Autor: Lilljana
Titel: Weil es dich gibt (Lilly’s Traumserie Teil 3)
Alter: 16+
Kategorie: Sad/ ausgearteter One Shot
Mail: Lilljana_Kersch@yahoo.de
Disclaimer: Mal wieder muss ich jegliches Recht an den Jungs energisch verneinen.

Widmung: Der für den es ist, weiß dass es für ihn ist.^^
Du bist mir unglaublich wichtig geworden und ich bin mir sicher, dass du einige Passagen wieder erkennen wirst.

Inspiriert durch: „Rette mich“ & „Wenn nichts mehr geht“

Zur Serie: Teil 3 der gefürchteten Wahnsinnsauskopplung aus den Träumen meiner irren Schwester. Sie träumt die Grundidee. Ich bau halt mal was drum rum.
Zugegeben hab ich aber hier die Hälfte selber geträumt. *schäm* (nicht die böse Hälfte aber)
Dass ich mich zu dieser Serie hinreißen lassen hab, kommt mich teuer zu stehen. *seufz* Warum kann die nicht mal endlich von normalen Dingen träumen, Mann?

Zu dieser Geschichte: Gefangen in ihrer emotionslosen Welt versucht meine Protagonistin ihr Leben zu meistern und einfach nur einen Tag hinter den andern zu bringen. Das fällt ihr nicht leicht, denn seit einem tragischen Ereignis trägt sie eine Schwäche mit sich herum, die ihr fast jeden Tag aufs Neue das Genick bricht.
Aber als ob das nicht genug wäre, wird sie auch noch Teil eines morbiden Spiels bei dem zuerst nichts so ist wie es scheint…

Anmerkung: Selten ist das Topic nicht, aber ich wollte es trotzdem schreiben. Vorsicht, unglaublich theatralisch und kitschig. (!)
Ich tauche noch mehr in die böse Welt der Depri ein, aber keine Sorge, ihr werdet sofort merken, dass es ein Happy End gibt.

Ich bin der Meinung, dass „Weil es dich gibt“ eine Geschichte ist, die man in einem Zug lesen sollte. Darum werde ich sie nicht zerhacken. Vielleicht kann sich der ein oder andere mal ein kurzes Stündle am Stück Zeit nehmen.^^







WEIL ES DICH GIBT



Prolog

(Gegenwart)


Ich liege im Bett, streiche mir eine meiner pechschwarzen, langen Strähnen hinters Ohr. Ich gähne müde, draußen ist es bitterkalt und stockdunkel. Der eisige Wind des Januars schlägt gegen das Fenster, spielt mit den kahlen Ästen des Baumes der direkt vorm Haus steht.
Ich ziehe die Decke höher über meinen Körper, genieße die Wärme. Genieße das vollkommene Gefühl von Geborgenheit.

Mein Blick fällt auf die rechte Seite des Bettes.

Ich fange an zu lächeln.
Alleine eine kurze Sekunde ansehen reicht aus, dass mein Herz sofort ein paar Schläge mehr pro Minute klopft.

Aber ich kann es nicht bei dieser Sekunde belassen.
Ich brauche mehr. Wie üblich.
Manchmal bin ich ihm so erbärmlich bitter verfallen, dass es fast erschreckend ist.

Er liegt auf dem Rücken, hat seinen Kopf leicht geneigt zu mir gewandt. Fast zärtlich wandern meine Augen über die mittlerweile wirklich komplett verstrubbelte Frisur, die Stirn und seine Nase. Bleiben hängen am Piercing in seiner rechten Braue, mustern die schwarzen Kajalkonturen, die er selbst für die Nacht nicht weggemacht hat.

Die weichen Gesichtszüge lassen ihn im Schlaf aussehen, als könne er kein Wässerchen trüben, aber niemals sollte sich irgendjemand davon täuschen lassen.
Er ist alles andere als ein Engel. Auch wenn er manchmal trotzdem ein kleines bisschen etwas davon für mich hat.

Würde er das allerdings rauskriegen, wäre er unsterblich gekränkt und würde mir unter böser Androhung das zurückzunehmen eine Arie darüber singen, wie schlecht solche Verleumdungen für seinen Ruf als Rockstar sind.

Ich schüttle grinsend den Kopf. Er ist einfach unglaublich. Ein kompletter Widerspruch in sich. In allem was er tut.

Sein Oberkörper hebt und senkt sich unter der Decke gleichmäßig. Als ich einen Atemzug bei seinem stillen Weg beobachte, fällt mein Blick schließlich auf seine Lippen und das Kribbeln in meinem Bauch wird fast unerträglich für mich.

Ich zwinge mich dazu, von ihm wegzusehen.
Ich will ihn nicht schon wieder wecken, nur weil ich es keine fünf Minuten schaffe, die Finger von ihm zu lassen.

Aber ich kann nicht schlafen. Ich bin wieder mal zu kribbelig.

Mein Gott, wie kam es dazu?

Eine Wette.
Eigentlich war ich nicht mehr als eine gottverdammte, beschissene Wette. Eine der absolut niveaulosen Art.

Ich weiß heute, dass sie sich völlig gedankenverloren darauf eingelassen haben. Dass es nicht so hätte kommen sollen, wie es letztendlich kam. Wenn sie gewusst hätten wie es enden würde, hätten sie nicht zugestimmt. Da bin ich mir im Nachhinein sicher.

Ja, der Anfang dieses Wahnsinns ist eine Wette.

Eine Wette zwischen den Zwillingen und jemandem der mich kannte. Der wusste wie ich war.
Heckmann.
Ich bin nur das Mittel zum Zweck gewesen. Weil er den Zwillingen die vorlaute Fresse stopfen wollte. Weil er sie hasste. Schon vom ersten Tag an, als er aus unserer betreuten Schule ans Gymnasium hier her kam.
Und prinzipiell hätte es ihm genügt sie einfach hin und wieder zu verdreschen, aber er wollte ihren arroganten, selbstsicheren Stolz brechen. Den arroganten Stolz den sie schon immer besaßen, aber seit ihrem Durchbruch im Sommer erst auf die Spitze trieben.

Es war schwer jemanden zu finden, der standhalten würde. Schwer jemanden zu finden der sich nicht blenden ließ von ihrem Erfolg und ihrem gottverdammten Charme.

Der Zufall hat ihm ein Geschenk gemacht.

Die Bedingungen waren simpel.
Irgendeine x-beliebige, die Heckmann aussuchen würde. Und einer der beiden musste sie rumkriegen. Egal wie. Aber es musste ehrlich sein. Aufrichtig. Nicht gespielt.

Die Wahl fiel auf jemanden bei dem sie sich eigentlich schonungslos die Zähne ausbeißen sollten. Jemanden bei dem es nicht ziehen würde, wenn sie lächelnd und souverän dahergelaufen kamen und einen lockeren Spruch rissen. Jemanden von dem man eigentlich dachte, dass niemand es jemals schaffen würde durch zu kommen.

Mich.

Aber bekannterweise kommt es manchmal anders als man denkt.




(Vergangenheit)


„Bist du sicher, dass ich dich nicht fahren soll?“, fragt mich mein dümmlich besorgt glotzender Bruder und ich schüttle zum zehnten Mal den Kopf. So sehr, dass mir das sauber gekämmte Haar wild um den Kopf fliegt.

Nein, Mann. Ich komm schon klar.

„Na gut, aber wenn was ist, piepst du mich an und ich hole dich. Okay?“

Ich nicke wehrlos. Ich weiß ja ohnehin, dass ich gar keine andere Wahl habe. Seit über drei Monaten läuft das jetzt schon so. Dabei könnte ich die Schule, wenn ich nicht so faul wäre, sogar zu Fuß erreichen.

Wer hätte gedacht, dass ältere Brüder solche Glucken sein können.

Er schnappt sich seine Aktentasche, sieht hektisch auf die Uhr. Er ist morgens immer im Stress.

Lustlos beiße ich in das Brot, rutsche ungemütlich auf dem Barhocker am Tresen der kleinen Küche herum. Typisch Junggesellenwohnung. Für einen richtigen Esstisch hat’s halt nicht gereicht.

„Ich bin dann weg.“, bekomme ich aus einem Mund voller hektisch rein gestopftem Muffin entgegengeschmatzt, dann klopft er vor mir zweimal als Verabschiedung auf die Tischplatte.

Er hat zum Glück recht schnell begriffen, dass ich nicht angefasst werden möchte.

„Pass auf dich auf.“

Und dann stürmt er davon.

Ich nage lustlos auf dem Stück Brot herum, stoße widerwillig mit dem Fuß gegen den Rucksack der zu meinen Füßen am Boden liegt.
Ich hab so gar keinen Bock auf Schule.

Ich bin mehr der Wochenendtyp. Wenn ich mich einfach nur den ganzen Tag im Bett verkriechen kann und mir der heuchlerische Zynismus der Welt, brutal gesagt, einfach am Arsch vorbei geht.

Aber nein, das Jugendamt meint ja, ich soll wieder auf ne öffentliche Schule. Elende Saftsäcke.
Die letzten zwei Monate waren alles andere als angenehm.

Mein Blick fällt auf die Uhr, die an der Wand über der Mikrowelle hängt.

6:30 Uhr.

Ich hab noch fast ne halbe Stunde bis mein Bus fährt. Ich konnte ja mal wieder nicht schlafen. So wie gut keine Nacht seit vier Jahren, aber damit hab ich mich mittlerweile ja abgefunden. Wer braucht schon Schlaf?
Illusionen die Schutz im Dunkel der Nacht suchen. Ich hab da keinen Bock drauf.

Ich hab plötzlich keinen Hunger mehr auf mein angeknabbertes Frühstück und stehe auf, räume es weg. Ich stelle den Teller in die Spüle, mein Blick bleibt kleben auf einem alten Topf der halbgefüllt mit Wasser bereits drin steht.

Ich kenne den Topf. Er ist aus unserem alten Haus. Mein Bruder hat einige der Dinge mitgenommen in seine Wohnung.

Einerseits hasse ich ihn dafür. Weil mich immer wieder in kleinen Abständen durch zufälliges Finden besagter Gegenstände der Schlag trifft. Aber dass das lächerlich ist, geht selbst in meinen vom Vakuum regierten Verstand. So wie viele sagen.

Ich wende mich ab, laufe ziellos durch die kleine Wohnung, direkt am Stadtrand Magdeburgs. Ich bin froh nicht mitten in der Innenstadt zu wohnen. Die einzigen Momente die ich außerhalb meines Zimmers verbringe sind die im Wald direkt hinter der Wohnsiedlung.

Das Wohnzimmer ist alles andere als aufgeräumt. Auf der Couch liegen Chipskrümel, Bierflaschen stehen auf dem Tisch. Nun ja, mein Bruder ist eben auch erst 26. Vielleicht kommt die häusliche Reinheit ja noch mit reiferem Alter.

Auf dem Holzregal an der weitlaufenden Fensterfront steht der Fernseher, mit einer kleinen Zeitschriftenbox. Auto- und Sportmagazine stapeln sich zuhauf da drin. Aber ganz obenauf liegt eine Cosmopolitan. Die hat er für mich gekauft.

Er versucht es mir, seit ich aus dem betreuten Heim hier eingezogen bin, wirklich so einfach wie möglich zu machen. Und ich weiß ganz genau wie schwer es für ihn ist. Wie schwer es für jeden ist, der mit mir auskommen muss.

Ich schlurfe vorbei am Eingang zu seinem Schlafzimmer. Nicht gerade groß. Aber gemütlich. Auch mein Zimmer, sein ehemaliges Arbeitszimmer, ist ganz ansprechend eingerichtet. Das Bett in der Ecke unter dem großen Fenster ist bequem, auch wenn ich darin keine Nacht durchschlafe. Der Schreibtisch ist groß und auch der Schrank und die kleine Couch passen gut in das Zimmer.

Nur die Tapete stört mich. Sie ist so farbenfroh. So lebendig.

Sie passt nicht zu mir.

Ich wende mich seufzend ab und laufe an die Garderobe, ziehe meine Jacke an.

Ich hab wirklich keinen Bock in die Schule zu gehen. Und ich könnte theoretisch hier bleiben. Mein Bruder ist auf Arbeit und meine Lehrer würden mittlerweile, glaube ich, nur müde lächeln wenn ich mal wieder nicht zum Unterricht erscheinen würde.
Zumindest gehe ich davon aus.

Sie haben mich schon nach zwei Monaten aufgegeben. Eigentlich traurig wenn man bedenkt, dass sich diese Männer und Frauen Pädagogen nennen.

Aber will ich das? Will ich schon wieder aufgeben? Weil ich mich der Welt da draußen nicht stellen kann? Ihr und all den Gehässigkeiten die sie mit sich bringt?
Will ich einen weiteren Tag damit verbringen grundlos vor mich hin zu leben?

Eigentlich nicht. Ich war früher niemand der sich wegen irgendwas versteckt hat. Ich habe nie aufgegeben, habe mit meinem unglaublichen Sturschädel und meiner eisernen Zielstrebigkeit alles erreicht was ich wollte.

Das war aber auch bevor man mich gebrochen hat.

Heute bin ich 16 Jahre alt und ein Luftzug reicht aus, um mich umzunieten wie einen morschen Baum, der von einer neumodischen Kettensäge durchtrennt wird.

Dabei ist das ganze doch schon über vier Jahre her, verdammt.

Ich schließe mechanisch ungewollt meine Augen, mein morbider Verstand lässt die bitteren Bilder vor mir aufflackern.

Wieder und wieder und wieder…

Die Geräusche sind immer zuerst da.
Das noch immer unter der Belastung berstende Metall der Kühlerhaube, das Zischen des Kühlwassers.
Und dann kommen die Farben. Die visuellen Bewegungen, der Film…die Erinnerung.

Rot.

Ich sehe das Blut in ihrem Gesicht, wie es wirr und dennoch zielstrebig, von der Schwerkraft gelenkt, auf ihre blütenweiße Bluse tropft. Sehe die Knochen die unnatürlich aus ihrem Unterarm hervortreten und auf mich den Eindruck machen, gebrochen zu sein wie ein dünner Ast in einem Orkan.
Und auch den riesigen Metallsplitter, der tief in ihrem Brustkorb steckt, erspare ich mir nicht, sondern betrachte in selbstzerstörerischer Ruhe wie meine Mutter unkontrolliert nach Luft schnappt, verzweifelt gegen den Tod ankämpft.

Sie sagt meinen Namen, will sich zu mir umdrehen, aber dazu ist sie nicht mehr in der Lage. Ihre Atemzüge sind umsonst.
Sie stirbt mit der quälenden Ungewissheit, ob ich lebe oder nicht.

Ich kann nicht mehr tun als schreiend auf dem Rücksitz an ihrer Schulter zu rütteln. Ich ignoriere meine eigenen Verletzungen, ignoriere den Lärm der durch die gesplitterten Fenster an mich heran dringt.

