bis ihn morgens Simone schlafend aus dem Schrank geholt hat.

Ich falle von einem Lachkrampf in den nächsten.

Erstens weil die Jungs mindestens genauso lallen wie ich und trotzdem versuchen durch die Gegend zu laufen.
Und zweitens weil wir uns die ganzen irren Story von früher erzählen.

Seit gut zwei Stunden läuft etwas zwischen uns was ich nicht wirklich erklären kann.

Das liegt einerseits sicher an den Unmengen Alkohol die mein Hirn vernebeln, aber andererseits würde ich es, glaube ich, auch nüchtern nicht erklären können.

Wir erinnern uns.

Erinnern uns an die geile Zeit, die wir zusammen verbracht haben.

Das Thema Simone und mein Vater ist sofort verdrängt worden und auch wenn mir ihre Reaktion doch etwas zu gleichgültig vorkam, bin ich erleichtert, dass sie keinen Aufstand gemacht haben. Das hätte ich heute Abend nicht vertragen.

Jedenfalls haben wir die Flasche Tequilla jetzt leer und während ich nur noch zum sitzen in der Lage bin, blödeln die beiden miteinander rum.

Ich beobachte Tom dabei, wie er Bill irgendwas erzählt, aber ich höre ihm nicht zu.

Ich sehe die beiden einfach nur an.

Und verliebe mich wieder in sie.

Genauso wie schon als Vierjährige, als ich sie zum ersten mal auf dem Spielplatz gesehen habe.
Zwischen all den anderen Kindern sind sie mir sofort aufgefallen und ich erinnere mich an dieser erste Begegnung heute noch fast so intensiv, als wäre es gestern gewesen.
Wir standen uns gegenüber, starrten uns neugierig in die pausbäckigen kleinen Gesichter und wussten, dass es was Besonderes zwischen uns sein würde.

Etwas für immer.

So hat es angefangen.

Und so wiederholt sich die Geschichte jetzt.
Nur dass sie heute keine Pausbacken mehr haben.

Innerlich lache ich schon wieder über die Gedanken die mein Hirn zusammen spinnt, aber je länger ich die Zwillinge beobachte, desto mehr fühle ich mich wieder zu ihnen hingezogen.
Das was sie jetzt sind, ähnelt ihren alten Wesen so sehr, dass ich mich täuschen lasse.

Gott, sie sind einfach so … unglaublich.

Sie kommen zu mir zurück, lassen sich neben mich auf den Boden fallen und gähnen dann fast zeitgleich.

Ich sehe abwechselnd Tom und dann Bill ins Gesicht und ich kann nur wieder völlig fasziniert feststellen, was für eine impulsive Aura von ihnen ausgeht.
Kein Wunder, dass ihnen halb Deutschland zu Füßen liegt.

Schließlich tue ich es im Geheimen auch.

Oh, böser Gedanke. Böser Gedanke.
Mein Gott, bin ich betrunken. Ich sollte machen, dass ich ins Bett komme. Und zwar möglichst ohne mich groß bewegen zu müssen.

Und damit krabble ich auf das Bett zu, völlig ohne ein Wort zu den Jungs. Ich quäle mich die Matratze rauf, krieche unter die Decke und schaffe es gerade noch so die Schuhe auszuziehen.

Es wird schnell still um mich, weil mein Kopf sich dreht wie ein Kreisel in Höchstform und als ich registriere, dass das Licht im Zimmer ausgeht, bin ich einerseits froh, dass ich endlich pennen kann, auf der anderen Seite bin ich enttäuscht, weil ich weiß, dass die Zwillinge jetzt gehen werden.

Aber das war eine Fehlvermutung.

Links und rechts von mir wird die Decke angehoben, auf beiden Seiten die Matratze mit Gewicht belastet.
Dann lassen sie sich neben mich fallen und auch wenn mein fast völlig funktionsloser Verstand schreit, dass das hier falsch ist, gibt es für mich in diesen Sekunden nichts, was sich vertrauter anfühlt.

Nichts was mir ein besseres Gefühl gibt.

* * *

*Gott sei Dank ist es heute Morgen nicht so kalt wie gestern, sondern angenehm warm.*, ist das erste, was mir an diesem verhängnisvollen neuen Tag in den Sinn kommt.

Mein Kopf ist immer noch völlig vernebelt, aber langsam, gaaaanz langsam, komme ich zu mir.
Ich muss sicher nicht erwähnen, dass mein Schädel hämmert wie verrückt.

Verkatert öffne ich meine Augen, das Grau des Morgens erhellt das Zimmer nur spärlich.

Mit jeder Sekunde aber reaktiviert sich mein Verstand mehr und macht mir begreiflich wo ich bin und was gestern hier passiert ist.
Und vor allem mit WEM WAS hier passiert ist.

Der Nebel um meinen schockierten Verstand löst sich, mir wird bewusst, dass die gefühlte Wärme Körperwärme ist.
Nicht meine eigene. Sondern die von Bill.

Ich umarme ihn entsetzlich eng und innig von hinten, mein kompletter Körper presst sich vertraut gegen seinen.
Meine Lippen sind seinem Nacken so nahe, dass eine kleine Bewegung genügen würde um ihn zu berühren.
Unverkennbar dringt mir der für ihn so typische Geruch von Haarspray in die Nase, die pechschwarzen Strähnen seines Hinterkopfes kitzeln mich an der Stirn.
Mein Arm liegt über seiner Hüfte, er hält meine Hand mit seinen fest umklammert, dicht bei seinem Mund. Ich kann an meinen Fingerspitzen seine gleichmäßigen Atemzüge spüren … unter meinem Gelenk seinen Herzschlag.

So gesehen würde kein Blatt Papier zwischen uns passen.

Ich bin zu geschockt um zu reagieren, meine Gedanken überschlagen sich.

Aber als ob das nicht genug wäre, fällt mir jetzt auf, dass mir nicht nur von vorne sondern auch von hinten mehr als angenehm warm ist.
Das Atmen, welches gegen meinen eigenen Hals trifft, jagt mir mit der Erkenntnis ein längst überfälliges Kribbeln über die Wirbelsäule und ich versuche den Arm, der besitzergreifend um meine Hüfte liegt, zu ignorieren, ehe ich einen nervlichen Kollaps kriege.
Denn ich muss mich nicht umdrehen um zu wissen, dass das Tom ist, der sich da so energisch an mich klammert, als wäre ich die rettende Boje im Atlantik.

Oh mein Gott!!!

OH MEIN GOTT!!!!!!!!!!

…wie…warum…

Ich schließe meine Augen wieder, versuche mich zu beruhigen.
Versuche zu realisieren, dass ich mit den Zwillingen im gleichen Bett, unter der gleichen Decke, liege.
Und zwar in derselben Stellung wie früher!

Nur hat das heute eine ganz andere Bedeutung. Eine ganz andere!

Atmen…ganz ruhig…atmen…

Sekunden lasse ich ohne mich zu bewegen verstreichen.

Weil mich ihre Nähe wahnsinnig macht und ich es genieße Bill so eng im Arm zu haben, Tom so dicht und vertraut bei mir zu spüren.
Es ist schön ihre gleichmäßigen Atemzüge zu hören. Die Wärme die von ihren Körpern ausgeht, gibt mir das Gefühl von vollkommener Geborgenheit.

Aber dann bewegt sich Bill plötzlich, atmet tief ein und ich reagiere so, wie ich reagieren muss.
Ich springe mit einem energischen Satz senkrecht auf die Matratze, stoße dabei Hände und Arme weg, wecke natürlich beide sofort auf.

„Raus hier! Aber sofort!“, brülle ich wie eine Geisteskranke und noch während sie am zu sich kommen sind, hüpfe ich vom Bett und wie ein Floh an die Zimmertür, reiße sie auf.

Es dauert bis sie begreifen, wo sie sind und was hier augenscheinlich gerade passiert ist, dann quälen sie sich immer noch ein wenig koordinationslos aus meinem Bett und schleichen ohne einen Blick in meine Richtung aus dem Zimmer.

Ich knalle die Tür hinter ihnen zu und falle mit dem wildesten Herzrasen meines Lebens ins Bett zurück.

Sagte ich ‚Oh mein Gott!’ schon?

* * *

Natürlich schlafe ich an diesem Morgen keine Sekunde mehr. Mir ist vom Alkohol nach wie vor schlecht und schwummrig, mein Schädel dröhnt wie verrückt und bei jedem Gedanken in Richtung Zwillinge graust es mir vor unserer nächsten Begegnung.
Und die wird kommen, spätestes wenn sie aus ihren Betten kriechen.

Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären wie es zu dieser …merkwürdigen Situation kam.
Als wir eingeschlafen sind, lagen sie zwar neben mir, aber mit genug Abstand. Es muss also im Schlaf passiert sein. Im Unterbewusstsein.
Und das wiederrum würde mich nicht wundern. Schließlich haben wir alle drei gestern Abend stellenweise eine üble Reise in unsere Vergangenheit gemacht.

Nur was ist heute?

Ohne Alkohol? Ohne Ausrede?

Und …oh Scheiße…es steht immer noch diese Sache im Raum. Diese Unsere-Eltern-haben-Sex-Sache.
Und ich hab keine Ahnung was passieren wird, wenn die Zwillinge irgendwann zu sich kommen und sich möglicherweise auch noch daran erinnern was gestern Abend so alles passiert ist.

Ich halte es in meinem Zimmer nicht mehr aus und schleiche mich unsicher raus auf den Gang. Die beiden gegenüberliegenden Türen sind zu, dahinter tut sich nichts.
Schätzungsweise haben sie gestern deutlich mehr getrunken als ich.
Auch wenn mir mein Schädel nach wie vor das Gefühl vermittelt, mehr als gestern geht gar nicht.

Ich schleiche also unsicher die Treppen nach unten, es ist merkwürdig ruhig, dafür, dass es schon fast 11 Uhr ist.

Und dann entdecke ich den Zettel auf dem großen Tisch. Simone und mein Vater sind mal wieder außer Haus.
Klasse.

Ich beschließe also für mich Frühstück zu machen und versuche so gut es geht meine Nervosität zu unterdrücken.
Und soviel sei gesagt, ich bin tierisch nervös. Ich hab keine Ahnung wie ich reagieren soll, wenn die zwei runter kommen.

Und wenn man vom Teufel spricht…, denn plötzlich höre ich auf der Treppe lautes Poltern.

Ich straffe meine Schultern, sehe sitzend vom Tisch aus in Richtung Stufen und dann taucht Bill in meinem Blickwinkel auf.

Er hält sich seine Hand vor die Augen, stützt sich mit der anderen an der Wand ab. Seine Haare stehen noch wilder als sonst in alle Richtungen, das völlig verknitterte T-Shirt steckt halb in seiner Hose, bei der, wie mir soeben auffällt, der Knopf nicht zu ist.

Er gibt ein dunkles, wirklich Mitleid erregendes Stöhnen von sich, kämpft sich ohne wirklich auf den Weg zu achten auf mich zu und ich kann nicht anders.
Ich fange an zu lachen. Mir scheint, da hat jemand den Kater des Jahrtausends.

Aber damit bemerkt er mich natürlich, nimmt ruckartig die Hand von seinen Augen und sieht mich an.

Wir haben Blickkontakt und dann erstickt das Lachen in meinem Hals.

Mir wird plötzlich bewusst, wie nahe ich ihm letzte Nacht war.
Wie sexuell zweideutig man das Ganze betrachten könnte und wie verbotenerweise angenehm die Erinnerung an diese Situation für mich ist.

Er murmelt irgendwas stumm und unverständlich vor sich hin, dann senkt er seinen Kopf, schließt die Augen wieder. Er stützt sich mir gegenüber an der Tischkante ab, massiert mit Daumen und Zeigefinger seine Schläfen.

„Kater?“, frage ich idiotischerweise aus der Peinlichkeit heraus und er nickt.
Er lässt sich auf den Stuhl mir gegenüber fallen und ich leide wirklich mit ihm. Hätte ich heute Morgen, als ich die beiden aus dem Zimmer gescheucht habe, nicht sofort zwei Aspirin geschluckt, würde ich jetzt ähnlich da hängen.
„Soll ich dir was zu trinken bringen?“

Wieder nickt er und ich stehe auf, laufe in die Küche. Mit einer Flasche Wasser und zwei Aspirin komme ich zu ihm zurück.

