Autor: Lilljana
Titel: Verhasst, verdammt, vergöttert (Lillys Traumserie Teil 2)
Alter: 16+
Kategorie: uhm…schwierig…von allem was…allerdings ist es teilweise AU, sprich Alternative Universe, weil ein paar Dinge in der Vergangenheit der Jungs anders sind. Ist aber nur minimal.
Hauptcharaktere: NoNameProtagonistin / Bill & Tom Kaulitz
Mail: Lilljana_Kersch@yahoo.de
Disclaimer: Nö, nö, nö…weder der eine noch der andere Zwilling gehört mir. Ich mache
hiermit kein Geld und Ähnlichkeiten mit anderen lebenden Personen sind rein
zufälliger Natur.

Zur Serie: Lilly träumt von Streit und Skandinavien… ^^

Zu dieser Geschichte: Im Prinzip kennt meine 16-jährige Protagonistin die Zwillinge und deren Mutter Simone seit sie denken kann. Sie ist mit Bill und Tom in den Kindergarten gegangen, lebt mit ihnen seit Ewigkeiten in Magdeburg Tür an Tür.
Aber mit dem Einsetzen der Pubertät und dem plötzlichen Erfolg der Jungs verändert sich zwischen ihnen alles von Grund auf und ihr bis dato gemeinsamer Weg trennt sich unschön.
Als ihre allein stehenden Eltern die drei nach einem Jahr dann plötzlich unerwartet dazu zwingen zwei Wochen unter einem Dach zu wohnen, ist Stress bereits vorprogrammiert. Und nicht nur das…


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Verhasst, verdammt, vergöttert


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Ich kann nicht in Worte fassen wie unglaublich sauer ich gerade bin.
Weil so schreckliche Worte gibt es nicht.
In keiner Sprache dieser Welt.
Und wenn ich nicht eingepfercht zwischen dutzenden Taschen auf dem Rücksitz dieses popligen Fiats wäre, würde ich wie wild geworden um mich treten.

Aber nein, so kann ich nicht mehr tun, als zornig vor mich hin schmollen und meinem boshaften Vater durch den Rückspiegel eliminierende Blicke zu werfen.
Dass er mir das antut, mich hierzu zwingt, hätte ich wirklich nicht von ihm erwartet.
Dabei weiß er ganz genau was für eine Mordswut ich auf die beiden Arschlöcher hab. Er weiß es so gut. Zu gut.

Wieder zittert mein Körper vor überschäumenden Emotionen, ich schließe meine Augen und versuche mich zu beruhigen.
Dann wende ich mein Gesicht dem Fenster zu, starre ins unbekannte Dunkel neben den Autobahnleitplanken.

Finnland. So was Affiges. Nur Bäume, Seen und wilde Tiere. Und meistens so um die 5 Grad unterm Gefrierpunkt.

„Wenn du dich da oben nicht benimmst, setzt es heiße Ohren, Fräulein, ich hoffe dir ist das klar.“, sagt mein Vater dann dunkel in das sonore Brummen des Motors und ich schließe genervt meine Augen.

Seit über eine Woche höre ich diesen scheiß Satz wieder und wieder.

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass du mich dazu zwingst.“, fauche ich giftig und strafe ihn mit allen Waffen die ich außer verbaler Beleidigung sonst zur Verfügung habe.

Er greift neben sich und wühlt in einer Tasche nach einer Zigarette - ich hab mich geweigert neben ihn auf den Beifahrersitz zu sitzen - zündet sie an und nimmt ein paar tiefe Züge.

„Simone und ich sind einfach der Meinung, dass es Zeit ist, dass ihr eure lächerlichen Streitigkeiten aus der Welt schafft.“

Ich ziehe eine Fratze nach der anderen, äffe seine Gestik nach wie er mit der Kippe in der Hand die Aussagekraft seines Satzes betont.

„So, so, Simone und du sind also der Meinung …“

Drohend wirft er mir durch den Rückspiegel einen viel sagenden Blick zu.

„Du wirst ihr gegenüber nett sein, verstanden? Simone und ich sind trotz eures peinlichen Kleinkriegs gute Nachbarn geblieben und ich möchte nicht, dass sich daran etwas ändert.“

Ich muss gleich kotzen.

„Natürlich werde ich Simone gegenüber nett sein.“, säusle ich in den biestigsten Tönen die ich zustande bringe und rolle mit den Augen.
„Wo sie dir doch so nahe steht.“

Uh, die Ironie und die verstecke Aussage hinter meinem Satz lässt meinen Vater einen Schlenker fahren.

Aber denkt der etwa ich hätte nicht mitgekriegt, dass er hin und wieder mit Simone flirtet?

Ich hab nichts dagegen, wenn sich mein Vater nach über 3 Jahren wieder neu verlieben würde. Wirklich gar nichts. Ich bin schließlich 16 und damit kein Kind mehr. Und dass meine Mutter damals einfach so sang und klang los mit einem Flugbegleiter ins Ausland abgehauen ist, hat mich genauso wütend auf sie zurückgelassen wie ihn und ich finde es nur gerecht, dass er nach der Scheidung wieder Augen für andere Frauen hat.

Aber warum muss es ausgerechnet Simone sein?
Na ja, sagen wir besser, warum musste es ausgerechnet die Mutter dieser Pest auf vier Beinen sein?

„Es ist sehr nett von Simone, dass sie uns zu diesem Urlaub eingeladen hat und ich hoffe du wirst dich da oben erkenntlich zeigen. Wir haben ein außergewöhnlich gutes Nachbarschaftsverhältnis und auch wenn du mit ihren Söhnen wegen Lächerlichkeiten im Kleinkrieg bist, werde ich nicht zulassen, dass du besagtes Verhältnis zerstörst.“

Boah, ich krieg gleich so was von einen Anfall.

„Warum zwingst du mich dann, verdammt noch mal, mitzugehen und zwei Wochen in einer Holzhütte mitten in der Pampa zu verbringen?“

Mein Vater regt sich auf, fährt schneller.
Eigentlich ist er einer der ruhigsten und sensibelsten Menschen die ich kenne, aber seit einigen Wochen rastet er förmlich aus, wenn ich was gegen die Kaulitz-Sippe sage. Er verteidigt den Doppel-Idioten-Verein trotz ihres lächerlichen Verhaltens, meint, die Entwicklung der beiden wäre unter diesen Umständen ganz normal.

Ich kann einfach nicht verstehen, wie er sie in Schutz nehmen kann.

„Weil ich dich erstens zuhause keine Sekunde alleine lassen kann, ohne dass du irgendwas anstellst, zweitens, weil du früher immer gerne hier warst und drittens, weil ich möchte, dass du dich mit den beiden wieder verträgst. Ihr seid über so viele Jahre Freunde gewesen, da finden Simone und ich einfach, dass es schade ist wie ihr euch derzeit benehmt.“

Pah!

„Ich benehme mich nur so wie sie es verdienen. Außerdem, warum tust du so, als wäre ich Schuld, verdammt noch mal? Die haben doch mit der ganzen Kacke angefangen.“

„Du musst Verständnis für ihre Situation haben.“, wirft mein Vater vorwurfsvoll über die Sitze nach hinten in meine, von Taschen umringte Knautschzone und ich muss kräftig an mich halten, dass mir nicht der Kragen platzt.

„Ich muss gar nichts.“, zische ich wütend und ignoriere die Hitze in meinem Körper, beobachte wie das Auto über eine holprige Autobahnabfahrt zurück auf die unpassierbaren Landstraßen Finnlands rollt.
„Und überhaupt, warum nimmt Simone die beiden mit? Haben die nicht Bühnen auf denen sie rumhüpfen müssen, Groupies die sie zum kreischen bringen lassen…?“

Diese arroganten Vollidioten.

„Simone ist der Meinung, dass Tom und Bill ein bisschen Abstand brauchen und hat sie davon überzeugt, dass ein bisschen Urlaub in Finnland ihnen auch gut tun wü…“

„Also habt ihr die Zwillinge zu diesem Scheiß hier genauso gezwungen wie mich. Mann, das ist so bescheuert. Wir können nicht miteinander. Schon seit über einem Jahr geht das so und das wird sich nicht ändern nur weil dich und Simone der Blitz getroffen hat und ihr beschließt uns plötzlich zu ner heiteren Familie zusammen schweißen zu wollen.“

Das Holpern des Wagens wird immer intensiver. Mein Hintern schmerzt. Schließlich sitze ich seit fast 18 Stunden so gut wie non Stopp in dieser miesen kleinen Karre.

„Wir werden einen schönen Urlaub verbringen, ob dir das passt oder nicht, junge Dame und wenn ich jetzt gleich den Wagen vor der Hütte zum halten bringe, wirst du dich anständig benehmen, sonst weißt du was dir blüht.“

Zähneknirschend sehe ich wie im Scheinwerferlicht neben einem kleinen Waldsee eine massive Blockhütte auftaucht, abgeschieden von der nächsten Stadt mit fast 30 Kilometern.
Bereits jetzt habe ich wieder Panik die wenigen Meter vom Auto ins Haus zu laufen, weil ich fürchte ein Grizzly nagt an meinem Arsch schneller als ich „Aua“ sagen kann.

Sein Befehl und die implizierte Frage muss ich nicht beantworten. Ich weiß, dass das alles rein rhetorisch war.

Und ja, ich weiß was mir blüht. Wenn ich mich nicht benehme, kann ich es mir abschminken mit Julia aufs Open Air Rock Konzert in London zu gehen und ich muss da hin. Ich muss da hin. Nicht nur zuletzt wegen Coldplay, Green Day und Puddle of Mudd, sondern an vorderster Front wegen Nickelback. Gott, ich will sie sehen. Ich will, ich will, ich will.

Direkt neben dem großen Van bringt mein Vater den Fiat zum stehen und ich betrachte die Hütte eingehend.

Ich bin hier nicht zum ersten Mal.
Und es ist auch nicht das erste Mal, dass wir in ähnlicher Besetzung hier sind. Unsere beiden Familien waren schon öfters hier gemeinsam im Urlaub.
Schließlich sind wir seit Ewigkeiten miteinander befreundet. Soweit ich zurück denken kann eigentlich. Ich war mit den Zwillingen sogar schon im Kindergarten.

Das letzte Mal war ich hier vor über drei Jahren.

Aber da war alles anders. Da waren wir zu siebt hier. Simone und ihr damaliger Freund, mein Vater und meine Mutter als in ihrer Ehe noch alles Friede, Freude Eierkuchen war, die Twins und ich.

Ich weiß, dass wir drei jedes Mal einen Riesenspaß zusammen hier im Urlaub hatten, aber damals waren wir Kinder.
Alles war anders.
Mittlerweile sind meine Interessen weit weg von dummen Streichen und Verstecken in der Hütte spielen. Weit weg von Gruselgeschichten die mir Tom unter der Decke erzählt hat und weit weg von diversen Frisurspielchen die Bill und ich immer zusammen gespielt haben.
Meine Kindheit habe ich hinter mir gelassen, ebenso wie die Jungs.
Aber wir haben uns mit unserer Entwicklung voneinander weg bewegt. Mit jedem Jahr, jedem Monat. Typisch Jungs und Mädchen eben, aber vielleicht hätte unsere jahrelange Freundschaft auch die Tücken der Pubertät überlebt, wenn nicht von heute auf morgen jemand Sinn, Güte und Verstand aus den Zwillingen geprügelt hätte.

Dieser scheiß Ruhm. Es ist nichts mehr übrig von dem was sie früher waren. Liebenswürdigkeit ist Arroganz gewichen, Aufgeschlossenheit Überheblichkeit. Der Erfolg mit ihrer Band und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hat sie zu Menschen werden lassen mit denen ich persönlich überhaupt nicht klar komme.

Mein Vater wirft mir immer vor, ich wäre neidisch gewesen und hätte ihnen den Erfolg nicht gegönnt. Ich hätte mich von ihnen abgewendet und sie ignoriert wenn sie mir auf der Straße entgegen gekommen wären.
Dabei war es komplett umgekehrt. Die Jungs haben sich von mir distanziert. Zwischen all den Fans und Groupies war plötzlich einfach keine Zeit und kein Interesse mehr für eine alte Freundin mit der man früher durch dick und dünn gegangen ist und damit hat vor fast einem Jahr alles angefangen.

Wir haben nichts mehr miteinander gemacht, haben uns gemieden. Was ich in der Presse und im Fernsehen von ihnen gehört habe, fand ich künstlich und einfach nicht wahrheitsgemäß. Protziges Getue und überhebliche Starallüren die weder zu den Zwillingen noch zu ihren beiden Kumpels Georg und Gustav gepasst haben.

Ich hab ihnen das irgendwann gesagt, weil es mir in der Seele weh getan hat, zusehen zu müssen wie aus guten Menschen öffentliche Marionetten werden, die sich so beschissen verhalten wie es die Welt von ihnen erwartet.

Und damit habe ich den Supergau hervorprovoziert.

Das Streitgespräch mit Bill und Tom werde ich nie vergessen. Damals habe ich mich von ihnen und unserer gemeinsamen Vergangenheit losgesagt. Und jetzt bin ich hier und werde dazu gezwungen zwei Wochen mit ihnen nicht nur Haus an Haus, wie sonst jeden Tag, sondern Tür an Tür zu leben.
In einer Hütte, ohne Fluchtmöglichkeiten.

Nur weil mein Vater nach der Trennung von Ma sich ausgerechnet in Simone, die dummerweise ihren aktuellen Lebensgefährten verlassen hat, verguckt und die beiden meinen, sie müssen wieder dieselbe harmonische Atmosphäre wie früher schaffen.

Aber das geht nicht. Ich hab keinen Bock auf die beiden.
Und der Gedanke daran, dass das zwischen Simone und meinem Vater wirklich was Ernstes sein könnte und die beiden damit mehr oder weniger zu meinen Stiefbrüdern werden könnten, lässt mich fast mein Frühstück ein zweites mal sehen.

Aber mich fragt hier ja keiner.

Mein Vater hupt zweimal, steigt dann aus.

Wir haben Herbstferien und in Deutschland ist das Wetter noch recht angenehm, aber hier im hohen Norden, bläst mir bereits jetzt durch die geöffnete Autotür eiskalter Wind ins Gesicht und ich friere wie ein Schneider.

Scheiß Finnland.

Ich sehe durch die Windschutzscheibe wie die Tür der Blockhütte sich öffnet und die schlanke Silhouette Simones im Türrahmen erscheint.
Sie ist hübsch, ich kann meinem Vater nicht verübeln, dass er sie attraktiv findet. Und zu allem Überfluss mag ich sie auch noch. Sie ist wirklich nett, immer sehr offen und gutmütig.

Ich kann nicht verstehen, wie sie zulassen kann, dass ihre einzigen Kinder zu skrupellosen Volldeppen werden.

