Autor: Lilljana
Titel: Der beschissenste Job im Universum
Alter: 16
Kategorie: One-Shot/Sinnlos, doof und albern …Gedankenkacke eben.
Mail: Lilljana_Kersch@yahoo.de
Disclaimer: Die Zwillinge gehören sich selbst. Nicht mir. Schade drum. ^^

Widmung: Amaya (Die mich irgendwie mit „kleine Aufmerksamkeiten“ zu dieser Art Story inspiriert hat)

Musik: Apoptygma Berzerk - Love to Blame

Inhalt: Stellen wir uns doch einfach mal vor, wir werden unser ganzes Leben lang von einem höheren Wesen begleitet. Ein Wesen welches Schutzengel und Gewissen in einem ist.
Wie sieht wohl der Arbeitsalltag einer solchen Instanz bei unseren geliebten Zwillingen aus?

Warnung: Vorsicht, es braucht extrem viel Ironie, Zynismus & Fantasie um damit klar zu kommen…



Der beschissenste Job im Universum



2398 Jahre genau mach ich diesen Job schon.
2398 Jahre, aber nie hat es mich so hart getroffen wie in den letzten verdammten 16 Jahren.

Ups, sorry fürs Fluchen, Chef.

Filmstars, Diktatoren, Verbrecher, Normalos aller Epochen…ich hatte alles. Und in kühnster Bescheidenheit gesprochen: Ich hab meinen Job immer vorzüglich gemeistert. Das ist mir auch von höchster Stelle versichert worden.

Nie hab ich die Kontrolle über den Auftrag verloren, nie unsouverän gewirkt. Aber diese beiden …diese beiden…Bengel…kosten mich den letzten Nerv. Den allerletzten.

Sowieso, es ist ungerecht wenn der Auftrag Zwillinge beinhaltet. Zwei Seelen, zwei Wächter. Klare Sache, oder?
Aber nein…du schaffst das schon alleine, hat’s geheißen.

Gewissen und Schutzengel in einem bin ich. Und das jetzt gleich doppelt.

Einen Scheiß, schaff ich also alleine.

Sorry, Chef.

Da, sogar zum Fluchen bringt mich diese Satansbrut. Weil sehr viel anders drücken die sich ja nicht aus. Immer nur F*** und Sch***.
Die bringen mich um die gleißende Erlösung, den herrschaftlichen Frieden zur Rente…die bringen mich um alles.
Die machen mich wahnsinnig.

* * *

Noch herrscht die süße Ruhe vor dem Sturm. Unruhig beobachte ich Teil A meines Auftrages beim seligen schlummern. Er schläft auf dem Rücken. Sein Arm liegt über seinen Augen, die dunkelblonden komisch situierten Haare hängen wild in sein Gesicht. Er atmet ruhig und gleichmäßig. Seine Herzfrequenz ist leicht erhöht, aber normal. Unter aktueller Betrachtung macht ers noch gut 70 Jahre. Da könnt ich doch glatt schon wieder unzüchtig fluchen. Aber wenn der Chef das mitkriegt, streicht er mir gleich wieder einen Urlaubstag in der Westhemisphäre.

6:30, der Wecker klingelt.

Er flucht.
Klar, wie jeden morgen.

Was ist es heute außer „Fuck“?

Ah, „Gottverdammtes Drecksding.“

Hatten wir schon fast eine Woche nicht mehr.

Mit der stickigen Luft des Zimmers treibe ich über seinem Bett. Bereits jetzt sollte ich wieder den ersten Rapport beim Meister machen.

Ist noch keine zwei Sekunden wach und schon hat er sein steil nach oben stehendes,… wie sagt der Chef…?...Fortpflanzungsobjekt… in der Hand und versucht den unzüchtigen Traum der letzten Nacht in einem grandiosen Finale explodieren zu lassen.

Mann, nimm die Griffel weg, da.
Das kann doch nicht sein, dass du’s fast jeden Morgen brauchst. Ich kenne keinen in deinem Alter der schon so…andauernd, überall…

Also das muss ich mir echt nicht schon wieder ansehen.