Als der Fahrer des anderen Unfallwagens mich vom Rücksitz aus dem mittlerweile brennenden Auto zieht, fällt mein Blick auf den völlig unkenntlich gebrochenen Körper meines Vaters und ich kralle mich mit aller Macht an der verbogenen Tür fest.

Aber letztendlich werde ich fortgeschleift, von groben Händen, bleibe mehrere Meter entfernt irgendwo auf dem Asphalt der schmutzigen Autobahn liegen und dann kann ich nicht mehr tun, als zusehen wie sie vor meinen Augen von den Flammen erfasst werden.

Der Wagen explodiert, ich wache aus meinem alltäglichen persönlichen Alptraum auf und sinke im Flur der Wohnung meines Bruders zusammen.

Wäre ich doch nur mit ihnen gestorben.

* ° * ° *

Ich sitze im Bus, habe mich trotz meiner ekelhaften Reise in die Vergangenheit dazu gezwungen mich auf den Weg in die Hölle zu machen.
Langsam wird diese hässliche Stadt wach. Das Grau der Betonwohnklötze ist genauso abstoßend wie das Grau des noch jungen, kalten Herbstmorgens.

Aber es passt zu meiner Stimmung und meinem Wesen. Also was beschwere ich mich?

Alles was Hässlich ist passt zu mir. Mit schönen Dingen kann mein verkorkstes Hirn nichts anfangen. Da krieg ich einen Kurzschluss.

Darum kommt mir der Winter immer sehr gelegen. Sturm, Regen, Kälte…so ist die Welt definitiv am ertragbarsten für mich.

Im Bus um mich herum wird wild geplappert. Über das letzte Wochenende, die vielen witzigen Partys und Kinobesuche…

Es prallt an mir ab.

Es macht mich weder neidisch noch traurig. Es ist mir völlig egal.

Als wir vor der Schule ankommen, habe ich meine selbst schützende, steinharte Maske aufgelegt, werde zu der kühlen, stummen Eisprinzessin als die mich diese Schule in den letzten zwei Monaten kennen gelernt hat.
Ich muss es tun.

Sie reden über mich. Wann immer sie können. Manche hinter vorgehaltener Hand. Andere ganz offensichtlich.

Sie wundern sich über meine Schwäche, meine Macke, mein Problem.

Die eisige Stille.
Die eisige Stille, die mich umgibt und mit der ich tagtäglich kämpfen muss.
Die Stille, die Segen und Fluch in einem für mich ist.

Ich laufe mit eingezogenem Kopf über den Schulhof, versuche so schnell ich kann in mein Klassenzimmer zu kommen.
Im Großen und Ganzen denken die meisten hier ich bin eigentlich nur ne emotionslose Irre, mit gelegentlichem Hang zu schwarzer Kleidung.

Die wenigsten interessieren sich für mich. Weil ich unnahbar und zynisch wirke. Das ist mir recht. Ich habe keine Lust dazu auch nur den kleinsten Teil meiner verletzlichen Seite preis zu geben.

Keiner kennt mich. Bis auf einen.

Ich sehe ihn schon von weitem lässig gegen die Mauer vor der Schule lehnen. In seiner Bomberjacke, den Springerstiefeln. Dem kahl rasierten Schädel.
Ich fand ihn optisch immer schon abstoßend.
Er raucht eine Zigarette, unterhält sich mit ein paar der absolut widerlichen Vollidioten mit denen er Kontakt geknüpft hat, seit er vor einem Jahr hier her gekommen ist.

Heckmann.

Mein Alptraum. Ich weiß nicht, ob mir das Schicksal damit einfach nur brutal ins Gesicht schlagen wollte, oder ob es halt ein weiteres Beispiel für die Zynismuskonstante in meinem beschissenen Leben ist.

Tobias Heckmann war im selben Heim wie ich. Wir kannten uns gut, waren uns sogar für eine kurze Zeit nahe. So nahe wie man mir eben kommen kann, ehe ich die Krallen ausfahre.
Es war keine wirkliche Beziehung die ich mit ihm geführt habe. Es war eher eine Zweckgemeinschaft meinerseits. Er war groß, breitschultrig. Ich hab von anderen durch ihn nicht mehr aufs Maul gekriegt.

Aber er hat mich bald dafür verachtet, dass ich anders war. Dass er mich nicht anfassen konnte.

Er ist ein Jahr älter als ich. Das ab-16-Rehabilitierungsprogramm läuft bei ihm seit einem Jahr. Es hat nicht viel gebracht. Er ist immer noch ein brutales Arschloch.

Ich frage mich, wie lange er mein Geheimnis noch für sich behält. Wann er anfängt mich damit zu erpressen. Wann er mir damit droht, dass er meine Geschichte erzählen wird.

Wenn er auspackt, wird es sich zu schnell rum sprechen. Zu schnell werden alle erkennen, dass mehr hinter meiner Maske steckt als Arroganz und Zurückhaltung.

Bald werden sie alle wissen, womit mich der Himmel gestraft hat, als er meine Eltern zu sich geholt hat. Bald werde ich auch hier keine Ruhe mehr haben und werde mich immer und immer wieder beweisen müssen.

So war es im Heim, so war es auf der betreuten Schule und so wird es auch hier sein.

Ich laufe die Treppen zum Schulgebäude hoch, gehe den Blicken Heckmanns aus dem Weg.

Ich bin zum Glück nicht halb so dumm wie die meisten vermuten und darum fällt es mir nicht schwer trotz gelegentlicher Ausfälle da mit der Schule weiterzumachen, wo ich in der andern aufgehört habe.
Und auch wenn ich das hier hasse, die betreute Schule war noch schlimmer. Da hat man mir das Gefühl gegeben wirklich irre zu sein. Um mich herum waren nur Problemfälle. Kleinkriminelle, Schwererziehbare, psychisch Gestörte, Kranke…

Die Menschen die man eben nicht auf öffentlichen Schulen haben wollte. Und obwohl ich das Jugendamt dafür verfluche, dass ich allgemein wieder zur Schule gezwungen werde, bin ich froh, dass ich zu meinem Bruder durfte.

Bis zu meinem 16.ten Lebensjahr musste ich unter staatlich psychologischer Betreuung bleiben, dann durfte ich zu meinem zehn Jahre älteren Geschwisterteil. Sie hielten ihn davor, als einzig verbleibenden Verwandten, zu jung und unselbständig um für mich zu sorgen. Ich kann’s irgendwie verstehen. Er war damals 21 und auch wenn er nicht mehr zuhause gewohnt hat, war er vom Tod unserer Eltern annähernd so geschockt wie ich.

Er musste erst mal selbst wieder auf die Beine kommen ehe er sich um seine jüngere Schwester kümmern konnte.
Aber in den letzten Jahren ist bei mir definitiv mehr kaputt gemacht worden, als gerettet.

Die Unpersönlichkeit des Heims hat mir, trotz aller Bemühungen der Betreuer, fast das Genick gebrochen.

Zu Beginn der großen Sommerferien bin ich dann bei meinem Bruder eingezogen. Ich hab die Sommerzeit damit verbracht, meinen Bruder mit meiner Melancholie in den Wahnsinn zu treiben.
Er hat es so oft versucht. Mit mir zu reden, etwas aus mir raus zu kitzeln…
Nichts.

Ich kann es einfach nicht. Es ist wie es ist. Punkt. Ich komme auch gut ohne klar.

„Morgen, Psycho.“, sagt die Klassenbitch Saskia zu mir, als ich das Zimmer betrete und mich auf den Stuhl in der hintersten Ecke fallen lasse.
„Kriegen wir heute mal die Fresse auf, oder markierst du weiterhin das Schweigen der Lämmer?“

Ja, und da war es. Mein Schwäche.

Das Schweigen.

Ich spreche nicht. Seit vier Jahren hab ich nicht ein einziges Wort gesagt und ich kann daran verdammt noch mal nichts ändern. Es ist wie es ist, ich spreche nicht. Nie wieder.

Es ist mein Fluch, mein Segen.

Sie denken, weil ich nicht rede, bin ich verrückt. Denn es ist bekannt, dass ich nicht von Geburt an stumm bin, sondern einfach irgendwann damit aufgehört habe. Ich weiß nicht wie das durchgesickert ist. Ich könnte mir vorstellen, dass ich es einem meiner sensationsgeilen Lehrer zu verdanken habe. Oder Heckmann.
Aber ich bin froh, dass zumindest niemand den Grund kennt für mein Schweigen. Das hat die betreute Schule zum Glück unter Verschluss gehalten. Und Heckmann wusste es nie.

*Leck mich*, forme ich mit meinen Lippen und zeige ihr den Mittelfinger.

Sie starrt mich empört an, streckt mir durch ihre rot geschminkten Lippen die Zunge raus.

Gott, wie ich solche Tussis hasse.

* ° * ° *

Die ersten Stunden verlaufen ruhig. Ich konzentriere mich vollkommen auf den Stoff, lasse mich von Brecht und Schiller entführen in eine Welt die fast noch schmerzhafter ist als meine eigene.
Lyriker sind sonderbare Menschen. Fast so sonderbar wie ich.

Als es zur großen Pause läutet, stöhne ich imaginär genervt.

Ich hab keine Lust da raus zu gehen. Warum kann ich nicht einfach im Klassenzimmer sitzen bleiben und hier was lesen, oder was essen?
Warum muss ich irgendwo da draußen alleine mir die Beine in den Bauch stehen und warten bis wir wieder rein gelassen werden. Das ist doch dumm.

Aber natürlich kennt unser Lehrer auch heut kein Erbarmen und jagt mich raus.

Die Lehrkörper sind natürlich alle informiert über meine Schwäche. Ich werde nicht aufgerufen. Bei mir zählen zu 100 % die schriftlichen Leistungen. Und das kommt mir gelegen.

Jedenfalls stehe ich nun also abseits vom Schulhof, zünde mir hinter einer Mauer eine Kippe an und ziehe genüsslich dran.
Ich hab mit dem Rauchen vor zwei Jahren ihm Heim angefangen. Es lies sich da drin eigentlich gar nicht vermeiden.

Ich weiß, dass sie das hier auf der Schule nicht gerne sehen, aber was kümmert’s mich? Ab 16 darf ich das wann ich will und wo ich will.

Neben mir steht ein Grüppchen Jungs aus der Parallelklasse. Drum rum idiotische Weiber.
Sie sind mir nur zu gut bekannt.
Es lässt sich ja gar nicht vermeiden.

Bereits an meinem ersten Tag hier vor über zwei Monaten ist mir der Hype um die Typen nicht entgangen und ich hätte kotzen können, ausgerechnet auf eine Schule geschickt zu werden, der soviel Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Hier ist ständig alles voll von kreischenden, kleinen Mädchen mit feuchten Höschen und Reportern die ständig danach gieren, dass hinter den Schulmauern etwas Interessantes passiert.

Und was machen diese Kackaffen? Anstatt sich anständig dafür zu schämen, so einen Trubel ins Haus zu bringen, sind sie auch noch stolz und grinsen andauernd so dümmlich selbstverliebt, dass selbst meinem zurückhaltenden Wesen fast der Kragen platzt.

Ich hab nichts gegen die Band. Und ich hab auch nichts gegen dieses Lied mit dem sie so erfolgreich sind.

Aber ich hab was gegen die Zwillinge.

Zwei Monate kenne ich sie jetzt. Und in diesen zwei Monaten erfahre ich mehr über sie als ich jemals wissen wollte, weil sich einfach alles hier um sie dreht. Man kann ihnen nicht entkommen und das macht mich wahnsinnig.

Ich hasse ihre rebellische, selbstsichere Art. Verachte ihre Gabe Menschen manipulieren zu können und ihre lodernde Leidenschaft mit der sie alles machen.

Sie sind das was ich einmal war. Das was ich nie wieder sein werde. Sie leben jede Sekunde ihrer kümmerlichen, hirnlosen Existenz so intensiv, dass mir mein ohnehin schon sinnloses Dasein vorkommt, wie leer gesaugt.

Und das bringt mich dazu alleine bei dem Wort „Zwillinge“ die Haare zu stellen wie ein Pitbull.

Gut, das und natürlich weil sie arrogante, niveaulose Flachwichser sind, die meinen die Welt mit einem dummen Song und Charme kaufen zu können.

Ich werfe ihnen durch den Rauch meiner Kippe einen verstohlenen Blick zu, bereits als ich sehe, wie megacool dieser alberne Bob-Marley-Verschnitt mit seinem Lippenpiercing rumspielt, krieg ich fast Krätze und wende den Blick wieder ab.

Mit dem bin ich mal zusammengerasselt. Gleich zu Beginn, als mich noch niemand kannte. Ich noch nicht mal wusste, dass Heckmann auf der Schule ist.
Er hat mich angebaggert. So plump und so dämlich, dass ich ihn einfach, natürlich wortlos, stehen lassen habe.
Ich wusste da schon wer er war, aber nur weil er in den Kinderzimmern von Zehnjährigen hängt, mach ich noch lange keinen Kniefall vor dem.

Ich könnte mir vorstellen, dass er mir das übel nimmt. Bei so einem Ego ist ne Abfuhr immer ganz kritisch.

Aber er bekommt ja ausreichend und jederzeit Trost angeboten. Aktuell von meiner geliebten Feindin. Saskia versucht ihn mit billigen Flirtversuchen einzulullen, aber es wirkt nicht sonderlich, wenn ich das richtig sehe.
Und das obwohl sie ihr Top bis zum Bauchnabel runter gezogen hat und ihm ihre zusammengepressten Möpse fast ins Gesicht springen.
Ja, aber mir unterstellt man immer, ich hätte einen an der Klatsche. Gerade mal 10 Grad oder so und das Aldiflittchen ist angezogen wie für den Sommerurlaub auf den Bahamas.

Ruhig bleiben…ruhig bleiben…

Stöhnend fällt mein Blick auf seinen Zwilling.

Noch so ein Freak. Nicht ganz so prollig und checkerhaft, aber mir kann keiner erzählen, dass der nur mit Wasser kocht. Ein einziger Blick von dem spricht Bände.
Der hats so was von faustdick hinter den Ohren, dass ich das Gefühl habe, er lässt hinter verschlossener Tür seinen Bruder aussehen wie einen Amateur.

Alles was er macht ist berechnend und hat einen gut durchdachten Sinn. Einen Zweck.

Auch wenn er mit den schwarz gefärbten Haaren, den schwarz geschminkten Augen, den Piercings und der zerrissenen Kleidung das Image eines durchgeknallten Rebellen lebt, wirkt er unschuldiger.
Seine Züge sind sanft, manchmal wirkt er fast so melancholisch wie ich zu meinen besten Zeiten.