Mürrisch steige ich aus, als ich sehe wie mein Vater Simone enthusiastisch begrüßt und sie herzlich in den Arm nimmt. Ich schnappe mir meinen Rucksack und meine Tasche, strecke meine von der langen Anfahrt steifen Glieder und laufe dann durch den eisigen Wind, der durch die dichten skandinavischen Tannen heult, auf den Eingang der großen Blockhütte zu.

„Hallo Simone.“, sage ich und versuche so freundlich wie möglich zu klingen.

Zwischen unserem Verhältnis hat sich seit damals eigentlich nichts verändert.
Im Gegenteil.
In wenigen stillen Momenten ist sie wie eine Ersatzmutter für mich gewesen und ich will es sie nicht wieder und wieder spüren lassen, wie ich wirklich über ihre geliebten Zwillinge denke.

„Schön, dass du es dir doch überlegt hast.“, sagt sie herzlich und nimmt mich in den Arm während ich meinem Vater über ihre Schulter einen bösen Blick zuwerfe.
Überlegt? Ich hab mir gar nichts überlegt, ich wurde gezwungen.
„Die Jungs werden sich bestimmt freuen.“, sagt sie dann und ich würde innerlich am liebsten losheulen.

Bis gerade eben hatte ich wenigstens noch vage die Hoffnung, dass Bill und Tom sich vielleicht mit der Gewalt ihrer beider Megasturschädel gegen Simone durchgesetzt haben und zuhause geblieben sind, aber, auch wenn ihre Mutter die Sänfte in Person ist, wenn sie will, kann sie ein Machtwort sprechen.
Auch gegen ihre vergötterten Söhne.
Und das scheint dieses mal wohl auch der Fall gewesen zu sein.

Und ja klar, die Jungs werden sich genauso freuen wie ich. Dass ich nicht lache.

Jedenfalls bittet sie mich damit ins Haus und ich laufe durch den kleinen Gang ins gemütliche Innere der rustikalen Behausung.

Ich hab den Urlaub hier früher wirklich geliebt. Die Hütte ist toll. Mit ihren drei Stockwerken die sich aus Keller, Erd- und Dachgeschoss zusammensetzt.
Oben sind drei Schlafzimmer und ein Bad, eine kleine Bibliothek mit Lesezimmer und Kamin.
Ein Stock tiefer ist das große Wohn- und Kaminzimmer und die Küche, das Esszimmer mit dem zweiten großen Bad und zwei weiteren Schlafzimmern.
Im Keller ist der Lagerplatz für Brennstoff und Holz, ein Hobbyraum mit Tischtennisplatte und zwei Fitnessgeräten, und, ganz typisch finnisch, eine Sauna.

Ich weiß, dass wir früher hier viel Spaß hatten, aber heute ist das anders.

Ich betrete das warme Wohnzimmer, bin wenigsten von der Temperatur angenehm überrascht. In unfreudiger Vorahnung schlägt mein Herz schneller und ich bereite mich innerlich auf die Konfrontation mit meinen ehemals besten Freunden vor.

Eins ist klar, in den nächsten beiden Wochen wird selbst der Teufel persönlich sein Augenmerk hier her richten. Weil von uns selbst der noch was lernen kann.

* * *

Angespannt schleiche ich mich durch das Wohnzimmer. Das Feuer im Kamin brennt wohlig und ich sehe mich unsicher um, immer auf die erste Begegnung gefasst.

Das Haus ist in einem etwas rustikalen, merkwürdigen Stil gebaut. So führt die Treppe ins Dachgeschoss nicht wie in anderen Häusern aus dem Gang durch den ich gerade rein gekommen bin nach oben, sondern aus dem Wohnzimmer, weil hier der Kamin ist und damit der Wärmepunkt des Hauses.

Auch die beiden Schlafzimmer auf diesem Stockwerk sind direkt angrenzend ans Wohnzimmer, vom Gang aus führen drei Türen lediglich ins Bad, in die Küche und zu den Treppen in den Keller.

Die Decken sind nicht besonders hoch, schließlich bedeuten hohe Räume verschenkte Wärme und dieser Aspekt macht dieses Haus zusätzlich gemütlich.
Gott, wie oft bin ich mit den Zwillingen vor diesem Kamin gehockt und hab irgendeinen Mist gemacht.
Unter normalen Umständen würde ich mich hier wirklich wohl fühlen…aber so...

Ich schleiche also am Esstisch vorbei, lausche in das stille Knacken der brennenden Holzscheite im Kamin und setze dann den ersten Fuß auf die knarrenden Dielen der Treppe.

Klasse, macht das einen Lärm.

Auch hier überkommen mich tausende Erinnerungen daran wie wir uns nachts Hand in Hand runter geschlichen haben, um uns was Süßes aus der Küche zu klauen.

Mein Gott, so oft waren wir hier schon und mein Gott, hat sich viel verändert. Es ist einfach alles anders. Alles.

Meine Sinne arbeiten auf Hochtouren als ich im Dachgeschoss ankomme und mich unsicher den drei Türen der Schlafzimmer, der des kleinen Bades und der der Bibliothek gegenüber sehe.

Wir hatten immer jeder unser eigenes Zimmer, weil die Eltern die großen Doppelschlafzimmer im Erdgeschoss benutzten, aber ganz früher haben wir uns zu dritt meistens in ein und dasselbe Bett gedrängelt. Erstens, weil es zu den fiesen Jahreszeiten im Dachgeschoss manchmal trotz dem Kamin in der Bibliothek schweinekalt werden kann und zweitens weil wir so die ganze Nacht lang Blödsinn machen konnten.

Aber Betten haben wir uns bereits vor drei Jahren nicht mehr geteilt. Und eins ist sonnenklar, dieses Jahr werden wir das auch nicht tun.
Alleine der Gedanke, Wand an Wand mit denen zu pennen, macht mich krank.

Ich erinnere mich zu gut, welches mein Zimmer ist und ich passiere die Badtür.
Die Zwillinge haben urkomischerweise die so genannten Twinrooms bewohnt, die dem Bad direkt gegenüberliegen und original identisch zueinander gebaut sind. Um das ganze perfekt zu machen sogar mit Durchgangstür zwischen den beiden Zimmern.

Es sind einfache Zimmer, aber zum rumtoben und Verstecken spielen war das hier gigantisch.

Am hinteren Ende des Ganges ist die geräumige Bibliothek aus der mir wohlige Wärme entgegenschlägt. Der Kamin hier oben brennt bereits und darüber bin ich froh.
Auch wenn es noch nicht Winter ist, kalt ist es allemal.

Dann betrete ich mein altes Zimmer und die Erinnerungen erschlagen mich fast.

Es ist anders eingerichtet als die Twinrooms, im Gesamtmaß ein kleines bisschen größer, mit einem breiteren Bett.
Darum sind die Zwillinge, wenn wir irgendwo zusammen gepennt haben, immer zu mir gekommen und damals fand ich es supertoll eingekuschelt zwischen den beiden einzuschlafen.
Das kleine Fenster ist mit direktem Blick auf den See, in dem sich auch jetzt freundlich der Mond spiegelt und die Couch in der hinteren rechten Ecke mit dem kleinen Tisch hat uns immer als Kartenspielplatz gedient.

Gott, ist das krank. Das alles kommt mir vor als ob es Lichtjahre zurück liegen würde. Heute kann ich mir ja noch nicht mal mehr vorstellen im gleichen Zimmer mit ihnen zu sein.

Ich werfe angepisst meinen Taschen aufs Bett, verdränge damit die alten Erinnerungen und erkenne die negativen Aspekte. Kein Fernsehen, kein Telefon und das Schlimmste, ich muss mir auch noch das Bad mit diesen Idioten teilen.

Aber noch hat es der liebe Gott gut mit mir gemeint und mir ein Aufeinandertreffen erspart. Ich schätze, dass sie entweder in der Küche oder wie üblich im Keller beim Pingpong spielen sind.
Also kann ich getrost in aller Ruhe meine Taschen ausräumen. Warme Pullis und meine Lieblingskuschelhosen haben meine Auswahl an vorderster Front bestimmt.

Ich verräume alles, stelle meinen kleinen Diskman und die Boxen auf die Kommode und haue das neue Nickelback Album vor den Laser. Ich brauch jetzt dringend was zum runter kommen.

Bereits die rockigen Klänge des ersten Liedes wischen meine Angespanntheit beiseite und den Rest meiner Mitbringsel räume ich viel unbekümmerter aus.

Sollen die beiden Idioten doch machen was sie wollen. Ich werde viel lesen, Musik hören und mich vom Schulstress erholen.
Schließlich ist das Kind eh schon in den Brunnen gefallen. Es bringt mir gar nichts, wenn ich jetzt die nächsten zwei Wochen pausenlos schmolle.

Danach beschließe ich, wenn auch zähneknirschend, runter zu Simone und meinem Vater zu gehen um zu sehen ob ich ihnen beim Abendessen irgendwie helfen kann. Schließlich kann ich mich nicht ewig davor drücken und irgendwas sagt mir, dass ich es lieber gleich hinter mich bringe, dann ist zumindest die erste Anspannung weg.

Schon als ich im engen Treppengang auf dem Weg nach unten bin, höre ich die mittlerweile durch den Stimmbruch tiefer gewordenen Stimmen der Zwillinge und ich bleibe stehen, schließe für einen kurzen Moment meine Augen und mache mich bereit für den Kampf.

Wenige Sekunden gebe ich mir, bereite mich innerlich auf kalte Arroganz und Abneigung vor, wappne mich gegen böse Worte und Verachtung, dann hole ich tief Luft und betrete das Wohnzimmer.

Und dann stehen sie vor mir. Beide.

Die kleinen verspielten Kinder haben sich in großgewachsene, völlig unterschiedliche Jungs verwandelt und auch wenn ich ihnen ab und zu ungewollt über den Weg laufe, fällt es mir merkwürdigerweise jetzt zum ersten Mal auf, was wirklich aus ihnen geworden ist.

Tom trägt breite Jeans, extrem tiefsitzend. Sein Shirt ist XXL, unter der Cap trägt er die wilden Dreads zusammengebunden nach hinten.
Die Haare hatte er schon vor drei Jahren so, aber das Piercing in seiner Lippe hat er noch nicht so lange.

Und obwohl sein Style so extrem ist, toppt ihn sein Bruder noch.

Bill war schon immer ausgeflippter als Tom.
Sein Wesen hat mich schon als kleines Kind immer fasziniert. Seine Ideen waren immer die fantasievollsten, seine Art schon damals immer absolut unberechenbar.

Heute würde ich sagen, ist er ein eigenes Mysterium für sich, außer vielleicht seinem Bruder wird niemand wirklich wissen, was in diesem unglaublich sturen Verstand vorgeht.

Nichts lässt mehr auf den kleinen süßen Bengel zurückschließen.

Seine Haare sind zu wilden Spikes nach oben gegeelt, lange Strähnen fallen über sein linkes Auge, die er für mich völlig unverständlicherweise schon seit Jahren mit schwarzem Kajal betont. Das Piercing in seiner Braue hat er sich ungefähr ein halbes Jahr vor Toms Lippenpiercing stechen lassen, der Metallstab durch seine Zunge kam fast in derselben Woche in der wir vor einem Jahr unseren Riesenstreit hatten.
Ebenso wie die bescheuerte Tätowierung in seinem Nacken.

Seine Schultern sind deutlich breiter als früher, die Klamotten wilder, meist zerrissen und genauso schwarz wie seine Fingernägel.
Seine Haltung wirkt souverän und selbstüberzeugt.
Aber so war er früher auch schon.

Sie mustern mich fast genauso intensiv, in ihrem Blick liegt dieselbe Härte wie in meinem.

Und so stehen wir uns also sekundenlang schweigend wie feindliche Soldaten gegenüber und starren uns an, sondieren die Lage und versuchen krampfhaft die aufgestauten Emotionen inne zu halten, die bei beiden Parteien bereits jetzt wieder kurz vorm überkochen sind.

Aber auch nur weil Simone und mein Vater mit gerade mal 2 Metern Abstand das Spektakel beobachten.
Ansonsten wären wahrscheinlich längst irgendwelche Beleidigungen gefallen.

Und dann entwerfe ich meine Strategie, verändere meine Mimik und nehme ihr die Härte, fange an schwach zu lächeln.

„Tom…“, sage ich damit und sehe ihn an, nicke ihm leicht grüßend mit dem Kopf zu.
„…Bill…“, kommt es nicht minder freundlich hinterher und auch ihm schenke ich ein, für die beiden völlig durchsichtiges falsches Lächeln, aber zumindest Simone und mein Vater werden den guten Willen in meiner Handlung vermuten.

Und das wiederum bedeutet, eins zu null für mich, denn auch wenn wir mittlerweile keine Kinder mehr sind, wenn wir versuchen hier gegen unsere Eltern zu spielen tun wir uns keinen Gefallen.

Sie erwidern beide ein geknurrtes „Hallo“ und dann laufe ich lächelnd an ihnen vorbei auf Simone zu, frage sie in meiner süßesten Stimme ob ich ihr beim Kochen helfen kann.

Oh ja, wenn ich einen auf freundlich mache, wird den beiden der Kragen platzen. Das ist klar.

Ich liebe diese Strategie jetzt schon.

* * *

Mein Vater und Simone sind bester Stimmung, lachen und quatschen unentwegt das gesamte Essen durch.

Zwischen den Zwillingen und mir herrscht Grabesstille.

Als wir fertig sind und ich aufstehe um Simone beim abräumen zu helfen, erheben sich die beiden selbstgefällig ebenso, aber anstatt sich einen oder zwei Teller zu schnappen um sie in die Küche zu tragen, laufen sie wie weibliche Diven ohne ein Fingerchen zu krümmen vom Tisch und verschwinden im Keller.

Sekundenlang starre ich ihnen fassungslos nach und auch als ich schließlich mit Simone in der Küche den Abwasch mache, muss ich mich beherrschen das Geschirr in meiner Hand nicht zu zerdeppern.

Gott, früher waren sie nicht so.

Vor dieser ganzen Rockstarsache haben sie ihrer Mutter immer geholfen, waren sich für nichts zu schade. Heute aber benehmen sie sich so, als hätten sie einfache Arbeiten nicht mehr nötig. Schließlich verdienen sie mit ihren Songs Millionen, bringen Mädchen in jeder Stadt vom Boden- bis zur Nordsee zum kreischen und bekommen auch ansonsten von allen Menschen um sie herum immer jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Würde mich ja mal interessieren, ob sie sich überhaupt noch selbst den Hintern wischen, oder ob sie dafür auch einen eigens angeheuerten Lakaien haben.

Verzogene Rotzbande.