Mittlerweile hat er seinen Kopf auf seinen Armen abgestützt, als ich zurück an den Tisch komme berühre ich ihn im Reflex an der Schulter, streiche ihm mitfühlend über den Hinterkopf und seinen Nacken.

Als mir bewusst wird was ich tue und die Hand wegziehe, ist es bereits zu spät. Er zuckt kaum merklich zurück, seine Augen sehen mich irritiert an.

Was zum Teufel ist denn los mit mir? Seit wann such ich denn freiwillig Körperkontakt zu Bill Kaulitz? Bin ich krank? Hab ich mir ne Grippe eingefangen oder so?

Gott, auch wenns peinlich ist das zuzugeben, aber heute Nacht wars genauso.
Sicher war das alles ein ziemliches Gliederknäul und jeder hat jeden im Arm gehabt, aber ich muss bei der Wahrheit bleiben und zugeben, dass ich augenscheinlich besonders zu ihm Nähe gesucht hab.

Schrecklich! Verdammter Alkohol! Feind! Immer noch Feind! Ich weiß nicht in wie weit und ich weiß nicht vorne und hinten und sowieso aber trotzdem…immer noch Feind!

Sekundenlang starren wir uns einfach nur an, dann stelle ich ihm die Flasche vor seine Nase, drücke ihm die Tabletten in die Hand.

„Danke.“, sagt er leise und schluckt artig die beiden Aspirin, setzt die Flasche an und trinkt sie fast leer.

Wenige Sekunden gebe ich ihm, das Wasser zeigt sofort seine Wirkung. Es scheint ihm schon ein wenig besser zu gehen.

Und je mehr er zu sich kommt um so unangenehmer wird die Situation für mich.
Weil er jetzt Blickkontakt zu mir sucht und ich dem am liebsten für alle Ewigkeit aus dem Weg gehen würde.

„Besser?“, frage ich und setze mich zurück an den Tisch, widme mich wieder meinem Frühstück.

Er streicht sich die Strähnen aus den immer noch müden Augen und starrt mich schockiert an.

„Wie kannst du jetzt was essen?“

„Ich hab die Phase in der du gerade steckst schon hinter mir.“, sage ich und schiebe mir Brot in den Mund.

Er verzieht sein Gesicht.

„Seit wann bist du denn wach?“

Ähm…

„Seit ich euch zwei aus dem Bett…“

Er schließt seine Augen, hebt sofort die Hand, abwehrend.

„Bitte, bitte erspar mir diese Erinnerung.“
Mir bleibt der Satz im Hals stecken. Einerseits bin ich erleichtert, einerseits irritiert.
„Ich hab keine Ahnung was in uns gefahren ist gestern Nacht. Das war krank, lass uns bitte nie drüber reden müssen.“

Es verletzt mich merkwürdigerweise, dass er so darüber denkt. Auch wenn ich mir den ganzen Morgen dasselbe gesagt habe.

„Okay.“, ist alles was ich knapp erwidere.

Wieder lässt er seinen Kopf auf den Tisch sinken und ich beobachte ihn. Das Gefühl in meinem Magen ist komisch.

„Ich trink nie wieder so viel.“, murmelt er mehr zu sich selbst als zu mir, dann höre ich wieder jemand auf der Treppe poltern und Tom erscheint ebenso geschlagen wie sein Bruder im Wohnzimmer.
Ich stöhne leise vor mich hin und stehe in weiser Vorahnung auf, laufe wieder in die Küche und hole eine zweite Wasserflasche inklusive Aspririnnachschub.

Oh Mann. Ich frag mich ja wirklich, wer hier nichts verträgt.

* * *

Die Atmosphäre zwischen uns ist komisch. Wir sind nach gestern Nacht keine wirklichen Feinde mehr, aber wir sind auch Lichtjahre von Freundschaft entfernt. Die Zwillinge sind kälter zu mir als ich das zuerst erwartet habe.

Fast wortlos sitzen wir also längere Zeit einfach zu dritt am Tisch, Tom ist noch übler dran als sein Bruder.

„Hast du das gestern eigentlich ernst gemeint?“, lallt er immer noch ein wenig undeutlich schließlich in meine Richtung und kämpft genervt mit ein paar verirrten Dreads die ihm stoisch ins Gesicht hängen.

Auweia. War ja wieder klar. Bill hat die Sache bislang noch nicht angesprochen, aber Tom kann wieder nicht ruhig sein.

„Worauf willst du hinaus?“, frage ich unsicher und kneife in weiser Erwartung schon mal die Augen zusammen.

„Du weißt genau worauf ich hinaus will. Die Sache mit Mum und deinem Vater. Ist da echt was dran?“

Sie sitzen nebeneinander, mir gegenüber. Ihre Augen sehen mich bohrend an, abwartend. Ich stöhne leise.

„Ja.“

Und jetzt lassen sie beide den Kopf zurück auf die Tischplatte sinken.

„Scheiße.“, kommt es synchron von ihnen.

„Allerdings.“

„Das ist doch krank.“, murmelt jetzt Bill leise vor sich hin und ich nicke beipflichtend.
„Wir müssen dagegen was tun.“

Hä?

„Was meinst du mit ‚wir müssen dagegen was tun’?“

Er hebt den Kopf an, streicht sich die Strähnen aus den Augen und sieht mir direkt ins Gesicht.

„Ich meine, wir müssen das beenden.“

Beenden?

„Du willst sie auseinander bringen?“, frage ich mit großen Augen.

„Hast du ne bessere Idee?“, fragt er mürrisch.
„Also ich bin echt nicht scharf drauf, dass wir in Zukunft immer zu Sachen wie diesem Urlaub gezwungen werden.“

Ich bin total geschockt. Natürlich ist die Vorstellung die Zwillinge als Fastfamilienmitglieder akzeptieren zu müssen grausam, aber gleich so einen Schritt gehen?

„Ich weiß nicht…“, fange ich an und wende mich ab von den beiden.
Dad scheint mit Simone glücklich zu sein und auch wenn ich es scheiße finde, dass er so gar keine Rücksicht darauf nimmt was ich zu dieser ganzen Sache sage, finde ich es doch hart einfach so dazwischen zu funken.
„…vielleicht sollten wir erst mal mit ihnen reden.“

„Und was willst du sagen?“, murmelt jetzt Tom tief vor sich hin und mischt sich damit rückendeckend für Bill in die Sache ein.
„Hey, ich finds uncool, dass ihr was am Laufen habt, lasst das mal bitte?“
Er hebt den Kopf an, sieht mir ironisch direkt in die Augen.
„Wird nicht wirklich ziehen, oder?“

„Aber ich hätte ein schlechtes Gewissen...“

Tom stöhnt genervt, wird aber dafür sofort von seinem immer noch anhaltenden Kater gestraft und reibt sich sofort die Schläfen.

„Na gut, dann sehen wir uns das Ganze einfach erst mal genauer an und entscheiden dann wie wir weiter vorgehen. Vielleicht ist es ja nur ne vorübergehende Phase oder so.“, sagt Bill dann und fährt sich mit der Hand über die Stirn.
„Ich hoffe es zumindest, weil ich so gar keinen Bock auf dieses Theater habe. Nur weil wir gestern im Suff nett zueinander waren, heißt das noch lange nicht, dass wir uns zurück zuhause nicht wieder Beleidigungen an den Kopf schmeißen. Und dann ist es meiner Meinung nach recht ungeschickt, wenn unsere Regierungen uns zur unfreiwilligen Kooperation zwingen. “

Geschockt starre ich Bill ins Gesicht. Er weicht meinem Blick aus.

Was zum Teufel soll das denn jetzt?
Sicher hat er was ausgesprochen was ich insgeheim schon befürchtet hatte. Nur weil man sich mit fast 2 Promille eine Nacht lang super versteht, lässt das nicht gleich Gras über das Schlachtfeld eines einjährigen Krieges wachsen, aber dass es ausgerechnet so hart aus Bills Mund kommt, irritiert mich jetzt schon.

Und obwohl auch Tom von der Bestimmtheit und Kälte seines jüngeren Bruders überrascht zu sein scheint, pflichtet er ihm jetzt nickend bei.

„Bill hat Recht. Es würde nicht gut gehen. So oder so.“

Es tut weh. Höllisch sogar.
Aber ich lasse mir davon nichts anmerken.

„Natürlich würde es nicht gut gehen.“, grummle ich still vor mich hin.

Ein alkoholbeeinflusstes Gespräch kann nicht dafür sorgen, dass die Welt von heute auf morgen in die entgegen gesetzte Richtung rotiert.

Und genau dann hören wir den Van vorfahren, die Jungs verkrampfen sofort. Als mein Blick nach draußen fällt, registriere ich, dass es bereits wieder angefangen hat zu schneien.

Und trotz der wiedererrichteten Mauer zwischen uns, werfen wir uns einen letzten vielsagenden Blick zu, stimmen dem Plan stillschweigend zu, erst mal abzuwarten und zu sehen wie die Sache zwischen Simone und meinem Vater ist.

Denn eins ist schon mal sicher, ernst darf es nicht sein.

Simone und mein Vater betreten das Wohnzimmer. Mit Einkaufstüten in den Händen und einem dicken Grinsen übers ganze Gesicht gepflastert.
Bill starrt die beiden mit einem grimmigen Ausdruck an und auch Tom fällt es nicht unbedingt leicht, so zu tun als wüsste er von nichts.

Darum stehe ich also auf und laufe den beiden entgegen, helfe ihnen beim auspacken der Lebensmittel.

Und…welch Wunder…plötzlich gesellen sich auch die Zwillinge in die enge Küche, beobachten mit Argusaugen wie Simone und mein Vater miteinander umgehen.

Und jetzt wird es auch ihnen nicht entgehen was ich gestern auf so grausame Art und Weise entdecken musste.

Die Situation ist unangenehm und angespannt.

Tom hat Recht. Es würde nicht gut gehen.

* * *

Seit der etwas zu emotional offenen Nacht in meinem Zimmer ist das Verhältnis zwischen den Twins und mir wieder merklich abgekühlt.

Wir gehen uns wo wir können aus dem Weg und die ganze Geschichte um unsere Eltern macht das ganze nicht einfacher.

Ich liege schon den ganzen Abend wie gelähmt in meinem Bett und denke über gestern nach. Fast hätten sie es geschafft. Fast. Ich war kurz davor ihnen wieder aus der Hand zu fressen.

Aber kaum ist der Verstand wieder nüchtern, fallen sie in ihr altes Verhaltensmuster zurück. Zumal diese Kehrtwende von Bill ausging. Ich bin mir nicht sicher ob Tom genauso heftig reagiert hätte, wenn Bill nicht plötzlich so ausgetickt wäre.

Ich versuche meinen Gedankenstrom zu stoppen, beschäftige mich anderweitig.
Ich lese, höre Musik, verbringe den Abend völlig für mich alleine mit meinen Gedanken.
Die Zwillinge gehen mir beide aus dem Weg. Mehr als wir es hier oben ohnehin schon die ganze Zeit tun.

Nicht dass es mir unangenehm ist. Schließlich liegt diese peinliche Sache von letzter Nacht immer noch zwischen uns, aber ein klein wenig verunsichert mich es jetzt doch.
Hab ich was falsch gemacht?

Blöde Frage, klar hab ich was falsch gemacht. Schließlich bin ich immer schuld, egal was im letzten Jahr passiert ist, ich war immer diejenige die irgendeinen Fehler gemacht hat.

Argh!

Ich mach mir schon wieder viel zu viele Gedanken über sie. Ich muss damit endgültig aufhören. Es hat sich nichts geändert. Punkt.

* * *

Der nächste Morgen begrüßt mich stürmisch.
Will heißen, draußen tobt ein waschechter Schneesturm und in meinem Zimmer ist es bitterkalt.