Ich lasse mich treiben, durch die Wand, über den Flur, rein ins Zimmer von Teil B meines Auftrages.
Er schiebt sich müde aus den Decken, reibt sich die nach wie vor geschminkten Augen, streicht sich die pechschwarzen Strähnen aus der Stirn.

„So ne Scheiße, ey, ich hab keinen Bock auf die Mathearbeit.“, brummelt er tief vor sich hin und damit sind die ersten Worte die er an diesem Morgen spricht genauso unakzeptabel wie die seines Bruders.
Wie kann man nur so viel fluchen?

Gähnend verlässt er sein Zimmer, klopft an die Tür seines hitzköpfigen Gegenstückes.

„Wach auf, Mann. Verpennen is heut nich drin.“, zischt er gegen die Tür, aber als Resonanz erntet er lediglich ein verwerfliches Stöhnen, das mir selbst nach 2398 Jahren im Dienst ein längst vergessenes menschliches Gefühl in den Magen treibt. Scham.

Dem ist rein gar nichts peinlich. Die Mutter kriegt das doch sicher mit.

„Immer nur wichsen im Kopf.“, sagt dann Teil B meines Auftrages und verschwindet im Bad, schließt die Tür hinter sich.
Wie krieg ich das Wort nur aus seinem einst so kindlich braven Wortschatz?

Wichsen. Ist das überhaupt ein Wort?

Er starrt in den Spiegel, schneidet sich selbst eine Fratze, putzt sich die Zähne, gähnt wieder.

Dann streift er sich die Short von den Hüften, ich atme imaginär erleichtert auf, als ich erkenne, dass da, im Gegensatz zu seinem Bruder, freudige Bereitschaftsverweigerung herrscht.

Jetzt bloß unter der Dusche nicht dran rumspielen.
Sonst ists mit der Enthaltungspredigt die ich ihm vorgestern Abend ins Gewissen geflüstert habe, gleich wieder Essig. Bei ihm besteht wenigstens noch der Hauch einer Chance.

Damit verschwindet er also unter der Dusche, stellt das Wasser an. Kalt, klar. Sein noch müder Körper protestiert und die Macht der Gewohnheit entlockt seiner Kehle die Worte des meisterlichen Widersachers aus dem Keller.

„Verdammte Kacke, ist das kalt.“

Noch während er flucht, und ich erfolglos versuche als Gewissen zu fungieren, öffnet sich die Tür, sein Bruder betritt das Bad.

„Morgen.“, grummelt er tief und fängt an sich die Zähne zu putzen.

„Morgen.“, rauscht es zurück und dann kommt die jüngere Plage meines betagten Daseins unter der Dusche vor, wickelt sich ein Handtuch um die Hüften. Er grinst seinen Zwilling an, stellt sich neben ihn.
„Heute schon wieder alle Hände voll zu tun gehabt, was?“

„Druck für zehn. Ging nich anders.“, kommt es genuschelt aus einem Mund voller Zahnpasta.

„Schon klar. Und wie mogeln wir uns heute durch Mathe?“

„Ich hab da was im Kopf. Lass mich mal machen.“

Oh nein. Nicht schon wieder schummeln. Auf der schwarzen Liste des Chefs steht das ganz weit oben. Nicht, bitte nicht schon wieder. Was ist mit den weisen Worten? Mit den Versprechen? Mit dem ehrlichen Blick aus unschuldigen Augen, als ihr euch selbst geschworen habt, jetzt wirklich mal was für die Schule zu tun und nicht immer durch diesen nicht verdienten Charme und Tücke euer Ziel zu erreichen.

„Gut, ich kann mir ein paar der Formeln und Rechenwege nämlich ums verrecken nicht merken.“

Sie grinsen sich an, schlagen in diesem idiotischen Anflug jugendproletenhaften Getues in die Hände und sehen sich verbunden in die ebenbildgleichen Augen.
Wenn sie sich nicht so verdammt…sorry Meister…nahe wären, könnt ich vielleicht wenigstens beim Jüngeren versuchen, ihn schnellstmöglich auf die weisen Pfade des Lichtes zu bringen, aber keine Chance. Pech und Schwefel. Unzertrennlich.
Bis zum bitteren Ende.