Ich wusste immer, dass Ruhm Menschen verdirbt. Und ich hab damals als alles mit Tokio Hotel angefangen hat, bereits böse Dinge gesehen, die keiner der beiden und auch nicht ihre Mutter, gesehen haben.
Aber die Twins waren so normal und bodenständig, dass ich dachte sie würden damit klar kommen.
Pustekuchen.
Als „Durch den Monsun“ veröffentlicht wurde und binnen einer Woche die Charts stürmte, hat es angefangen. Von Tag zu Tag hab ich kleine Veränderungen festgestellt.
Dinge wie Verabredungen die sie nicht eingehalten haben, kleine Lügereien die aufgeflogen sind.
Dann kam das Album und der gigantische Erfolg hat uns alle erschlagen. Auch mich. Schließlich hab ich sie bis zu diesem Zeitpunkt unterstützt wo ich nur konnte und ich hab mich damals wirklich für sie gefreut. Weil es genau das war was die beiden immer wollten. Erfolgreich sein durch das was sie am liebsten tun. Musik.

Dann wurden die Pressekonferenzen häufiger, die Terminpläne voll gestopfter. Die Weiber hysterischer.
Wegen des Hypes mussten sie die Schule abbrechen und mit jedem weiteren Interview wurden die Sprüche und Aussagen hirnloser, die Posen cooler.
Aus anständigen Jungs wurden respektlose Phrasendrescher, die nichts als Groupies, Geld und Party im Sinn hatten und irgendwann hab ich es nicht mehr ertragen.

Ich weiß nicht, ob es wegen der heulenden Rothaarigen war die an meiner Haustür klingelte um von mir aus ein zu Taxi rufen, weil Tom sie nach einem kurzen aber heftigem Affärchen einfach aus dem Haus geworfen hat oder ob es Bill und sein völlig abgedrehter Alpha-Tier-Tick war.

Ich weiß es nicht mehr. Aber irgendwann konnte ich es nicht mehr ertragen und darauf kam die Aussprache.

Wir haben geschrieen, uns gegenseitig Vorwürfe gemacht…und dann ist knallhart von heute auf morgen eine fast lebenslanger Kontakt abgebrochen, versunken in gegenseitiger Verachtung und Antipathie.

Über ein Jahr geht das so ständig hin und her…und jetzt sind wir hier.
Zusammengepfercht wie Tiere im Stall, ohne wirkliche Möglichkeit uns aus dem Weg zu gehen.

Wir werden uns gegenseitig umbringen.

* * *

Die Zwillinge hab ich gestern gar nicht mehr gesehen. Ich bin früh ins Bett gegangen, weil ich von der Herfahrt immer noch so müde war.
Jetzt werde ich von der jungen Morgensonne Finnlands geweckt und als ich mit nackten Füßen auf das blanke Holz der Dielen trete, zum Fenster laufe und es öffne, bin ich im Gegensatz zu gestern von der Schönheit dieses Landes fasziniert.

Die Luft ist klar und wenn auch frisch, eine Wohltat für meine Lungen. Die Strahlen der Sonne glänzen auf dem ruhigen See, die Berggipfel in der Ferne sind dicht mit Schnee bedeckt.
Den Temperaturen nach könnte es selbst in den nächsten zwei Wochen auch hier zu Schneefall kommen.

Müde strecke ich alle meine Glieder, gähne herzhaft vor mich hin. Wenn ich mich nachher warm anziehe, kann ich vielleicht einen Spaziergang um den See machen. Schließlich brauch ich mich vor den wilden Tieren tagsüber nicht allzu sehr fürchten. Die machen sich lieber im Dunkeln an Beute ran.

Es wird kühl in meiner kurzen Schlafhose und dem T-Shirt, darum werfe ich mir schnell den Bademantel über und verlasse nach kurzem Lauschen das Zimmer, schleiche ins Bad.

Mein Spiegelbild zeigt mir blaue Augen, schwarze, glatte lange Haare und einen angenehmen Teint.
Die Schule hat mich in den letzten Wochen wirklich schwer gestresst und auch wenn man es mir nicht ansieht, ich brauche dringend Erholung.

Nach einer kurzen Dusche, föhne ich meine Haare, schminke mich. Es ist bereits kurz nach zehn als ich schließlich angezogen das Bad verlasse um nach unten zu Simone und Dad zu gehen.
Sicher wird es bald Frühstü…bleibt der Satz in meinem Kopf hängen und in den folgenden Sekunden verweigert mein Körper jede gängige Funktion.
Denken, Bewegen, Sprechen…alles auf Eis gelegt.

Glotzen krieg ich noch hin…und das dafür sehr gut.

Vor mir steht Bill.
Oberkörperfrei, lediglich mit tiefsitzenden Shorts bekleidet.
Seine Haare sind komplett verstrubbelt, er lehnt sich gegen die gegenüberliegende Wand, mit verschränkten Armen.
Seine Augen sind immer noch schwarz umrandet und dadurch wirkt er älter, sein Blick ist intensiv, abschätzend.

Oh Scheiße, was ist nur aus dem kleinen Jungen geworden?

„Musst du morgens soviel Lärm machen?“, fragt er patzig und trotz seiner giftigen Anmache muss ich mich schwer dazu zwingen von seiner Optik loszukommen, um ihm genauso unhöflich antworten zu können.

„Äh…“, fange ich an zu stammeln und versuche den Schock zu verstecken. Ich bin immer noch unsicher.
Aber verdammt, ich kenne ihn halbnackt nur als kleines Kind, nicht als gerade 17 Gewordenen. Und soviel sei gesagt, da hat sich verdammt viel geändert.
„…reg dich ab !“, zische ich gespielt cool und wende mich von ihm ab, laufe zur Treppe.

Dann höre ich wie er im Bad verschwindet, die Tür hinter sich zuknallt und ich lehne mich im Treppengang gegen die Wand, schließe für einen kurzen Moment meine Augen und hole Luft.

Guter Gott, damit soll er bloß aufhören. Auf solche Späße steh ich wirklich überhaupt nicht.

Wenn er denkt, dass er mich damit weich kochen kann, wie eines seiner hirnlosen Groupies hat er sich geschnitten.
Und ich bin mir ziemlich sicher, dass das berechnend war.
Ich habe gestern unbewusst einen Krieg eingeläutet und ich fürchte fast, dass Bill und Tom mit genauso harten Bandagen kämpfen werden wie ich.

Vielleicht sollte ich meine Hoffnung auf Erholung doch in den Wind schießen.

* * *

Als ich den Schock einigermaßen verdaut habe, bin ich zu Simone in die Küche gegangen und habe mit ihr zusammen das Frühstück vorbereitet.
Es macht mir nichts aus ihr zu helfen. Schließlich hab ich sonst nicht viel zu tun hier draußen.

Wir führen ein wenig Smalltalk. Aber wir meiden es über die Zwillinge zu sprechen. Das war schon immer so. Simone kann es einfach nicht ertragen, wenn ich ihr sage wie ich wirklich über die beiden denke.
Vielleicht weil sie weiß, dass ich recht habe und es ihr weh tut, zu sehen, was aus ihnen geworden ist.

Im Verhältnis zum Rest des Hauses ist die Küche recht klein, aber es stört nicht. Schätzungsweise wird eh keiner der drei männlichen Anwesenden diese Örtlichkeit jemals wirklich betreten und für Simone und mich ist sie groß genug.

Als das Frühstück fertig ist, brüllt Simone die Namen ihrer Lieblinge und ich verdrehe genervt die Augen. Mein Vater, der seit geraumer Zeit auch im Wohnzimmer rumwuselt, straft mich sofort mit einem drohenden Blick.

Boah, totale Kontrolle hier.

Aber Beavis und Butthead haben den Ruf ihrer Mutter vernommen und schlendern, mittlerweile Gott sei Dank angezogen, cool wie Rapper aus der bösesten Bronx an den Tisch, murmeln eine unhöfliche Begrüßung und fangen dann einfach an zu essen, obwohl Simone noch nicht mal am Tisch sitzt.

Ich bin also am frühen Morgen schon wieder auf 180 und lediglich der Blick meines Vaters hält mich zurück nicht wieder sofort eine Diskussion mit ihnen anzufangen.

Simone versucht durch das ganze Gespräch während des Frühstücks die beiden mit einzubeziehen, aber sie machen ihr eigenes Ding, kleben unentwegt an ihren Handys, verständigen sich schweigend untereinander mit dieser Nur-für-Zwillinge-Sprache. Dann klingelt Toms Handy auch noch und er geht ran, unterhält sich in den folgenden Minuten mit irgendeinem Kumpel über irgendeinen supergeilen Gig vor ein paar Tagen.

Gott, ich hab bestimmt selbst nicht die besten Manieren, aber mitten im Essen mach ich so was nicht. Und wenns mal wirklich wichtig ist, stehe ich kurz auf und gehe vom Tisch.

Ich bin so geladen, dass ich es dann nach fast zehn Minuten sinnlosem Gequatsche über Weiber, Fotoshoots und Partys einfach nicht mehr zurückhalten kann.

„Kannst du mal aufhören mit der scheiß Telefoniererei? Ich würd hier gern in Ruhe frühstücken.“, gifte ich zickig und sofort sieht jeder am Tisch zu mir her.

Auch wenn ich weiß, dass zumindest mein Vater und Simone ähnliche Ansichten haben, fürchte ich fast mit meiner vorlauten Fresse jetzt einen Fehler gemacht zu haben.

„Ich hör dann auf wenn ich fertig bin.“, erwiedert Tom nicht minder patzig und funkelt mich mit seinen braunen Augen überheblich an.

Ich sollte ruhig sein, aber ich kann nicht. Ich kann einfach nicht. Mein Temperament verbietet mir bei so was einfach still alles hinzunehmen.

„Dann würde ich sagen, dass du jetzt fertig bist.“

Da Tom mir direkt gegenüber sitzt, ist es nicht wirklich schwer in seinem Blick die Angriffslust zu erkennen und mittlerweile ist der Kollege an seinem Ohr nur noch Statist in einem eigens für unseren Krieg inszenierten Theater.

„Ich glaube nicht, dass ich schon fertig bin, Missy. Und wenn du hier schon so großkotzig von Benehmen quatscht … ich glaube nicht, dass es sich gehört als Gast in einem Haus so eine große Klappe zu haben.“

Wie ich es hasse, wenn er mich Missy nennt. Der und sein scheiß HipHop-Slang. Diese Drecksgetue ist doch so was von assig. Und außerdem, was erlaubt der sich eigentlich? Spielt er sich jetzt als Hausherr auf? Wie lächerlich ist das denn?

„Willst du damit andeuten, dass du mich rauswerfen willst?“, zische ich ihm biestig zu und aus den Augenwinkeln erkenne ich wie sich Simone und mein Vater hilflos ansehen, Bill neugierig vor sich hingrinst.

„Vielleicht!“

Oh das ist so typisch Tom. Er schlägt immer unter die Gürtellinie.

Ich bin schon kurz davor aufzuspringen und so sauer wie ich jetzt bin, würde ich aus dem Haus stürmen und schnurstracks Richtung Deutschland nach Hause laufen.

Aber dann mischt sich letztendlich Simone doch ein.

„Tom, Schluss jetzt. Leg auf und entschuldige dich bei ihr. Redet doch nicht immer so einen Unsinn.“

Tom und Bill sehen sofort zu ihrer Mutter, die am Ende des Tisches sitzt und jetzt eindeutig von ihrer Macht als Erziehungsberechtigte Gebrauch macht.

„Aber…“, fängt er an und ich werde wieder ruhiger, fange an zu lächeln, als ich sehe wie sehr es ihn ankotzt, dass sie ihn vor mir zurecht weist.

„Kein Aber. Leg jetzt auf.“

Und damit hält er den Telefonhörer wieder an sein Ohr, spricht provokativ trotzdem noch ein paar Sekunden über die letzte Party mit dem Typen und legt erst dann auf.

„Zufrieden?“, zischt er böse und sieht Simone ironisch an.

„Nein. Die Entschuldigung fehlt noch.“, entgegnet sie dann und ich krieg mich fast nicht ein vor lauter Grinsen, weil das hier Genugtuung pur für mich ist.

Aber ich hab mich zu früh gefreut.

„Du brauchst gar nicht so zu grinsen, junge Dame.“, fängt mein Vater nämlich an und ich sehe ihn mit aufgerissenen Augen fragen an.
„Du wirst dich bei Tom nämlich auch entschuldigen.“

„Was?“, kreische ich in der höchsten Tonlage die meine Stimmbänder hergeben.
„Wofür denn?“

Mein Vater nimmt die Brille von seiner Nase, fuchtelt damit gewichtig in meine Richtung und versucht neben Simone den erzieherischen Superheld zu markieren.

„Du hast den Streit schließlich hervorprovoziert.“, sagt er dann und ich bin kurz davor einen Anfall zu kriegen.

Als ob es den nicht auch genervt hätte, dass der kleinkarierte Megamacho da fröhlich vor sich hinplappert und uns das Frühstück ruiniert.

„Aber…“, fange auch ich an, aber ich werde da auf genauso verlorenem Posten stehen wie Tom.

„Fräulein, sofort!“

Und oh Gott, das klingt so diskriminierend. Als ob ich noch ein kleines Kind wäre.

Als mein Blick Bill streift muss ich schnell die Augen schließen um nicht doch noch zu explodieren, weil er nach wie vor selbstgefällig vor sich hingrinst.
Dann wende ich mich wieder Tom zu und in den nächsten Sekunden fliegen stumme, bitterböse Flüche über den Tisch, ehe wir uns beide gleichzeitig ironisch angrinsen und uns ein geheucheltes „Entschuldigung“ entgegen zischen.

Und damit ist es für Simone und meinen Vater gegessen, aber für uns drei ist das eine klare Kampfansage. Ohne Zweifel. Wir haben die erste Runde endgültig eingeleitet.


* * *

Auch heute nach dem Frühstück haben sich die Blödmänner einfach ohne einen Handschlag verzogen und sind in ihren Zimmern verschwunden. Zwar lässt mich das wieder brodelnd wie einen Dampfkochtopf zurück, aber zumindest belagern sie damit nicht wieder den Keller und ich kann ein bisschen runter, um was für meine Fitness zu machen.
Schließlich will ich die beiden technischen Geräte da unten nicht ungenutzt lassen.

Damit ziehe ich mir was Luftigeres an und gehe nach unten, bin froh, dass ich die Zwillinge in ihrem Zimmer nach wie vor reden höre.
Simone und mein Vater sind spazieren gegangen und damit steht einem ordentlichen Workout also rein gar nichts im Weg. Und nach dem Streit mit Tom brauch ich dringend eine Möglichkeit um Strom abzubauen.

Unten angekommen sehe ich mich unsicher um. Denn als ich den Hobbyraum betrete, erkenne ich, dass die Fitnessgeräte weg sind, ebenso die Pingpongplatte. Stattdessen steht da ein Tischkicker und ein Sofa. Und vor dem Sofa hängt an der Wand ein riesen TFT Breitbildfernseher plus kompletter DolbySuroundanlage, inklusive Receiver, Dvd-Player, X-Box und Playstation. Kein Wunder hängen die andauernd hier unten ab.
Und kein Wunder hat ihre Mutter sie hier her gekriegt. Schließlich weiß ich, dass die beiden es hassen irgendwo zu sein, wohin sie ihre Konsolen nicht mitnehmen können.