Mürrisch ziehe ich mir die Decke bis an die Nasenspitze, schimpfe still darüber, dass ich trotzdem so jämmerlich friere.

Gestern morgen war das anders.

Und auch wenn ich mich für den Gedanken sofort mental bestrafe, plötzlich liegen die Zwillinge neben mir.

Unkontrollierbar schließen sich meine Augen wieder, das Pfeifen und Heulen des Windes wird leiser.

Es ist krank.
Aber plötzlich erinnert sich mein Körper an das Gefühl und die Wärme. An das Kribbeln in meinem Magen.
Ich spüre ihre gleichmäßigen Atemzüge, die kaum merklichen Bewegungen die sie im Tiefschlaf hin und wieder machen.

Die Erinnerung wird lebendiger als es mir lieb ist und obwohl ich versuche mich dagegen zu wehren, tauche ich noch tiefer in diese Katastrophe ein.
Auch wenn ich es nicht sollte.

Instinktiv rolle ich mich in dieselbe Position wie letzte Nacht, klammere das Kissen an mich wie ich es mit Bill getan habe. Ich spüre in meiner Fantasie, wie gestern, seinen Herzschlag unter meiner Hand, sein Atmen dicht bei meinen Fingern.

Ich weiß nicht wann Tom hinter mir verschwindet und ich plötzlich aus der geschehenen Realität eine Fiktion werden lasse, ich in Gedanken anfange den Nacken seines Bruders zu küssen.
Erst als Bill in meiner Fantasie darauf reagiert, meine Finger an seine Lippen führt und vorsichtig küsst, wird mir bewusst, wie extrem falsch und idiotisch das hier ist.

Ich reiße meine Augen auf, drücke das Kissen von mir weg und richte mich auf, schüttle meinen ganzen Körper um das Gefühl und die verbotenen Gedanken loszuwerden.

Was zum Teufel ist denn los mit mir?

Ich stehe auf, laufe ans Fenster. Es schneit heftig, die Bäume am See biegen sich gefährlich unter den Böen. Es ist reichlich dunkel draußen, obwohl wir schon 9 Uhr morgens haben.
Und in meinem Zimmer ist es saukalt. Darum tapse ich leise an die Zimmertür und öffne sie, lasse die Wärme aus der Bibliothek hereinströmen.

Gott sei Dank sorgen die Zwillinge immer dafür, dass das Feuer hier drin nie ausgeht.

Ich trete einen Schritt auf den Flur, zufällig fällt mein Blick ins Innere der Bibliothek. Eigentlich wollte ich mich nur vergewissern, dass das Feuer noch lange genug brennen wird, aber stattdessen erkenne ich Bill in einem der beiden Sessel sitzen. Regungslos.

Ich glaube nicht, dass er schon lange wach ist. Er hat ein T-Shirt an, Shorts.

Er bemerkt mich gar nicht, starrt völlig abwesend aus dem Fenster in das Schneechaos. Ich bleibe stehen wie festgefroren, sehe ihn an.
Und wenn ich ehrlich bin, hätte ich das noch stundenlang tun können.

Aber ich will nicht, dass er mich bemerkt und ich mir für diese erneute Glotzattacke wieder einen fiesen Kommentar von ihm einfange.

Darum wende ich mich ab, schleiche zurück in mein Zimmer und schließe die Tür so leise wie möglich.

Was ist nur los mit ihm?
Bill war schon immer extrem sensibel und melancholisch, aber warum er am frühen Morgen wie in Trance dasitzt und nachdenkt, kann ich nicht ganz nachvollziehen.

So sehr wird ihn die Sache mit unseren Eltern jetzt auch nicht treffen. Aber vielleicht vermisst er ja jemanden. Irgendein Mädchen. Ein Groupie, ne hirnrissige Kreischgöre…
Vielleicht sehnt er sich aber ja auch einfach nur nach einer Bühne.

Was weiß ich? Schließlich hab ich mich über ein Jahr lang mit seinem Privatleben so gut wie gar nicht mehr auseinandergesetzt.

Ich lasse ziemlich viel Zeit vergehen, ziehe mich an, mache mich fertig, ehe ich gegen 10 schließlich mein Zimmer wieder verlasse und nach unten laufe.
Die Bibliothek ist leer, aber beide Zimmertüren der Zwillinge sind offen. Ich gehe davon aus, dass sie schon unten sind.

Und tatsächlich, als ich runter komme sitzen die beiden auf dem Sofa. Tom sieht zu mir her, wirft mir einen Blick zu den ich positiv deuten könnte. Bill ignoriert mich.

Was hab ich dem eigentlich getan?

„Morgen.“, knurre ich brummig in die Runde, beobachte meinen Vater dabei wie er von draußen ins Haus gestürmt kommt, begleitet von heftigen Schneeböen und einer eisigen Kälte.

Er trägt Holzscheite in der Hand, platziert sie neben dem Kamin im Wohnzimmer. Bill und Tom rühren sich nicht von der Stelle.

„Guten Morgen, Schätzchen.“, sagt mein Vater und schüttelt sich den Schnee aus den braunen Haaren.
„Das ist ein Wetter da draußen.“

„Ist mir nicht entgangen.“, gebe ich zurück und laufe ans Sofa zu den Zwillingen heran.

Die Launen der beiden sind, noch untertrieben gesagt, megamies.

„Wir sind komplett eingeschneit und die Stromzufuhr ist auch unterbrochen. Scheint so, als ob wir uns die nächsten Tage tatsächlich miteinander beschäftigen müssen.“

Aha. Kein Wunder hocken die beiden wie Motz und Mecker auf dem Sofa. Kein Fernsehen, keine Playstation, kein gar nichts.

„So was.“, sage ich und kann mir insgeheim ein Grinsen nicht verkneifen.

Das wird den beiden Prinzessinnen ja ganz schön auf den Senkel gehen.

„Nach dem Frühstück spielen wir was zusammen.“, brabbelt mein Vater glücklich wie ein Kleinkind weiter und meine Augen weiten sich.
Ohoh. Das klingt nicht gut.
„Wie eine richtige Familie.“, setzt er den Todesstoß hinten an und nicht nur mir, sondern auch den Zwillingen gefriert fast die Spucke im Mund.

Mein Vater dreht sich weg von uns und läuft zu Simone in die Küche, die mittels offenem Feuer gerade einen Tee kocht, unterhält sich lachend mit ihr.

Als mein Blick zurück zu den Zwillingen fällt, registriere ich sofort dass zumindest Bill kurz davor ist auszurasten. Er presst seine Kiefer aufeinander, starrt stur gerade aus.

Mir scheint Simone und mein Vater planen gar nicht mehr so direkt ihre Beziehung vor uns geheim zu halten. Viel mehr kommt es mir mittlerweile so vor, als hätten sie die Hütte dafür ausgewählt es uns bei zu bringen.

Na toll.

* * *

Bill spricht kein Wort mit mir. Den ganzen Morgen nicht. Tom tut’s. Hin und wieder.
Unsere Eltern zwingen uns tatsächlich mit ihnen ein kreuzdämliches Spiel zu spielen und still treffen wir während dieser Folter die Entscheidung, dass das so niemals gut gehen wird.

Wir als Familie? No way.

Der Plan unsere Eltern wieder auseinander zu bringen, entpuppt sich allerdings als schwieriger als wir zunächst dachten. Wir haben nichts gegen sie in der Hand und bislang bieten sie auch keinerlei Schwachstellen die wir ausnutzen könnten.

Also beschließen wir in den offenen Angriff zu gehen. Wir wollen sie direkt darauf ansprechen.

Nach einer kurzen Lagebesprechung mit Tom verschwinde ich gegen Spätnachmittag dann also mit meinem Vater nach draußen in die Holzhütte und fange unbeholfen das Gespräch mit ihm an.
Es fällt mir schwer.
Simone schlecht zu machen, verlangt von mir zu lügen wie ein Weltmeister.

„Dad…“, fange ich also an als ich ihn dabei beobachte, wie er mit der Axt ein paar der größeren Holzscheite zerhackt.

„Hmmm?“, murmelt er und ich sehe mich für einen kurzen Augenblick in der kleinen Scheune neben dem Haus um.

Es ist schweinekalt, der Wind pfeift durch die Ritzen der Holzlatten, es ist so kalt, dass ich selbst in meinem dicken Mantel vor mich hin zittere.

Die Stunde der Wahrheit naht.

„Was läuft da mit dir und Simone?“

Er hält sofort im Schlag inne, wendet sich zu mir.

„Wie meinst du das?“

„Du weißt wie ich das meine, Dad. Ich bin kein Kind mehr.“

Er kommt auf mich zu, legt die Axt aus seiner Hand. Mir ist das Gespräch so unangenehm, dass ich den Blickkontakt mit ihm nicht halten kann.

„Nun…“, fängt er an und druckst drum rum. „…ich mag Simone sehr.“

Toll.

„Wie sehr?“

Und damit sehe ich wieder zu ihm auf, sein Blick wirkt ehrlich, väterlich und sehr liebevoll auf mich.
Er versucht mir die bittere Wahrheit schonend bei zu bringen.

„Ziemlich.“
Oh verdammte scheiße. Und jetzt?
Ich sehe ihm ins Gesicht, er lächelt.
Seine Augen haben das freudige Leuchten, das er sonst nur hatte wenn er damals von Mum gesprochen hat.
„Ist das ein Problem für dich, Prinzessin?“, fragt er mich mit verständnisvollem, aufrichtigem Blick und ich halte die Luft an.

Mein Vater liebt mich. Das weiß ich. Wenn ich ihm jetzt sage, dass ich damit nicht klar komme, bestünde die Möglichkeit, dass er Simone fallen lassen würde.
Aber das stille Flehen in seinen Augen, hält mich davon zurück. Ich kann es nicht.
Auch wenn mir die Konsequenzen dieser Beziehung das Genick brechen werden, kann ich nicht das Glück meines Vaters zerstören.

„Nein…“, sage ich darum und lächle ihn an.
„Nein, Dad…ich glaube es ist kein Problem für mich.“

Das Lächeln in seinem Gesicht verwandelt sich in ein kindliches Grinsen, er küsst mich auf die Stirn und umarmt mich.

„Du wirst immer meine Nummer 1 sein, Kleines. Das weißt du, nicht wahr?“, sagt er euphorisch und ich lasse mich auf die Umarmung ein.

„Ja. Ich weiß es.“

Oh Scheiße. Oh verdammte Scheiße. Das was ich hier gerade getan habe, entspricht so gar nicht der Abmachung zwischen den Jungs und mir.

„Vielleicht kannst du ja mit den Zwillingen Frieden schließen.“, höre ich ihn dicht an meiner Seite murmeln und ich schließe die Augen.
„Sie waren früher schon wie Brüder für dich.“

Ich schlucke schwer, löse mich aus der Umarmung. Ich kann meinem Vater nicht direkt in die Augen sehen.

„Lass uns einen Schritt nach dem andern gehen, Dad.“, sage ich und wende mich von ihm ab, laufe auf die im Wind klappernde Tür des Verschlages zu.

„Okay.“, höre ich ihn noch rufen, aber ich bin schon ins wilde Schneetreiben raus gestürmt.

Sekundenlang lasse ich den eisigen Wind in mein Gesicht blasen, die langen schwarzen Strähnen werden mitgerissen, Schnee benässt meine Haut.
Ich bin geschockt.

Es ist ihm ernst. Ich kenne ihn. Ich weiß, dass er mich nicht so aufrichtig eingeweiht hätte, wenn er nicht wirklich viel für sie empfinden würde.

Ich starre auf den See, dann zurück zum Haus. Ich kann es nicht. Ich kann sie nicht auseinander bringen.
Es wäre falsche etwas zu zerstören, was zwei Menschen so glücklich macht, nur damit wir drei in unserem kindischen Streit die Distanz wahren können.

Ich stampfe zurück, öffne die Tür. Bereits als ich im Flur Mantel, Schal und Schuhe ausziehe höre ich die Diskussion.

Bill und Simone. In der Küche.

Und es geht zweifellos um meinen Dad. Shit, ich hatte gehofft sie würden damit erst heute Abend loslegen.