Aber ich lasse mich davon nicht täuschen. Die Gabe die ich in den letzten Jahren des Schweigens erlernt habe, ist den Worten keine allzu große Bedeutung mehr zuzumessen, sondern mehr auf andere Dinge zu achten. Und er spricht mit seinen Augen, seiner Mimik, seiner Haltung.

Faustdick. Hundert Pro.

Ich mag ihn mehr als den anderen, aber er ist mir dennoch so sympathisch wie Schimmel im Marmeladenglas.

Es klingelt, ich trete die Kippe unter meinem Schuh aus, laufe auf die Türen zu. Ebenso tun es die Zwillinge und ihr gackernder Hirnlosverein. Gerade als ich energisch die Tür auftreten will, kommt mir der Wolf im Schafspelz zuvor und hält sie mir auf, lächelt mich süffisant an, als ich unter seinem Arm durch den Rahmen trete.

Wie groß ist der eigentlich? 1.80?
Und warum hat mir der durch und durch gehende Blick gerade eigentlich eine mentale Ohrfeige verpasst? Ich war kurz davor hinzufallen, weil ich so geschockt von seiner Handlung war.

Der soll mir bloß von der Pelle bleiben. Wenn der meint, den Korb seines Bruders rächen zu können, ist er aber so was von an der falschen Adresse, dass es nur so scheppert.

Ich trete instinktiv die Flucht in mein Klassenzimmer an und setze mich auf den Stuhl, ziehe meinen Block hervor und fange an darauf rumzukritzeln.

Als Saskia kurz vor Beginn der neuen Stunde fröstelnd den Raum betritt, wirft sie mir einen noch giftigeren Blick als sonst zu.

Ich lache amüsiert vor mich hin, streiche mir meinen pechschwarzen Pony aus der Stirn.

Ich kann es mir nicht verkneifen und kritzle etwas mit dickem Edding auf das leere Papier, das vor mir liegt.

*Hat das Schlampenoutfit bei den Twins nicht funktioniert?*

Ich halte ihr den Block hin.

Es ist meine einzige Möglichkeit mit der ich mich hin und wieder doch verständige. Meine einzige Möglichkeit auch mal einen Konter zu fahren, auch wenn es lästig lächerlich wirkt.

Sie fängt an zu zischen wie ein Dampfkochtopf über offenem Feuer und hetzt zu mir rüber, bleibt direkt vor mir stehen.

„Du bist ein Krüppel. Ein seelischer, völlig verrückter, bemitleidenswerter Krüppel und dein gesamtes Auftreten ist so erbärmlich, dass man dir eigentlich den Gnadenschuss geben sollte. Oder willst du das nicht einfach selbst erledigen?“, fragt sie gehässig und grinst mich mit diesem schneeweißen, perfekten Lächeln an.
„Tu der Welt doch den Gefallen.“

Sie wirft sich eine der honigblonden Locken über die Schulter, stemmt die Hände in die Hüften.

Und jetzt hat sie die Trümpfe in der Hand. Ich kann so schnell nichts antworten. Ich kann nicht wieder einen schriftlichen Konter hinknallen, ohne dass es nicht schlagfertig genug wirkt.

Sie hat mich mal wieder in Grund und Boden gestampft, in nur wenigen Sekunden.

Meine Schläfen fangen an zu pochen und ich verkrampfe, der Lehrer rettet mich davor eine ernsthafte Prügelei mit ihr anzufangen.

Sie setzt sich, mit einem letzten vernichtenden Blick in meine Richtung, und ich sacke in meinem Stuhl zusammen, überdenke ihre Worte.

Ich bin ein Krüppel. Ein seelischer Krüppel. Ja, richtig. Ich bin verrückt. Sonst würde ich ja wie jeder normale Mensch sprechen und nicht seit vier Jahren schweigen wie ein Grab.
Mehr als nur einmal habe ich über Selbstmord nachgedacht und einmal hatte ich bereits die kleine Klinge in der Hand um das Vorhaben an meinen Pulsadern zu Ende zu bringen.

Aber, auch wenn ich verrückt bin, ich weiß, dass das keine Lösung ist.

Den restlichen Tag vermeide ich Blickkontakt zu allen Menschen. Der merkwürdige Absturz mit der Geisel aller Teenies und der Schlagabtausch mit der Queen of Bitches hat mich soviel Kraft gekostet, dass ich mich zuerst wieder in mein kleines Kartenhaus zurückziehen muss, um mich zu wappnen für erneute Katastrophen.

Als dann spät am Abend mein Bruder nach Hause kommt, ist er nicht alleine. Es ist aber nicht wie ich schon erwartet habe eine neue Freundin, sondern zu meinem Entsetzen etwas viel Schlimmeres.
Mein alter Betreuer aus dem Heim.

Der, der mich wieder und wieder mittels brutalsten Methoden zum Sprechen bringen wollte. Auch durch seelische Grausamkeiten.

Mein Bruder sagt, er ist hier um zu überprüfen ob ich in Umständen lebe, die es mir versichern normal aufzuwachsen. Ich habe panische Angst, als er die Wohnung inspiziert und mit meinem Bruder redet.
Ich will nicht zurück ins Heim.

Ich kann nicht behaupten, dass mir das Leben hier kleine Engel aus dem Hintern flattern lässt, aber wenn ich auch nur für eine Woche ins Heim zurück muss, überlege ich mir die Sache mit den Pulsadern vielleicht doch noch mal.

Und das meine ich verdammt ernst.

Dann kommt er auf mich zu, weist mich an mich zu setzen. Ich gehorche. Ihm hab ich immer gehorcht. Ich weiß nicht ob es an der Kälte in seinen Augen liegt, oder an der Brutalität in seiner Stimme.

Er stellt mir ein paar Fragen die beantworte.
Verunsichert und steif. In mich gekehrt. Verschlossen.
Ich weiche seinem Blick aus, falle in gewohnte Verhaltensmuster.

Nach nur kurzer Zeit verlässt der Kerl die Wohnung wieder, ich atme auf, als mein Bruder sich zu mit setzt.

Er sieht mich an, mit seinen traurigen Augen, schenkt mir Blicke die so voller Sorge und Unverständnis sind. Er kann es einfach nicht begreifen, warum ich nicht spreche.
Natürlich leidet er auch unter dem Tod unserer Eltern. Natürlich nimmt es ihn genauso mit, dass wir ansonsten keine Verwandten mehr haben und uns alleine durchschlagen müssen…aber ich war 12 als es passiert ist.

Ich wurde 4 Jahre lang von einem Nervendoktor zum nächsten geschoben.
Ich werde auch heute noch von allen behandelt als wären Mitleid und Hohn die einzigen Mittel um mit mir zu kommunizieren.

Ich habe meine Eltern verbrennen sehen. Nicht er.

„Wir schaffen das, Kleines.“, sagt er und der Tag fordert seinen Tribut.

Ich zittere. Er startet jetzt doch noch einmal den Versuch, mich in den Arm zu nehmen, aber ich zucke zurück.

Ich kann keine Berührung zu lassen, kann keine Nähe ertragen. Nichts soll mir wichtig sein, nichts soll zu mir durchdringen.
Niemand.

Noch nicht mal mein eigener Bruder.

* ° * ° *

In der Nacht werde ich wieder von Alpträumen wach gehalten und dementsprechend beschissen sehe ich aus, als ich am nächsten Morgen in den Spiegel sehe.

Meine langen Strähnen hängen wirr über meine Schultern, meine smaragdgrünen Augen haben einen matten Glanz.

Ich erschrecke vor der Leere die der Spiegel zurück wirft. Was wenn ich irgendwann einfach aufhöre zu existieren?

Ich schüttle den Kopf, ziehe mich aus und steige unter die Dusche.

Bald bin ich wieder vorm Tor zur Hölle, passiere die lästigen Reporter, die darauf warten ihre kleinkindischen Volldeppen vor die Linse zu bekommen und schlurfe kraftlos die Treppen nach oben auf die großen Türen der Schule zu. Fast angekommen, bleibe ich kurz stehen. Ich hab wieder so was von keinen Bock darauf da rein zu gehen.

„Sieh an.“, höre ich plötzlich hinter mir eine tiefe Stimme und ich drehe mich geschockt um.

Ich kenne diese Stimme nur zu gut. Schließlich mag ich sein Lied.

Vor mir steht, genau eine Treppenstufe unter meiner, der jüngere Zwilling des Idioten-Duos und starrt mir fies lächelnd ins Gesicht.
Wir sind auf derselben Augenhöhe und stehen so dicht beieinander, dass ich nach hinten stolpere und aus panischem Selbstschutz die letzte Stufe nach oben hüpfe.

Ich starre ihn an, mit tausend Fragezeichen im Gesicht und sein Grinsen wird breiter.

Ja, lach du nur. Deine blöde, selbstherrliche Art, wirft selbst mich als absoluten Anti-Groupie aus der Bahn.

Blödes Arschloch.

„Wartest du darauf, dass ich dir wieder die Tür aufhalte?“, spricht er mit Deutschlands neuster Lieblingsstimme weiter und leuchtet mit seinen Augen tief in meinen Kopf.

Tief in meine Seele.

Er kramt in mir wie in einer überfüllten Kiste und versucht sich all das raus zu nehmen, was für ihn von Interesse ist.
Und es macht mir ein hässliches Gefühl in der Magengegend, dass er tatsächlich zu einem bestimmten Punkt in der Lage ist, hinter die Fassade zu blicken.

Er schafft in wenigen Sekunden etwas, was vorher so gut wie keinem gelungen ist.

Ich bin völlig irritiert und verunsichert.

Ich wende mich von ihm ab, stürme auf die Tür zu. Ich stoße sie auf und verschwinde in den Hallen der Schule, lasse ihn damit genauso dämlich glotzend zurück wie schon seinen Bruder.

Kann mich dieser genetisch-identische Deppenverein bitte mal in Ruhe lassen?

* ° * ° *

Boah, mich lässt das nicht mehr los. Was will der von mir? Da vermeide ich Kontakt erfolgreich fast zwei Monate lang vollkommen und plötzlich pralle ich schon zum zweiten Mal binnen kürzester Zeit mit einem von denen zusammen? Was soll das denn? Ich hab genug Probleme. Ich will mich nicht auch noch mit dem Gedanken befassen müssen, wie ich mir die Zwillinge vom Hals halte.

Saskia taktiert mich mit blöden Sprüchen. Zwei Jungs aus der letzten Reihe machen mit.

Sie haben sich hier eigene böse Spitznamen für mich überlegt. Sie nennen mich „die Kaputte“, oder „stummes Elend“. Nur um mal die Harmlosesten zu nennen.

Viele aus der Klasse ignorieren mich einfach. Als ich neu dazu kam, waren sie interessiert. Bemüht heraus zu kriegen, warum ich nicht sprach. Aber bald hat das Interesse nach gelassen. Ich wurde für die einen durch mein Schweigen unsichtbar.
In den anderen hat es Hass geschürt. Warum auch immer.

Vielleicht weil ich anders bin.

Irgendwie ist es mir heute echt zuviel. Nach der dritten Stunde beschließe ich den Rest des Tages zu schwänzen.

Ich schleiche mich während der großen Pause ungesehen aus dem Schulgebäude. Offizielles Schwänzen wird sicherlich auch in meinem Ausnahmezustand nicht geduldet, ich muss also vorsichtig sein.

„Wo soll’s denn hin gehen?“, reißt mich plötzlich wieder diese verdammte Stimme aus meinem Bitte-nicht-erwischen-Mantra und wäre ich jetzt noch Herr meiner eigenen, hätte ich laut aufgeschrieen.

So langsam macht mich der Typ echt sauer. Was hat der vor? Will er mich mittels Promi-Stalking-andersrum in den Wahnsinn treiben? Mich mit seiner bloßen Anwesenheit dazu bringen, dass ich mich vor einen Bus werfe?

Hau ab, Mann! Lass mich in Ruhe!

Er kommt lässig auf mich zugelaufen, streicht sich die rabenschwarzen Strähnen, die tief in seine Augen hängen, aus dem Gesicht.

„Du wirst doch nicht etwa schwänzen wollen?“, flüstert er mittlerweile kehlig vor sich hin und da er dicht genug bei mir steht, erkenne ich sogar den neckischen Unterton, der in seiner Stimme steckt.

Ich starre ihn schwer atmend direkt an und zeige ihm damit blöderweise meine komplette Unsicherheit, in die er mich gerade noch mehr reinreitet als schon zuvor.

Er wartet auf eine Antwort.
Und Gott, wie gerne würde ich ihm jetzt ins Gesicht sagen, dass er sich doch bitte einfach verpissen soll.

„Hallo?“ fragt er dann und wedelt mit seiner Hand vor meinen Augen rum.
„Kannst du mal was sagen? Ich hab’s zwar mit Monologen, aber trotzdem bin ich eher so an Antworten interessiert wenn ich jemandem eine Frage stelle.“

Ach nee…hätt ich jetzt gar nicht gedacht.

Penner! Ich geh jetzt, dann kannst du mit meinem Hinterteil reden.

Und damit drehe ich mich um und will weglaufen, aber er begeht einen großen Fehler.
Er lässt meine erneute Abfuhr nicht auf sich sitzen und packt mich Arm, hält mich zurück und dreht mich zu sich.

Mir knallt die Sicherung durch.

Ich schlage seine Hand so brutal weg, dass er nach hinten stolpert und mich völlig entsetzt ansieht. In seinem Blick liegt soviel Unsicherheit, dass ich für den Millibruchteil der Sekunde diesen Moment so sehr genieße wie schon lange keinen mehr.

Dann fängt er sich aber und starrt mich böse an.

„Ey, was geht denn mit dir? Bist du noch ganz dicht? Ich will doch nur mit dir reden.“

Mann, du Arsch, raffst du nicht, dass genau da das Problem liegt?

Verzweiflung kocht in mir hoch, ich fühle mich ihm hilflos ausgeliefert. Ich weiß nicht warum, aber er löst etwas in mir aus, das mich dazu bringt mich noch mehr zu hassen als ich es ohnehin schon tue. Warum verdammt noch mal, kann ich ihm jetzt nicht einfach irgendwas Gehässiges um die Ohren knallen? Warum muss ich zitternd vor ihm stehen und von seinem Blick und der Aussage „nicht ganz dicht“ zu sein, so verletzt werden, dass ich kurz davor bin loszuheulen?

„Jetzt sag doch verdammt noch mal endlich was.“, brüllt er mich mittlerweile fast an und ich habe das Gefühl, er kennt mein Problem nicht.

Seine Unsicherheit klingt echt. Genauso wie der mittlerweile fast flehend, verzweifelte Unterton in seiner Stimme.

Kann es sein, dass er es wirklich nicht weiß?