Dann fangen sie an, sich still fertig zu machen. Schminke, Haarwachs, Lederjacke, T-Shirt und Jeans so löchrig wie Schweizer Käse beim einen, Cap und XXL Dresscode beim anderen.

Sie strahlen eitel und selbstüberzeugt in den Spiegel vor ihren hübschen Nasen, dann wenden sie sich lächelnd ab und gehen nach unten zu ihrer geplagten aber liebreizenden Mutter.

Ich folge ihnen träge, seufzend, leidend…

Und wappne mich für einen langen, anstrengenden Arbeitstag.

* * *

„Du sollst nicht lügen“, schreie ich in den höchsten Oktaven als Gewissen in sein Ohr, aber der Trick an der ganzen Sache mit dem Seelenwächter ist, dass er mich nur hören kann, wenn er mich hören will.

Und gerade will er das zweifellos nicht.

„Echt, das ist ne harmlose Party, Mum.“

Ja klar. Und George Bush ist ein friedliebender Mensch.

„Bist du sicher, Bill, Schatz? Ich will nicht, dass dein Bruder wieder soviel trinkt.“

„Ich werd nichts trinken, Mum.“, plappert Mr. Ich-brauchs-täglich mit vollem Mund und ich betrachte das heitere Gespräch am Frühstückstisch mit sorgvoller Mine. Freitags ist es immer eine wahre Tortur mit den beiden. Nur Party im Kopf.

„Versprichst du mir das?“, fragt die liebe gestrafte Frau mit hoffnungsvollem Blick und ihr ältester Sohn lächelt sein sündiges, unwiderstehliches Lächeln.

Manipulation ist seine Gabe der Hölle. Zweifellos.

„Mach dir keine Sorgen.“, druckst er sich um die deutliche Lüge und sie schluckt den Brocken. Wie jedes Mal.

Wer hat noch mal Dienst bei der Mutter der beiden? Mit dem muss ich mal ein ernstes Wörtchen reden. So kann es mit der Zusammenarbeit ja nicht funktionieren.

Und dann verschwinden sie aus dem Haus. Schlendern zum Bus. Ich bin dicht bei ihnen, überwache jeden ihrer Schritte. Wenn ihnen vor ihrem prognostizierten Ende was passiert, bin ich meine Lizenz los. Und das wäre, erlaubt ausgedrückt, nicht schön.

Sie steigen in den Bus, setzen sich breitbeinig und unangemessen provozierend in die letzte Reihe.

Die anwesenden Wächterkollegen im Bus bemitleiden mich.
Ja ja, heuchelt ihr nur. Ich weiß doch, dass ihr hinter den Flügeln lacht. Als obs im Himmel immer heilig zu ging. Pah.

Brauchs-täglich fängt an mit einem Mädchen eine Reihe vor sich zu flirten, erzählt ihr von der Party heute Abend.

Sie springt sofort drauf an, was nicht anders zu erwarten war.

Der Kollege der Kleinen ist nicht angetan. Er versucht ihr massiv ins Ohr zu brüllen, dass so Jungs wie Teil A meines Auftrags alles andere als gut für sie sind, aber sie blendet ihn komplett aus.
Verfällt dem sündigen Lächeln, den treuen Augen, dem zweideutigen Spiel mit dem Piercing in der Lippe…

Insgeheim grinse ich mir eins. Grad hat er noch so gar nicht göttlich gelacht, jetzt steht ihm ob der drohenden Gefahr für seinen Auftrag die pure Panik ins gleißende Antlitz geschrieben.
Wie menschlich.
Seit deiner Erhebung vom Engel zum Wächter hast du doch noch nie so die Felle davon treiben sehen, gibs zu.

Ich lasse meinem kleinen Casanova seinen Spaß. Ich weiß ohnehin, dass ich jetzt auf Einmischung keine Chance hätte.

Mein Augenmerk richtet sich komplett auf den jüngeren der beiden.
Er kritzelt etwas auf ein Blatt Papier, sieht immer wieder nach draußen ins noch dunkle Grau des jungen Morgens.