Ich schleiche an der Küche vorbei, sehe auf dem Sofa im Wohnzimmer Tom sitzen. Er hat seinen Arm auf der Lehne aufgestützt, sein Kopf ruht auf seiner Hand. Er sieht ins Feuer, scheint der Unterhaltung zwischen seinem Bruder und seiner Mutter scheinbar teilnahmslos zuzuhören.

Um ehrlich zu sein, sind die Rollen zwischen den Zwillingen gerade vertauscht. Normalerweise ist er der Hitzkopf, nicht Bill.

Ich setze mich neben ihn aufs Sofa, er sieht mich an.

„Und?“, fragt er.
„Wie ist’s gelaufen.“

Mein Blick fällt ebenfalls auf das wild lodernde Flammenmeer direkt vor meinen Augen.

„Ich konnte es nicht.“
Ich flüstere. Ich will nicht, dass Bill mich hört. Lächerlich!
„Er war so glücklich…“, füge ich an und dann gibt Tom ein leises Lachen von sich.

„Mum auch. Sie war, als wir sie darauf ansprachen, völlig aus dem Häuschen.“

„Ihr konntet es auch nicht, oder?“, frage ich mit einem lächelnden Flüstern.

„Ich konnte es nicht. Bill, wie du hörst, arbeitet noch daran.“

„Warum hat er so ein Problem mit der ganzen Sache?“, frage ich und wende meinen Blick zur Küche, sehe ihn wie er gegen den Tresen der Küche lehnt, trotzig mit seiner Mutter diskutiert.
„Sonst ist er doch auch immer Mr. Verständnisvoll.“

Als mein Blick zurück zu Tom fällt, zucke ich zusammen, weil mir die Intensität seines Blickes Gänsehaut macht.
Er mustert mich vielsagend, dann wendet er mit einem merkwürdigen Grinsen im Gesicht den Kopf wieder von mir ab.

„Ich hab da eine Vermutung, aber das wäre nach so langer Zeit absolut lächerlich.“

Hä?

„Wovon redest du?“, frage ich mit gerunzelter Stirn.

Sekundenlang schweigt er, fast so, als ob er seine Antwort bedenken müsste. Dann versteift sich seine Haltung.

„Geht dich nichts an.“

Argh! Das ich es aber auch immer wieder vergessen muss, von was für Idioten ich umgeben bin.

„Klar.“, sage ich und stehe auf.
„Wenn dein irrer Zwilling wieder bei Vernunft ist, kannst du ihm ja sagen, dass ich raus bin aus der „Auseinander-bring-Sache“. Meinetwegen sollen unsere Eltern machen was sie wollen. Nur weil wir keine gemeinsame Basis finden können, heißt das noch lange nicht, dass sie auch keine finden sollen. Ich werd mich damit schon irgendwie arrangieren und euch einfach so gut ich kann aus dem Weg gehen.“

Und damit drehe ich mich um, laufe zur Treppe und rauf in mein Zimmer.

Mit einem lauten Knall schlage ich die Tür ins Schloss. Ich bin schon wieder sauer. Mir wächst die ganze Sache hemmungslos über den Kopf und ich denke nicht, dass sich an meinem Zustand in den nächsten Tagen hier etwas ändern wird.

Ich werfe mich aufs Bett, ziehe das Kissen über mein Gesicht. Dann höre ich draußen im Flur lautes Stampfen, eine Tür die ebenfalls alles andere als leise zugeknallt wird.
Schätzungsweise hat Simone Bill aufs Zimmer geschickt und er ist jetzt so stinksauer, dass er vor Zorn kurz davor ist irgendwas zusammen zuschlagen.

Mann, der muss wirklich einen guten Grund haben um so auszurasten.

* * *

Ich hab den Rest des Tages auf meinem Zimmer verbracht. Unten war mir die Luft definitiv zu dick.

Ich wälze mich genervt von der einen Seite meines Bettes auf die andere. Draußen herrschen nach wie vor apokalyptische Verhältnisse. Es hört gar nicht mehr auf mit schneien.

Es wird dunkel und da wir keinen Strom haben, entzünde ich gegenüber auf der kleinen Kommode ein paar Kerzen, die ich schon in weiser Voraussicht heute Mittag hoch genommen habe.

Wenn das nicht mal super Ferien sind. Stress pur.

Dann klopft es an die Zimmertür.
Ich zucke zusammen, richte mich auf und brülle ein unsicheres „Ja“.

Tom streckt seinen Kopf in mein Zimmer und mir wird innerlich ein wenig komisch im Magen als er mich im Flackern der Kerzen ansieht.

Es ist dieser Kaulitz-Blick, der mir immer schon weiche Knie gemacht hat. Weiß Gott wie sie das anstellen.

„Hey.“, sagt er irgendwie unsicher.
„Kann ich rein kommen?“

„Sicher.“, gebe ich misstrauisch zurück und greife nach dem Kissen neben mir, umklammere es mit beiden Armen.

Er schließt die Tür hinter sich, kommt direkt zu mir ans Bett gelaufen. Er wirft mir lächelnd zwei Kerzen aufs Bett.

„Du hast ja schon welche.“, sagt er dann und ich starre ihn sprachlos an.

Was soll das denn? Höflichkeiten?

Er steckt seine Hände tief in die Taschen seiner Jeans, spielt mit dem Piercing in seiner Unterlippe, sieht mich einfach nur an und das macht mich zugegeben fast wahnsinnig.

„Kommt da noch was?“, frage ich hitzig.

Lange steht er einfach nur so da, sieht mich an. Er legt seinen Kopf schief, wippt auf seinen Füßen hin und her, mustert mich eindringlich, fast so als ob er irgendwas aus meinen Gesichtszügen herauszulesen versuchen würde.

Ey, jetzt spielt der schon wieder Psychospielchen mit mir.

„Hast du dich schon mal gefragt, warum er sich das Zungenpiercing stechen lassen hat?“, fängt er dann mit seiner durch den Stimmbruch tief gewordenen Stimme an zu sprechen und ich bin gleichermaßen irritiert. Von seinem Verhalten und seinem Satz.

„Was?“

Ich kneife die Augen zusammen und mustere ihn kritisch.

Er lacht, dreht den Kopf zur Seite.

„Bill. Das Piercing in seinem Mund. Weißt du warum er es genau da hat?“

Warum zum Teufel…was hat das…wie kommt…äh…hä?

„Nein…verdammt…was?“

„Erinnerst du dich noch an das Spiel das wir gespielt haben, als wir in der dritten Klasse waren?“
Sein Lächeln irritiert mich tierisch, seine Haltung, seine Gestik…
Die Züge seines Gesichtes verschwimmen in der Dunkelheit des Zimmers.
„Das mit den aufgeschnittenen Kuliringen die wir uns in die Lippe gesteckt haben.“
Ich glotze sicher wie ein Auto.
„Mann, wir hamm die Assos verarscht die mit Piercings und so rumgelaufen sind…klingelts?“
Er rückt die Cap auf seinem Kopf zurecht, zieht das Schweißband an seinem rechten Arm hoch bis fast an den Ellenbogen.

„Ja…aber…“

Ich erinnere mich zwar an die witzigen Momente als wir unsere Eltern mit Fake-Piercings und aufgeklebten Tattos geschockt haben, aber ich weiß immer noch nicht auf was er hinaus will.
Nur…jetzt wo er das so erwähnt…ist mir noch gar nicht bewusst geworden, dass das was wir alle drei früher mal dumm fanden, heute zumindest von den beiden mit Leidenschaft praktiziert wird.

„Um auf meine Frage zurück zu kommen…er hat es gemacht, weil er wusste, dass du es hassen wirst.“

Ich kann wieder nicht mehr tun als meine Stirn zu runzeln und er stöhnt leise.

„Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, aber: Was?“

„Du hast damals gesagt, du findest es total scheiße und abartig wenn man sich im Mund piercen lässt und genau darum hat er es nach unserem Riesenstreit getan. Trotzreaktion halt.“

Warum zum Teufel…?

„Ja aber...warum sollte er das tun?“

„Das ist die Antwort hinter die du eigentlich selbst kommen musst.“

Jetzt ist es an mir zu stöhnen, ich schließe genervt meine Augen.

„Ich hab das so satt, dass ihr immer aus allem so ein undurchsichtiges Ding machen müsst. Seid ihr es denn nicht leid mit eurer Art ständig die Leute in den Wahnsinn zu treiben, verdammt noch mal?“

Er bleibt stocksteif stehen, sieht mir intensiv direkt ins Gesicht. Es ist als ob er mich ausleuchten wollte, mir kommt es so vor als ob er versuchen würde tief in mir drin irgendeine versteckte Wahrheit zu finden.

„Du hast es damals nicht bemerkt, oder?“
Ich bin kurz davor ihm an den Hals zu fallen. Noch eine dieser unklaren Bemerkungen und ich schwöre, ich kenne mich nicht mehr.
Knurrend sehe ich ihn an, er hebt die Hände, erkennt, dass er jetzt entweder die Klappe hält und geht oder auspackt.
„Bill war tierisch in dich verknallt.“, sagt er dann mit hochgezogenen Augenbrauen und einem viel sagenden Grinsen auf den Lippen.

Und noch während ich seine süffisante Mimik beobachte, habe ich das Gefühl, jemand hat mir einen Dampfhammer über den Schädel gezogen.
Und zwar mit voller Wucht.

Ich komme mir sekundenlang vor wie in Watte gepackt, dann fange ich an aus vollem Hals zu lachen.
Klar, wie soll ich auch sonst reagieren?

Ich lasse meinen etwas unsicheren Lachkrampf vorüber gehen, wische mir imaginär Lachtränchen aus den Augen.

„Der war gut, Tom.“, sage ich und versuche von meiner inneren Geschocktheit nichts preis zu geben.

„Das war kein Witz.“, entgegnet er mittlerweile ungewohnt ernst und ich schnappe nach Luft, verstumme völlig in meinem übertriebenen Anfall.

„Verarsch mich nicht. Ich hab für deine makaberen Scherze jetzt wirklich keinen Nerv.“

Ich sehe ihm auf der Suche nach der Wahrheit direkt in die Augen, bin fasziniert von der Ähnlichkeit mit denen seines Bruders.

Er lügt mich nicht an.

Aber das kann nicht sein …

Er antwortet nicht, verharrt einfach nur in seiner Position direkt vor meinem Bett und sieht mich an.

Mein Zustand ist mittlerweile Statuenwürdig. Ich rühre mich nicht von der Stelle. Mein Herz klopft mir bis zum Hals und auch wenn ich krampfhaft versuche, die Ecke „rationales Denken“ in meinem Hirn in Gang zu kriegen, misslingt es mir.
Ich hätte mit allem gerechnet, aber nie im Leben…niemals…

„Er hatte Angst davor die Freundschaft kaputt zu machen und hat darum einfach verbissen die Klappe gehalten.“
Er lacht leise, schüttelt den Kopf.
„Irgendwann hätte er es dir vielleicht gesagt. Aber dann kam unser Durchbruch. Und mit ihm hast du dich in die egoistische Bitch verwandelt, die wir seit einem Jahr mehr als zur Genüge kennen lernen durften.“
Eigentlich will ich mich gegen diese erneute Beleidigung wehren, aber ich kriege kein Wort raus. Ich kann nur protestierend den Mund auf und zu machen.
„Er ist mit dem plötzlichen Hass und deiner Abneigung uns gegenüber nie wirklich fertig geworden. Und irgendwas sagt mir, dass das auch noch heute der Grund ist für sein übertriebenes Verhalten.“
Wieder entweicht ihm ein ironisches Lachen.
„Ich glaube fast, gestern Nacht hat ihn etwas zu sehr in die Vergangenheit katapultiert und jetzt versucht er krampfhaft dich wieder loszuwerden. Mit ziemlich radikalen Mitteln.“

Meine grenzenlose Geschocktheit mal außen vor gelassen…wenn es wirklich wahr sein sollte, dann war meine eher ungemütliche Reaktion am nächsten Morgen natürlich für sein ohnehin angeknackstes Verhältnis zu mir pures Gift.