Mittlerweile muss ich hart gegen die Tränen kämpfen, weil mir sein emotionaler Ausbruch Gänsehaut auf den Körper treibt.
Er ist so unglaublich energiegeladen und in allem was er zu machen scheint sofort so hemmungslos energisch, dass mir das Feuer und die Lebendigkeit in seinen Augen fast die Seele zerreißt. Gott, ich war auch mal so…

Mein Blick muss ihn abschrecken, er weicht von mir zurück. Plötzlich wirkt er nicht einfach nur unsicher, sondern geschockt.

„Du kannst nicht sprechen.“, stellt er dann ernüchternd fest und ich spüre wir mir Tränenflüssigkeit die Sicht durch meine Augen vernebelt.

Die Worte die er soeben gesagt hat, brechen mir endgültig das Genick.

Ich kann nicht sprechen. Richtig. Seit über vier verdammten Jahren schon.

Ich drehe mich ruckartig um und laufe weg, renne über die Straße und so lange der Nase nach, bis ich die Grenzen der letzten Stadtläufer verlasse und mitten in den dunklen Wald renne der mir in den letzten drei Monaten schon so viel Schutz geboten hat.

Der Wald ist mein Geheimnis.
Niemand weiß wie viel Zeit ich wirklich hier verbringe. Mein Bruder ist ohnehin meistens unterwegs und andere Menschen interessiert es nicht.

Ich kann kaum noch atmen, mein Herz schlägt wie verrückt und von der Anstrengung wird mir schwindelig, aber ich kann nicht aufhören zu rennen.
Zielstrebig finden meine Beine einen verwachsenen Weg durchs Unterholz, ein Ast knallt gegen meine Hand und ich spüre einen kurzen Schmerz.

Es stört mich nicht, hält mich nicht auf.

Erst als ich das Ziel erreicht habe, komme ich zum stehen, stemme die Hände in die Hüften und atme tief ein und aus, versuche den Schmerz in meinen Lungen und das Seitenstechen zu verdrängen.

Die massiven Bäume schirmen die Lichtung perfekt ab. Sie wachsen weit in die Mitte, das herbstfarbene Blättermeer, lässt selbst von oben nicht erkennen, was sich hier verbirgt. Ich bin ja schließlich auch nur durch Zufall hier gelandet.

Beruhigt lasse ich meine Augen über das morsche Holz, das verwitterte Dach fallen, und auch wenn es lächerlich ist, es ist mehr zuhause für mich, als die Wohnung meines Bruders.

Die Hütte ist klein. Maximal 4 auf 4 Meter groß. Der kleine Schuppe daneben komplett vermodert und verfallen.
Die wenigen Fenster sind alle vernagelt, die Tür musste ich aufbrechen.

Ich gehe davon aus, dass sie früher, als sie noch nicht einsturzgefährdet war, Jägern als Zwischenlager gedient hat, aber den Spuren im Wald nach zu urteilen, kommt hier außer mir seit Jahren keiner mehr her.

Es ist auch nicht unbedingt so, dass der Ort schön ist. Im Gegenteil, er ist unheimlich. Hässlich. Schmutzig.
Es riecht nach Morast und Torf, das knorrige Krachen der Bäume hat mir mehr als nur einmal ein komisches Gefühl in der Magengegend verschafft, wenn ich mal bis spät in die Nacht hier war.

Aber es ist die Art Umgebung in der ich mich am wohlsten fühle.

Meine Atmung hat sich wieder beruhigt, ich laufe langsam auf die Hütte zu, schiebe die Bretter beiseite die ich fein säuberlich immer wieder dagegen stelle, ehe ich gehe.
Als ich die Tür mühsam aufschiebe, knarrt sie so jämmerlich, dass ich zusammenzucke und stocksteif stehen bleibe.

Der Wind streicht durch die Äste der Bäume, das Geräusch jagt mir Gänsehaut auf den Körper.

Ich betrete den Verschlag mit einem letzten unsichern Blick in den Wald, dann lasse ich die Tür wieder hinter mir ins Schloss fallen.

Wenige der Ritzen lassen Tageslicht hereindringen in mein hässliches Reich, ich laufe zielstrebig in fast völliger Dunkelheit in die Mitte des stickigen Raumes hinein, lasse mich auf den Boden sinken und greife nach einem länglichen kleinen Gegenstand.
Dann ziehe ich ein Feuerzeug aus meiner Tasche und mache es an, entzünde die Kerze die ich in meiner Hand halte.

Langsam nährt sich die Flamme an der verbrauchten Luft und sie wächst, erhellt jetzt jeden Winkel. Ich betrachte mit einem friedlichen Lächeln, den Holztisch in der rechten hinteren Ecke und laufe darauf zu, entzünde nach und nach die darauf stehenden Kerzen. Es wird heller. Mehr und mehr.

Es ist nicht viel zurückgeblieben als mein Vormieter das Feld geräumt hat. Aber ich brauche auch nichts.

Eine der hinteren Ecken, habe ich mir nach eigenem Willen gestaltet und da liegen Decken. Einige, weil ich einmal so erbärmlich gefroren habe, dass ich fast den kompletten Vorrat aus dem Keller meines Bruders still klamm und heimlich entwendet habe.

Er weiß nichts von hier. Er kennt diesen Ort nicht. Niemand kennt diesen Ort und ich gedenke es dabei zu belassen.

Ich laufe mit zwei Kerzen in meine Ecke, setze mich auf den weichen Untergrund, der aus plus minus fünf Decken besteht. Dann lehne ich mich mit dem Rücken gegen die Wand und erlaube mir runter zu kommen.

Runter vom Alptraum des Schweigens. Runter vom Alptraum des Verrückt seins.

Meine Augen schließen sich. Ungewollt sammeln sich Tränen, die nach kurzer Zeit dem Gesetz der Schwerkraft folgen und über meine Wangen rollen.

Ich kann nicht sprechen.

Gott, warum nicht. Warum…warum…warum verdammt noch mal, spreche ich nicht? Es ist doch schon so lange her.

Es wird spät bis ich nach Hause gehe.

Aber die Hässlichkeit des Ortes kittet die Wunde.
Die Maske sitzt wieder.

* ° * ° *

Der nächste Tag hält eine ungemein interessante Showeinlage für mich bereit.

Die Zwillinge streiten sich.
Und das ist, weiß Gott, hier offensichtlich eine absolute Seltenheit. Denn nicht nur ich, sondern auch ein großer Rest der Schule beobachtet neugierig das hitzige Gespräch zwischen den beiden, wobei der ältere dabei zu versuchen scheint, seinen jüngeren Bruder zu etwas zu überreden, wogegen er sich strikt weigert.

Ich stehe hinter einer Säule, sie können nicht sehen, wie ich neugierig die Öhrchen strecke und mir am liebsten noch einen Trichter reinstecken würde, nur um heraus zu kriegen, worüber die reden. Nicht dass mich die Blödmänner seit neustem interessieren oder so, nee, ich finde einfach nur, dass es nur gerecht ist, wenn so perfekte Möchtegerngötter wie die beiden sich mal ordinär in den Haaren liegen.

Gut, ein kleines bisschen interessiert es mich vielleicht. Aber nur ein kleines bisschen.

Aber ich bekomme nicht mehr viel mit. Nur dass der Jüngere offensichtlich letztendlich doch noch knurrend zustimmt.

Bei was auch immer.

Als ich meinen Blick von den Zwillingen abwende, entdecke ich in einer Ecke Heckmann. Er beobachtet die beiden ebenso wie ich. Mit dem gehässigsten Grinsen auf den Lippen, dass ich je an ihm gesehen habe.
Er hasst die Zwillinge. Wie die Pest. Das kommt mir nicht ungelegen. Solange sich sein Hass auf die beiden projiziert, lässt er mich in Ruhe.

Aber es wundert mich schon, dass er in letzter Zeit erstaunlich viel Interesse an ihnen zeigt.

Ich kenne Heckmann. Ich weiß, dass da was dahinter steckt.

Ich lasse den Rest der Schule mal wieder emotionslos an mir vorüber ziehen. Die Sticheleien und Spekulationen über die Gründe die mich zum Schweigen getrieben haben, ignoriere ich.
Auch wenn es manchmal schwer fällt zu hören, dass man vergewaltigt worden ist und darum nicht mehr alle Steine auf der Schleuder hat.

Manchmal ist es mir wirklich ein Rätsel wie manche Menschen Tag ein Tag aus mit der Gülle leben können, die aus ihrem Mund schwappt.

Ich beschließe auch heute nach Hause zu laufen. Ich hab auf den überfüllten Bus keinen Bock und sowieso finde ich es angenehm meinem vernebelten Kopf ein bisschen Luft zu machen.

Als ich am Parkplatz der Schule vorbei laufe, sehe ich den brandneuen Daimler-Van der da frech auf einem Lehrerparkplatz parkt und mein Hass-Duo ist gerade am einsteigen.
Ich erkenne, dass auch ihre Bandkollegen mit im Wagen sitzen, offenbar geht’s jetzt zu irgendnem megawichtigen Pressetermin oder so.

Ah, Pff…das nervt mittlerweile ganz schön. Man kann einfach keinen Sender einschalten ohne auf sie zu treffen. Keine Zeitung aufschlagen, ohne ein Bild von ihnen zu sehen.

Achselzuckend und angepisst will ich mich zum weiterlaufen abwenden, als ich plötzlich schwere Schritte hinter mir höre. Und zwar vom Van aus kommend. Ich kann mir denken was das bedeutet, auch wenn ich es nicht verstehe.

Eigentlich will ich mich gar nicht umdrehen, sondern mich in bester Army-Manier unkontrolliert in die Büsche schlagen, um ihn auf meiner heftigen Flucht ja abschütteln zu können, aber ich fürchte, damit mache ich mich erstens komplett lächerlich und zweitens wäre es diesem Nena-Verschnitt durchaus zuzutrauen, dass er mir durch den Busch hinterher hechtet.

Wobei…anscheinend soll er ja eine ausgemachte Püppi sein. Der böse Busch könnte ihm ja die Frisur ruinieren…wobei ich mich ja wirklich frage, was es da zu ruinieren geben sollte.

Er kommt direkt vor mir zum stehen, steckt seine Hände tief in die Taschen seiner mehr als zerrissenen Jeans.
Er spielt mit dem Piercing in seinem Mund und ich kann nachvollziehen, warum das so viele von den Gören nervös macht. Mich lässt es auch nicht unbedingt kalt.
Aber, und das kann ich sicher sagen, ich glaube bei ihm ist es auch ein Zeichen von Nervosität.

Ich starre ihm direkt ins Gesicht, er holt Luft.

„Sorry. Das mit gestern.“
Woah…solche Worte kennt der?
„Ich wusste das nicht…also ich …ich wollte dir echt nicht zu nahe treten. Ich kenn dich ja gar nicht.“

Ich lege meinen Kopf schief und mustere jeden seiner Gesichtszüge viel zu intensiv. Er fährt sich unsicher mit einer Hand durch die pechschwarzen Haare an seinem Hinterkopf, schart mit den dunkelblauen Turnschuhen an seinen Füßen auf dem Asphalt.

Ich forme mit meinen Lippen ein stummes *Schon okay* und er erlaubt sich ein scheues Lächeln.

Und bitte, auf der Stelle soll mich der Blitz treffen, ich finde das süß.
Ich mag das schelmische Blitzen in seinen Augen, mag wie er mit der Kugel in seinem Mund spielt und ich bewundere seine gesamte Mimik, die Teil seiner manipulativen Gabe ist.
Ich finde die schwarzen Haare, wenn auch wild und ungeordnet, gar nicht mal unansprechend und auch diverse andere Kleinigkeiten, auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte, würden mich, wäre ich normal, tierisch ansprechen.

Das Gesamtobjekt, und damit sein Körper, verpackt in dieser rebellischen Kleidung, machen ihn zusätzlich auch noch irgendwie extrem sexy.

So…da ich das nicht ausgesprochen habe, sondern gedacht, sehe ich mich nachher nicht nur gezwungen mir den Mund imaginär mit Seife auszuwaschen, sondern mir auch Flüssigreiniger durch die Ohren ins Hirn zu kippen.

Wie kann man nur solche Gedanken haben, Mann?

Das ist ein arroganter, eingebildeter Vollproll, der mir mehr als nur einmal auf dem Schulhof den Eindruck vermittelt hat, der Überzeugung zu sein, jede haben zu können und ich werde jetzt doch wohl bitte nicht auf seine billigen Tricks reinfallen.

Total dämlich stehen wir jetzt also da und starren aneinander vorbei. Er holt tief Luft, setzt an, lässt es dann wieder sein.
Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man ihm direkt abnehmen, dass er die Sache mit der Flirterei noch nicht so ganz souverän wie sein machohafter Bruder beherrscht.

„Hör mal, ich bin was so Dinge wie das hier betrifft echt ne Vollniete und wenn ich mich nicht noch länger vor dir zum Hampelmann machen will, drück ich dir jetzt einfach mal einen Zettel mit meiner Telefonnummer in die Hand und sage dir, dass es toll wäre, wenn du mich mal anrufen würdest.“

Damit streckt er mir einen Zettel entgegen und sieht mich mit erwartungsvoll an. Ich hab das Gefühl jetzt haben ihn alle guten Geister verlassen.
Auch wenn das Ganze, das wohl mit Abstand Dümmste und Lächerlichste ist, was ich seit langem gehört habe, fange ich an völlig befreit megafett zu grinsen, als ich auf die Nummer und seinen hektisch drauf gekritzelten Namen starre.

Entweder ist er bei weitem nicht so intelligent wie er auf mich wirkt, oder ihn bringt die ganze Sache so durcheinander, dass er vergessen hat wie überaus komisch ein Telefonat mit mir werden würde.

Oder aber, dritte Möglichkeit, das war berechnende Absicht. Um mich in das Stadium zu bringen in dem ich mich gerade befinde.
Ich lächle ihn an. Frei, offen, belustigt.
Drehe verlegen den Zettel in meinen Händen hin und her und finde es plötzlich gar nicht mehr so daneben, könnte ich, ihn tatsächlich anzurufen.

Und wie war das noch. Berechnung ist sein Spiel. Seine Gabe. Die List und die Tücke mit der er nahezu alles kriegt was er will…gut, den hemmungslosen Charme mal außen vor gelassen.

Sagt man so von ihm eben.

„Oh…“, sagt er dann und schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. Ich kann nicht erkennen ob echt oder gespielt.
„…Mann, bin ich blöd.“
Und damit nimmt er mir den Zettel, schwer darauf bedacht mich nicht zu berühren, wieder aus der Hand und fischt aus seiner Jackentasche einen dunkelblauen Kuli.
„Ich glaube mit der E-Mail Adresse kommen wir weiter, wenn wir nicht zu SMS-Junkies werden wollen.“, sagt er dann und drückt das Papier gegen die hohe Mauer, kritzelt darauf rum.

Soviel also zu nicht berechnend. Jaja, ich hab auch immer zufällig einen Kugelschreiber in der Jackentasche.