Aber was hier steht ist ein halbes Vermögen.
Na ja, Geld spielt für Familie Kaulitz ja erst mal keine Rolle mehr.

Ich bin nicht negativ überrascht, weil es ganz angenehm ist, zu wissen, dass man zur Not einen Fernseher im Haus hat, aber das dafür das Laufband und das Fahrrad weichen musste find ich scheiße. Wo lass ich denn jetzt meine Wut raus?

Ich betrete durch den umgewandelten Hobbyraum den Saunabereich, erkenne die gute alte finnische Holzsauna in der Ecke der kleinen gekachelten Kammer. Früher durften wir eigentlich nicht hier rein, weil wir zu jung waren. Ich denke aber, dass mein Vater jetzt keinen Terz mehr deswegen machen wird.

Vielleicht komme ich so ja doch noch zu ein klein wenig Entspannung.

Ich laufe zurück in den Hobbyraum, lasse mich auf das Sofa fallen und greife nach der Fernbedienung.

Ich schätze mal, es wird ihnen ganz und gar nicht passen, wenn ich mich hier einfach wie zuhause fühle, aber wenn sie mir schon das Laufband klauen, muss ich mich ja anderweitig beschäftigen.

Seelig entdecke ich, dass an diesem wunderschönen Sonntagmittag die Wiederholung von O.C. California läuft und damit lasse ich mich wegziehen aus der emotionalen und tatsächlichen Kälte Finnlands, hin zur sonnigen Wärme Orange Countys.
Ach, Sonne, Meer und geile Kerle. Herz was willst du mehr?

Es geht gerade mal 30 Minuten gut, dann höre ich wie jemand die Treppe runterkommt und ich wappne mich innerlich auf einen Sturm.

Ich sitze mit dem Rücken zur Tür, völlig gleichgültig höre ich Ryan intensiv dabei zu, wie er sich mit Seth über Marissa unterhält und tue so, als würde ich gar nicht mitkriegen, dass da jemand kommt.

„Was machst du denn hier?“, zischt Tom plötzlich hinter mir laut und ich rolle mit den Augen.

Der Kerl ist ein Hitzkopf. Schon immer gewesen. Allerdings war das früher einfach nur ein Mittel um seine eigentliche Unsicherheit zu überdecken.

Heute nutzt er es um Leute anzugreifen und zu verletzen.

„Ich sehe fern, siehst du das nicht?“, sage ich ohne mich zu ihm umzudrehen.

„Doch, das sehe ich. Aber wer hat dir gesagt, dass du das darfst?“

Ich lache innerlich, weil er sich so unglaublich peinlich aufführt. Wie im Kindergarten.
Schrecklich.

„Auf dem Fernseher steht kein Name.“, entgegne ich immer noch extrem gelassen und mache mir dann aus seiner Impulsivität einen Spaß.
„Ach so, halt, doch. Da steht Sony. Wenn ich den also sehe, frag ich ihn um Erlaubnis, ja?“

Er kommt ums Sofa auf mich zugelaufen und bleibt mir direkt in der Sicht stehen. Er gibt sich hier eher lässig, meistens ohne Cap. Die Dreads einfach nur zu einem Zopf am Hinterkopf gebunden.

Ich stöhne theatralisch, weil ich genau weiß, dass er jetzt wieder eine Diskussion mit mir anfangen wird.

Tom ist so unglaublich hitzig.
Aber das hab ich ja bereits erwähnt.

„Du bist ein neidisches Miststück, weißt du das eigentlich?“, spuckt er mir vor die Füße und jetzt sind wir auf dem Niveau angekommen auf dem wir uns normalerweise auf der offenen Straße zu unterhalten pflegen.
„Du gönnst es uns nicht und darum zickst du seit einem Jahr rum wie eine Geisteskranke.“

Boah, er schafft es aber auch mich mit nur zwei Sätzen auf die Palme zu bringen.

„Erstens bin ich nicht neidisch, Dreadman, sondern nur genervt von eurem dämlichen Divengetue und zweitens hat es nichts mit ‚nicht gönnen’ zu tun. Ich hab dir und deinem Bruder immer gewünscht, dass ihr es schafft, aber damals hab ich ja auch noch nicht gewusst, dass ihr euch mit dem Ruhm in oberflächliche Prolls verwandeln würdet.“

Ich starre Tom mit funkelnden Augen an, jedes Härchen auf meinem Körper ist senkrecht zum Himmel gestellt, ich bin so voller Strom, dass ich ein Kraftwerk speisen könnte.
Aber ich glaube ihm geht’s nicht anders.

Er hat fassungslos seinen Mund offen stehen, seine Augen sind kleine Schlitze geworden. Wenn wir nicht irgendwo tief in uns drin einen letzten Funken Respekt voreinander übrig hätten, würden wir uns vielleicht an die Kehle fallen.

Unerwartet höre ich hinter mir ein Geräusch, die selbstsichere Maske droht mir zu entgleisen.

Ich ahne wer das ist.

„Wenn du nicht neidisch bist, was ist es dann? Eifersucht?“, dringt Bills tiefe Stimme an mein Ohr und ich stehe auf, wende mich ihm zu.

Mir ist schon beim Frühstück aufgefallen, dass auch er hier seine Haare nicht wie in der Öffentlichkeit üblich streng nach oben stellt, sondern sie fast so lässt wie sie sind. Verstrubbelt, den Pony weich über die Augen fallend.
Es nimmt ihm ein Stück von der optischen Wildheit, aber ich weiß dass mich das auf keinen Fall täuschen darf.

„Worauf sollte ich eifersüchtig sein?“, zische ich deutlich aufgewühlt in seine Richtung und seine selbstsichere Haltung irritiert mich.

„Ich weiß es nicht. Darum frage ich ja dich. Versuch doch mal mir zu erklären warum du mit den Groupies so ein Problem hast.“

Und jetzt steht mein Mund offen. Und zwar sperrangelweit. Wie kann er es nur wagen über diese Grenze zu treten?
Sein Blick durchbohrt mich fast, die Härte in seinen Gesichtszügen schüchtert mich ein.
Ich stehe zwischen den Zwillingen und ich weiß, dass ich in dieser Position schlechte Karten habe.
Mit Tom im Rücken ist Bill unschlagbar was den offenen Angriff betrifft.

Und trotzdem kontere ich.

„Ich hab mit den Groupies an sich kein Problem, sondern damit was ihr mit ihnen macht.“, fauche ich laut und in mir drin ist alles kurz davor über zu kochen.„Rumficken und damit angeben ist doch alles wozu ihr sie benutzt.“

Bill lehnt sich gegen den Rahmen der Tür, extrem lässig und von sich selbst überzeugt. Kleiner, blöder…Argh!

„Woher willst du das wissen?“

„Ich weiß es eben.“

Presse, Fernsehen, Internet…was es da Fotos gibt…man lebt ja schließlich nicht hinterm Mond. Und bei Tom hab ich es ja selbst live mitgekriegt.

„Selbst wenn es so ist…was geht dich das an?“, lässt er dann nicht locker und seine Lippen verziehen sich zu einem fiesen Lächeln.
„Doch eifersüchtig?“

Ich raste gleich aus.

„Worauf sollte ich eifersüchtig sein, du Blödmann? Meinst du ich bin scharf auf dich oder Tom?“
Oh, blöder Konter.
„Nee, danke. Ich bin doch nicht bescheuert.“

Jetzt lacht auch Tom hinter meinem Rücken und ich fühle mich schrecklich. Fast so als ob ich ihnen in die offene Falle getappt wäre.

„Bist du nicht?“, fragt Bill mit gesenkter Stimme und elektrisierendem Blick und ich spüre wie mir heiß wird.

Erstens, weil ich so sauer bin, dass ich fast nicht mehr sprechen kann vor Zorn und zweitens, weil es mir peinlich ist, wie ich gerade reagiere. Ich sollte ruhig bleiben und mich hier nicht so zum Affen machen.

Aber es war mir fast klar, dass Bill meinen Glotz-Anfall von heute morgen gegen mich verwenden würde.
Dass er es allerdings so fies tun würde, hätte ich nicht gedacht.

Die Linie die er da überschreitet war noch nie Thematik zwischen uns dreien. Wir waren immer nur Freunde oder Feinde. Andere Gedanken sind mir nicht in den Sinn gekommen, oder habe ich mir nicht in den Sinn kommen lassen, aber als Bill heute Morgen so halbnackt vor mir stand, musste ich schon zugeben, dass ich ihn zumindest optisch attraktiv fand.

„Blöder Scheißkerl.“, ist alles was ich in meiner Scham bebend herauskriege, dann stürme ich aus dem Raum, auch wenn ich hiermit einen klassischen Rückzug begehe.

Aber das Terrain war zu uneben, ich wusste nicht, wie Bills nächster Zug ausgesehen hätte und das war mir zu gefährlich.

Wütend stürme ich die Treppen nach oben und knalle die Tür meines Zimmers zu. Ich haue mir Nickelback um die Ohren, werfe mich kochend aufs Bett und wünsche den beiden Wichsern in Gedanken die Pest an den Hals.

Wie kann man sich nur so verändern? Was ist nur aus den liebenswürdigen Jungs geworden?

Ist denn davon gar nichts mehr übrig, gibt es nur noch die arroganten Idioten?

Gott, wie konnte mir mein Vater das nur antun? Warum musste er mich dazu zwingen hier her zu kommen?

Trotzig bleibe ich lange in diesem Gedanken hängen, dann rapple ich mich auf und wische ihn beiseite. Ich hab soeben eine Schlacht verloren, nicht den Krieg. Ein strategischer Rückzug ist immer besser als eine Niederlage.

Jetzt werde ich mich runterfahren und gegen Abend an meiner weiteren Vorgehensweise rumfeilen.

* * *

Den Rest des Tages versuche ich den beiden so gut es geht aus dem Weg zu gehen. Und das fällt mir nicht immer einfach, denn auch wenn das Haus recht geräumig ist, zumindest zu den Essenszeit bestehen Simone und mein Vater darauf, dass wir uns zusammen an einen Tisch setzen.

Es gab zwischendurch noch mal eine heftige Streitszene zwischen Tom und mir, weil der der Meinung war mittels Gitarre und Verstärker im Zimmer nebenan die Toten zu erwecken und wenn ich was nicht ertragen kann, dann wenn ich dem wieder und wieder beim klampfen von irgendwelchen blöden Teenie-Songs zuhören muss.

Danach gabs fast ne handgreifliche Auseinandersetzung zwischen Bill und mir weil es in unserem kleinen gemeinsamen Bad bereits heute aussieht als hätte eine Bombe eingeschlagen und Gott weiß, ich als Mädchen verwende schon viel Scheiß zum Schminken und Pflegen, aber was der mit sich rumschleppt ist ja wirklich rekordverdächtig.

Außerdem fahren überall ihre Klamotten rum.
Auf der Treppe, in der Bibliothek, im Flur, im Bad…überall…ich könnt durchdrehen, am laufenden Band.

Irgendwann gegen Ende des Tages haben sie sich dann auch noch lautstark mit Musik aus ihren mitgebrachten Anlagen bekriegt und eins sei gesagt, es gibt nichts Schlimmeres als wenn Green Day versucht Samy Deluxe in Grund und Boden zu grölen und umgekehrt.

Letztendlich stehe ich also kurz vor einem Herzinfarkt als wir zu fünft am geräumigen Esstisch im Wohnzimmer sitzen.

Da Simone und mein Vater den ganzen Tag außer Haus waren, haben sie von der Lärmbelästigung und den Streits nichts mitgekriegt, kein Wunder also, dass sie bester Laune sind. Dieses glückliche Glucksen der beiden über irgendwelche tollen Sehenswürdigkeiten bringt mich fast zum Kotzen.

Am Esstisch geht der Psychoterror natürlich weiter. Böse Blicke, kleine Sticheleien… Es kostet mich mehr Kraft als ich zuerst dachte.

Aber das Ganze eskaliert erst, als mir ein Missgeschick passiert. Im Wohnzimmer, vor unseren Eltern.

Ich habe mich bereitwillig dazu erklärt aus der Küche noch Soße zu holen.
Ganz Tollpatsch wie ich eben immer schon bin, stolpere ich mit dem vollen Topf in der Hand über einen Teppichrand, die Soße macht sich selbstständig und schwappt natürlich auf Tom, über sein T-Shirt und die Hose.
Aber als ob das nicht genug wäre, kriegt auch noch Bill die Hälfte ab und zwar genau auf die tolle neue Mörderlochhose, die er erst letzte Woche beim Echo getragen hat.

Es dauert zwei Sekunden der Erkenntnis, ehe sie explodieren.

„Du blöde Kuh!“, brüllt Tom und springt auf.
„Das hast du mit Absicht gemacht.“

„Hab ich nicht.“, schreie ich genauso laut.

Er reibt sich ohne Rücksicht auf den Teppichboden, der ohnehin auch genug abgekriegt hat, die Soße vom Oberkörper, seine Augen sprühen vor Zorn.

„Weißt du wie heiß die Scheiße ist?“

Ich laufe zu ihm, will ihm aus Reflex mit einem Lappen behilflich sein, aber er schlägt meine Hand grob weg, flüchtet fluchend in die Küche um sich selbst sauber zu machen.

„Es tut mir Leid.“, jammere ich und meine das auch wirklich so.

Ich wollte den Supergau nicht hervorprovozieren.

Bill steht jetzt auch auf, von seiner Hose tropft die dunkle zähe Flüssigkeit in großen Klumpen ebenfalls auf den Boden und auch in seinen Zügen sehe ich bitteren Zorn.

„Gar nichts tut dir Leid, du Biest.“, brüllt er giftig und knallt die Gabel die er bis gerade in der Hand hielt auf den Tisch.
„Du bist echt zu nichts zu gebrauchen.“

Und damit versetzt er mir für heute den Todesstoß. Ich weiß nicht warum, aber seine letzte Beleidigung gibt mir das Gefühl noch unbedeutender für sie zu sein als ein Feind.
Ich bin auch nicht mehr wert als einer ihrer Diener und das haben sich mich soeben spüren lassen.

Tränen machen sich bei mir bemerkbar, als ich Bill in die stechend bösen Augen sehe und mir die ganze Verachtung geballt entgegen springt. Ich kann nicht anders. Ich breche zusammen. Kapituliere unter seinen Blick.

Ich schlage die Hände vor mein Gesicht und renne auf die Treppen zu, verschwinde in meinem Zimmer und werfe mich aufs Bett, lasse erst mal die so lange überfälligen Emotionen aus mir herausbrechen.

Ich kann nicht damit umgehen. Es ist einfach zu viel.

* * *

Lange habe ich die Diskussionen noch aus dem Erdgeschoss gehört, aber bald haben sowohl mein Vater wie natürlich auch Simone eingelenkt und versucht die ganze Sache runterzuspielen.