Seine Gedanken kreisen um ernste Themen. Die Trennung seiner Eltern, die Angst vor der Zukunft…
Ihn beschäftigt immer so unglaublich viel, dass mir sein melancholischer Zustand manchmal fast Sorgen bereitet.
Aber so ist er. Unberechenbar. Mal so mal so. Diese Lektion hab ich hart erlernt…

Er feilt an einem Songtext. Ja, dem Laster der Musik sind die beiden ja schließlich auch noch verfallen. Ich muss nicht noch mal verdeutlichen, dass die beiden alles, aber auch alles daran setzen diesen Auftrag zu einem Drahtseilakt zu machen.

Vor der Schule angekommen, steckt sich der eine der beiden erst mal ne Kipp…Zigarette in den Mund und zieht gierig dran.
Ich muss sicher nicht erwähnen welcher der beiden auch dieser schlechten Angewohnheit verfallen ist.

Dabei hat er erst gestern im Zwiegespräch mit mir geschworen es sein zu lassen. Entkräftet folge ich ihnen.
Warum nur hört er nicht auf mich? Was muss ich tun, dass der Rotzbengel nur einmal auf mich hört?
Ich meins doch nur gut…

Ich treibe sie an, in ihr Klassenzimmer zu gehen. Sie verbringen die ersten beiden Stunden damit Blödsinn machend ihre Deutschlehrerin in den Wahnsinn zu treiben.
Ich entschuldige mich höflich beim Wächter der völlig entnervten Frau, bitte ihn darum das unsittliche Verhalten der beiden nicht gleich wieder an den Chef weiterzugeben.

Ich arbeite daran, Mann. Ich arbeite daran.

Mal wieder zum Nachsitzen verdonnert, versuche ich ihnen die Ungezogenheit ihres aktuellen Benehmens einzubläuen, aber auch jetzt ist kein Durchkommen drin. Zu sehr gilt es bei den beiden jetzt die Vorbereitung für die anstehende Matheklausur zu treffen.

Wäre ich heute noch menschlich, würde ich ob der Hinterlist des Plans jetzt heulen vor Verzweiflung.

Betrug, Betrug, Betrug, brülle ich laut, mache mich lächerlich vor meinen Kollegen. Aber keine Chance.

Die Stunde beginnt. Warum nur müssen sie eine Mathelehrerin haben? Warum kann sie kein er sein?

Aber sie ist eine harte Nuss. Machohafter Charme zieht da lange nicht so wie jugendliche Unschuld. Darum wird der jüngere Zwilling von seiner beispiellosen Macht Gebrauch machen.

Die Klausur läuft gerade zehn Minuten…

„Kann ich bitte aufs Klo, Frau Brecht?“

„Jetzt? Aber Bill, du wirst die Zeit für die Klausur brauchen.“

„Ich weiß. Trotzdem. Darf ich?“, fragt er mit seiner zuckersüßen Stimme und ich signalisiere dem Wächterkollegen von der guten Frau Brecht, dass er ihr klar machen soll, hart zu bleiben. Sie müssen ihre Lektion lernen, verdammt noch mal.
Sorry, Chef.
Aber keine Chance. Selbst eine reife Dame wie Frau Brecht kann ihm nicht standhalten. Sie sind für jeden Typ Frau eine tödliche Kombination. Zieht der eine nicht, zieht garantiert der andere. Elende Saubande.
Shit, Sorry, Meister. Oh…ach…manno…
„Bitte?“, fragt er flehend, der unschuldige Blick wirkt durch die wilde pechschwarze Frisur, den geschminkten Augen und den expressiven Klamotten grotesk und dennoch…er verfehlt seine Wirkung nie.
Nicht ein einziges Mal.

„Also gut, geh.“, sagt sie und ich senke mein Haupt.

Brauchs-täglich grinst, als sein Zwilling das Zimmer verlässt und ich folge ihm, auch wenn ich weiß, dass sie jetzt so gut wie gewonnen haben.

Er marschiert schnurstracks zum Klo, die Korridore der Schule sind, bis auf wenige Schüler die Freistunde haben, wie leergefegt.
Mit einem kurzen, scheuen Blick in alle Richtungen verschwindet er dann auf der Mädchentoilette der zweiten Etage und setzt jetzt das von beiden beherrschte, gefürchtete Kaulitz-Lächeln auf.