Ich senke den Kopf, schließe meine Augen. Mein Gott, wir sind so bescheuert. Was ist nur mit uns passiert? Warum hat dieser gottverdammte Streit soviel zerstören können?

„Es war keine Abneigung.“, sage ich zu meiner eigenen Verwunderung unkontrollierbar und Tom sieht mich fragend an.
„Du sagtest, er ist mit dem Streit und meiner Abneigung euch gegenüber nicht klar gekommen. Aber es war keine Abneigung. Ich war eifersüchtig.“

Ha-…hab ich das grad gesagt…? Hab ich das wirklich gesagt. Argh!

„Worauf?“

„Nicht auf den Erfolg. So wie ihr es mir immer unterstellt habt.“
Ich lache ironisch, schließe meine Augen.
Gott, was mache ich hier?
„Ich war eifersüchtig, weil ich wusste, dass es so kommen würde. Ich wusste, dass ich euch verlieren würde.“

Ich muss total verrückt sein. Warum erzähl ich ihm das? Jetzt gebe ich doch zu, dass es nicht nur moralisch scheiße war, sondern dass ich wirklich unter der Trennung gelitten habe.

„Wieso verlieren?“, hakt er nach und ich sehe zu ihm auf, emotional mehr aufgewühlt als ich eigentlich dachte.

„Tom, ihr wart andauernd weg. Habt auf meine Anrufe kaum geantwortet. Wenn ich mit euch sprechen wollte, wurde ich abgewimmelt von irgendwelchen wildfremden Menschen die mir sagten, ihr hättet jetzt keine Zeit. Ich hab euch immer nur mit diesen elenden Groupies gesehen, ständig bester Laune auf irgendwelchen Partys.“
Ich spüre wie mich schon wieder die kalte Wut packt.
„Ihr habt euch so sehr verändert, dass ich irgendwann den Bezug zu meinen Zwillingen vollkommen verloren hatte und mit den protzenden Idioten, zu denen ihr geworden seid, nichts mehr zu tun haben wollte. Ich musste so reagieren. Ich musste anfangen euch zu hassen.“
Ich senke wieder meinen Kopf.
Verdammte Ehrlichkeit.
„Weil ich euch sonst heute noch bittere Tränen hinterher heulen würde.“

Er setzt sich neben mich aufs Bett und atmet tief ein. Außer dem heftigen Wind der gegen die Fensterscheiben schlägt ist es still um uns herum.

„Vielleicht kann ich dich jetzt wirklich verstehen.“, sagt er dann und lächelt.
„Wir waren abgelenkt. In unserem Leben ist soviel neues passiert… Wir wollten dir nie das Gefühl geben, dass du uns egal bist. Und bis zu dem Tag an dem du so ausgerastet bist, wollten wir beide alles Mögliche dafür tun, den Kontakt so gut es geht zu halten.“

Und dann schließe ich meine Augen und gewähre mir einen Blick in die Vergangenheit.
Ich blicke zurück an besagten Tag. Der Tag an dem ich wieder mal Schlagzeilen über die letzte Party der Jungs und ihre Exzesse gelesen hatte. Der Tag an dem Bill mich angelogen hatte, weil er wieder mal eine Verabredung nicht einhalten konnte.

Und dann wird mir plötzlich klar, was für mich über ein Jahr im Dunkeln lag. Ich konnte nicht damit umgehen. Ich konnte es wirklich nicht. Ich wollte sie nicht teilen. Wollte nicht, dass auch andere erkennen, wie verdammt unglaublich sie sind.

Ich hab mich so von ihnen abgewendet wie sie von mir, weil ich nicht zulassen wollte, dass sie mir wehtun.
Und vielleicht, vielleicht hat sich damals schon etwas in mir entwickelt was mir hier jetzt…

Blödsinn.

„Warum hast du mir das erzählt, Tom?“, frage ich und sehe ihm ins Gesicht.
„Dein Bruder wird dich umbringen, wenn er rauskriegt, dass du mir das alles gesagt hast.“

Er fängt an frech vor sich hinzugrinsen, spielt mit dem Piercing in seiner Unterlippe.

„Vielleicht. Vielleicht nicht.“

Ich schüttle den Kopf.

„Wir müssen ihn aufhalten.“, sage ich ernst.
„Ich kann nicht zulassen, dass Bill unsere Eltern auseinander bringt.“

„Er wird auf mich nicht hören. Er hat mir ja vorher als ich ihm sagte, dass die ganze Sache geplatzt ist, schon unterstellt ich würde mit dir unter einer Decke stecken.“

„Dann rede ich mit ihm.“

Entschlossen stehe ich vom Bett auf.
Und wieder grinst Tom fies vor sich hin. Warum weiß ich nicht und gerade interessiert es mich auch nicht.

„Mach das.“

Er wendet sich ab, läuft zur Tür.

„Tom…?“, sage ich und halte ihn an der Hand zurück.
„Danke.“

„Wofür?“

Ja, wofür?
Dafür, dass du mir zeigst, dass du tief in dir drin immer noch so bist wie früher. Dass du mir das Gefühl gibt’s, immer noch einen besten Freund zu haben.

Auch wenn es nur für die Zeit in dieser Hütte sein wird.

„Naaah…für die Kerzen.“, sage ich und lächle, winke ab.

Soweit bin ich noch nicht und ich weiß auch nicht ob ich jemals wieder soweit sein werde.

Aber er weiß ganz genau, dass ich nicht wegen den Kerzen „Danke“ sage.

Als er sich abwendet und mein Zimmer verlässt, sinke ich zurück auf die Matratze und lasse mir das Gespräch durch den Kopf gehen. Sicherlich muss ich niemandem sagen, dass mir das was Tom gesagt hat, fast den Verstand weggesprengt hat und um ehrlich zu sein, fällt es mir auch unglaublich schwer, das Gesagte überhaupt mit Logik zu umfassen.

Er hat mir nicht ein einziges Mal das Gefühl gegeben, dass es mehr als Freundschaft war. Nie. Zugegeben ich hab Bill oft mit anderen Augen gesehen als Tom. Tom war immer mein bester Freund. Meine erste Adresse. Wenn es mir scheiße ging, wusste er es immer zuerst. Natürlich hab ich es danach auch Bill erzählt, aber Tom war eben mein Kumpel. Wenn er zu mir rüber kam, hab ich mich nicht drum geschert wie ich aussah. Wenn Bill dabei war, sah die Sache, und damit ich, schon anders aus.
Ich hab ihn auch in den Arm genommen, aber es war nicht ganz so von Lockerheit umgeben wie bei seinem Bruder. Ich war unruhiger, fast könnte man sagen, dass ich am Schluß nervös war, wenn wir uns getroffen haben.
Aber ehrlich gesagt, fällt mir das jetzt erst auf. Oder ich gestehe mir es jetzt erst ein. Wie auch immer…

Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn er mich vor einem Jahr darauf angesprochen hätte und irgendwas sagt mir, dass ich es auch gar nicht wissen will.
Es liegt in der Vergangenheit.

Ich glaube nicht, dass Bill auch heute noch was für mich empfindet. Wenn er es wirklich überhaupt mal hatte und das Ganze nicht ein Megahirnfurz von Tom ist, der mich granatenmäßig verschicken will.

Ich stöhne leise, ignoriere das Kribbeln in meinem Magen.

Es ist vollkommen absurd. Alles. Diese ganze Situation.

Ich kann nicht mit ihnen, sie nicht mit mir.
Unsere Eltern machen einen auf Happy Family und irgendwie ist alles was ich will diese zwei Wochen rum kriegen.

Gut, gelogen…ich bin schon neugierig wie sich dieser Witz weiterentwickelt, aber irgendwas sagt mir, dass sich heute etwas geändert hat auf den Feldern des Krieges.
Ich glaube nicht, dass es zur sinnvollen Kriegsführung gehört, wenn die gegnerischen Linien emotional ineinander verwickelt werden.

* * *

Es kostet mich unglaublich viel Überwindung als ich spät an diesem Abend aus meinem Zimmer auf den kleinen Flur trete und vor Bills Tür zum stehen komme.
Nach wie vor treibt diese bittere Aussage von Tom wie ein tödliches Gift um meinen Schädel, aber ich versuche es vollkommen zu verdrängen. Auszublenden.

Es ist bereits dunkel, ich höre das regelmäßige Rauschen des Windes um die Wände des Hauses, mein einziger Lichtschein ist das lodernde Feuer aus der Bibliothek, welches mich gerade so die Hand vor meinen Augen erkennen lässt.

Ich höre Stimmen aus dem Erdgeschoss, gehe davon aus, dass unsere Eltern vorm Kamin sitzen und sich irgendeinen teuren Rotwein hinter die Binsen kippen, ehe sie später gemeinsam in eines der beiden Schlafzimmer verschwinden.
Ich schüttle meinen Kopf um die soeben wieder aufflackernden Bilder zu verdrängen und ermahne mich zur Konzentration und Gefasstheit. Auch wenn der Gedanke mir nach wie vor einen Ekelschüttel durch den Körper jagt, weiß mein Ver- und Anstand, dass ich aus eigensüchtigen Gründen dieser Beziehung nicht im Weg stehen darf. Mein Vater ist mir wichtiger als diese beiden Affen und mein eigenes Wohl.

Entschlossen und demnach energisch klopfe ich darum mit den Fingerknöcheln meiner rechten Hand gegen das knorrige Holz der alten Tür.

Ein letztes nervöses Atmen meinerseits…

„Ich hab jetzt so keinen Bock auf noch ne Strafpredigt, Mum.“, brüllt es mir von drinnen entgegen und auch wenn es absurd klingt, ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

„Ich bin nicht Mum.“, sage ich und versuche meine Amüsiertheit nicht in der Stimme mitschwingen zu lassen.

Es dauert zwei drei geräuschlose Sekunden, danach höre ich ein dunkles Poltern, ein Fluchen…dann wird die Tür aufgerissen.

„Was willst du?“, knurrt er böse und starrt mich an, die pechschwarzen Haare strähnig verstrubbelt, das Shirt völlig orientierungslos halb in und halb aus der zerrissenen Jeans hängend, die mit Kajal dunkel geschminkten Augen noch verwischter als sonst.

„Mit dir reden.“, bringe ich mit einem etwas rauen Unterton heraus.

Das aggressive Funkeln das mich im direkten Blickkontakt mit ihm trifft, macht ihn tierisch attraktiv, aber ich denke derlei Gedanken sind, momentan und in Zukunft, mehr als unangebracht.

„Ich bin grad nicht in Stimmung.“

Und damit knallt er mir die Tür wieder vor der Nase zu.

Ich kenne ihn.
Ich weiß dass er impulsiv und unberechenbar ist, aber das hier fällt fast schon in die Kategorie Dreistheit.
Mir einfach so die Tür zuzuknallen…also echt…

Ich lasse mich nur kurz davon beirren, dann drücke ich die Klinke nach unten, stoße die Tür einfach auf und betrete das Zimmer.
Er liegt der Länge nach auf dem Bett, presst sich ein Kissen aufs Gesicht.

Er streckt mir blind den am Nagel schwarz lackierten Zeigefinger entgegen und fuchtelt in der Luft herum.
Ich verstehe die Gestik auch ohne das folgende Brüllen.

„Raus!“

„Jetzt hör mir doch mal zu…“

„Nein, Scheiße! Raus!“

Oh Gott, ich krieg gleich einen cholerischen Anfall. Der macht mich wahnsinnig. Wir sind doch nicht mehr in der Grundschule.

„Hör auf dich wie ein kleines Kind zu benehmen und lass mich ausreden.“

Und damit reißt er das Kissen von sich, wirft es mit einem energischen Ruck neben das Bett, direkt vor meine Füße.
Er richtet sich auf, mit einem mehr als angepissten Gesichtsausdruck.

„Du hast eine Minute, ehe ich dich aus dem Zimmer werfe.“, knurrt er tief und verschränkt seine Arme vor dem schwarzen T-Shirt.

Ich hole Luft, sehe ihm direkt in die Augen, versuche ihn zu fixieren, aber es fällt mir schwer. Das hat es immer schon. Sein Blick geht mir einfach viel zu oft viel zu tief unter die Haut.