Ich habe versucht mich zu beruhigen, was mir dieses Mal wirklich unglaublich schwer fiel. Denn sie haben mich schwach gesehen. Ich habe geheult. Vor ihnen. Oder zumindest vor Bill und das kotzt mich mehr als nur tierisch an. Denn eigentlich sollten sie mich nie so verletzlich sehen.
Aber ich fasse mich, sehe ein, dass es keinen Sinn macht, mich den ganzen Abend in mein Zimmer zu sperren und rumzujammern. Ich muss mich ablenken.

Und damit erhebe ich mich wieder, verlasse mein Zimmer und betrete die kleine Bibliothek deren Tür direkt an meine grenzt. Der Kamin ist auch jetzt kräftig am lodern und die beiden großen Ohrensessel die davor stehen, laden gerade dazu ein, sich jetzt davor zu setzen und ein gutes Buch zu lesen.

Ich weiß nicht genau, wer die Bibliothek angelegt hat, oder warum hier in dieser Blockhütte überhaupt eine ist, aber ich könnte mir vorstellen, dass es die Großeltern der Kaulitz-Sippschaft waren. Schließlich sind manche der Bücher bereits ziemlich alt und ich denke mal, dass der Sinn einfach darin liegt sich hier oben nicht zu Tode zu langweilen.

Die Bibliothek ist an der Stirnseite des Hauses, zwei Fenster links und rechts machen das Zimmer bei Tag freundlich hell. Insgesamt stehen 4 Regale hier. Zwei an den hinteren Wänden und zwei neben dem Kamin. Alles hier drin wirkt massiv und robust, auch die Fenster, durch die man direkt auf den See und in den dunklen Wald hinterm dem Haus sehen kann.
Langsam gehe ich durch die staubigen Reihen voller Bücher, passiere großartige Epochen prägende Werke wie ‚Moby Dick’, ‚Romeo & Julia’ und ‚20000 Meilen unter dem Meer’.

Und ich bleibe schließlich hängen bei Jules Verne schnappe mir seine ‚Reise zum Mittelpunkt der Erde’ aus dem Regal und setze mich in einen der Sessel, schlage die erste Seite auf.
Und dann versinke ich in der Geschichte eines größenwahnsinnigen Professors, der das Leben seines Neffen riskiert um der fixen Idee nach zu gehen den Mittelpunkt der Erde zu finden.
Ich bin so in der Handlung verstrickt, dass ich nicht bemerke, dass es bereits stockdunkel ist und jemand hinter dem großen Ohrensessel die Bibliothek betritt.

Erst das „Hey!“, reißt mich aus meiner vollkommenen Abwesenheit.

Als ich unsicher um die dicke Lehne des Stuhls zur Tür stehe, erkenne ich im dunklen Flackern des Feuers Bill und ich schließe unbewusst für einen kurzen Moment meine Augen, stöhne innerlich.
Ich hab jetzt keine Lust auf seine Gemeinheiten.
Wenn er mich beleidigt, tut es mir fast noch mehr wie bei Tom, weil seine Beleidigungen oft einen wahren Punkt, härteren Tiefgang, haben.

„Was willst du?“, frage ich darum gleich in Abwehrhaltung.
„Darf ich auch nicht in die Bibliothek oder willst du mich einfach nur wieder fertig machen?“

Er betritt das Zimmer und kommt auf mich zu, bleibt direkt neben dem Sessel stehen.

Seine Augen mustern mich intensiv, für wenige Sekunden suche ich den kleinen Jungen den ich so sehr geliebt habe.
Finde ihn nicht.

Ich sehe wieder von ihm weg und erwarte irgendeine blöde Bemerkung.

„Es tut mir Leid. Was ich da unten gesagt habe, war so nicht gemeint.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Nicht mit mir. Erzähl deine Lügen jemand anders.

„Lass den Scheiß. Dich hat doch deine Mutter hierzu gezwungen.“

Sein Blick wird finster, seine Mundwinkel zucken gereizt.

„Ich lass mich zu nichts zwingen. Und schon zweimal nicht zum entschuldigen.“
Und damit sehe ich ihn fragend an, mustere ihn nachdenklich von oben bis unten.
„Du kannst hier rumhocken sooft du willst.“, spricht er dann ein wenig ruhiger weiter und zum ersten Mal wird mir bewusst wie unglaublich schön er seit dem Stimmbruch klingt, wenn er mich mal nicht anbrüllt.
„Runtergehen zum Fernsehen kannst du auch. Schließlich sind wir nicht mehr im Kindergarten, auch wenn wir uns alle drei manchmal so benehmen.“
Hallo? Sitzt bei mir jemand auf der Leitung? Ist Bill gerade echt nett zu mir?
„Wir müssen wohl oder übel die beiden nächsten Wochen miteinander auskommen und ich finde wir sollten das Beste daraus machen und uns nicht die ganze Zeit anstressen, auch wenn das schwer werden wird.“

Ich schüttle kurz den Kopf um klar zu kommen, dann sehe ich wieder zu ihm hoch. Er starrt mittlerweile ausdruckslos direkt ins Feuer, ohne zu blinzeln. Seine Hände stecken in seinen Hosentaschen, frische Hose wohlgemerkt, er spielt mit dem Piercing in seinem Mund, schiebt die Kugel sichtbar zwischen seine Zähne und lässt sie wieder verschwinden.

Und wieder sucht mein Kopf krampfhaft den Zusammenhang mit dem kleinen Kind der er in meiner vergangenen positiven Erinnerung ist und vergleicht ihn mit heute.
Es ist unglaublich, was aus ihm geworden ist.

„Das klingt nach einem Waffenstillstand.“, sage ich nach einer wortlosen Ewigkeit und versuche meinen Blick von seinem Gesicht loszureißen.

„So in etwa.“

„Wie lange wird er halten?“

Er zuckt mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht, aber ich finde der Versuch ist schon mal viel wert.“

Und damit hat er recht. So weit wie heute waren wir seit einem Jahr nicht mehr.

„Okay.“, sage ich schließlich und wenige Sekunden bleibt er noch, dann wendet er sich von mir und dem Feuer ab und geht.
Wieder nach unten.

Ich bleibe schockiert zurückt. Ich bin es gewöhnt, dass sie gemein sind. Ich bin es gewöhnt, dass sie mich ignorieren und verachten.
Aber ich bin es nicht von ihnen gewöhnt, dass sie vernünftig sind.

Bill hat sich gerade wirklich erwachsen verhalten und das rüttelt an meinem festen negativen Bild, das ich seit einem Jahr von ihm habe.

Ich kann plötzlich nicht mehr die nötige Konzentration aufbringen um Jules Vernes Buch weiter zu lesen und darum stelle ich ‚die Reise’ in das massive Regal zurück, wundere mich dabei wie dunkel es im Zimmer ist und wie ich dabei überhaupt noch lesen konnte. Dann verlasse ich die Bibliothek und laufe über die kleine Treppe nach unten ins Wohnzimmer weil ich die Stimme meines Vaters erkenne.

Er lacht ausgelassen mit Simone und ich seufze. Vielleicht müssen sich Bill, Tom und ich nicht nur zwei Wochen am Riemen reißen, sondern womöglich noch länger wenn das zwischen den beiden glucksenden Hühnern da unten so weiter geht.

Ich sollte aufhören mir was zusammen zu reimen.

Ziemlich nachdenklich betrete ich dann also das Wohnzimmer und setze mich zu meinem Dad auf die Couch, suche ein wenig den Kontakt zu jemandem dem ich wirklich was bedeute. Es ist lächerlich, aber es tut mir immer noch weh, dass die Freundschaft zwischen den Zwillingen und mir kaputt gegangen ist. Irgendwie war es was Besonderes zwischen uns.

Ich kann lange nicht einschlafen in dieser Nacht. Meine Gedanken kreisen um den Streit und das Gespräch danach mit Bill. Was für eine Absicht steckt dahinter?
Ist es ernst gemeint gewesen oder berechnend? Ist das ein Plan um mich in Sicherheit zu wiegen und mir dann eine volle Breitseite zu verpassen?

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß auf jeden Fall, dass ich vorsichtig sein muss.

* * *

Am nächsten Morgen wache ich spät auf. Es ist fast zwölf als ich schließlich im Wohnzimmer eintrudle und ich bin ein klein wenig irritiert, als ich Tom dabei erwische wie er fluchend auf allen Vieren über den flauschigen Teppich krabbelt.

Ich beobachte ihn wenige Sekunden stumm, dann mache ich mich durch ein Räuspern bemerkbar und sein Kopf schießt hoch.

„Was suchst du denn?“, frage ich neugierig, aber dennoch angebracht zurückhaltend und er wendet sich wieder dem hellbraunen Teppichboden zu.

„Ich such nichts, ich putze. Mal wieder.“, murmelt er dann leise vor sich hin und irgendwas an der Art und Weise wie er das sagt, lässt mich schmunzeln.

Jetzt erkenne ich auch den kleinen Lappen den er in der Hand hat und als ich näher auf ihn zukomme, sehe ich die Milchlache über der er kniet. Der ganze Esstisch und das Frühstückzeug was zum Teil noch, oder wieder, drauf steht ist versaut.

„Warum nimmst du denn für diesen Riesenfleck keinen großen Lappen?“

„Weil ich keinen gefunden habe.“

„Unterm Spülbecken sind doch genug.“

„Da hab ich nicht nach gesehen. Woher soll ich wissen, dass da Lappen sind?“, nuschelt er immer noch vor sich hin und ich schüttle lächelnd den Kopf, laufe in die Küche, hole einen Lappen, nässe ihn an und komme zu ihm zurück.

Ich gehe neben ihm in die Knie und drücke ihm den Lappen in die Hand, welchen er damit auch wortlos annimmt.

Dann stehe ich wieder auf und lasse den Feind seine Sauerei beseitigen. Unter anderen Umständen würde ich ihm helfen, aber so tut es ganz gut, diese männliche Prinzessin mal beim Arbeiten zu sehen.

Als mein Blick zurück auf den Tisch und ein Blatt Papier fällt, erkenne ich die Schrift meines Vaters und runzle irritiert die Stirn.

‚Simone und ich sind in die Stadt gefahren. Werden einkaufen und ein bisschen die Gegend erkunden. Kann spät werden. Vertragt euch!!! Dad.’

Ich stöhne ein leises „Na toll.“ vor mich hin. Den ganzen Tag mit den beiden alleine zu sein, ist eigentlich nicht im Sinne des Erfinders, aber ich glaube, um ehrlich zu sein, dass das Absicht von unseren Eltern ist.
Sie wollen ums verrecken erreichen, dass wir uns wieder vertragen, aber dass sie da auf Granit beißen, müsste ihnen nach den ersten Eskapaden dieses Urlaubs doch schon klar sein.

„Wird das Frühstück?“, frage ich dann Tom, der nach wie vor auf dem Boden vor sich hin wischt.
„Dann mach ich nämlich Kaffee.“

Und damit sieht er zu mir hoch und lächelt schwach.
Tom lächelt.
Mich an.
Scheiße, was ist denn hier los?

„Das ist klasse. Ich steh mit der Kaffeemaschine nämlich voll auf Kriegsfuß.“

Und damit laufe ich zurück in die Küche, völlig irritiert. Noch während ich den Kaffee mache und den Rest vorbereite, kommt Tom immer wieder und trägt Dinge an den Tisch.
Wir sprechen kein Wort miteinander und eine freundschaftliche Geste würde ich darin auch nicht unbedingt sehen, aber es ist eine Zweckgemeinschaft.

Zumindest solange bis wir gegessen haben. Schätzungsweise bleibt der Abwasch dann wieder an mir hängen.

„Ach, hey, übrigens, wegen gestern…“, fängt er dann an und ich stelle unsicher die Milch auf den Tisch.
„Ich wollte dir sagen, dass Bill nicht nur für sich gesprochen hat. Ich bin irgendwie auch für einen Waffenstillstand.“

Ich nicke erleichtert.

„Das ist gut. Meinetwegen steht dem nichts im Wege. Und echt sorry, wegen deinen Klamotten.“

Und dann tut er es wieder, kurz. Mich anlächeln. Vielleicht haben sie ja wirklich eingesehen, dass das gestern eine Spur zu heftig war.

„Du kannst froh sein, dass das nicht die waren die ICH beim Echo getragen hab.“, sagt er viel sagend mit hochgezogenen Augenbrauen.

Mir scheint diese „Löcher mit Hose“ waren jemand ziemlich ans Herz gewachsen.

Bill kommt genau in diesem Moment gähnend und am Hinterkopf kratzend schließlich die Treppen runter und setzt sich mit verschlafenen Augen an den Tisch.

Es ist es komisch, jetzt ohne Überwachung zusammen hier zu sitzen, denn unter normalen Umständen und ohne Simone und meinen Vater würden wir uns auf diese kurze Distanz schon lange wieder angiften.

„Friedlich frühstücken?“, frage ich darum leicht unsicher und sehe den beiden ins Gesicht.

„Friedlich frühstücken.“, geben sie zeitgleich zurück und nicken.

Und der Rest des Frühstücks verläuft damit ruhig und auf totaler gegenseitiger Ignoranz. Zwar ist das für mich manchmal fast schlimmer, als wenn wir uns anschreien, aber ich bin zu geschlaucht von dem ganzen Zirkus, um mir ernsthaft darüber Gedanken zu machen. Wieder meiner Erwartung tragen die beiden als wir fertig sind ihre Teller und Tassen in die Küche, dann verziehen sie sich selbstverständlich nach unten.

Zähneknirschend räume ich den Rest ab, dann gehe ich nach oben und lese in der Bibliothek vor dem 24 Stunden brennenden Kamin den Rest ‚der Reise’.

Als ich damit durch bin ist es kurz vor vier und völlig still im Haus.

Die Twins sind nicht einmal aus ihrem Loch raus gekommen und fast ist es mir unheimlich wie ernst sie den Waffenstillstand momentan zu nehmen scheinen.

Mein Blick fällt durch das große Fenster auf den See und ich bekomme Lust dazu ein bisschen spazieren zu gehen.

Also ziehe ich mich warm an und mache mich auf nach draußen.

Die Luft ist kalt, ich kann meinen Atem sehen. Mein langer, dicker Mantel hält mich aber angenehm warm und darum mache ich mich auf zu meiner heiteren Seeumrundung die ich mir vorgenommen habe.

Der kleine Steg direkt am Haus ist schlüpfrig und ich muss aufpassen mit den Sohlen meiner Stiefel nicht auszurutschen, dann betrete ich den kleinen Pfad der sich einmal rings um den See durch den Wald schlängelt.

Die Sonne scheint, spiegelt sich auf der Wasseroberfläche und ich lasse für einen kurzen Moment alles von mir abfallen.

Julia würde sagen, ich werde weich, aber ich sage, ich werde erwachsen.