Seine Aufmerksamkeit gilt der kleinen Brünetten, die ihn bereits mit leuchtenden Augen erwartet, ihn anlächelt, als wäre er das personifizierte Antlitz des Meisters persönlich.

Sorry, für die Blasphemie.

„Hey.“, sagt er und seine durch den Stimmbruch tief gewordene Stimme lässt die Knie der Kleinen schlottern.
Das hör ich bis hier her.

Der Wächter über ihrem Kopf starrt mich stinksauer an. Ja, ich weiß, ich weiß…ich kanns leider nicht ändern.

„Hey…“, sagt sie schüchtern.
„Hast du die Aufgaben dabei?“

„Klar.“, erwiedert mein einst unschuldiger Engel und reicht ihr das hektisch abgekritzelte Blatt Papier, auf dem die zwei Aufgaben stehen, die sie selber mangels Fleiß und Lernen zuhause, nicht lösen können.
„Tom kommt zwanzig Minuten vor Ende der nächsten Stunde vorbei. Kriegst du das hin?“

Sie überfliegt die Aufgaben.

„Sicher.“

Er sieht ihr tief in die Augen, strahlt glücklich. Sie wird rot.

„Du hast was gut bei uns.“, sagt er und verschwindet wieder ungesehen aus der Toilette.

Mit einem letzten Blick auf das Mädchen folge ich ihm. Kopfschüttelnd. Sie ist drei Jahre älter als er und trotzdem schwach geworden.

Manchmal machen die beiden mir wirklich Angst.

* * *

Völlig ohne schlechtes Gewissen lächeln sich meine beiden Satansbraten an, ich weiß, dass ich nur in stillen, ruhigen Momenten auf sie einwirken kann. Jetzt sind sie viel zu aufgekratzt weil ihr Plan ein voller Erfolg war.

Natürlich hat die Lehrerin nach langem Betteln auch den anderen aufs Klo gelassen. Er hat die Lösungen abgeholt, sie haben sie unbemerkt abgeschrieben. Voilà. Das perfekte Verbrechen.
Wo soll das noch enden?

Ich folge ihnen auf den Pausenhof. Ihre Freunde gesellen sich zu ihnen. Sie besprechen die Details für die Party heute Abend.

Aber nicht alle verfallen der Aura meines Auftrags. Nicht alle können mit ihrer Auffälligkeit und ihrer Impulsivität umgehen. Sie haben Neider. Nicht zu knapp.
Sie müssen sich immer und immer wieder behaupten.

Ich kremple die Ärmel hoch.

Wenn doch nur der eine der beiden nicht immer so eine große Klappe hätte.

Wegen einer Banalität und einer dummen Aussage über die geschminkten Augen seines Bruders sind plötzlich ein von seinem Wächter fallen gelassener Halbstarker und seine Gangmitglieder kurz davor für die große Klappe Fäuste sprechen zu lassen.

Er packt ihn am Kragen, zieht ihn von den Beinen hoch zu sich, droht ihm.
Mein Schutzbefohlener lässt sich davon nicht beeindrucken, zischt respektlos über seine gepiercte Unterlippe Worte die ich auf keinen Fall ohne Verweis wiederholen kann.

Dass er sich aber auch immer gleich so impulsiv für seinen Zwilling einsetzen muss.

Dann holt der Gegner gegen meinen Auftrag aus und ich schlüpfe in das Gewand des Schutzengels, führe die doch recht kräftigen Bewegungen meines kleinen Draufgängers mit der Gabe und dem Geschick jahrelanger Erfahrung.

Sein Bruder mischt sich natürlich ein und jetzt wird die ganze Sache mal wieder ein Knochenjob für mich.
Das ist es jedes Mal wenn ich die beiden irgendwo rausholen muss.

Aber hier hilft alles seufzen nicht. Nur tatkräftig mitmischen.

Sie kommen mit Schrammen an den Handgelenken und Ellenbogen davon.

Erschöpft treibe ich an sie gefesselt hinter ihnen her, frage mich insgeheim, ob die vom Weg abgekommen Jungs von eben jemals wieder einen Wächter zugeteilt bekommen, der ihre Seelen retten kann.

Traurig. So jung. Und schon fast jede Chance auf Erlösung verspielt.