„Du weißt, dass es falsch ist was wir vorhatten.“, sage ich mit fester Stimme und versuche überzeugend zu klingen.
„Nur weil wir nicht miteinander klar kommen, versuchen wir was zu versauen, was vielleicht wirklich gut in dieser ganzen Scheiße ist.“

Das dunkle Flackern der Kerzen macht es mir leider kaum möglich seine Gesichtszüge zu beobachten.
Er schweigt lange.
Zu lange für meinen Geschmack.

Dann fängt er an ironisch zu grinsen.

„Du solltest dich reden hören. Lächerlich.“

Bleib ruhig. Er ist immer noch auf hundert wegen dem Streit mit seiner Mutter. Nimms nicht gleich wieder persönlich…

„Warum lächerlich?“

Er stößt die Luft aus seinen Lungen, sein Blick ist hämisch, vollkommen gleichgültig.

„Du glaubst den Mist doch selbst nicht. Meine Mum sucht nicht nach einem festen Lebenspartner und dein Vater ist noch nicht mal im Ansatz über seine verreckte Ehe weg. Was soll es also Gutes sein? Ein vorübergehendes nachbarschaftliches Fick-Verhältnis aus Einsamkeit ist das und mehr nicht. Und ich hab keinen Bock wegen so was Blödem deine Visage andauernd ertragen zu müssen.“

Fassungslos starre ich ihn an, ich zittere vor Zorn und Aggressivität und ich bin kurz davor ihm so eine zu knallen, dass er nicht mehr weiß wo vorne und hinten ist.

Wie kann er so was sagen? Wie kann er so brutal in alten Wunden stochern? Gott, er weiß wie sehr mir die Trennung weh getan hat…Warum ist er so? Was hat ihn zu dem gemacht was er heute ist? Was nur?

„Du bist das Letzte, Bill.“, fauche ich böse, versuche mich runter zu holen, aber ich kann nicht.
Jetzt kommt es raus. Jetzt.
Zum allerersten mal seit dem einen verhängnisvollen Streit vor über einem Jahr.
Wir werden emotional.
„Ich weiß nicht was du für ein Problem hast oder warum du dich in so ein eiskaltes Arschloch verwandelt hast, aber lass dir eines gesagt sein: Du tust mir Leid. Weil du vor die selbst weg läufst und anderen dafür die Schuld gibst. Früher warst du nie egoistisch und bis gerade eben dachte ich, dass du tief in dir drin immer noch so bist wie ich dich kenne, aber ich hab mich getäuscht. Ich weiß nicht was genau dich zu dem gemacht hat, was du heute bist, aber wenn du unsere Eltern wirklich nur meinetwegen auseinander bringen willst, kann ich dich beruhigen: Ich werde dir aus dem Weg gehen. Du wirst mich nicht sehen, du wirst keinen Ton von mir hören. Ich bin fertig mit dir. Und zwar dieses mal für immer.“
Er sieht mich sprachlos an, sein Mund steht offen. Noch nie haben wir so miteinander gesprochen. Noch nie. Egal wie sehr wir uns gehasst haben. Das letzte Jahr hat uns weit auseinandergetrieben. Der Streit hat uns auseinandergesprengt, ja.
Aber das hier findet auf einer anderen Ebene statt.
Ich zittere vor lauter Zorn, ich bin mir sicher, dass sowohl Tom nebenan wie auch unsere Eltern ein Stockwerk tiefer mein Geschrei mitgekriegt haben.
„Die Minute ist um, ich bring mich selber raus.“, sage ich damit abschließen und dann drehe ich mich auf dem Fuß um, ohne einen letzten Blick auf die geschockte Kreatur in der Ecke des Zimmers zu werfen und verlasse das Zimmer.

Als ich hinter mir die Tür ins Schloss werfe und in meine eigenen vier Wände flüchte, fühle ich mich schrecklich und gut zugleich.
Ich wollte ihm genau das schon immer sagen.
Fertig. Mit ihm. Zu lange beherrscht er schon meine Gedanken. Und heute hab ich endgültig einen Schlussstrich gezogen.

Aber genau das macht mir Angst.

* * *

Leider war die Nacht alles andere als erholsam. Ich hatte bitterböse Alpträume. Und zwar nicht zu knapp. Ich sah mich andauernd an einer Klippe tanzen, bis ich irgendwann fiel…

Gerädert und völlig verknautscht stehe ich auf und fluche über die bittere Kälte, die mich sofort schnattern lässt wie eine Wilde.
Ich ziehe mich an, mache mich ein wenig zurecht und gerade mal eine halbe Stunde später stolpere ich in das angenehm geheizte Wohnzimmer, Simone bereitet gerade das Frühstück vor. Mein Vater scheint draußen zu sein.

„Guten Morgen.“, grüßt sie mich freundlich, aber nicht mit einem so unbesorgten Lächeln wie die ganzen letzten Tage.

„Morgen, Simone.“, sage ich und komme direkt zu ihr, nehme ihr einen Teil der Frühstücksdinge ab, die sie in den Händen hält, stelle sie auf den Tisch.

„Hast du gut geschlafen?“

Nein.

„Geht so.“
Sie läuft wieder zurück in die Küche, nimmt das kochende Wasser vom Feuer und brüht den frischen Kaffee auf.
„Ich hatte einen fiesen Alptraum.“

Und wie fies der war.

„Tut mir Leid.“, sagt sie dann einfach so, als ich neben sie an den Tresen trete und mit glasigen Augen beobachte was sie macht.

„Was tut dir Leid?“, frage ich abwesend.
„Dass ich einen Alptraum hatte?“

Sie gibt ein ersticktes Geräusch von sich.

„Nein, dass die Liebe zu deinem Vater so viele Schwierigkeiten aufwirft. Ich wollte nicht, dass es so kommt.“
Ich wache auf, sehe ihr geschockt ins gequälte Gesicht.
Was war das für ein Wort?
Liebe? Liebe…Oh Gott…sie liebt meinen Vater?
Ich erstarre vollkommen, sie wendet sich mir zu, stellt den Topf ab.
Scheiße! Ich glaube sie hat tatsächlich gehört was Bill und ich gestern durch die Gegend gebrüllt haben.
Aber, was...warum...?
Ihr Blick tut mir weh, sie wirkt völlig zerrissen.
„Dein Vater vergöttert dich. Du bist sein größtes Glück, Kind. Und auch wenn ich mich manchmal frage warum, die Zwillinge sind meines. Ich liebe sie über alles und ich kann nichts tun, wogegen sie sich so sehr wehren. Verstehst du?“
Fast fürchte ich Tränen in ihren Augen zu sehen.
„Wenn es für euch wirklich so ein Problem ist, werden dein Vater und ich keinen gemeinsamen Weg gehen.“

Ich schüttle den Kopf. Einerseits weil ich dem nicht zustimme und andererseits weil ich das unter keinen Umständen zulassen würde. Niemals.

Ihre Sorgen schnüren mir die Kehle zu, ich weiß nicht was ich sagen soll. Aber ein Impuls zwingt mich schließlich wortlos auf sie zuzugehen, sie in den Arm zu nehmen und für den Moment kommt die Umarmung wirklich zustande.
Ich will, dass sie weiß, dass ich damit klar komme. Dass ich mich arrangieren kann. Dass ich mich freue wenn mein Vater glücklich ist… wenn sie glücklich ist...

„Mum…“, reißt uns dann plötzlich eine Stimme aus dem ehrlichen Moment und ich lasse Simone los, wende mich wie sie zur Tür der kleinen Küche hin.
Vor uns steht Bill, mit schuldigen Augen und einem gequälten Ausdruck in den unglaublich weichen Gesichtszügen.
Er muss gehört haben was wir gerade gesagt haben…
„…es ist okay.“, flüstert er leise und sucht den Blickkontakt zu seiner Mutter.
„Ich komm damit klar.“

Sekundenlang herrscht Stille, ich versuche den so vollkommen ungewohnten Moment zu verdauen.

Simone stockt, sie geht einen Schritt auf ihn zu.

"Schatz, nein...es tut mir Leid...ich hätte es dir früher sagen... hätte dich nicht einfach so ..."

Er schüttelt trotzig den Kopf.

"Es ist okay, Mum."
Seine Augen verraten, dass er es ernst meint.
"Wirklich."

Ich bin wie vom Blitz getroffen.

Bill gibt sich schwach. Vor mir.

Und das wirft mich in meiner Entwicklung wieder um Jahre zurück.

Ich stehe da mit aufgerissenen Augen, registriere, dass Simone anfängt schwach zu lächeln und läuft direkt auf ihn zu, nimmt ihn in den Arm.
Ich kann es förmlich hören, wie die Last und der Kummer von ihrer Seele fällt, als sie dicht vor ihrem Jüngsten zum Stehen kommt und ihn ansieht. Voller Liebe und Stolz...

Ich bleibe am Tresen der Küche stehen und so lächerlich jetzt auch das wieder klingen mag, mir treibt es rührselige Tränen in die Augen.

Sie zieht ihn zu sich, streicht ihm zärtlich über den pechschwarzen Hinterkopf. Er lässt die Berührung zu, versteckt sein Gesicht vor mir hinter ihrer Schulter.

Ich kenne das Bild von früher.
Nur dass Bill heute größer ist als seine Mutter.

Die Umarmung endet schnell. Klar, zu viel emotionale Schwäche wird er vor mir nicht zulassen wollen. Er verschwindet ohne ein weiteres Wort wieder.

Als sich Simone wieder zu mir dreht, hat sie wie ich Tränen in den Augen.

„Weißt du jetzt, warum ich sie liebe?“, fragt sie und lächelt seelig.

Ich nicke.
Ja, ich weiß es.
Ich wusste es schon immer.

* * *

Der Tag bildet einen Wendepunkt.

In allem und für alles.

Das war mir nach dem Gespräch in der Küche klar.
Zu einem gewissen Grad hat Bill mit seiner Aufgabe das Ende des Krieges bestimmt. Wir haben auf den blutigen Feldern noch an diesem Tag die Friedensverträge unterzeichnet. Rechtskräftig. Bindend.

Und auch wenn die Stimmung gedrückt ist, sie ist anders, als die Tage zuvor. Nicht angriffslustig und hitzig, sondern geprägt von Schwäche und Kapitulation. Der Bereitschaft für einen Neuanfang.
Wir lassen es zu. Weil wir müssen. Und weil mittlerweile beide Parteien keine Kraft mehr haben um den Krieg fortzusetzen.

Es nimmt ein Ende. Hier und jetzt. Mit der jungen Beziehung unserer Eltern.

Tom geht recht locker damit um. Auch wenn er mit seinen Handlungen hinter seinem Bruder steht.
Kein unnötiges Sprechen mit mir, kein zu geduldetes Friedlieben beim Essen.
Sie sind still, aber nicht trotzig.
Sie beugen sich.
Ihrer Mutter, meinem Vater…mir.
Genauso wie ich es ihnen tue.

Am Nachmittag verschwinden Simone und mein Vater nach draußen in die winterliche Natur Finnlands für einen ausgiebigen Spaziergang.
Fast ein halber Meter Neuschnee. Ein klein wenig bescheuert muss man schon sein, wenn man da in der Pampa rumstapft. Aber sie brauchen Zeit für sich und ich kann das auch irgendwie nachvollziehen.

Zwischen Tom und mir liegt Akzeptanz. Wenn wir irgendwo im Haus aufeinander treffen, ist der Blickkontakt friedlich und ruhig, wir reden nicht wirklich miteinander, aber dazu ist das Ganze auch zu frisch.

Bill meidet mich vehement. Und wenn wir uns irgendwo doch verkommen, sieht er mir nicht in die Augen. Fast habe ich das Gefühl, dass er irgendwie gequält wirkt, dass ihn irgendwas wirklich beschäftigt, aber ich glaube nicht, dass es ausschließlich die Beziehung unserer Eltern ist.