Klar, kotzt es mich an wie hier alles abläuft. Klar könnt ich einen Anfall kriegen, bei dem Gedanken, dass mein Vater sich mit jedem Tag mehr hier oben mit der Mutter der Zwillinge einlässt und klar könnt ich wegen besagten Zwillingen andauernd einen cholerischen Anfall bekommen, aber vielleicht hat das ganze ja auch was Gutes.

Ich denke nicht, dass aus Bill, Tom und mir jemals wieder Freunde werden, aber vielleicht können wir, jeder für sich, aus diesen zwei Wochen doch etwas gewinnen.
Einen kleinen Teil Charakterstärke.

Ich weiß nicht wie es sein wird, wenn sie wieder zurück sein werden in ihrer gewohnten Umgebung mit kreischenden Groupies und lobsingenden Reportern, aber jetzt hier, in diesen zwei Wochen können sie vielleicht einen kleinen Teil ihrer Menschlichkeit zurück gewinnen und vielleicht auch behalten.

Simone hat sich wirklich was dabei gedacht. Es wird ihnen wirklich was bringen, mal einen Weile aus dem Rampenlicht zu treten. So oder so. Sie brauchen das.

Meine Gedanken sind so klar wie nie und die Zeit vergeht schnell. Es ist bereits kurz vor halb sechs als ich den See gerade mal zur Hälfte umrundet habe.

Das Haus sieht toll aus und irgendwie freue ich mich fast darauf wenn ich nach meinem Spaziergang wieder vor den Kamin in der Bibliothek sitzen kann, oder es mir mit Nickelback im Ohr in meinem Zimmer gemütlich mache.

Und irgendwie ist es vertraut, dass die Zwillinge in diesem Haus sind. Ich kenne es nur mit ihnen.

Schließlich ist es also kurz vor sieben als ich wieder zurück komme und ich möchte sagen, dass es gerade rechtzeitig war. Die Sonne ist bereits unter gegangen und den Rest des Weges in der Dämmerung hatte ich ein mulmiges Gefühl.
Wie schon gesagt, die wilden Tiere kommen nachts aus ihren Höhlen.

Simone und Dad sind noch nicht da. Toll, und mein Magen knurrt.

Ich betrete das Haus und ziehe meinen Mantel aus, Bill kommt sofort aus dem Wohnzimmer auf mich zugelaufen.

„Mann, fünf Minuten länger und ich wär dich suchen gegangen.“, sagt er vorwurfsvoll und ich bin von seiner Aussage so irritiert, dass ich fast umkippe als ich meinen Schuh ausziehe.

„Was?“, frage ich und sehe aus gebückter Haltung zu ihm hoch, ziehe den zweiten Stiefel aus und schlüpfe in meine superweichen Hausschuhe.

„Dein Vater hätte uns einen Kopf kürzer gemacht wenn dir da draußen was passiert wär.“, versucht er mir noch mal, absichtlich nicht nett wohlgemerkt, klar zu machen, dass er sich Sorgen um mich gemacht hat.

Aber es fällt mir schwer seine Aussage zu begreifen.

Er hat sich Sorgen gemacht? Und er sagt mir das? Kneift mich bitte jemand?

Sekundenlang sehen wir uns an und ein bekanntes Gefühl berührt mich, als er mir so gegenüber steht.
Zuneigung, gegenseitiges füreinander da sein…Emotionen die ich früher immer mit ihm in Verbindung gebracht habe und jetzt zum ersten mal seit einer halben Ewigkeit wieder wahrnehme.
Nicht deutlich genug um sagen zu können, dass sie wirklich da waren, aber auch nicht schwach genug um sie nicht zu beachten.

Aber der Moment wird uns dann beiden zuviel und er wendet sich von mir ab, läuft zurück ins Wohnzimmer.

Ich folge ihm und beobachte ihn dabei wie er Holz in den Kamin schmeißt, sich dann die Hände an den Jeans abreibt.

„Sollen wir was zu essen machen?“, frage ich einfach so bemüht gleichgültig und er dreht sich zu mir.
„Schließlich wissen wir nicht, wann die beiden wieder kommen.“

Er nickt.

„Wäre keine schlechte Idee. Mein Magen knurrt wie verrückt.“

„Okay.“, sage ich dann also und laufe zurück in den Flur und in die Küche, mache mich daran die ersten Schränke und Schubladen zu öffnen um zu sehen, was wir zu essen im Haus haben.

Wieder kann ich nicht verstehen, warum ich das gesagt habe. Ich hätte auch ganz einfach mir was zum essen machen können und die beiden hungern lassen.
Schließlich sind wir Soldaten.
Im Krieg.
Und die hocken sich abends auf dem Schlachtfeld bestimmt auch nicht zusammen um ein Feuerchen und kochen sich was Feines.

Also warum? Es ist nur Waffenstillstand, nicht die Wiederauferstehung unserer Freundschaft und trotzdem gehen wir aufeinander zu.
Kühl, distanziert und dennoch…der Respekt voreinander kommt zurück. Und das ist etwas woran ich nie im Leben jemals wieder geglaubt hätte.

Ich weiß, dass sie als Kinder Pfannkuchen geliebt haben und ich könnte mir vorstellen, dass das auch heute noch so ist. Es ist ein einfaches Essen und alles was ich aus den Zutaten die wir noch im Haus haben machen kann und darum also…mache ich Pfannkuchen für Beavis, Butthead und mich.

Oh Mann.

* * *

Simone und mein Vater kommen tatsächlich erst gegen elf zurück. Mein Vater fragt mich wie es mit den Zwillingen gelaufen ist und ich schüttle den Kopf als mir wieder klar wird, wie krampfhaft sie es versuchen.

Aber nach dem Essen sind Bill und Tom wieder in ihrer Höhle verschwunden und ich bin nach oben gegangen um einen langen Brief an Julia zu schreiben. Ich musste einige wirklich verwirrende Gedanken aufschreiben, sonst wäre ich wahnsinnig geworden, und wenn ich jemandem etwas von dieser Gewichtigkeit anvertrauen kann, dann meiner besten Freundin Julia.
Telefonieren ist scheiße, weil es so unglaublich teuer ist, darum habe ich ihr versprochen einen Brief zu schreiben. Und das habe ich heute dann also getan und ich glaube fast es wird nicht bei einem bleiben.

Dad war aber doch zumindest mal davon angetan, dass wir alle noch am Leben und scheinbar ohne Kampfspuren waren.

Jedenfalls endet dieser doch sehr merkwürdige Tag damit, dass ich schließlich mit einem komischen Gefühl im Bauch in meinem Bett verschwinde, mir die Decke bis an die Nasenspitze ziehe und insgeheim frage, was morgen Seltsames passiert wird.

Ob wir uns morgen vielleicht wieder an der Front treffen und uns gegenseitig die Uniformen polieren, oder ob wir uns wieder die Messer an die Kehlen pressen.

* * *

Der nächste Morgen beginnt völlig friedlich für mich. Was ich an Nerven wegen Bill und Tom verliere, bekomme ich zumindest wieder durch die Ruhe hier oben zurück. Klar, ich würde jetzt viel lieber mit Julia durch die City ziehen und Klamotten anprobieren oder mit Nico und Momo in die Rockfabrik gehen, aber ich muss ja das beste aus der Situation machen.

Und darum also stehe ich mit recht positiver Tageseinstellung schließlich auf und schnappe mir meine Sachen zum anziehen, mache mich auf ins Bad.
Ich hab ziemlich lange geschlafen, darum bin ich etwas verwundert, dass außer meinem Vater noch keiner wach zu sein scheint.
Aber dann erfahre ich, dass da keiner mehr pennt, sondern Simone und die Zwillinge zusammen in die Stadt gefahren sind. Familiäre Dinge tun.

Ich nicke mit großen Augen. Aha. Na das klingt ja nach einem ruhigen stressfreien Tag für mich. Herrlich.

Ich frühstücke recht wortkarg mit meinem Vater und als er das Thema Twins anschneidet blocke ich knallhart ab. Schließlich hab ich diese Folter ihm zu verdanken, auch wenn wir momentan im Waffenstillstand sind.

Ich frage ihn im Gegenzug nach Simone und seine Reaktion ist ähnlich wie meine gerade eben. Ich fürchte fast, dass ich mit meinen Vermutungen richtig liege.
Da ist was im Busch, ob uns das passt oder nicht.

Nach dem gemeinsamen Frühstück verschwindet mein Vater nach oben in die Bibliothek und da ich die Zwillinge aus dem Haus weiß, entscheide ich mich für einen Tag voller Keller.

Demnach werfe ich mich also in meinen Bikini, den ich für die Sauna mitgebracht habe und schlampere im Bademantel durch das schöne Haus nach unten.
Im kleinen Vorraum der Sauna ziehe ich den Bademantel aus und hänge ihn an einen Haken, lege meine warmen Sachen auf die kleine Bank daneben und dann ziehe ich mich also völlig entspannt in die Sauna zurück und setze mich auf einen der alten Holzbänke, lege sofort das Handtuch ab, weil es mir bereits in den ersten Sekunden zu heiß ist.

Ich halte es beim ersten Mal keine zehn Minuten aus und als ich raus aus der Sauna stolpere und mich mit der kleinen Dusche in der hinteren Ecke abdusche wird mir schwindelig. Huh, wenn man’s nicht gewöhnt ist, kann das ganz schön heftig sein.

Eingepackt in ein Handtuch und meinen Bademantel kann ich danach sogar ohne mich umzuziehen einfach so fernsehen, weil es im Hobbyraum durch den Durchgang vom Saunabereich her ziemlich warm ist und so lasse ich mich einlullen von den Nachrichten und Berichterstattungen von der Welt die hinter den Ereignissen dieser Blockhütten-Persiflage liegen.

Nach den Simpsons beschließe ich noch mal eine kurze Runde Sauna einzulegen und dann nach oben zu gehen, um mich fertig zu machen. Schließlich sollte ich meinem Vater kochen helfen bis die wieder kommen.

Simone hat zum Glück eine recht genaue Zeitangabe zurückgelassen. Noch gut zwei Stunden bis sie mit ihren Superstars zurückkommt, also kann ich getrost noch eine Runde Chillen einlegen.
Ich muss es auskosten, wer weiß, wann die das nächste mal wieder weg sind.

Damit lasse ich mich ein letztes mal für heute richtig durchhitzen, dann stehe ich auf, verwende die kalte Dusche um mich wieder auf Normaltemperatur zu bringen. Das Wasser ist wirklich eiskalt, aber es tut gut, die Hitze vom Körper zu spülen.

Und dann passiert genau das was ich unbedingt vermeiden wollte.
Dabei hätte ich noch über eine Stunde Zeit gehabt.

Vor mir stehen plötzlich aus heiterem Himmel die Zwillinge und starren mich mit großen Augen an.
Ihre Blicke gleiten sichtlich geschockt über die Bereiche meines Körpers die sich seit meiner Kindheit so drastisch verändert haben und zum ersten Mal in meinem Leben werde ich mir meiner sexuellen Ausstrahlung wirklich bewusst.

Ich wende den kalten Strahl der Dusche von mir ab und versuche, ohne von ihnen wegzusehen, den Hahn zu zu machen, aber meine Koordinationsfunktionen sind ein klein wenig beeinträchtigt.
Können die mal bitte weggucken? Was machen die hier eigentlich…?

Wir bleiben alle drei für den Moment angewurzelt stehen und starren uns an, hinter mir läuft nach wie vor das eiskalte Wasser, aber ich kann nichts dagegen tun, ich bin von der Situation zu geschockt.

Tom ist der erste der schließlich den Mund aufmacht.

„Sorry, fürs reinplatzen. Wir dachten nur dem Geräusch nach, dass der Saunaaufguss wieder ne Macke hat … aber naja, also…wie soll ich sagen …“
Er lässt völlig respektlos seine Augen einmal von meinem Scheitel bis zur Sohle wandern.
„…. hätt ich das hier gewusst, wär meine Digi mit mir gekommen.“, sagt er rotzfrech eindeutig zweideutig und ich brauche wenige Sekunden bis ich seinen Satz begreife und ich die Aussage als typisch Tom verbuchen kann.

Er tut es also auch heute noch. Unsicherheit mit einem coolen Spruch überdecken. Das wird er wohl nie sein lassen.

Und trotzdem, es ist mir peinlich, so vor ihnen zu stehen. Ich fühle mich ausgeliefert. Ausgeliefert vor meinen einstigen Freunden und aktuellen Feinden und auch wenn es mir zumindest bei Bill ein gewisses Gefühl der Genugtuung verpasst, ihn genauso glotzend zu erleben wie ich es vorgestern getan habe, überwiegt bei mir die Scheu.

Ich wende mich von ihnen ab und mache das Wasser aus, nuschle ein leises „Blödmann“ vor mich hin und dann laufe ich an ihnen vorbei, schnappe mir aus dem kleinen Zwischengang mein Handtuch, den Bademantel und die Klamotten und verschwinde wie ich bin nach oben ins Wohnzimmer.

Total triefend und tropfend.

* * *

Nach der Katastrophe in der Sauna hab ich mich sofort in mein Zimmer verzogen und die Tür verschlossen.

Man möge mich jetzt bitte nicht falsch verstehen. Ich bin keine armselige eiserne Jungfrau der es die Schamesröte ins Gesicht treibt, nur weil ein Kerl sie im Bikini sieht und nen Spruch reißt. Und auch was das Glotzen bei Bill betrifft… ich hab schon Jungs gesehen und gehabt die waren weit besser gebaut als die Zwillinge aber …na ja wie soll ich sagen…das gerade waren eben Bill und Tom.

Die kleinen Kinder mit denen ich groß geworden bin.
Die beiden elenden Racker mit denen ich auf jeden noch so hohen Baum geklettert bin und im Winter die wildesten Schneeballschlachten gemacht habe.
Sie waren wie große Brüder für mich, haben mich durch die ganze Schulzeit beschützt und jedem was aufs Auge gegeben der mich geärgert hat.
Wir waren unzertrennlich bis dann eben die Sache mit Tokio Hotel kam und alles auseinander gebrochen ist was über ein Jahrzehnt so wichtig für mich war.

Und in genau dieser Zeit, in der wie keinen oder so gut wie keinen Kontakt zueinander hatten ist das eingetreten worüber wir mit fünf noch üble Kinderwitze gerissen haben.

Wir sind erwachsen geworden und jetzt sehe ich sie mit anderen Augen.
Ich finde sie beide attraktiv, ihre Stimmen, besonders die von Bill, können mir eine üble Gänsehaut machen und selbst die Art und Weise wie sie sich bewegen, lässt so gar nicht mehr auf das zurück schließen was ich mal in ihnen gesehen habe.

Und es ist nicht leicht, mit dieser Veränderung von heute auf morgen umzugehen.

Klar hab ich sie ab und zu gesehen. Klar hab ich den Anfang der Pubertät auch bei ihnen mitgekriegt, aber ich hab mich nie damit befasst, weil ich dem Thema K-Twins bei jeder guten Gelegenheit aus dem Weg gegangen bin.