Damit streckt er mir den Zettel wieder entgegen und als er sich mit einer Handbewegung die Strähnen aus der Stirn streicht, werden plötzlich meine Knie weich.
Ich weiß nicht warum, aber jetzt gesellt sich Kribbeln zu den weichen Knien, als ich ihm den Zettel aus der Hand nehme, er sich mit einem letzten Lächeln zu mir umdreht und zurück zum Van läuft, einsteigt.
Es dauert nicht lange und das Auto fährt los.

Ich zwinge mich dazu wegzusehen, weil ich nicht will, dass er sieht wie abgrundtief mich diese „Konversation“ gerade geschockt hat.

Ich lehne mich mit dem Rücken gegen die Mauer des Schulgebäudes, schnappe erst mal nach Luft. Ich versuche mir einzureden, dass das Herzklopfen nichts mit ihm an sich, sondern mit meiner Panik vor dem Sprechen zu tun hat und ich schließe meine Augen, gebe mir innerlich einige Sekunden um wirklich runter zu kommen.

Ich versteh die Welt nicht mehr. Das ist das erste Mal.

Das allererste Mal, dass jemand von meiner Schwäche wusste und daraus keinen Umstand gemacht hat. Er hat mich nicht gefragt warum ich nicht spreche, hat mich nicht bemitleidet oder bedauert, sondern ist normal, nun ja für unsere Verhältnisse normal, mit mir umgegangen.

Bislang hab ich meistens nur schlecht Erfahrungen mit Jungs gemacht die wussten, dass ich nicht spreche.
Aber na ja, ich kann es ihnen ja auch irgendwie nicht so ganz verübeln. Eine Stimme ist ein großer Teil der Persönlichkeit. Ein Mittel um Gefühle auszudrücken.
Keine Gegenstimme zu haben, immer in Monologen zu leben, hat die meisten Jungs die mir aus dem Heim gefallen haben, abgeschreckt.
Und die denen es nichts ausgemacht hat, wollten eher hinter meiner beknackte Psyche steigen, als mich so zu akzeptieren wie ich bin. Andauernd will mich jeder zum Sprechen bringen. Jeder versucht es. Jeder, auch mein Bruder.
Und das macht mich so krank. Ich will doch einfach nur das sein was ich bin. Ich will doch einfach nur mein Leben meistern und nicht bei jedem zweitem Schritt auf die Fresse knallen.
Auch ohne Stimme.

Ich starre auf seinen Namen.

Ich weiß natürlich wie er heißt. Ich weiß auch wie sein Bruder heißt. Es ist ja nicht so, dass man sich dagegen wehren könnte ihre Namen zu erfahren. Und merken kann man sie sich zwangsläufig auch, weil es so ziemlich die kürzesten Namen sind, die ich kenne.

Bill und Tom Kaulitz.

Da bitte. Ich weiß natürlich auch den elenden Nachnamen.

Ich stöhne tonlos und setzte mich wieder in Bewegung, lasse den Zettel in meiner Hosentasche verschwinden, auch wenn mir mein Verstand sagt, es wäre ratsam, das Mistding elegant in den nächsten Mülleimer zu ballern.

Wem will ich denn was vormachen? Wir reden hier von Bill Kaulitz.
Warum sollte er an mir Interesse haben? Und viel wichtiger…warum sollte er an mir Interesse haben, nachdem er weiß, dass ich nicht spreche und offensichtlich irre bin?

* ° * ° *

Mein Bruder sieht mich an wie ein Auto. Er ist nach gestern immer noch ein wenig verstimmt auf mich zu sprechen. Er hasst es, wenn ich solange einfach weg bin und ihm nicht sage wo ich bin.
Ich glaube er hat immer Angst dass ich mir was antue.

„Natürlich kannst du meinen Laptop haben, aber seit wann interessierst du dich denn fürs Internet?“, fragt er mich und ich zucke mit den Schultern, nehme ihm schuldig lächelnd den aufklappbaren Rechner aus der Hand.
Ich bin kein neumodisch verklemmtes Kind. Ich bin es aus der Schule gewöhnt mit dem Zeug umgehen zu können, aber prinzipiell halte ich nicht so viel davon. Die Scheinwelt hinter den Nullen und Einsen ängstigt mich.

Als ich mich jetzt aber via wireless Lan in das Netzwerk meines Bruders einlogge und mein E-Mail-Account öffne, kommt mir das Internet so interessant vor, wie ewig nicht.

Ich weiß eigentlich nicht so recht, warum ich ihm schreibe. Ich hab auf dem Heimweg ein Machtwort mit mir selbst gesprochen, das mich mehr als nur fern halten wird von dummen Gedanken, jeglicher Art in seine Richtung.
Aber ich will wissen, warum er das tut. Warum er Kontakt zu mir aufbaut.

Ich bin mir sicher, dass Bill Kaulitz nichts macht ohne einen wirklichen Grund zu haben, und dass er einfach nur scharf drauf ist mich kennen zu lernen, klingt für mich irgendwie nicht unbedingt plausibel.

*Was willst du eigentlich von mir?*, schreibe ich demnach also die mehr oder minder freundliche E-Mail an die Adresse die auf dem verknitterten Zettel steht.

Ich starre ihn nun schon fast zwei Stunden lang am Stück an.

Allerdings nicht etwa weil seine krakelige Schrift irgendwie süß ist, sondern weil ich immer noch an den Gedanken dahinter rumgrüble.

Aha,…ja.

Es dauert fast eine Stunde bis ich Antwort zurückbekomme, aber Angesichts meiner doch recht rüde klingenden Mail ist das noch recht fix.
Kann man den eigentlich gar nicht vergraulen?

*Ich will dich eigentlich einfach nur kennen lernen, aber dass das so ein Drahtseilakt werden würde, war mir nicht klar.*

Aha, da war sie also endlich. Die erste Beleidigung. Mir war das ja fast schon unheimlich.

*Wenn du hirnlose Bumswauwaus willst, suchst du besser in den Reihen deiner Groupies.“

Oh mein Gott, hab ich gerade wirklich Bumswauwau geschrieben? Bin ich eigentlich noch zu retten? Selbst wenn ich bislang in seinem Ansehen noch nicht irre war, jetzt bin ich es. Und zwar tutto kompletto.

*Mann, bist du mir gegenüber negativ eingestellt. Kannst du mir mal erklären woran das liegt?*

Irgendwie behagt mir der Gedanke nicht, dass diese Emailerei langsam zu einer waschechten Chatterei wird. Das wird so schnell so persönlich…

*Weiß nicht. Du bist halt so’n Checker. Wie dein Bruder. Nur weil ihr jetzt so erfolgreich seid, liegt euch noch lange nicht gleich jeder zu Füßen.*

*Na Gott sei Dank. Das wär ja mal derb langweilig.*

Ich grinse dümmlich vor mich hin, wie ich soeben erschreckend feststelle. Irgendwie macht es mir tierisch Spaß mit ihm zu schreiben. Weil ich immer wieder neugierig bin auf seine Reaktion.

Ich bin noch am überlegen was ich ihm schreiben könnte, als mein Posteingang schon wieder eine neue Nachricht für mich bereithält.

*Hast du Lust uns morgen Abend auf nen Gig zu begleiten?*

Ich schüttle irritiert den Kopf. Was bitte? Wohin? Was will ich denn da? Ich werd doch denen ihren Höhenflug nicht auch noch unterstützen.

*Ne.*

*Warum nicht? Es sind auch einige andere echt geile Bands da.*

Er gibt einfach nicht auf.

*Interessiert mich nicht.*

*Schade.*

Ich presse die Luft aus meinen Lungen. Verdammt noch mal, jetzt tut es mir fast Leid, dass ich so abweisend reagiere.
Aber ich verstehe es einfach nicht. Ich kann der ganzen Sache keinen Sinn abgewinnen. Warum zum Teufel tut er das?

Aus reiner morbider Neugier entspringt ein Gedanke.

Warum tut er das? Ich will es herausfinden. Ich weiß, dass es nicht daran liegen kann, dass er mich mag. Dazu bin ich erstens sicherlich alles andere als sein sonstiges Beuteschema und zweitens viel zu abweisend zu ihm.

Was also ist es dann?

*Frag mich morgen noch mal.*, reize ich wirklich die Grenzen einer jeden Belastbarkeit aus und warte gespannt auf seine Antwort.

Wie weit geht er? Lässt er sich wirklich darauf ein?

*Okay, mach ich. Bis morgen dann also. Ich muss jetzt zur Probe.*

Und damit sitze ich mit fassungslosem Kopfschütteln vor dem Rechner. Da ist was faul. Ich bin ja noch nicht ganz bescheuert.

* ° * ° *


Den nächsten Morgen erleide ich unter quälender Nervosität. Es lässt mich alles andere als kalt, ständig damit rechnen zu müssen, dass er vor meiner Nase auftaucht.

Die Nervosität verwandelt sich aber schließlich in schiere Panik, als er nach der zweiten Stunde völlig ohne Vorwarnung in mein Klassenzimmer geschlappt kommt und sich direkt neben mich in den leeren Stuhl fallen lässt.

Sofort starren uns alle an, es wird mucksmäuschenstill. Plötzlich bin ich für meine Mitschüler zurück aus dem Niemandsland, erhoben auf den Sockel der Aufmerksamkeit. Bill Kaulitz kommt zu mir.

Das ist die Sensation des Jahres.

„Und?“, fragt er und schenkt mir eines seiner gefürchteten Lächeln.
„Hast du es dir überlegt?“

Ich versuche das Hämmern hinter meinen Schläfen zu ignorieren und starre ihm direkt ins Gesicht. Betrachte das unendlich tiefe Braun seiner Augen, die vollen Lippen, die sanften Züge…

Ich kann sie verstehen. Ich kann sie wirklich verstehen.
Aber mehr als Verständnis gestatte ich mir nicht.

Ich nicke.

„Also kommst du mit?“

Wieder ein Nicken.

Er fängt an zu grinsen, als hätte er einen Sechser plus Zusatzzahl im Lotto getippt und steht dann auch schon wieder auf, steckt die Hände tief in die Taschen seiner Jeans.

„Super. Ich schreib dir wann und wo.“

Und mit einem letzten mehr als nur durch Mark und Bein gehenden Blick, wendet er sich dann von mir ab und verlässt das Klassenzimmer wieder.
Um mich herum entweicht einigen der Mädels ein Seufzen, welches ich nur mit rollenden Augen beantworte.

Mein eigenes Herzklopfen versuche ich eiskalt beiseite zu wischen.

Was mir nicht vollständig gelingt.

Der Geräuschpegel schwillt wieder an, es wird heftig getuschelt und ich höre mehr als nur einmal meinen Namen in Verbindung mit seinem fallen.
Er hätte das hier nicht etwa wieder draußen ohne Publikum machen können, oder? Nein, es musste hier drinnen sein, vor all den lästergeilen Leuten, die sich ohnehin schon wie Geier auf jeden Skandal stürzen.

Wie kann ich nur zulassen, dass er so an meiner negativen Meinung rumsägt? Ich hasse ihn, ich hasse seinen dämlichen Bruder. Sie sind mir einfach zu oberflächlich, zu selbstverliebt.

Warum gebe ich jetzt also einem der beiden die Chance dazu, das schützende Bild zu brechen?

Ich weiß es nicht.

* ° * ° *

Als ich an diesem Nachmittag nach Hause komme, erwartet mich mein Bruder.
Ich wundere mich, dass er schon von der Arbeit zurück ist, normalerweise kommt er nie vor sechs Uhr abends heim.
Er grüßt mich traurig, bittet mich ihm ins Wohnzimmer zu folgen.

Ich hab ein ungutes Gefühl in der Magengegend, als ich mich neben ihn aufs Sofa setze.

„Dein Direktor hat mich heute angerufen.“, sagt er leise und sieht über all hin nur nicht zu mir.
„Er sagte, du hättest gestern wieder geschwänzt.“

Ich sauge scharf Luft in meine Lungen. Ups, ja, das könnte sein. Die Flucht in den Wald. Aber wie hat er das mitgekriegt? Ich hatte nur noch Geschichte und Erdkunde. Die beiden Lehrer machen nie Anwesenheitschecks.

„Warum? Ist irgendwas vorgefallen?“

Ich zucke mit den Schultern. Nicht mehr als sonst. Bis mir Bill Kaulitz vor die Nase gelaufen ist und mich mit drei Sätzen in ein Wrack verwandelt hat.

„Es wird schwierig werden, wenn du nicht regelmäßig in die Schule gehst.“, spricht er dann weiter und ich presse die Luft aus meinen Lungen, lasse mich nach hinten ins Sofa fallen.

So oft schwänze ich doch gar nicht. Vielleicht ein-, zweimal pro Woche. Also bitte.

„Sie haben sich mit deiner alten Schule in Verbindung gesetzt. Der Betreuer der vor zwei Tagen hier war, hat jetzt über dich einen nicht wirklich positiven Bericht geschrieben, der es mir unglaublich schwer machen wird, das Sorgerecht für dich behalten zu dürfen.“

Ich reiße geschockt die Augen auf. Das ist jetzt nicht sein ernst.

„Du musst wieder psychologisch betreut werden.“, sagt er traurig, weil er weiß, wie schlimm das für mich ist.
„Wenn du dich nicht zusammen reißt, werden sie dich wieder ins Heim und zurück auf die betreute Schule schicken.“

Ich spüre wie in mir drin alles von einer bitterkalten Eisdecke überzogen wird. Jeder Muskel in meinem Körper gefriert, mein Gesicht wird zu eine steinharten Maske.

„Du musst zu einem Psychologen in der Stadt. Deine Anwesenheit wird da in Zukunft genauso kontrolliert werden wie in der Schule. Du musst zwei mal pro Woche hin. Heute Abend ist deine erste Sitzung.“

Er ist kurz davor los zu weinen. Gott, ich bin so eine Belastung für ihn. Vielleicht wäre es wirklich das Beste, wenn ich zurück ins Heim gehe. Was hab ich gegen all die verrückten Leute da? Schließlich passe ich perfekt zu ihnen.

Ich senke den Kopf, starre auf meine Hände.

„Es tut mir Leid.“, sagt mein Bruder und ich nicke, stehe auf. Verschwinde in meinem Zimmer, unter der Decke.

Versuche die Angst und den Hass zu unterdrücken. Versuche gegen den Schmerz anzukämpfen, aber ich kann es nicht.

Mir fehlt die Kraft dazu.

* ° * ° *

Das gleichmäßige Brummen des Motors kommt mir so seelig Vertrauen erweckend vor, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Es beruhigt mich.

Aber ich weiß, dass ich es nur noch wenige Sekunden hören werde. Ich muss aussteigen und in dieses subtil, neutrale Gebäude. Muss zehn Stockwerke nach oben in die Hölle fahren und in mir kramen lassen.