Ich mache mir zu viele Gedanken und ich bin gerade weiß Gott gedanklich ohnehin immer noch überfordert. Schließlich liegen einige Dinge in der Luft die mein Universum ziemlich durcheinander gewirbelt haben.
Das grausame Thema Nummer 1 in meinem Kopf ist leider immer noch die schockierende Aussage von Tom. Ich ignoriere es. Kämpfe dagegen an. Ich will mir darüber wirklich gar keine Gedanken machen. Keine böse Sekunde lang.
Was die Sache mit meinem Vater und Simone betrifft, kann ich die Konsequenzen noch nicht ermessen. Ich hoffe, dass sie nicht planen zu schnell etwas wirklich Ernstes daraus zu machen. So mit zusammen ziehen und so. Am besten soll mein Vater warten bis ich 18 bin und ausziehen kann, bevor er noch plant mich mit den Zwillingen dauerhaft unter einem Dach zu vereinen. Wenn das für zwei Wochen schon eine Katastrophe ist, will ich nicht wissen wie das konstant wäre.
Ich glaube auch nicht, dass der neue Frieden daran etwas ändern würde.

Ich habe mich in die Bibliothek zurückgezogen. Solange es draußen noch hell ist, reicht das Licht hier drin gut aus um zu lesen.
Und Ablenkung kommt mir gerade mehr als gelegen.

Aber mir wird die Ruhe nicht lange gewährt.

Tom kommt irgendwann zu mir in den Raum gelaufen und setzt sich mir direkt gegenüber in den Ohrensessel, sieht mich an.

Ich versuche ihn zuerst zu ignorieren, lese scheinbar gefesselt weiter. Aber ich werde nie unter den Blicken eines Kaulitz-Zwillings ruhig bleiben können. Nie. Ganz gleich was noch passiert.

„Was?“, frage ich darum nach ein paar schweigvollen Sekunden und er lächelt, leckt sich sadistisch langsam über seine Unterlippe und den kleinen silbernen Ring.

„Hat sich doch alles gut entwickelt, oder?“

„Ich denke schon.“

„Ich glaube dein Dad tut Mum gut.“

„Und Simone meinem Dad erst.“

Wir lachen.

„Auch wenn der Gedanke immer noch fremd ist, ich freund mich damit schon an.“

„Ich auch.“

Er lehnt sich zurück, seine Hände halten im Schritt die übergroße Hose fast an den Knien fest. Das Bild ist bekannt und bringt mich zum schmunzeln. Ein Unikat.
Wie sein Bruder.

„Was du gestern Abend zu Bill gesagt hast…“, spricht er weiter, mit diesem wissenden Unterton. War ja klar, dass er das mitgekriegt hat.
Es ist mir unangenehm.
„…hat ihn härter getroffen als 10 Ohrfeigen.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch, mustere ihn kritisch. Ich frage mich was genau er meint…die Beleidigungen oder die Aussage, dass ich endgültig fertig mit ihm bin.

„Das hat er auch verdient.“

Er hat es verdient. Auch wenn ich mit dem Gespräch in der Küche fast schon wieder bereue, dass ich gestern eigentlich alles zwischen uns für immer beendet habe.

„Kann sein. Aber er hat das nicht so gemeint. Wirklich. Ich weiß, dass er aus seiner Impulsivität manchmal Dinge sagt, die er hinterher bereut.“
Er lächelt.
„Das ist ne Kaulitz-Krankheit.“

Ist mir nicht entgangen.

„Was ist das jetzt mit uns?“, frage ich in abwesend, weil meine Gedanken fest hängen an den schuldigen Augen von Bill heute Morgen.

„Weiß nicht.“
Er zuckt mit den Schultern.
„Ich hab nie damit gerechnet, dass ich jemals wieder so mit dir reden würde.“

„Ich auch nicht.“, sage ich mit einem schwachen Lächeln.
„Aber ich finde es schön.“

Und das ist mir jetzt rausgerutscht. So wollte ich das eigentlich auf keinen Fall sagen.

„Finde ich auch.“

Und jetzt verdränge ich Bills Gesicht aus meinen Gedanken und sehe Tom an. Er lächelt freundlich, offen. Ich bin überrascht, dass er mir das so sagt. Ich hab nicht erwartet, dass er sich darauf einlässt.
Was wenn dieser Streit wirklich so nicht gewollt war? Was wenn ich in meiner Eifersucht wirklich überreagiert habe?
Was wenn ich diese Freundschaft heute noch will?

Ich weiß, dass es täuscht. Ich weiß, dass es trügt. Hier ist nichts wie es scheint.
Und zuhause ist vielleicht bald schon wieder alles beim grässlichen alten.

Dann werden die Verträge zerrissen, die Waffen wieder ausgegraben.

Aber was, wenn ich zumindest Tom für diese eine Woche haben kann? So wie früher. So wie ich ihn geliebt habe.
Würde ich das Risiko eingehen ihn wieder an mich ran zu lassen?

Natürlich.
Es ist ohnehin schon längst passiert.

„Du hast mir letztes Jahr ganz schön gefehlt.“, sage ich und versuche gegen die Tränen anzukämpfen die sich gerade einen bitteren Weg in meine Augen suchen.

Ohne großes Zögern antwortet er.

„Du mir auch.“

Er steht auf, quetscht sich zu mir in den Sessel, zieht mich halb auf seinen Schoß und ich klammere mich um seinen Hals, drücke ihn an mich. So fest ich kann. So fest sein Körper es zulässt, ehe er unter der Belastung anfangen würde widerwillig zu ächzen.
Er riecht immer noch wie früher, das kratzig-zottelige Gefühl seiner filzigen Dreads gibt mir ein bekanntes vertrautes Gefühl. Als er mich jetzt auch fest in seine Arme schließt und mir wie früher sanft über den Hinterkopf streicht, fühle ich mich so lebendig und geborgen wie seit Ewigkeiten nicht.

Ich hab es verdrängt. So lange. Sie waren ein riesengroßer Teil meines Lebens. Und ich hab es einfach verdrängt.

Und jetzt kommt es zu mir zurück. Heftig. Brutal.

Wir lassen bereits nach kurzer Zeit los, ich stehe auf und lasse mich in den Sessel fallen in dem bis vor kurzem er noch saß.
Zu schnell zu viel halte ich nicht für angebracht. Schließlich tobt mein innerer Gefühlsorkan ohnehin schon intensiv genug.

„Du weißt, dass ich dir nicht versprechen kann, wie es wird wenn wir wieder zuhause sind.“, sagt er leise, spricht damit meine stummen Gedanken an.
„Vielleicht reicht schon eine Kleinigkeit und alles zwischen uns ist wieder kaputt.“

Auf der Treppe zum Obergeschoss höre ich Schritte.

„Ich weiß.“

Wie ich bereits erwartet habe, taucht sein Bruder plötzlich im Flur auf und nach einem kurzen skeptischen Blick in unsere Richtung verschwindet er in seinem Zimmer, schließt die Tür hinter sich.
Ich spüre plötzlich den unglaublichen Drang in mir ihn auch in den Arm zu nehmen, mit ihm genauso wie mit Tom über alles zu reden.
Ich verfolge ihn mit meinen Augen so lange, bis er komplett aus meinem Blickfeld verschwindet.
Erst dann registriere ich, dass Tom mich ansieht, als wüsste er nur zu gut, was ich gerade gedacht habe.

„Rede mit ihm.“

Scheiße.

„Worüber denn?“

„Sag ihm dasselbe was du mir gesagt hast. Sag ihm, dass er dir gefehlt hat.“

Nur über meine Leiche.

„No way.“

„Warum nicht?“

„Weil…ich kann…das kann ich nicht…“

Er lässt nicht locker, fixiert mich mit diesen unendlich tiefen braunen Augen, dem schelmischen Grinsen…ich kann förmlich spüren wie mir die Vernunft davon flattert.

„Du konntest es bei mir.“

„Das mit dir ist was anderes.“, rutscht es mir in meiner eigenen Dummheit gedankenlos raus.

„Seit wann?“

Ja, seit wann?

„Vielleicht schon immer.“

Tom senkt seinen Kopf, das Lächeln in seinem Gesicht wird unanständig breit.

„Sag’s ihm. Es wird für ihn so wichtig sein, wie für dich.“

Das Gespräch wird langsam in eine Richtung manövriert die mir wirklich überhaupt nicht zusagt. Wir wollen doch bitte einen Schritt nach dem anderen gehen. Das hier überfordert mich komplett. Ich rede mit Tom, nehme ihn in den Arm. Lasse zu, dass er mich wieder verletzen könnte. Die Sache mit Bill und meinen merkwürdigen Gefühlen stehen da auf einer Ebene mit der ich mich noch nicht so wirklich auseinander setzen will.

„Vielleicht irgendwann.“, sage ich schwach aber mit klopfendem Herzen und stehe auf.

Tom weiß zuviel. Ich bereue es nicht heute, nicht morgen. Aber vielleicht in der Zukunft.
Er wird es in der kalten Realität hinter der Hütte gegen mich verwenden können.

Er hält mich an der Hand zurück.

„Du weißt so gut wie ich, dass du vielleicht nur eine Woche hast.“

Ich sehe ihm direkt ins Gesicht, frage mich was er vorhat. Warum er das alles macht.

Und ich sehe die Sache mit Bill ein klein wenig anders.

„Ich glaube eher, dass ich genau diese eine Woche durchhalten muss.“, sage ich leise und löse sanft seinen Griff um meine Hand, verschwinde in meinem Zimmer.

* * *

Den folgenden Tag bin ich immer wieder hin und her gerissen. Die kurzen Gespräche die ich mit Tom führe, tun mir unglaublich gut, aber ich versuche dennoch nicht zu emotional auf ihn einzugehen. Das alles kommt mir so unreal vor, dass ich fürchte die wahre Welt hinter dem Schneetreiben Finnlands wird mich komplett aus den Angeln heben.
Bill meidet mich immer noch. Aber ich empfinde mit jeder Minute, in der er seine Mutter und meinen Vater bewusst akzeptiert, mehr das Bedürfnis ihm zu sagen, dass ich froh bin, mich doch nicht komplett in ihm getäuscht zu haben.

Es fällt mir schwer. So unglaublich schwer.
Jetzt wo ich nicht mehr ständig damit beschäftigt bin ihn zu hassen, lasse ich erst die Eigenschaften die ihn wirklich ausmachen bewusst über mir zusammen brechen.

Und, um ehrlich zu sein, besagte Eigenschaften machen mich ziemlich nervös.

Die Art und Weise, wie er sich bewegt, wie er urplötzlich einfach im Zimmer ist und sich völlig lautlos von der einen zu anderen Seite schleicht. Ohne mich anzusehen, ohne mich wirklich zu beachten.
Er redet nach wie vor nicht mit mir, geht mir aus dem Weg wo er nur kann. Selbst auf harmlose Frotzeleien meinerseits reagiert er nicht.
Er lässt sich zu keiner Sekunde auf mich ein. Und das macht mich fast wahnsinnig.

Ich beschließe also irgendwann spät am Abend zu ihm zu gehen um ihm zumindest zu sagen, dass ich gut finde, wie er sich entschieden hat.

Aber als ich vor der Tür stehe und die Hand zum klopfen angehoben habe, zögere ich. Ich weiß nicht warum.
Es ist eigentlich nichts dabei. Nicht hier. Nicht in dieser einen Woche. Vergebung und Verständnis darf ich zulassen.
Der Hass ist weg.

Ich klopfe, höre seine leise Stimme, die ein dunkles Murmeln durch das Holz dringen lässt.

Dann drücke ich die Tür nach innen auf und betrete das dunkle Zimmer.
Er liegt auf dem Bett, offensichtlich schon fertig zum schlafen. Shorts und Shirt. Toll. Ich hätte das nicht auch morgen Mittag machen können, oder?

Er legt den Comic zur Seite den er gerade augenscheinlich mittels miesestem Kerzenlicht versucht hat zu lesen und sieht mich an. Ich weiß nicht warum er es tut, aber er stöhnt schwach, schließt für einen kurzen Moment seine Augen.

Ich stehe völlig unbeholfen vor ihm, als er sich aufrichtet und kurz einmal durch die völlig orientierungslosen Haarsträhnen an seinem Hinterkopf streicht, vergeht mir irgendwie der Mut. Ich weiß auch nicht seit wann er mich so entsetzlich nervös macht.