* * *

Der Rest des Vormittags verläuft ruhig. Und auch das Nachsitzen kriegen die beiden ohne großartig erwähnenswerte Ausrutscher rum.

Ich erhole mich, höre mir zwischendurch die Rüge vom Chef wegen dem nicht unterbundenen Kampf an.

Wieder zuhause angekommen, freuen sie sich auf die Party heute Abend. Sie werden dort ein klein wenig auf der Bühne ihre dem Meister nicht gefallende Musik zum Besten geben.
Ich brauch dringend noch ein wenig Ruhe vor heute Abend.

Viel zu früh machen sie sich fertig, viel zu früh kommen sie mit einer Bombenlaune am stillgelegten Maschinenwerk an.
Die Party ist bereits in wildem Gange, die Jungs machen sich daran ihr Equipment aufzubauen.

Mein kleiner schwarzhaariger Tollpatsch hätte sich heute schon fast zweimal durch einen Stromschlag in der Elektrik ungesund ins Jenseits befördert, aber wozu hat er mich? Ich werde nicht zulassen, dass ihm vor Ablauf seiner Zeit was passiert. Auch wenn er mich wahnsinnig macht. Auch wenn er zusammen mit seinem Bruder die größte Herausforderung meines Daseins darstellt.

Minuten später werden sie auf die Bühne gerufen. Sie haben Lampenfieber, Herzklopfen. Ihre sonst so selbstüberzeugten Gesichtszüge wirken unsicher.

„Ich bin bei euch Jungs, es wird nichts schief gehen.“, hauche ich ihnen ins Ohr und sie verstehen mich.

Sie umarmen sich innig, klopfen sich auf die Schulter, dann gehen sie raus.

Ich muss stellenweise mein geistiges Auge abwenden, als ich sehe was für Bewegungen der jüngere Zwilling mit seinen Hüften vor so vielen Leuten macht, aber alles in allem bin ich stolz auf sie.
Auch wenn das der Chef besser nicht erfahren sollte. Sie sind mit ganzer Seele bei der Sache. Sie leben den Moment.

Diese Sekunden sind die Sekunden die am nahesten am Heil der Ewigkeit liegen.

Sie werden frenetisch bejubelt. Klasse, jetzt wird ihre ohnehin schon stolz geschwellte Brust bald platzen. Wieder eine der sieben Todsünden die sie mit lodernder Leidenschaft praktizieren.

„Fuck, war das geil oder war das geil?“, brüllt mein Jüngster anstandslos durch die Gegend und ich kann das kräftige Schlagen seines Herzens in meinem eigen körperlosen Zustand spüren.

Tja, die unsichtbare Verbindung zwischen ihnen und mir. Daran lässt sich nichts rütteln.

„Shit, Shit, Shit…ich bin so kribbelig, dass ich kaum Ruhe in den Arsch kriege.“, brüllt jetzt auch sein Zwilling euphorisch durch die Gegend und ich hoffe inständig, dass gerade keiner der Quadrantenengel im Sektor ist, um mich zu überprüfen.
Bei so viel Flucherei auf einmal werden die normalerweise immer aufmerksam.
„Lass uns was saufen gehen.“, verleitet er seinen jüngeren Bruder und seine beiden Freunde, wofür ich selbstverständlich wieder böse Blicke von meinen Kollegen kassiere.

So geht’s mir ständig. Das prallt nur noch an mir ab.

Eine Stunde später sitzen sie angeheitert mitten in der Party.
Brauchs-täglich hat die Kleine von heute morgen aus dem Bus auf dem Schoß, flüstert ihr böse Worte ins Ohr.
Ich kann mir ausmalen wo das wieder enden wird.

Und tatsächlich, gerade mal ne weitere halbe Stunde später, finde ich ihn heftigst rumknutschend mit ihr im stillgelegten Direktionsbüro der Fabrik, während mein anderes Auge auf seinem Zwilling ruht, der sich mit seinen Freunden weiterhin einen hinter die Binsen kippt.

Der Kollege der Kleinen hätte im wahren Leben vor unserer Ernennung schon längst ne Prügelei mit mir angefangen, aber so kann er nur wild gestikulierend zusehen wie sein bis dato anständiges Mädchen den Reizen meines Auftrags erliegt.