Nur hier kann ich das nicht.

Einerseits überrollen mich so viele Erinnerungen an das was wir früher waren, wie schön die Zeit mit ihnen war, andererseits vermittelt mir mein Verstand, dass jetzt alles anders ist.

Weil wir uns weiterentwickelt haben.

Und es mittlerweile außer Freunden und Feinden katastrophalerweise auch noch etwas anderes zwischen uns geben könnte.

Es dauert bis ich meine Gedanken loslassen kann, dann witsche ich über den Flur, rein ins Bad und dusche mich, kuschle mich in warme Klamotten, weil ich jetzt doch ziemlich friere. Solange im Bett im nassen Bademantel rumzuliegen ist keine gute Idee, wenn man gesund bleiben will.

Nach der Dusche gehe ich runter und mache mir in der Küche einen heißen Tee und unterhalte mich ein bisschen mit Simone.

Natürlich weiß Simone, dass wir drei seit einer Ewigkeit übel im Streit liegen und einerseits hat ihr das damals, als alles auseinander gebrochen ist, fast so sehr wehgetan wie mir. Sie hat mir oft gesagt, dass ich für sie zur Familie gehört habe und das Beste war, was den Zwillingen hätte passieren können.

Und auch wenn ich Simone über alles schätze, sobald es um die beiden geht kann ich mit ihr einfach nicht konform gehen.
Sie lässt ihnen alles durch, gibt ihnen viel zu viel Spielraum. Ihr ist die Erziehung völlig aus der Hand gerutscht und durch den falschen Einfluss ist aus ihnen das geworden was sie heute sind.

Simone hat viele unserer Streitereien auf der offenen Straße mitgekriegt und es wundert mich, dass sie überhaupt noch Hoffnung in diese ganze Sache hier setzt.

Um ehrlich zu sein, glaube ich einfach, dass es ein verzweifelter Versuch aus zweifachem Eigennutz ist.
Erstens, weil ich glaube, dass sie ein Auge auf meinen Vater geworfen hat, was ich persönlich irgendwie echt abartig finde, und zweitens, weil sie vielleicht einen Restfunken Hoffnung hat, dass die Zwillinge wieder normal werden.

Vielleicht will sie einfach, genauso wie sie es bei mir mit diesem Haus schon geschafft hat, Erinnerungen in Tom und Bill wachrufen die sie an das erinnern was sie waren bevor ihnen Gott und die Welt die Füße geküsst hat.

Ja, ich glaube, das hier ist der verzweifelte Versuch einer überforderten Mutter ihre Kinder wieder millimeterweise auf den richtigen Weg zu bringen und die Hütte und ich sind die wichtigsten Werkzeuge die ihr dafür zur Verfügung stehen.

Ihre Gedanken sind löblich, aber sie hat dabei nicht beachtet, dass wir eigentlich gar nicht daran erinnert werden wollen.

Jedenfalls tut Simone, während wir dabei sind das Abendessen zu richten, trotz der Tatsache, dass wir seit über einem Jahr so gut wie gar nicht über das große Thema Tokio Hotel reden, plötzlich aus heiterem Himmel genau das und erzählt mir wie schön es war, dass die beiden heute in der Stadt keine Sau erkannt hat und sie einfach mit den Jungs machen konnte was sie wollte.
Ohne ständig auf der Flucht vor Groupies und Reportern zu sein, ohne, dass die beiden sich ständig die Finger an Autogrammen wund kritzeln mussten.

Es muss für sie wirklich schwer sein.

Normalen Müttern fällt es schon schwer, wenn sie ihre Söhne mit einem weiblichen Wesen teilen müssen, Simone muss es mit halb Deutschland.
Und ich weiß, dass es gerade ihr schwer fällt mit anzusehen wie ihrer Jungs sich dem Teufelskreis weiblicher Zuneigung nicht entziehen können.

Denn sie vergöttert die beiden.

Und sie würde sie am liebsten mit Argusaugen überwachen und mit Adlerkrallen im Nest halten, aber sie kann es nicht.
Durch den ganzen potentiell angebotenen Sexüberfluß wissen sich die beiden vor lauter Euphorie ja fast nicht zu helfen. Und sie spielen mit der Macht die sie haben, nutzen die Angebote.

Oh Gott, mir scheint ich brauch gar nicht so zu jammern, weil die beiden ja mich als alte Freundin so eiskalt abserviert haben, schließlich hat auch Simone fast von heute auf morgen ihren Stellenwert verloren.

Es war zu früh und zu heftig. Eigentlich wirklich kein Wunder, dass sie abgehoben sind.

Aber ich lasse mich nicht ein auf die sentimentale Mitleidsschiene und darum antworte ich so neutral wie möglich auf alle ihre Äußerungen, versuche ihr aber trotzdem nicht vor den Kopf zu stoßen.

Das Essen verläuft reibungslos, aber die Lage zwischen den feindlichen Seiten ist nach der Sache in der Sauna an Merkwürdigkeit noch mal angestiegen und spätestens jetzt müsste es auch Simone und meinem Vater auffallen, dass wir kein Wort miteinander wechseln.

Und das ist ungewöhnlich, denn prinzipiell hatten wir uns immer was zu sagen, wenn wir uns begegnet sind, auch wenn es nur Streitereien und Beleidigungen waren.

Dieses Schweigen passt nicht zu uns. Nicht zu mir, nicht zu Bill und schon zweimal nicht zu Tom.

Nach dem Essen läuft alles so ab wie immer. Die Jungs verschwinden im Keller, ich nach oben und Simone und mein Vater bleiben mit der Situation überfordert im Erdgeschoss zurück.

Das wird einfach nichts. Es ist zu viel passiert.

* * *

Als ich nach einer Nacht voller wirrer Träume dann an diesem Mittwochmorgen aufwache, habe ich sofort das Gefühl als ob irgendwas anders wäre als an den Morgen zuvor.

Und zwar in erster Linie mal, dass mir schweinekalt ist. Ich streiche mir die pechschwarzen Strähnen aus dem Gesicht und werfe einen verschlafenen Blick zum Fenster.

Oh Klasse, es hat geschneit.

Ich kuschle mich tiefer unter die Decke. Tja, das ist jetzt eben der Nachteil eines großen Bettes. So wirklich schön warm wird’s hier alleine selten.

Wenige Minuten gebe ich mir noch, dann richte ich mich auf und schnappe mir sofort meinen Bademantel, wickle mich darin ein, suche vom Bett aus auf dem Boden meine Socken und erst als ich auch in den Hausschuhen stecke traue ich mich dann ans Fenster zu laufen.

Und was ich da sehe ist nicht ohne. Fast 40 Zentimeter Neuschnee. Schöne Bescherung. Normalerweise dauert es noch gut einen Monate bis der üble Schneefall kommt, aber mir scheint Finnland macht für uns einen Ausnahme.
Die Landschaft sieht so eingeschneit völlig still und friedlich aus und auch wenn Schnee immer unvermeidlich Kälte mit sich bringt, strahle ich glücklich über die weiße Pracht die sich da vor meinen Augen erstreckt.

Als mein Blick auf die Uhr fällt, erkenne ich, dass es gerade mal neun Uhr morgens ist, aber irgendwie ist mir das gerade egal. Der erste Schnee im Jahr macht mich immer ganz kribbelig.
Und ich muss das unbedingt meinem Dad zeigen.

Er ist nämlich ein noch schlimmerer Schnee-Freak als ich und wird sich tierisch darüber freuen, dass wir bereits jetzt etwas davon mitkriegen. Schließlich ist Schnee in Deutschland nicht wirklich oft ein Thema. Und wenn dann ganz kurz und nur matschig.

Und darum öffne ich also die Tür, so leise wie möglich, um ja nicht die Langschläferfraktion in den gegenüberliegenden Zimmern zu wecken, und schleiche mich nach unten ins Wohnzimmer an die Tür meines Vaters.
Ich höre Geräusche und gehe davon aus, dass er gerade dabei ist aufzustehen, darum öffne ich unbedacht mit einem freudigen Lächeln die Tür …
… und dann fallen mir die Augen aus dem Kopf.
Und auch mein Unterkiefer macht schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Fußboden.

Auf dem Bett, mit dem Rücken zu mir gewandt, erkenne ich Simone. Mit gespreizten Beinen auf meinem Vater sitzend. Und zwar nackt.
Seine Hände halten sie an den Hüften fest, während sie sich langsam auf ihm bewegt, Dinge vor sich hin stöhnt die man in dem Alter eigentlich nicht mehr vor sich hin stöhnen sollte, ganz egal wie spitz man ist.

Und das Allerschlimmste ist, sie merken noch nicht mal, dass ich in der Tür stehe.

Da muss ich zusehen wie die Mutter der Zwillinge auf meinem Vater durchs winterliche Finnland reitet und die hören noch nicht mal auf, sondern machen einfach weiter. Kann das denn sein? Wo gibt’s denn so was? Also das ist doch…

Ich bin so geschockt, dass ich mich nicht bewegen kann und erst als ich fürchte, dass die beiden gleich den Korken zum knallen bringen, bekomme ich meine Motorik in Gang und schließe die Tür wieder lautlos hinter mir.

Oh mein Gott. Oh mein Gott. Oh mein Gott.

Ich wusste, dass die was am Laufen haben. Ich wusste es. Nein, sagen wir ich hab’s geahnt. Konnte und wollte es aber nicht glauben.

Aber es zu ahnen und es dann wirklich zu sehen sind zweifelsfrei zwei paar Schuhe.

Ich schwanke benommen auf das Sofa zu und lasse mich fallen, versuche angewidert die Bilder wieder loszuwerden, aber ich kann nicht.
Ich fürchte fast diese Szene hat sich in meine Netzhaut eingebrannt und ich werde dieses kleine Spektakel in meinen schlimmsten Alpträumen wieder und wieder sehen.


Mein ganzer Körper zittert vor Entsetztheit und Schock und ich weiß nicht was Schlimmer ist…die Vorstellung meinen Vater beim Sex zu erwischen, oder die Vorstellung, dass er tatsächlich Sex mit Simone hat.

Gott das ist krank. Das ist so krank. Sie ist Simone. Die Mutter der Zwillinge, verdammt noch mal.
Ich muss hier raus. Ich muss aus diesem Haus raus und zwar sofort.

Und damit springe ich wieder auf und stürme die Treppe nach oben.

Das wiederum hat zur Folge, dass ich, oben angekommen, fast mit Bill zusammenpralle und damit Desaster Nummer zwei an diesem Morgen hervorprovoziere.

Er sieht mich erschrocken an, der Gang aufs Klo wird ihm erst mal vergangen sein.

„Was ist denn los?“, fragt er irritiert und ich druckse mich unwohl vor ihm auf dem Flur rum.

Er ist der Sohn von Simone.
Der Simone die gerade ein Stockwerk tiefer Sex mit meinem Vater hat.

Und besagter Sohn soll aufhören so…geil zu sein, verdammt. Auch wenn die Kälte in der letzte Nacht ihn ein T-Shirt tragen lässt…wie soll man da als Frau normal bleiben, wenn der so …vor einem steht …und dann auch noch so zuckersüß verschlafen aus der Wäsche guckt….

Aaah!

Ich krieg zuviel, ich krieg echt zuviel. Ich muss hier raus.

„Nichts! Ich muss hier raus!“

Und damit stürme ich an ihm vorbei und reiße meine Zimmertür auf.

„Was? Warum denn? Wohin gehst du?“, brüllt er mir ungeachtet dessen, dass wir hier nicht alleine sind, hinterher, aber ich bin schon in meinem Zimmer verschwunden und reiße meinen Bademantel auf, schlüpfe aus meinen Schlafklamotten.

„Ich muss raus!“, sage ich immer noch völlig in Hektik und dann öffnet sich die gegenüberliegende Tür zu meinem Zimmer und ein natürlich halbnackter, völlig verpennter Tom steht im Rahmen, starrt mit mürrischem Gesichtsausdruck direkt in mein immer noch der Öffentlichkeit zugängliches Zimmer.

Und damit wären wir schon bei Desaster drei dieses apokalyptischen Morgens angelangt, denn ich bin gerade mit nicht mehr als Socken und Höschen bekleidet und auch wenn ich ihm den Rücken zugedreht hatte, ist das ein Anblick den er so eigentlich nicht zu sehen bekommen sollte.

Er macht irritiert den Mund auf, stammelt ein wirres „Äääh….“, aber da bin ich, mit vor meinen Brüsten vorgehaltenen Händen, bereits bei der Tür und schlage sie mit einem bösen Fluch auf den Lippen zu.

Während ich mir hektisch irgendwas anziehe, schimpfe ich mit mir in allen Sprachen die ich spreche und versuche zu ignorieren wie die Zwillinge auf dem Flur über meinen Auftritt rätseln.

Als ich zwei Minuten später komplett angezogen wieder auf dem Flur auftauche ist mir schon klar, dass ich ihnen eine Erklärung liefern muss, aber eins ist sicher. Die Wahrheit kriegen die nicht. Erstens, weil ich den Tatbestand gar nicht aussprechen könnte ohne dabei drauf zu gehen, zweitens, weil ich das erst mal selbst verdauen muss und drittens, weil ich so schon durcheinander genug bin.

Sie stehen immer noch vor ihren Zimmertüren rum, sehen mich jetzt abwartend an und alles was mir einfällt ist:

„Schnee! Es hat geschneit! Und ich will raus!“

Ich halte die Luft an, warte ihre Reaktion ab.
Sie ziehen beide synchron die Augenbrauen nach oben und ich fürchte, sie halten mich jetzt ganz und gar für komplett bescheuert.

Sie sind so irritiert, dass sie eine Reaktion gar nicht zustande bringen und ich nutze den Umstand, drängle mich an ihnen vorbei und hetze die Treppe nach unten. Durchs Wohnzimmer und vorbei an der bösen Tür, hinter der es jetzt hässlich still ist und stürze mich in Schuhe, Mantel, Schal und Mütze, verlasse das Haus mit einem lauten Rumsen der Tür.

OH MEIN GOTT!!!

* * *

Ich stapfe durch den Schnee, beobachte die letzten fallenden Flocken, die vereinzelt in den Strahlen der Sonne glänzen.

Der Weg um den See ist übersäht mit tausenden von kleinen Tierspuren und hätte mich grad nicht bildlich der Schlag getroffen, würde ich diesen Spaziergang genießen wie ein Kleinkind.

Aber so, bin ich immer noch mit Schockbewältigung beschäftigt.

Also ist es wahr. Es läuft tatsächlich was zwischen den beiden. Das ist eine Katastrophe. Ein Weltuntergang.

Ob das die Zwillinge wissen? Sicher nicht. Wenn die davon auch nur ein Fünkchen geahnt hätten, wären die dagegen vorgegangen bis zum offenen Kampf. Schließlich ist der zukünftige Freund ihrer Mutter mein Vater und damit engster Vertrauter des feindlichen Lagers. Nein, ich glaube, die beiden stehen komplett im Dunkeln.