Mein Bruder klammert sich neben mir am Lenkrad des Wagens fest. Seine Knöchel treten weiß schimmernd durch seine blasse Haut, sein Blick geht stur geradeaus auf die Straße und die leuchtenden Lichter der Stadt.

„Ich werde dich in zwei Stunden wieder abholen.“, sagt er dann und ich nicke, verstehe seinen Ton als endgültige Aufforderung den Wagen zu verlassen. Ich hätte auch mit dem Bus hier her kommen können, aber er wollte sicher sein, dass ich auch wirklich hin gehe.

Seine Stimme klingt verzweifelt. Er ist mit mir völlig überfordert. Nicht nur finanziell, da die Therapiestunden zu 50 % von ihm bezahlt werden müssen, sondern in erster Linie mental. Er kann damit nicht umgehen.
Er kann mich nicht verstehen, auch wenn er es wirklich versucht.

Ich steige also aus und er fährt davon, mit Tränen in den Augen und quietschenden Reifen. Vielleicht wünscht er sich tief in seinem Inneren ja, dass sie mich wieder wegholen. Dass sie mich wieder zurück in die Mauern zerren, hinter denen Wahnsinnige den Wahnsinn erleben. Vielleicht soll es so sein. Vielleicht muss ich für irgendwas bestraft werden.

Ich sehe dem Wagen noch wenige Momente nach, dann laufe ich auf den Betonklotz zu, der vor mir weit in den nachtschwarzen Himmel ragt. Ich ziehe den Mantel enger um meinen Körper, betrete die Türen und laufe zu den Aufzügen.

Steige in einen davon, drücke auf den Knopf der sich neben der kleinen Plakette „Dipl.-Psychologe Heinz-Harald Krenz“ befindet und warte.

Ich beobachte wie die digitalen Zahlen der Anzeige sich verändern. Bei 10 zur Ruhe kommen.

Dann öffnen sich die Türen wieder und ich stehe in einem eiskalten Flur, an dessen Wänden geradezu groteske, wirre Bilder hängen. Alles ist aus schwerem, dunklem Eichenholz.

Ich fühle mich sofort unwohl und frage mich, wie jemand der von sich selbst behauptet die Psyche von labilen Menschen zu verstehen, einen solchen niederschmetternden Empfang für sein Klientel erschaffen kann.

Das hier schreit ja gerade zu nach Depression und Trauer.

Vielleicht ist das ja Absicht.

Ich setze träge einen Fuß vor den anderen, laufe auf die schwere Tür am anderen Ende des Flurs zu und atme ein letztes Mal tief ein, ehe ich die Klinke nach unten drücke und den dahinter liegenden Raum betrete.

Es ist ein Vorzimmer.

Direkt vor meinen Augen steht ein Schreibtisch, dahinter sitzt ein Edelflittchen der Marke „Hirnlos aber Zweckdienlich“ und steht auf.

„Du wirst bereits erwartet.“, sagt sie unhöflich und kommt zu mir, weist mich an den Mantel auszuziehen.
Ich tue wie mir geheißen wird und sie nimmt ihn mir aus den Händen, hängt ihn an die kleine hölzerne Garderobe in der Ecke.

Dann deutet sie auf eine Tür rechts neben dem Schreibtisch und ich laufe darauf zu, versuche zu ignorieren wie sehr ich mich vor meinem neuen Peiniger fürchte.

Es mag hart klingen, denn eigentlich versucht der Mann mir nur zu helfen. Er versucht mich wieder normal zu machen. Mich wieder zum Sprechen zu bringen. So wie sie es alle versuchen.

Weil sie mit jemandem der schweigt, obwohl er es nicht muss, nicht umgehen können.

Ich trete durch die Tür, mir fällt sofort auf, dass das Zimmer im selben dunklen Stil gehalten ist, wie der Flur und das Vorzimmer. Ich erkenne eine riesige Fensterfront, hinter der man auf die nächtlichen Straßen der Stadt nieder blicken kann und den klotzig wirkenden Schreibtisch der direkt davor steht.

In einem noblen Stuhl sitzt ein graumelierter Mittfünfziger und kritzelt etwas auf irgendwelche Papiere die vor ihm liegen.

Er hebt noch nicht mal den Kopf um mich anzusehen und ich bin bereits jetzt so verschlossen wie man es nur sein kann.
Super, der wird mich sicherlich knacken. Na aber garantiert.

Ich bleibe stehen an der hinter mir verschlossenen Tür, warte bis er fertig geschrieben hat und er den Kopf hebt.

„Ah.“, sagt er dann und erhebt sich.
„Die junge Dame mit dem Sprechproblem. Bitte setz dich doch erst mal. Mein Name ist Dr. Krenz.“

Die junge Dame mit dem Sprechproblem?
Wo ist dem sein gottverdammtes, beschissenes Diplom? Ich muss das auf der Stelle in tausend kleine Stück reißen. Wie kann man so jemanden auf Mensch los lassen?

Widerwillig setze ich mich.

Ich denke zwar, dass er Ahnung hat von dem was er tut, und er vermittelt mir auch den Eindruck einer der angesehensten Psychologen in der Stadt zu sein, aber dass er eher zu denen gehört, die es mit der Holzhammermethode versuchen, macht ihn bei mir nicht gerade zu meinem neuen besten Freund.

„Ich habe mir erlaubt, alle deine Akten aus den staatlich betreuten Einrichtungen durch zu gehen und ich gehe fest davon aus, dass wir deine Blockade schon irgendwie lösen werden können und du bald wieder plappern wirst wie ein Wasserfall.“, sagt er mit seiner tiefen, rauen Stimme und lächelt mich kurz an.

Und wieder einer. Klar, was hab ich erwartet? Die Blockade lösen. Mich wieder zum sprechen bringen.

Warum nur können sie es nicht akzeptieren wie es ist?

„Ich möchte dir aber zuallererst eine Frage stellen, die du bitte mit einem Nicken oder einem Kopfschütteln beantwortest, okay?“

Ich nicke.

Ich habe früh gelernt, dass es mich nur Zeit und Energie kostet mich dumm zu stellen, wenn einer dieser Profi-Docs versucht zu mir durchzukommen.

„Hast du in der letzten Zeit irgendwann mal still für dich selbst gesprochen?“, fragt er und lehnt sich dicht zu mir, sieht mir intensiv und abschätzend in die Augen.

Ich kann mir ein sarkastisches Lachen nicht verkneifen. Er denkt, ich markiere. Er denkt ich schweige um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Schweige, weil mich Menschen damit bemitleiden, mit Samthandschuhen anfassen.

Er scheint nicht zu erahnen, was für Höllenqualen meine Schwäche mit sich bringt.

Ich schweige nicht um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich denke, ich schweige, um genau das zu verhindern, verdammt.

Nach wenigen Sekunden schüttle ich also den Kopf und sehe ihm gleichgültig in die Augen.

Er nickt. Erkennt, dass es die Wahrheit ist, die ich mit meinem Nicken andeute und er nicht einen gekonnten Schwindler entlarvt hat.

„Gut, dann werden wir versuchen in den folgenden Sitzungen ein bisschen tiefer in dich rein zu sehen.“, sagt er und ich komme mir vor wie ein alter Automotor der irgendwo einen Defekt hat und zur Reparatur in einer Werkstatt steht.

„Hier.“, sagt er und drückt mir eine kabellose Tastatur in die Hand.
„Ich möchte, dass du so auf meine Fragen antwortest. Ich kann alles was du eintippst hier auf meinem Bildschirm sehen.“

Er deutet damit auf den Flat, der rechts auf seinem Schreibtisch steht.

Wieder nicke ich und dann beginnt in den folgenden eineinhalb Stunden erneut der Terror für mich. Er versucht in mir zu kramen. Versucht meine Macke zu finden. Versucht den psychologischen Knacks zu finden, der mich zu dem macht was ich heute bin. Er dringt tief in den Sachverhalt des Unfalls ein, geht mit mir die Therapien der letzten Jahre durch.

Er lässt mich kalt. Emotionslos. Völlig unberührt.

Er wird nie zu mir durch kommen.

* ° * ° *

Als ich am nächsten Morgen meine Augen öffne, fühle ich mich wie gerädert. Ich hab wieder so gut wie nicht geschlafen.

Ich schäle mich zwischen den Decken hervor, bemerke missmutig, dass es mit jedem Tag kälter wird.

Aber das bedeutet auch, dass der Herbst langsam dem Winter weicht und das kann mir theoretisch nur recht sein. Kälte harmoniert so schön mit dem Gefühl in mir selbst. Aber es bedeutet auch, dass ich es nicht mehr so lange im Wald aushalten kann und das kotzt mich an.

Ich schleiche vor den Spiegel im kleinen Bad meines Bruders, sehe mir ins Gesicht.
Wieder sehe ich weniger Facetten, wieder kommt es mir so vor, als würden meine Gesichtszüge unwirklicher werden. Während ich meine langen, rabenschwarzen Haare zu einem Zopf binde und anfange meine Augen zu schminken, kommen die Erinnerungen.

Der gestrige Abend war eine reine Zeitverschwendung.

Er hat alte Wunden wieder aufgerissen, sonst nichts. Aber wenn ich nicht wieder ins Heim will, ertrage ich es besser einfach.

Ich habe mir vorgenommen, ein wenig offener zu meinem Bruder zu sein. Ich werde ein wenig mehr für ihn lächeln, werde versuchen es ihm einfacher zu machen.

Ich will nicht, dass er unter mir noch mehr leidet als er es ohnehin schon tut.

Er ist der Meinung, dass mir der Psychologe helfen kann. Er wirkt erleichtert. Warum sollte ich ihm das nehmen?

Bereits eine Stunde später sitze ich wieder in der Schule und verfolge die wirren Gedanken der Lyriker, versuche mich hineinzudenken in die Fantasie und die Emotionen die sie zu ihren Werken bewegt hat.

Es ist komplex und subtil in einem. Bewundernswert.

Es klingelt, ich schlage träge die Bücher zu. Wenn es nach mir ginge, würde ich jetzt schon wieder nach Hause gehen, aber wenn ich nach der zweiten Stunde erneut unerlaubt das Feld räume, werde ich Ärger kriegen. Und zwar dieses mal so richtig.

Darum also…was bleibt mir anders übrig?

„Hey.“, reißt mich die Stimme, die meinen Beinen seit Neustem ein wenig an Funktionalität raubt, aus meinem Gedankenhickhack und ich wende mich zum Eingang der Klassenzimmertür.

Himmelherrgott, seit wann stehe ich so auf ausgerissene Jeans und pechschwarz umrahmte Augen?

„Hatten wir gestern nicht ein Date?“, fragt er mit einem viel sagenden, frechen Grinsen und kommt auf mich zugelaufen.

Ich spüre wie mein Puls sofort ein wenig unkoordiniert ansteigt und trete mir dafür mental in den Arsch. Schluss damit, verdammt.

Ich bin froh, dass wir relativ allein im Klassenzimmer sind, weil viele nach der zweiten Stunde runter gehen um eine zu rauchen, aber trotzdem quält mich der Blick der wenigen die noch oben sind.
Ich will nicht, dass die denken, ich hätte mit dem ein Date. Wie war das noch…ich will keine Aufmerksamkeit. Ich glaube nicht, dass ich ohne Aufmerksamkeit bleiben werde, wenn dieser selbstverliebte Großkotz mit mir anbandelt.

Und überhaupt, wie kommt er auf die Idee, dass das ein Date hätte werden sollen? Geht’s noch?

Jedenfalls steht er jetzt direkt vor mir und berührt mit seinen Händen meinen Tisch. Ich sehe zu ihm hoch und auch wenn er soeben noch frech und spitzbübisch wirkte, kommt mir jetzt der Eindruck, dass er wirklich gekränkt ist, dass ich gestern nicht gekommen bin.

Ehrlich gekränkt. Nicht Stolz gekränkt.

Es ist mir unendlich peinlich das tun zu müssen, aber wenn ich nicht will, dass er für immer hier stehen bleibt und mich mit diesem niederschmetternden Hundeblick ansieht, muss ich wohl über meinen Schatten springen und mit ihm kommunizieren. Auf die einzige Weise die mir zur Verfügung steht.

Ich greife also nach dem Block direkt vor meiner Nase und kritzle etwas darauf, halte es ihm dann hin.

*Wenn das wirklich ein Date hätte werden sollen, dann bin ich ja froh, dass ich nicht gekommen bin.*

Er nimmt mir den Block aus der Hand und liest es, sieht mich dann mit einem Blick an, der mich mehr als nur wahnsinnig macht.

Neugier, Reiz, Angriffslust und Zielstrebigkeit.

Er kann alles mit einem einzigen Blick sagen. Er ist unglaublich.

Er schnappt sich den Stuhl neben mir, dreht ihn verkehrt herum und setzt sich drauf, nimmt mir mit einem provozierenden Lächeln den Stift aus der Hand und fängt an etwas unter meinen Satz zu schreiben.

Ja spinn ich jetzt? Will der sich jetzt echt so mit mir unterhalten? Ich meine, warum…niemand…jeder antwortet mir immer mit Worten. Jeder spricht mit mir. Er ist der erste, der sich einfach so, darauf einlässt bei einer direkten Konversation meinen Weg zu gehen.
Den stummen Weg.

Er hat keine Angst vor meinem Schweigen.

*Was wäre an einem Date mit mir so schlimm gewesen?*, hat er auf den Zettel gekritzelt und ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen.

Er schafft es tatsächlich mich anzustacheln, meinen Kampfgeist zu wecken.

*Alles?!*

Als er das liest, zucken seine Mundwinkel, seine Augen werden zu kleinen Schlitzen. Als er mir erneut den Stift aus der Hand nimmt und anfängt zu schreiben, betrachte ich viel zu eingehend sein wunderschönes Seitenprofil.

Argh! Stop. Hör auf damit.

*Du bist ganz schön frech.*

Ich fange an zu grinsen.

*Das sagst ausgerechnet du??? Dass ich nicht lache.*

*Ich bin nicht frech.*, kritzelt er auf den Block und ich beobachte ihn dabei wie er die letzten Buchstaben schreibt.
*Nicht zu dir.*

Und bei diesem Satz muss ich schlucken. Er hat recht. Er war mir gegenüber eigentlich wirklich nett in der letzten Zeit. Anders ausgedrückt, er war sogar ganz süß zu mir. Und er schafft es momentan wie kein zweiter mich aus meiner Starre zu holen.

Dass ich nun mal von Anfang an eine Schutzabneigung gegen ihn und seinen Bruder hatte, muss ich leider auf meine Angst vor impulsiven und offenen Menschen zurück schließen.
Und ihr machohaftes Verhalten natürlich.

Aber trotzdem, ich kann nicht gerade behaupten, dass er mir diese Woche unangenehm war. Sicher unangenehm auf die Art und Weise, dass er ein klitzekleines bisschen zu viel Macht auf mich haben könnte, aber im Prinzip hat mir seine Gegenwart ein lebendiges Gefühl vermittelt.