Er hebt sie hoch, ihre Beine schlingen sich um seine Hüften. Dann setzt er sie wieder ab auf dem staubigen, völlig verdreckten Schreibtisch des heruntergekommen Büros. Sie spielt mit dem Piercing in seiner Unterlippe, hält ihn mit der Hand im Nacken dicht bei sich.

Für sie ist es mehr als für ihn, das ist mir schon klar. Aber es ist auch für ihn mehr als sonst.

Er lehnt sich über sie, knöpft die mittlerweile schmutzige Bluse Knopf für Knopf auf und ich fange mal wieder an unerlaubt vor mich hin zu fluchen.

Da macht man und tut man, da redet man und erzählt von Tugenden Tagein Tagaus.
Und es ist ja nicht so, dass er heute nicht schon hätte oder so…aber nein…

Der Kollege über der Kleinen ist kurz vor einem Herzinfarkt. Ich muss was tun, ein Versuch, ein allerletzter, bevor ich nur noch hilflos zusehen kann.

„Sie ist anders als die anderen.“, brülle ich in seinen vom hitzigen, gedankenlosen Sex vernebelten Verstand.
„Spiel nicht mit ihr.“

Ich wiederhole mich wieder und wieder. Ich verausgabe mich völlig. Schreie aus Leibeskräften.

Und für einen Sekundenbruchteil hört er mir zu.

Er lässt von ihr ab, die letzten Knöpfe ihrer Bluse bleiben verschlossen.

Sie sieht ihn an mit einem Blick, der keinen klaren Gedanken zulässt. Sie wird alles tun was er will, keine Chance, dass ihr Wächter zu ihr durch kommt.
Ich oder es passiert.
Und dann hoffe ich nur inständig, dass ich ihn noch zu den Kondomen kriege, die er in seinem Geldbeutel hat.

Er steht gegen den Schreibtisch gelehnt zwischen ihren Beinen, sieht sie sehnsüchtig an. Er ist schon in einem Stadium wo es ihm bei einem kalten Abbruch hinterher in der Hose reichlich weh tun wird, aber ich sehe soeben den Funken des Anstands in seinen Augen glitzern.
Seine Finger fahren über ihren nackten Hüften, er spielt mit dem Gedanken, da weiter zu machen wo er aufgehört hat. Zwei Knöpfe trennen ihn noch davon den Weg zurück nicht mehr finden zu können. Die Kleine trägt nämlich keinen BH.

Und so was nennt mein Kollege züchtig. Also echt.

Er beugt sich wieder zu ihr runter, küsst sie auf den Mund. Dann bringt er seine Lippen dicht an ihr Ohr, fängt an ihre Bluse wieder zuzuknöpfen.

„Lass es uns langsam angehen.“, flüstert er leise und ich fange an völlig ungöttlich zu jubilieren.

Mein Kollege seufzt erleichtert, wir klatschen uns gegenseitig in die körperlos, rauchigen Hände.

„Hab ich was falsch gemacht?“, fragt die Kleine jetzt unschuldig und mein Zwilling strafft seine Schultern, versucht krampfhaft die durchschlagende Härte in seiner Hose zu ignorieren.

„Nein.“, sagt er und lächelt sie an.
„Aber du bist noch Jungfrau, oder?“

Seufz. Ist er nicht einmalig? Oh naja, zweimalig. Sein Bruder ist ja auch noch da. Und mindestens genauso so zum seufzen.

Sie senkt verlegen den Kopf, ihre Wangen glänzen rosig, die Lippen sind von seinen heftigen Küssen leicht geschwollen.

„Woher…?“

Ja woher? Von mir, Mann.
Klar, aus reiner Erfahrung wird er das schon gemerkt haben, aber trotzdem hab ich’s ihm unter Aufbietung meiner letzten Kräfte ins Hirn gerammt.