„Ich…“, fange ich an und versuche die Tatsache, dass er vor mir in Shorts hockt, zu ignorieren.
„…ich…“

Öhm, weswegen war ich noch mal hier?

„Du…?“, fragt er mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Ich …wollte dir sagen, dass ich es gut finde wie du dich entschieden hast.“, kriege ich dann doch noch unsicher raus.

Er lacht trocken.

„Natürlich.“

„Bill, ich meins ernst. Sie verdienen eine Chance. Und du weißt, dass deine Entscheidung richtig war.“

„Ist ja gut, Mann. Ich hab’s geschnallt.“

Gott, das zwischen uns ist so unglaublich kompliziert. Dabei würde ich mir so sehr wünschen es wäre wieder so wie es war als wir noch Kinder waren.

„Vielleicht kann durch sie alles wieder ein bisschen so werden wie früher…“

Ich bin ja so unglaublich bescheuert. Warum muss ich das denn laut sagen?

„Kann es nicht.“

Sein Ausdruck wird hart.

„Warum nicht?“

Seine Augen sind teilweise abgeschminkt. Ich sage teilweise deshalb, weil er nicht wirklich sonderlich viel wert darauf zu legen scheint sich sauber abzuschminken. Seine Augen sind immer noch dunkel umrandet. Wenn auch nicht so stark wie sonst.

„Weil ich nicht will.“

„Warum hast du so ein Problem damit?“

Er holt Luft, schüttelt den Kopf.

„Weil es so besser ist. Spätestens zurück wirst du wieder austicken wenn es nicht so läuft wie du willst und darauf hab ich keinen Bock mehr.“

Er steht auf, schnappt sich die Jeans die über einem Stuhl hängt und fischt aus der Tasche eine Schachtel Zigaretten raus.
Mit großen Augen beobachte ich ihn dabei wie er eine Kippe aus der Packung nimmt, die Schachtel lapidar zurück auf den Stuhl wirft und zum Fenster läuft, es öffnet.
Er raucht? Das wusste ich gar nicht.

„Ich bin nicht ausgetickt.“

Er lacht, dreht sich zu mir, ehe er die Zigarette in seinen Mund steckt und sie mit einem Feuerzeug anzündet.

„Du hast mich angeschrieen und alles Elende geheißen.“, sagt er und zieht heftig an dem Ding.
Gott, absurd. Absurd. Ist das wirklich Bill?
„Du hast gesagt, dass du uns abartig findest und auf uns keinen Bock mehr hast.“
Sein Gesichtsausdruck wird völlig verbittert, er verkrampft.
„Sorry, wenn ich da was falsch sehe, aber ich habe das damals schon als austicken interpretiert.“

Seine Stimme wird lauter, genau wie meine. Eigentlich war das hier alles andere als geplant. Ich wollte keine Grundsatzdiskussion über unseren Streit mit ihm führen, sondern ihm wirklich nur sagen, dass ich gut fand wie er sich unseren Eltern gegenüber verhalten hat.

Aber wo wir schon mal soweit sind, kann ich ihm auch das Gleiche sagen wie Tom.

Ich trete also zu ihm ans geöffnete Fenster, der eisige Wind Finnlands senkt die Temperatur im Zimmer sofort herunter.

„Du hast mich angelogen, verdammt. Mehrfach. Hast mich wieder und wieder versetzt. Ich hab dich nur noch lachend mit dummen Weibern und Alkohol auf Partys gesehen. Oberflächlich, arrogant…“

„Ich hab gelogen, weil ich wusste, dass dir die Wahrheit wehtun wird.“, unterbricht er mich laut.

„Herrgott, Bill, wie hätte ich denn deiner Meinung nach bitte reagieren sollen?“

„Was weiß ich? Irgendwie anders halt.“, brüllt er frustriert und dreht sich zu mir.
Seine Hände wedeln energisch vor mir hin und her, die Kippe in seiner Hand tanzt glühend vor meinen Augen.
„Hast du eine Ahnung wie ich mich gefühlt habe nach dem Streit?“
Er sieht mich direkt an, sein Blick macht mir weiche Knie.
„Scheiße, du hast gesagt, dass du mich hasst.“

Ja, daran erinnere ich mich zu gut. Ich hab ihm das mit trockenem Zorn in den Augen an den Kopf geworfen.

Es war ein Impuls.

Natürlich hab ich irgendwann angefangen sie zu hassen, aber noch nicht zu dieser Zeit.

„Ich hab dich damals nicht gehasst.“, sage ich und es klingt irgendwie verzweifelt.

Die Erinnerung an diesen Streit wird mir zuviel. Ich habe zu lange gebraucht um es wenigstens im Ansatz zu verdauen und jetzt wird in diesen scheiß zwei Wochen alles wieder aufgerissen.

„Du hast es aber gesagt.“

„Bill, ich musste.“

Scheiße, sind das Tränen die da gerade in meine Augen schießen? Nein, bitte nicht. Bloß nicht.

„Warum?“

„Weil…“

Ich breche ab, ich kann’s nicht sagen. Ich liefere mich damit ihm genauso aus wie Tom. Ich gebe meine schwachen Punkte preis.
Und irgendwas sagt mir, dass ich vor ihm noch schwächer sein werde als vor seinem Bruder.

„Warum?“, bohrt er mit sanfterer Stimme nach, der flehende Blick auf eine Antwort kocht mich schließlich weich.

„Weil ich Sehnsucht nach dir hatte.“, fällt der böse Satz von meinen Lippen.
„Und ich von dir…euch … immer und immer wieder zurückgestoßen wurde. Ich musste anfangen euch zu hassen, verdammt. Ich musste.“

Und jetzt ist es an ihm geschockt und mit offenem Mund dumm da zu stehen.

„Du hattest was?“, fragt er irritiert.

Ich wische mir trotzig eine Träne aus den Augenwinkeln.

„Vergiss es! Ich sag das bestimmt kein zweites Mal.“

Der Einwand wird selbstverständlich ignoriert.

„Du hattest Sehnsucht nach uns?“

Gott, das klingt aus seinem Mund so schrecklich emotional und ehrlich. So intensiv.

Ich senke den Kopf, versuche es herunterzuspielen indem ich mit den Augen rolle.

„Natürlich, du Idiot.“

Seine Haltung zeugt immer noch von Fassungslosigkeit.

„Das hast du uns nie gezeigt.“, stammelt er leise und schnippst die halbgerauchte Zigarette achtlos aus dem Fenster in die nasskalte Nacht.

„Vielleicht nicht so wie ihr es gerne offensichtlich gehabt hättet. Warum zum Teufel hätte ich mich euch genauso anbiedern sollen wie diese hirnlosen Schicksen?“

„Aber…“
Er fährt sich durch die Haare, unsicher.
„…warum hast du gesagt, dass du mich hasst, wenn es gar nicht so war?“, fragt er wieder und irgendwie wirkt er völlig irritiert.

Ich senke den Kopf, ein bitteres Lächeln liegt auf meinen Lippen.

Erkenntnis.

„Man sagt manchmal dumme Dinge, wenn man Angst hat etwas zu verlieren.“

Und damit sterben die Worte auf unseren Lippen.

Er starrt mich einfach nur an, genauso wie ich ihn anstarre. Wir stehen vielleicht gerade einen Meter von einander entfernt, in seinen Zügen und seinen Augen sehe ich Unglauben und Schock.

*Ich hasse dich.*

Zu gut erinnere ich mich daran als ich ihm das ins Gesicht gebrüllt hatte. Und zu gut erinnere ich mich daran wie er darauf reagiert hat.
Es war damals gelogen. Etwas das ich aus blinder Wut und Eifersucht gesagt habe, aber er wusste das nicht.

Aber jetzt weiß er es und plötzlich ist auch der von beiden Parteien später angeeignete Hass weg.

Die Welt steht still…für den Moment…

…für diese Woche…

„Ich gehe jetzt.“, sage ich unsicher und laufe rückwärts auf die Tür zu, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
„Gute Nacht.“

Er rührt sich nicht vom Fleck, folgt mir mit seinen Blicken bis ich das Zimmer komplett verlassen habe, auf dem Flur mit Herzklopfen zum stehen komme.

Herrgott, was war das denn eben?

* * *

Eine schlaflose Nacht später, versuche ich mich aus den völlig verhedderten Bettlaken zu kämpfen. Die Nacht war, gelinde gesagt, beschissen. Ich wollte schlafen, wirklich.
Aber es war nichts zu machen. Kein Auge hab ich zugekriegt. Erstens weil ich meinen Puls und mein Herzklopfen ums Verrecken nicht runterschrauben konnte und zweitens weil mein Kopfkino ununterbrochen Bilder vor meinen Augen flackern ließ.

Und nicht selten zeigten diese Bilder einen pechschwarzen Zottelkopf, der sich mal böse fluchend, mal süß lächelnd und mal elektrisierend anziehend durch meine Gedanken schlich.

Dementsprechend müde kämpfe ich mich nach einer Katzenwäsche ins Wohnzimmer, zu meinem Entsetzen ist Bill schon auf den Beinen.

Und ich merke sofort, dass etwas anders ist.

Er geht meinem Blick nicht aus dem Weg, im Gegenteil, er sucht ihn. Aber nicht so wie zu Beginn der zwei Wochen aggressiv und angriffslustig. Eher herausfordernd im Sinne eines Spieles.

Er sitzt am Tisch, beugt sich aufgestützt ein klein wenig über die Tischplatte und damit ein Buch, das direkt vor seiner Nase liegt. Seine dunkel geschminkten Augen mustern mich abschätzig, fast neugierig.

„Morgen.“, flüstere ich irgendwie plötzlich ein wenig peinlich berührt in seine Richtung.

Was muss mir auch gerade jetzt einfallen, was für Bilder genau ich heute Nacht von und mit ihm hatte.

„Morgen.“, entgegnet er und fixiert mich mit seinem Blick.

Ich fühle mich nach der emotional zu offenen Konversation von gestern nicht in der Lage mehr mit ihm zu reden und schlurfe an ihm vorbei in die Küche zu Simone die mal wieder eifrig dabei ist auf offenem Feuer Kaffee zu kochen.

Sie begrüßt mich freundlich, wir unterhalten uns. Dieses mal über recht belanglose Dinge. Der immer noch ausgefallene Strom und der Mast der damit zusammenhängt. Sie sagt sie haben angerufen, dass sich die Kommune drum kümmert. Mein Blick fällt nach draußen.
Es ist immer noch alles weiß, der Schnee liegt gut und gern 50 Zentimeter hoch.
Aber der Tag ist schön. Der halbzugefrorene See spiegelt in der Sonne, ich bin froh, dass das Unwetter sich erst mal verzogen hat.

Ich habe die Hoffnung, dass mich der klare Himmel auch ein wenig klarer im Kopf macht und ich rational durch die Woche komme, aber keine Chance…
Toms immer häufiger werdende Versuche unsere Freundschaft wieder aufzubauen, rütteln den ganzen Tag übel an meinen Prinzipien und Regeln, sein neckisch freundlicher Blick mit dem er mir begegnet schmelzt die mühsam errichteten Mauern des letzten Jahres erbarmungslos weg und als wir am Nachmittag schließlich gemeinsam draußen im Schuppen Holz hacken, fallen für diese eine Woche auch die letzten Barrieren zwischen uns.

Nicht dass wir freiwillig Holz hacken würden, nein. Wir wurden dazu verdonnert. Schon klar, dass Simone und mein Dad krampfhaft versuchen, die letzten Tage noch zu nutzen um uns wieder zu Freunden zu machen.

Tom kämpft mit der richtigen Haltung der Axt, während ich immer noch Deckung hinter einem tragenden Holzpfeiler in der Mitte der Hütte suche.
Das kleine Holzstück, welches er mittels gezieltem Schlag auf Ofengröße trimmen will könnte bei Nicht-treffen schließlich fies durch die Luft zischen.

Tom holt aus und drischt natürlich voll daneben, ich kriege einen dezenten Lachkrampf leider nicht unterdrückt.
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