Und das war eine seltene und zugleich schöne Erfahrung für mich. Auch wenn sie mich ängstigt.

Sein Blick macht mich weich.

Ich greife wieder nach Block und Stift.

*Ich konnte kurzfristig leider doch nicht. Aber ich wäre gekommen.*

Er strahlt glücklich.

*Gut, dann brauchen wir einen neuen Termin für unser Nicht-Date. Kannst du Samstag?*

Ohoh. Ich weiß nicht so recht, ob es mir so sonderlich gut bekommen würde, wenn ich mich privat mit ihm treffe, um ehrlich zu sein. Aber ich hab ja gestern schon zugestimmt. Und schließlich will ich ja herausfinden, warum er die Nummer hier abzieht.

*Theoretisch ja.*

*Bei uns steigt da ne kleine Party und ich dachte wenn du Lust hast, kannst du ja mal vorbeischauen. Wir werden dann klar irgendwohin gehen wo es ruhiger ist und wir uns wieder chillig Zettelchen hin und her schieben können.*

Er lächelt mich hoffnungsvoll an. Die Lockerheit mit der er diese Zettelchen-Hin-und-her-Schieberei behandelt, beeindruckt mich.

Aber ich hasse Partys. Jedesmal wenn ich mich im Heim zu einer überreden ließ, hab ich es hinterher böse bereut.

Ich mache ihm mit einer Grimasse deutlich, dass das nicht so meine Welt ist. Und daraufhin setzt er einige seiner härtesten Waffen ein.
Ich seufze lautlos, lasse mich gefangen nehmen von seinem bettelnden, treuen Blick, den engelsgleichen Gesichtszügen und dem kindlich, vorgeschobenen Schmollmund.

Dass Mutter Natur es aber auch mit seinen optischen Qualitäten so verdammt gut meinen musste.

*Meinetwegen. Aber wenn ich keinen Bock mehr habe, verpiss ich mich.*

Er liest es und weg sind die süßen Attribute.
Werden in nur einer Sekunde ersetzt durch freches Blitzen in den Augen und ein süffisantes Grinsen auf den perfekten Lippen.

Berechnung. Manipulation. Das Spiel mit seiner Macht.

Er kriegt was er will.

Sperrt diesen elenden Satansbraten in den dunkelsten Keller und werft den Schlüssel in einen verdammt tiefen Brunnen.

Wir halten Blickkontakt und wieder übermannt mich diese mir so unbekannte Gänsehaut.
Das Kribbeln in meinem Magen wird von Sekunde zu Sekunde intensiver und ich bin gottfroh, als mein Lehrer mit seinem Erscheinen schlimmere körperliche Fehlfunktionen meinerseits verhindert.

Er verlässt den Raum und zurück bleibt der verkehrt dastehende Stuhl, Hitze und Prickeln in meinem Körper und eine Klasse voller Holzköpfe, die mich anstarren, als hätte ich einen Pickel der Größe von Texas auf der Nase.

* ° * ° *

Ich muss gestern vom Wahnsinn geritten worden sein. Wie konnte ich nur diesem Mist zustimmen?
Eine Party! Ich soll auf eine Party! Heute Abend! Klar.

Ich wälze mich träge in meinem Bett von der einen Seite zur anderen. Das Grau des winterlichen Tageslichtes flutet mein Zimmer, ich versuche mürrisch es durch ein Kissen über meinem Gesicht auszublenden.

Ich war gestern Abend natürlich zuhause und hab nicht mehr getan als die beiden E-Mails zu lesen, die er mir geschickt hat.

In der alten stand die Adresse des Clubs in dem sie vor zwei Tagen ihren Auftritt hatten und ich hätte hinkommen sollen.
In der neuen von gestern Abend steht seine Privatadresse. Hausnummer, Straße, Postleitzahl…

Loitsche.
Mit welcher S-Bahn ich da wohl fahren werden mu…

Argh! Nein! Ich geh da nicht hin. Ich geh da nicht hin. Was will ich denn da? Mich zum Deppen machen, wenn ich noch nicht mal durch die Türsprechanlage komme?
Nee, nicht mit mir. Ich geh da nicht hin.

Aber eigentlich würde ich gerne.

Nein!
Verdammt!

Ich erinnere mich an den einzelnen Satz den er unter seine Adresse geschrieben hat.

*Ich würde mich freuen, wenn du kommst.*

Oh verdammt, verdammt, verdammt…

Warum nur würde ich so gerne da hin gehen? Warum nur? Klar ist es, weil ich wissen will, warum er das hier alles macht, aber andererseits will ich da auch hin, weil ich ihn gerne sehen würde. Weil ich es um ehrlich zu sein richtig genieße, wenn wir für diese wenigen Augenblicke in Kontakt miteinander stehen.

Weil ein Teil seines Feuers und seiner Lebendigkeit auf mich übergeht.

Wäre es so falsch da hin zu gehen? Ich meine, ich kann ja einfach so tun, als wäre ich an den anderen einfach nicht interessiert und würde nur mit Bill reden, weil ich halt niemanden kenne und schüchtern bin.

Und trotzdem, allen Gefahren zum Trotz. Ich würde gerne gehen.

Aber kann ich es? Kann ich wirklich über den Stimmen stehen, die mich mit aller Macht davon abbringen wollen?

Nun ja, ich könnte ja zumindest mal aufstehen und mich duschen.

Ja, so verkehrt ist das nicht.

Gedacht, getan.

Ich strample die Decken von mir und schlurfe ins Bad, ziehe mir das T-Shirt über den Kopf.
Als ich mich unter die Dusche stelle und das warme Wasser meinen nackten Körper entlang perlt, kriege ich meinen Gedanken nicht von ihm los.

Als ich schließlich komplett nass und ohne mich abzutrocknen vorm großen Spiegel stehe, rutscht mir der verwerflichste Gedanke meiner bisherigen Existenz in den Kopf.

Ob ich ihm nackt wohl gefallen würde?

Aaaaaaaah! Gott! Was ist nur los mit mir? Hab ich was auf den Kopf gekriegt und kann mich nicht mehr daran erinnern? Wird bei mir irgendwie die Sauerstoffverbindung zum Hirn abgeklemmt?

Ich schnappe nach einem Handtuch, wickle es um mich und stopfe es oberhalb meiner Brüste zu einem Knoten zusammen.
Dann wickle ich die langen Haare in ein zweites Tuch, drehe mir einen Turban.

Schluss damit. Ein für alle mal, verdammt.

Und dann greifen meine Hände selbstständig zu meinen Schminksachen und ich fange an mich vorzubereiten.
Ich sehe schon, dass ist eine Entscheidung die die tote Zone meines Verstandes getroffen hat.

Ich mache mich tatsächlich fertig für die Party.

* ° * ° *

Es ist kurz vor 20 Uhr abends.

Ich stehe zitternd wie ein verängstigtes Kleinkind vor einem großen, ansprechenden Familienhaus in Loitsche.

Ich trage meine Lieblingsjeans, ein weißes Oberteil, darüber meinen langen schwarzen Mantel. Ich habe meine Haare zu einem Zopf am Hinterkopf gebunden, mein Pony hängt tief in meine Augen.

Mir geht die Düse eins zu zehntausend.

Und darum suche ich erst mal meine Schachtel Zigaretten aus der Tasche und zünde mir eine an, ziehe nach der Gier auf Beruhigung, daran wie ein Süchtiger.

Ich höre bereits laute Musik aus dem inneren des Hauses kommen und mir schwant, was die mit „kleiner“ Party meinen.
Mir wird mehr als nur komisch im Magen und ich laufe wie ein Tiger vorm Tor hin und her, spiele mit dem Gedanken mich sobald ich die Kippe zu Ende geraucht habe wieder vom Acker zu machen.

„Das wird dich irgendwann mal umbringen.“, reißt mich dann aber plötzlich meine verhasst-vergötterte Stimme aus dem Trauma in dem ich mich gerade befinde und ich entdecke ihn an einem der oberen Fenster, aus dem er sich weit heraus lehnt.
Mein Herz setzt aus, ich halte den toxischen Dampf der Zigarette in meinen Lungen gefangen.
„Warte, ich komm runter.“

Und damit verschwindet er, ich lasse aus Panik die Kippe aus der Hand fallen und spiele mit dem Gedanken davon zu laufen wie ein Hase auf der Flucht.

Fuck, Fuck, Fuck…was mach ich denn jetzt? Himmelherrgott, warum bin ich denn plötzlich so nervös?
Ich bin nur hier um herauszufinden, was er vorhat, warum er das hier alles mit mir macht. Ansonsten gibt es keinen Grund.

Also komm runter. Komm verdammt noch mal runter.

Ich hole tief Luft, schließe meine Augen kurz und lasse mich durch die Stille der Nacht beruhigen.
Dann öffnet sich auch schon die schwere Haustür und er kommt auf mich zugelaufen.

Das schlechte Licht, lässt mich nur seine Konturen erkennen, aber als er dann direkt hinterm Tor zum stehen kommt und es öffnet, funkeln mir seine Augen mehr als frech und begeistert entgegen.

„Schön, dass du echt gekommen bist.“, sagt er und hält das Tor auf, ich laufe in bekannter Manier unter seinem Arm durch, er verschließt es hinter mir.

Ungewollt komme ich ihm näher als ich es zuerst einkalkuliert hatte.

Und oh Gott, riecht der gut.

Argh! Mentale Ohrfeige! Mentale Ohrfeige!

Ich lasse ihn an mir vorbei und er betritt vor mir das Haus, aus dem mittlerweile mehr als nur ein paar Stimmen zu hören sind.
Bevor ich ihm über die Türschwelle folge, sende ich ein letztes Stoßgebet gen Himmel, dann betrete ich also die Höhle des Löwen.

Mir fällt bereits der Lärm aus einem der an den geräumigen Flur grenzenden Räume auf und ich entdecke Menschen die mit Pappbechern in den Händen Blödsinn auf einem Sofa machen.
Wild lachend und gackernd.
Auch auf den Treppen die in die oberen Etagen zu führen scheinen sitzen einige Leute die miteinander reden, mich aber dennoch kritisch unter die Lupe nehmen. Ich vermeide den Blickkontakt zu ihnen, weil ich nicht angesprochen werden will.

Aus einem anderen Raum kommt Mucke. Aktuell - Nirvana, Smells Like Teen Spirit.

Aha.

Sekundenlang stehe ich unschlüssig da, dann wendet Bill sich mir zu und deutet auf meinen Mantel.

„Möchtest du ihn ausziehen?“, fragt er und mit jedem Satz mehr den ich bewusst von ihm höre, macht mich seine Stimme nervöser.

Ich nicke und lasse den schweren Stoff von meinen Schultern rutschen, er nimmt ihn mir ab und hängt ihn an die völlig überfüllte Garderobe.

Der gemütliche Flur ist voll behängt mit Fotos und ich bleibe stehen vor einem megasüßen Bild der Zwillinge.
Sie sind vielleicht maximal 10. Sie stehen eng beieinander, haben sich die Arme über die Schultern gelegt und grinsen fast identisch in die Kamera. Beide mit erhobenem Mittelfinger.

Also die Mutter scheint mir ja ne recht liberale Ader zu haben. Aber wer seinen Kindern Piercings und Tattoos in jüngsten Jahren erlaubt, wird zweifellos mit dem schicken Mittelfinger kein Problem haben.

Bill tritt neben mich und fängt an zu lächeln.

„Tom und ich sind nicht immer einfach gewesen.“, sagt er und starrt auf dasselbe Bild wie ich.

An was liegt es nur, dass ich ihn plötzlich so unglaublich anziehend finde?

Vielleicht daran dass ich jetzt erst die Augen geöffnet habe.

„Mann, Alter, mit wem redest d…“, dringt dann plötzlich eine weitere bekannte Stimme an mein Ohr und wir drehen uns beide auf Kommando zum Eingang der Wohnzimmertür zu.

Cap, Baggy, XXL-Shirt.

Tom kommt auf uns zugelaufen. Mit einem so unnatürlich breiten Grinsen im Gesicht, dass ich mich wirklich frage, ob er gerade von einem seiner willig-billigen Groupies oral befriedigt wurde.

„Sieh an, sieh an, sieh an. Wen haben wir denn da?“
Er bleibt direkt vor mir stehen, mustert mich intensiv.
„Ich bin beeindruckt, Brüderchen. Hätt’ ich dir so schnell gar nicht zugetraut.“

Ich runzle irritiert die Stirn, sehe Bill fragend ins Gesicht.
Er sieht seinen Bruder ein klein wenig angepisst an. Hä? Kapier ich nicht. Was hat er ihm nicht zugetraut?

„Halt die Fresse, Tom.“, wettert Bill in der nächsten Sekunde bitterböse und Tom fängt an zu lachen, nimmt einen Schluck aus seinem Becher.

„Klar, du bist der Chef, Chef. Aber schön dran denken, das ist noch nich mal die Hälfte der Miete.“
Ich bin wieder damit beschäftigt, diese merkwürdige Zwillingssache zu verstehen, als Tom mich dann mit einem süßen Lächeln ansieht.
Nicht unattraktiv. Das muss ich ihm lassen.
Aber wie könnte er auch. Er ist das genetische Ebenbild von Bill.
„Ich wünsch dir noch einen schönen Abend.“, sagt er dann mit einem gehauchten Unterton in der Stimme zu mir und klopft seinem Bruder auf die Schultern, verschwindet wieder zurück ins Wohnzimmer.

Unsicher und ein klein wenig verwirrt sehe ich Bill erneut ins Gesicht und er wirkt verkrampft. Irgendwas ist da gerade auf dieser stillen Zwillingsebene kommuniziert worden, was ich nicht mitgekriegt hab.

Aber dann lockert er sich, schenkt mir ein Lächeln, das mir sofort den merkwürdigen Austausch von eben aus dem Hirn schmettert.

„Ich liebe meinen Bruder, aber manchmal kann er echt ein Arschloch sein. Ignorier ihn einfach, wenn er Kacke an dich ranquatscht.“
Ich muss wieder heftig vor mich hingrinsen und nicke.
„Okay, ich glaube am besten ist es, wenn wir runter in den Probenraum gehen. Da haben wir unsere Ruhe.“

Und damit läuft er los, direkt auf eine Tür am anderen Ende des Ganges zu.

Kurzfristig bleibe ich stehen, weil mich die gesamte Situation verunsichert. Ich bin im Haus der Zwillinge. Ich bin im direkten Kontakt mit Bill. Und Tom.
Und jetzt soll ich mit einem von denen auch noch in den Probenraum.

Kann man mir übel nehmen, dass ich gerade ein klein wenig Hirnpingpong mit mir selber spiele?

Er bleibt stehen, als er bemerkt, dass ich ihm nicht folge und sieht mich mit einem scheuen Blick an.