„Einfach so.“, sagt er lapidar und ihr Blick wird traurig.
Super, jetzt denkt sie er will nicht weil sie noch Jungfrau und nicht gut genug ist. Oh Mann, du Pfeife, mach das wieder gut.
„Hey, versteh mich bitte nicht falsch.“
Er schließt den Knopf seiner Hose, zieht den Gürtel zu. Holla, das war mal wieder Rettung in letzter Sekunde.
„Ich will nichts tun, was du hinterher bereuen könntest. Lass uns doch einfach mal zusammen weggehen und sehen wie sich die Sache entwickelt.“, flüstert er mit seinem süßesten Lächeln und fährt mit seiner Hand an ihr Kinn, bringt sie dazu ihn anzusehen.

„Okay.“, lächelt sie und er gibt ihr seine Handynummer.

Die echte, wie ich soeben überrascht feststelle. Das tut er normalerweise nie.

Er haucht ihr einen letzten Kuss auf die Lippen, dann zieht er sie vom Schreibtisch und aus dem dunklen Büro der Fabrikhalle.
Zusammen kommen sie wieder zurück, verabschieden sich voneinander.

Als er zurück zu seinem Bruder findet, schnappt er sich ein Glas, versucht durch den Alkohol die empfindlich schmerzende Erektion in seiner Hose wegzukriegen.

Es geht nicht lange gut und er ist betrunken. Der Druck in den tieferen Regionen hat nachgelassen, dafür platzt ihm jetzt fast das Dachgeschoss.

Es ist ein Elend mit den beiden.

Wieder mal eine Party die sündig endet. Zwar nicht so sündig wie erwartet, aber dennoch nicht so, wie der Chef das gerne hätte.

Sein Zwilling ist nicht wirklich minder betrunken, auch wenn ich ihm die ganze Zeit gesagt habe, dass er genug hat.
Trotzdem, ich bin froh, dass er zumindest was die Mädchen betrifft bereits eine löbliche Ansicht hat.
Er war als Kind schon der züchtigere der beiden. Wilder, impulsiver und auf seine Weise auch viel unkontrollierbarer, aber trotzdem war er dem Engel immer näher.

Er stützt seinen mittlerweile wirklich prall vollen Bruder auf seine Schulter, bringt ihn nach draußen ins Freie und ruft ein Taxi.

Ich folge ihnen, geschlaucht, erschöpft … aber zufrieden.

Stolz.

* * *

Mit Müh und Not schafft er es, nach einer nicht enden wollenden Fahrt, seinen Bruder durch das Haus ins Zimmer der lallenden kleinen Kröte zu schleifen.
Er lässt ihn auf das ungemachte Bett sinken, bricht außer Puste neben ihm zusammen.

Sekundenlang gibt er sich, er versucht zu ignorieren wie sehr auch sein Verstand wild im Kreis rotiert.

Er will aufstehen und in sein eigenes Zimmer. Aber ich spüre wie schwer es ihm fällt.

„Bleib.“, brummelt sein Zwilling tief und er lächelt müde.

Die Anziehung zwischen ihnen, die unerklärliche Verbindung, fordert ihren Tribut.
Manchmal müssen sie sich nahe sein. Sie haben dafür selbst keine Erklärung. Es ist wie es ist. Und sie nehmen es gerne hin.

Mit einem kurzen Kuss auf die Stirn seines genetischen Gegenstückes kommt er der Aufforderung nach und greift im Dunkeln blind nach dem zweiten Kissen im großen Bett.
Dann lässt er sich auf die Matratze zurück sinken und es dauert keine zwei Minuten bis beide eingeschlafen sind.

Ich schaue auf sie herunter, sehe ihnen in die friedlichen, unschuldigen Gesichter und schwöre in diesen Sekunden heilig auf die höchste Instanz, bei ihnen zu bleiben. Immer für sie da zu sein, sie nie im Stich zu lassen. Mit ihnen auch den letzten Weg zu gehen.

Ich betrachte die verrückten Frisuren, die rebellischen Piercings, die komische Kleidung.
Die sanften Gesichtszüge, die kindlich zusammengerollte Haltung.

Sie sind ein einziger Widerspruch in sich.
Selbst für mich.

Ihre Herzen schlagen synchron, aus zwei Atemzügen wird einer.

Ich lächle …
…und verfalle ihnen so hoffnungslos wie am Ende eines jeden Tages.

So ein gottverdammter, beschissener Job.



Oh…sorry, Chef.

* * *


Ende
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