„Oder magst du doch lieber rein ins Wohnzimmer und die anderen kennen lernen?“
Er verwandelt die unsichere Mimik in ein neckisches Grinsen.
„Du musst nicht mit mir in den Keller, wenn du nicht willst.“

Ich rolle für ihn mehr als nur deutlich sichtbar mit den Augen und setze mich in Bewegung. Als ob ich vor dem Angst hätte.

Memo: Ja, hab ich. Nicht zu knapp sogar.

Fett grinsend hält er mir die Tür auf und dann laufen wir schlecht beleuchtete, knorrige Treppen nach unten in ein Kellergewölbe. Am unteren Ende der Treppenstufe, befindet sich ein kleiner Vorraum, hinter dem ich bereits durch eine Glasscheibe den Probenraum sehen kann. Er betätigt einige Lichtschalter, das Schlagzeug und ein paar Gitarren werden für mich sichtbar und dann betreten wir also durch eine letzte Tür ein wirklich mehr als nur gemütliches Zimmer.

Es ist ausgestattet mit 2 ausgeleierten Sofas, einem kleinen Tisch. Ganz vielen Zeitschriften, Comics und leeren Red Bull Dosen auf dem Boden. In einer Ecke steht ne kleine Musikanlage, an den Wänden hängen Poster von Stars.
Rap und HipHop auf der einen, Punk und Rock auf der anderen.
50 Cent, 2Pac und Eminem vs. Nirvana, Green Day und Metallica…Aha, und das wollen eineiige Zwillinge sein? Schon klar.
Der flauschige Teppich dürfte mal wieder gesaugt werden und auch aufräumen würde besonders dem völlig überladenen Couchtisch nicht schaden, aber alles in allem finde ich den Raum sehr ansprechend. Charismatisch. Es steckt viel von den Twins hier drin.

„Sorry, dass es hier aussieht wie Sau, aber ich kam nicht mehr zum aufräumen.“

Ich winke lächelnd ab.

Ich hätt mir ja in die Hosen gepisst vor Lachen, wenn Bill Kaulitz tatsächlich meinetwegen wo aufräumen würde. Mal schön mit den Arschbacken am Boden kleben bleiben.

Er schließt die Tür hinter uns und dann setzen wir uns auf die Sofas. Er auf das eine, ich auf das andere.
Ja ne, klar. Gar nicht verklemmt. Aber ich hab grad auch wieder dieses lähmende Kribbeln im Magen.

Ich bin hier mit ihm ganz alleine, verdammt noch mal.

„Guck…“, sagt er um die Situation aufzulockern und wühlt zwischen den Zeitschriften einen Block hervor.
„…ich bin vorbereitet.“

Und damit drückt er mir einen silberfarbenen Kugelschreiber in die Hand, schnappt nach einer Fernbedingung die er aus einer Ritze seines Sofas fischt und aktiviert leise die kleine Anlage die in der Ecke des Zimmers steht.

Green Day. American Idiot.

„Willst du was trinken?“, fragt er dann und sieht mich an.
Im schlechten Licht des Probenraums wirken seine mit Kajal schwarz umrandeten Augen noch dunkler und geheimnisvoller.
„Hier unten hab ich nur Red Bull, aber ich kann auch hoch gehen und dir was anderes holen…“

Ich schüttle den Kopf, deutet neben das Sofa auf die kleine Kiste mit dem Zuckergesöff und er versteht mich, lehnt sich über die Lehne nach unten und greift nach zwei Dosen.

Damit wendet er mir mehr als eindeutig seinen Arsch zu und ich komme nicht umhin, mehr als nur unanständig genau da hin zu glotzen.
Und als er sich sadistischerweise letztendlich noch ein wenig mehr streckt, rutscht ihm das schwarze Shirt weit über den Bund seiner Jeans und ich sehe viel zu viel nackte Haut von seinen Hüften und seinem Rücken.

Oh Himmel! Macht mich das an…

„Hier.“, sagt er dann und dreht sich wieder zu mir.

Meinetwegen hätte er für immer in der Kiste grabbeln können.

Ich nehme ihm die Dose aus der Hand und danke stumm, versuche mich jetzt wieder runterzuholen.
Ich habe mir mit diesem Abend vielleicht doch selbst ein Schnippchen geschlagen.

Ich finde ihn deutlich attraktiver als ich mir heute Mittag zuhause noch eingestanden habe und jetzt hier mit ihm alleine zu sein, löst ein ungünstiges Kribbeln nach dem andern in mir aus.

Und dabei habe ich mir wirklich Regeln gesetzt.
Böse, ernst gemeinte Regeln.
Ich werde auf seine Tricks nicht reinfallen. Werde aufhören dumme Gedanken zu haben und ich werde ihn nicht an mich heran lassen. Egal wie unaufhaltsam er auf eben jene Tatsache zumarschiert.

Er wird sich genauso die Zähne ausbeißen wie alle andern zuvor. Warum sollte es bei ihm anders sein als bei den anderen?

Weil er anders ist – schmettert mein irritierter Verstand den mühevollen Versuch in Grund und Boden, aber ich ignoriere es.

Er macht sich die Dose auf, nimmt einen kräftigen Schluck davon und dann rutscht er weit nach hinten ins Sofa, zieht die Füße an und hockt jetzt im Schneidersitz da.
Ich tue es ihm gleich, entspanne mich ein wenig.

„Gut, dann lass uns mal loslegen.“, sagt er mit einem Lächeln und fängt an auf seinen Block einzukritzeln.

Ich strahle ihn peinlich glückselig an.
Wie er so vor mir sitzt und seine süße Klappe meinetwegen verschließt, sich darauf einlässt den hässlichen, stummen Weg zu gehen, den ich gezwungen bin zu gehen.

Manchmal ist es vielleicht falsch, sich vor manchen Dingen zu verschließen. Aber er hat mir solche Angst gemacht. Er macht es mir immer noch. Weil er so lebendig ist, so impulsiv. Weil er soviel Macht über mich hat.

Er reicht mir den Block und greift wieder nach seiner Dose.

*Ich will jetzt alles wissen. Adresse, Name, Geburtsdatum, Hobbys, Leichen im Keller…so den Kram halt.*

Das Lächeln in meinem Gesicht frisst sich fest und es kommt mir so vor, als hätte ich in den letzten vier Tagen so viel wie in den gesamten letzten vier Jahren gelächelt.

Pflichtgetreu antworte ich auf seine Fragen. Er hat eine schöne Schrift. Geschwungen, mit wenigen harten Kanten und Ecken. Ungewöhnlich schön für eine Jungenschrift. Und gut lesbar.

*…und du?*, endet mein Steckbrief dann also und ich bekomme damit seinen Retour.

Ich werde locker, lasse mich darauf ein.

Lasse mich auf ihn ein.

Und ich rechne fast damit, dass er so schnell nicht wieder hoch ins Wohnzimmer zu seinen Partygästen gehen wird.

* ° * ° *

Ich sehe auf die Uhr, es ist kurz vor 12. Zumindest sagt mir das die kleine Uhr die an der Wand hängt. Wir haben beide diverse Schreibkrämpfe, verbunden mit anfolgenden Lachattacken hinter uns, aber es macht mir unglaublich viel Spaß mit ihm zu „reden“.

Mindestens 40 Seiten, beidseitig bekritzelt liegen vor und neben uns auf Boden und Sofa.

Ich weiß mittlerweile viel von ihm.
Ich weiß was er mag, was er nicht mag. Wer seine Idole sind, wie es für ihn war, plötzlich berühmt zu sein. Was er hasst und wie man ihn am besten auf die Palme bringen kann. Wir haben uns über die Schule und Tom unterhalten, haben im selben Atemzug meinen Bruder angesprochen und auch vor Nachrichten und Politik haben wir nicht halt gemacht.

Er schreibt mit unglaublich viel Zynismus uns Witz, erstaunlich fehlerfrei und selbst nach einer Million Plus Wörter noch immer sauber.

Auch wenn wir beide, wie schon gesagt in regelmäßigen Abständen die Handgelenke schütteln.

Es ist das längste „Gespräch“ das ich so führe. Den anderen ist immer vorher die Lust vergangen. Ich hätte nie gedacht, dass er so viel Ausdauer haben würde.

Wir liegen mittlerweile beide der Länge nach, Kopf an Kopf auf den beiden Sofas, müssen uns nur über die Ecke den sichtbar abgespeckten Block zureichen. Immer mal wieder höre ich ein Lachen von ihm, wenn er meine Antwort witzig findet, oder mal wieder maßlos darüber empört ist. Mir soll keiner denken, ich würde ihn jetzt über Gebühr netter behandeln wie zuvor.
Wir zicken uns alle zwei Seiten immer mal wieder mit dem ein oder anderen frechen Spruch an, aber wir meinen es nicht böse. Es ist die Art wie wir uns kennen gelernt haben.
Es ist die Art wie ich eigentlich immer mit ihm umgehen wollte und vielleicht auch hätte sollen. Es gehört zu dieser unwirklich, komischen Kontaktaufnahme die da zwischen uns statt findet und darum muss er sich eben so frisurtechnische Püppi-Vergleiche gefallen lassen. Aber es ist nicht so, dass er darauf nicht kontert. Keineswegs. Er schafft es tatsächlich mir die Stirn zu bieten, ohne meine zahlreichen wunden Punkte zu treffen.

Bislang umgehen wir ernste Themen.

Aber zusehends wenden wir uns heikleren Dingen zu und dann endlich stellt er die Frage die ihm so böse auf der Zunge brennen muss.

*Warum sprichst du nicht?*

Ich betrachte den Satz auf dem Block und mir wird heiß. Bill richtet sich vor mir aus seiner liegenden Position auf und sieht mich an.
So als ob er unsicher wäre, mit dieser Frage zu weit gegangen zu sein.

Unsere Blicke treffen sich und ich gestatte es mir. Ich lasse es zu. Weil ich glaube, dass er es verdient…ich vertraue ihm.

„Du musst nicht…“, fängt er an und auch wenn es angenehm ist nach so langer Zeit der Wortlosigkeit seine unglaubliche Stimme wieder zu hören, deute ich ihm an ruhig zu sein.

Ich will, dass er es weiß. Ich habe ein gutes Gefühl bei der Sache. Er ist der erste, der es schafft einen Teil der Mauern wegzusprengen.
Weil er mich so nimmt wie ich bin. Weil er mich nicht ändern will.

Ich fange an zu schreiben, erzähle ihm haarklein die Geschichte mit meinen Eltern, dem Unfall und den letzten vier Jahren im Heim.
Ich schreibe fast eine ganze Seite und mir entgeht nicht, dass er mich während dieser ganzen Zeit beobachtet, mir intensiv ins Gesicht sieht.

Als ich ihm den Block reiche und er, mittlerweile auf dem Bauch liegend, anfängt zu lesen, vertauschen wir die Rollen.

Jetzt beobachte ich ihn.

Ich lasse meine Augen über die individuelle, wilde Frisur gleiten, folge seiner Wirbelsäule über den gebogenen Rücken, bis zu seinen Hüften und dem mir mittlerweile bestens bekannten Hintern. Seine Armgelenke sind auf beiden Seiten mit Lederarmbändern umwickelt, die Kette die er um den Hals trägt, baumelt dicht unter seinem Kinn.
Völlig fasziniert bleibe ich an seinen Händen, den Fingern und den Ringen, den schwarz lackierten Nägeln hängen, beobachte wie er das Papier härter greift.
Er leckt sich gedankenverloren über die Lippen, für den Bruchteil einer Sekunde, lässt er die silberne Kugel hervorblitzen.

Oh Gott, ich könnte ihn stundenlang ansehen.

Und mit jedem weiteren Satz kann ich das Mitgefühl in seinen Zügen erkennen. Seine Augen sprechen Bände, als er fertig ist und schließlich zu mir hoch sieht.

Ich glaube er überlegt, ob er sprechen oder schreiben soll.

Er entscheidet sich für letzteres.

Und das gibt mir wieder die Zeit ihn zu beobachten. Oh Mann, wenn ich heute Nacht mal nur nicht von dem träume.

Nach einer Weile reicht er mir den Block wieder.

*Tut mir Leid. Jetzt kann ich verstehen, was in dir vorgeht, wenn du so ernst und abweisend bist. Ich war mir am Anfang nicht sicher, ob du nicht sprechen kannst, oder ob du es nicht willst, aber im Prinzip macht es für mich jetzt keinen Unterschied mehr.
Tom und ich waren 6 als unsere Eltern sich scheiden ließen und auch wenn das mit deiner Situation nicht zu vergleichen ist, kann ich doch zumindest teilweise nachvollziehen, warum du manche Dinge eben so angehst wie du es tust.*

Ich schüttle ungläubig den Kopf als ich seine Antwort lese. Kein überschwängliches Bemitleiden, kein Seelenkitten weil ich nicht spreche.
Es ist wie es ist, er nimmt es so hin. Basta. Er versucht mich nicht zu ändern.

Er sieht mich irritiert an, als ich mein Kopfschütteln nun eindeutig ihm zuwende.

Ein stummes „Was?“, rutscht von seinen Lippen und mit dieser Gestik verliere ich den Kampf für heute Abend gegen ihn.

Ich blättere auf die nächste freie Seite und der Stift rauscht völlig gedankenlos über das Papier. Ich schreibe einfach, denke nicht darüber nach.

*Du bist unglaublich, weißt du das eigentlich? Du bist der erste, der mich das sein lässt was ich bin.
Du bist der erste, der mit meinem Schweigen kein Problem hat, der mich nicht verurteilt oder bemitleidet.
Gott, bis vor einer Woche, hätte ich dir am liebsten die Krätze an den Hals gewünscht und jetzt vertraue ich dir mehr als ich es wahrscheinlich tun sollte.*

Ups, Mädchen, das war jetzt aber sehr offen. Ich lese den Text noch einmal, überlege mir, ob ich es durchstreichen soll, aber ich entscheide mich dagegen.
Ich drücke ihm den Block in die Hand und er liest es.

Seine Augen werden groß als er den letzten Satz liest. Es kann sein, dass ich es mir einbilde, aber er wirkt plötzlich verkrampft.

Er richtet sich auf, streicht sich eine der pechschwarzen Strähnen aus der Stirn. Sein Blick fällt auf die Uhr. Es ist kurz nach halb eins. Himmel, viereinhalb Stunden. Ich war mir sicher, schon um 9 wieder zu gehen.

Unsere Blicke treffen sich wieder und ein Teil der Unbekümmertheit ist verschwunden. Ich weiß nicht warum. Kann es sein, dass ich was falsch gemacht habe?

Ich stehe auf. Plötzlich habe ich Angst zu viel gesagt zu haben.

*Ich gehe jetzt.*, forme ich stumme Worte mit meinen Lippen und nach kurzem Zögern nickt er.
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