Schließlich waren sie in der letzten Zeit immer so oft weg, dass sie die ganzen kleinen Anzeichen die mir aufgefallen sind, gar nicht mitkriegen konnten.

Es wird sie treffen wie ein Schlag ins Gesicht.

Ohhohohoho…das ist herrlich. Wir werden Stiefgeschwister. Die werden ausrasten.

Wobei ich mir zumindest in diesem Punkt ehrlich gesagt keine Sorgen mache. Weder Simone noch mein Dad sind Typen die ein zweites mal heiraten würden, von daher ist das mehr der Absurdität der Aussage wegen.
Ich könnte alleine wenn ich daran denke einen Lach- und Heulkrampf zugleich kriegen.

Was mach ich denn jetzt?

Wie verhalte ich mich?

Ich werd mit Sicherheit knallrot wenn ich meinem Vater das nächste mal ins Gesicht sehen muss, geschweige denn Simone.

Gott, was können die auch nicht züchtig in der pedantischen Missionarsstellung unter der Decke poppen, warum muss es gleich so…wild und versaut und so …so völlig unelternmäßig sein?

Argh! Ich kann denen nicht mehr unter die Augen treten, ohne besagte Bilder zu sehen.

Aber ich weiß, dass ich nicht nach Honolulu auswandern kann, darum nehme ich nach einem ausgiebigen Spaziergang schließlich all meinen Mut zusammen und gehe zurück zum Haus, mit dem Entschluss, so zu tun, als wäre nichts gewesen.

Kein Wort zu niemandem.

Mit einem unguten Gefühl betrete ich das Haus und bereits im Flur erwartet mich mein Vater. Grinsend.

Er ist bester Laune. Und mein Gott…ich weiß warum.

Boah, mir wird schlecht.

„Na wenn das nicht meine Tochter ist. Beim ersten Schnee gleich raus, so wie’s sich gehört.“, sagt er und lacht mich an, zieht mir die Mütze vom Kopf.

„Äh…“, fange ich an und suche einen logischen Satz zusammen, aber mein Hirn schreit nur ‚Sex mit Simone’. Und zwar in den lautesten Tönen.

„Das ist ein herrlicher Morgen, ich könnte Bäume ausreißen.“, knattert er euphorisch weiter vor sich hin und immer noch bin ich nicht wirklich zu einer sinnvollen Aussage fähig.

Die Situation ist einfach saudumm.

„Ja…also…“

„Und ich wusste, dass das ein schöner Urlaub werden würde. Und du hast dich so dagegen gewehrt.“
Gott, ja, und zwar zurecht.
„Jedenfalls musst du dich bei Simone und den Zwillingen erkenntlich zeigen, dass sie uns mitgenommen haben.“

Oh, so wie sie heute Morgen vor sich hingejuchzt hat, glaube ich nicht, dass noch ein weiteres Danke von meiner Seite nötig ist.

„Ach weißt du…“, fange ich wieder an, aber dann taucht plötzlich Simone hinter meinem Vater auf und mir stirbt jedes weitere Wort auf den Lippen.

„Guten Morgen, Frühaufsteher.“, sagt sie herzlich und mindestens in derselben heiteren Tonlage wie mein Vater und ich bin kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
„Meine Jungs sollten sich ein Beispiel an dir nehmen. Vor 11 krieg ich die nie aus den Federn.“
Ich kann nur nicken.
Es tut mir leid, aber mehr krieg ich nicht hin.
„Das Frühstück ist fertig, könntest du vielleicht hoch gehen und sie wecken?“, säuselt sie weiter und mir entgeht nicht wie nahe sie bei meinem Vater steht.

Wieder kann ich nur nicken, auch wenn ich unter normalen Umständen dieser Bitte niemals nachkommen würde. Weil ich mit Sicherheit keinen Bock drauf habe, mir von Beavis und Butthead gleich wieder einen Rüffel einzufangen, weil ich es wage ihren Schönheitsschlaf heute schon zum zweiten Mal zu stören.

Aber so laufe ich einfach mit einem aufgesetzten, extrem künstlichen Lächeln an den beiden vorbei, die Treppen hoch, klopfe laut an beiden Zimmertüren der Zwillinge und brülle „Frühstück“, dann verschwinde ich für entnervte Töchter in mein eigenes Zimmer zum megalaut Nickelback hören.

Ich wusste, ich hätte zuhause bleiben sollen.

* * *

Während des ganzen Frühstücks versuche ich dann so locker wie möglich zu wirken, aber zumindest die Zwillinge merken sofort, dass heute irgendwas mit mir, außer der üblichen Abneigung gegen sie, nicht stimmt und so mustern sie mich schweigend jede mögliche Sekunde intensiv, versuchen hinter mein komisches Verhalten zu steigen.

Auch wenn wir uns so verändert haben und viel Zeit vergangen ist, seit wir das letzte mal genau wussten was der andere denkt, kennen wir uns immer noch gut genug um auf diverse Signale anzuspringen. Und gerade signalisiere ich ohne Zweifel: ‚Oh mein Gott! Oh mein Gott! Oh mein Gott!’
Und das entgeht ihnen nicht.

Meine Vermutung, dass die Twins keine Ahnung haben, bestätigt sich während des ganzen Morgens weiter. Selbst deutliche Zeichen, wie zufälliges Berühren, nehmen sie nicht wahr. Ihr komplettes Augenmerk scheint heute auf mir zu liegen und das macht mich zusätzlich noch nervöser als ich ohnehin schon bin.

Aber ich kann’s irgendwie nachvollziehen. Mein Auftritt von heute morgen wird selbst so Vögel wie die Zwillinge verunsichert haben.

Und ich unterstütze ihre Neugier noch zusätzlich, indem ich ihnen und den Erwachsenen den ganzen Tag aus dem Weg gehe, wann immer ich kann. Mit gesenktem Blick. Und das ist völlig unüblich für mich.

Es ist bereits Nachmittag, als ich oben in der Bibliothek sitze und krampfhaft versuche mich abzulenken, aber immer und immer wieder rutschen die Bilder zurück in meinen Verstand.

Ich kann nicht wirklich verstehen, warum ich mich so übertrieben benehme, aber das ganze ist so verwirrend.

Alles.

Nicht nur der ganze Zirkus um den Streit mit den Zwillingen.
Seit ich hier bin, holt mich die Erinnerung an früher ein. Mit jedem Tag mehr werde ich sensibler und weicher im Bezug auf die Jungs und ich weiß, dass das falsch ist.
Aber, und das ist das merkwürdige an der Sache, mir scheint es da nicht alleine so zu gehen. Auch an den beiden scheint das Haus zu wirken, zumindest entsteht der Eindruck, dass sie stellenweise ihre Allüren ablegen und langsam wieder gen Erde schweben.
Es ist mir extrem unangenehm hier mit ihnen zu sein, weil ich das Gefühl habe, ständig auf einer tickenden Zeitbombe zu sitzen, aber auf der anderen Seite reizt es mich auch.
Sie zu sehen, zu provozieren, in jeder ihrer Veränderungen zu beobachten, hat fast etwas voyeuristisches für mich und ich genieße es zu erleben, wie mit jedem Tag ein Stück mehr von der Superstarfassade abbröckelt und ich die wahren neuen Zwillinge kennen lerne.
Nicht die Kinder und nicht die arroganten Idioten, sondern die jungen Männer, in die sie dabei sind sich zu entwickeln.

Es ist irritierend, dass ich mich so für diesen Umstand interessiere und man möge mir glauben, ich bin bedient genug gewesen damit den Krieg zwischen den beiden und mir zu überleben, da hat’s nicht auch noch das Simone-Dad-Sex-Drama gebraucht.

Mein Blick schweift zum hundersten Mal weg vom Buch zum verschneiten Fenster hin und es ist mir recht, dass mein Vater und Simone aus dem Haus sind für einen ausgiebigen Schneemarsch durch die Pampa.

So kann ich schon unangenehmen Situationen aus dem Weg gehen.

Denn eins sei gesagt. Noch mal so ein Ding von heute morgen und ich bin reif für einen längeren Anstaltsaufenthalt.

* * *

An diesem Abend kommt es mir so vor, als würde Simone und mein Vater besonders viel wert darauf legen, einen auf seligen Familienfrieden zu machen.
Das üppige Essen kostet uns insgesamt fast zwei Stunden Zeit und mir ist es mehr als unangenehm so lange am Tisch sitzen zu müssen.

Ich würde jetzt vielleicht nicht unbedingt sagen, dass ich mich für andere auffällig verhalte, aber leider gibt es hier am Tisch zwei Personen die mich mal fast besser kannten als ich mich selbst. Und auch wenn wir uns so extrem auseinander gelebt haben, sie wissen immer noch wie ich ticke. Wissen immer noch wenn mit mir was ist.

Ich glaube, ich werde ihnen nie was vormachen können. Dazu war unser…unser …na ja…sagen wir …Verhältnis zu eng.

Sie mustern mich neugierig mit abschätzenden Blicken und es gibt fast nichts Schlimmeres als vor den Zwillingen ein Geheimnis verbergen zu wollen.
Es ist fast so, als würde man damit genau ins Zentrum ihres überdimensionalen Selbstbewusstseins stoßen und sie setzen es sich automatisch zum Ziel, besagtes Geheimnis rauszukriegen.
Zumal ich ihnen auch wirklich Grund zur Neugier gebe. Nach der Katastrophe von heute morgen, kann ich nicht gerade behaupten, dass ich mich den Rest des Tages unauffällig verhalten hätte.
Und ich fürchte auch fast, dass es denen da egal ist, dass wir gerade eigentlich nur ne Kriegspause machen und am Ende dieser 2 Wochen wieder in den offenen Kampf ziehen.
Die werden bohren, auch wenn sie damit auf mich zukommen müssen.

Und das wiederum heißt für mich, dass ich ihnen noch mehr aus dem Weg gehen muss. Bloß keine Gelegenheit geben…

Aus meiner Sicht ist das Essen total verkrampft, weil ich einfach diese Bilder nicht aus meinem Kopf streichen kann und ich andauernd darüber nachdenke, was diese Affäre … oder Beziehung…ach, was auch immer… für Konsequenzen mit sich bringen wird.

Gott…schrecklich.

Simone hat sich wirklich Mühe gegeben beim Kochen.

Sie hat fast zwei Stunden gebraucht. Und ich hab ihr zum ersten mal seit wir hier oben sind nicht beim kochen geholfen.

Aber ich konnte nicht.

Sie hat irgendein französisches Superrezept mit 3 verschiedenen Fleischsorten gemacht, Kartoffeln, Nudeln, Reis und eine spanische Armada voll Gemüse.
Und als ob das nichts schon förmlich schreien würde, ‚ich bin so verknallt in dich und koche, damit du siehst was für eine tolle Frau ich bin’, serviert sie dazu auch noch Wein.

Und mein Vater schlabbert ein Viertelchen nach dem nächsten weg.

Da weiß ich ja, was heute Nacht hier unten in den Schlafzimmern wieder geht.

Uuargh!

Vielleicht sollte ich mir auch einen Schluck genehmigen. Dann schlaf ich besser.

Und damit schnappe ich mir die Flasche und schenke mir ein, was mir sofort komische Blicke von Bill und Tom einbringt.
Und von meinem Vater.

„Darf ich?“, frag ich mehr rhetorisch als ernst und Dad zuckt mit den Schultern, lächelt seine Simone an.

„Ach, warum nicht? Es sind ja schließlich keine Kinder mehr.“

Damit stelle ich die Flasche vor meiner Nase wieder ab und dann, als ob ich es hervor prophezeien hätte können, tut Tom es mir nach, leert seinem Bruder und sich selbst den Rest ins Glas.

„Wir sind ja schließlich keine Kinder mehr“, sagt er bestätigend in Richtung Simone und sie nickt.

Die ist sowieso viel zu abgelenkt, als dass sie das groß kümmern würde. Zumal die Zwillinge sowieso andauernd am rumsaufen sind. In deren normalen Welt gibt’s ja nur noch Partys. Da wird es keinen weiter wundern.

Simone plappert eifrig weiter mit meinem Vater. Über alles Mögliche.
Und einerseits wundert es mich, dass die Zwillinge nicht auch langsam misstrauisch werden, aber ich glaube sie sind zu sehr auf mich und mein Verhalten fixiert.
Und um ehrlich zu sein, glaube ich auch nicht, dass mir die Sache hier oben groß aufgefallen wäre, wenn ich heute Morgen nicht schmerzlich daran erinnert worden wäre, dass da so eine vage Vermutung im Raum steht.
Schließlich war ich bis dato auch zu hundert Prozent mit Bill und Tom beschäftigt.

Ohne unhöflich wirken zu wollen, verabschiede ich mich direkt nach dem Essen nach oben, mit der Ausrede Kopfweh zu haben. Ich halte es keine Sekunde länger aus. Je mehr mein Vater getrunken hat, um so offensichtlich flirten die beiden miteinander.

Als ich schließlich also aufstehe und weggehe, folgen mir zwei Augenpaare und ich weiß, dass sie mir keine Sekunde meines Theaters abgenommen haben.

Aber ich hoffe sie kommen morgen nicht auf die Idee zu bohren. Ich könnte es ihnen nicht sagen. Kein Wort würde ich rauskriegen. Selbst wenn sie noch so sehr über mein Verhalten rätseln.

Es ist einfach so …peinlich.
Mein Vater und ihre Mutter beim Matratzensport. Nein, also das geht echt nicht. Das geht einfach nicht.

Jedenfalls beschließe ich heute mich ganz früh zurück zu ziehen, um mich mental zu sammeln.
Insbesondere sammeln auch deshalb, weil der Wein mir ein klitzekleines bisschen zu Kopf gestiegen ist.
Ich muss das alles an Julia in einem Brief schreiben und wenn ich das getan habe, werde ich mir den Schädel mit Musik wegknallen und am besten ganz viel Ablenkung finden, damit mich beim Einschlafen später diese Bilder nicht verfolgen.
Vielleicht hätte ich noch ein Glas trinken sollen, dann hätt ich über die Sache vielleicht gelacht.

Jedenfalls, gerade als ich schließlich mit dem Brief an Julia fertig bin, klopft es an meine Tür. Ich zucke zusammen und stehe vom Sofa auf.

Ich brülle ein unsicheres ‚Ja’ und dann betreten die Zwillinge mein Zimmer.

Mir wird sofort komisch im Magen und als ich den frechen Ausdruck in ihren Gesichtern erkenne, wird mir klar, dass sie irgendwas im Schilde führen. Ich kenne diese Ruhe vor dem Sturm zu gut.

Sekundenlang stehen wir uns dann also in meinem Zimmer wortlos gegenüber und sehen uns an.

„Was ist?“, breche ich schließlich das Schweigen und versuche zu unterdrücken, dass mich ihre Anwesenheit nervös macht.

„Das ist die Frage die wir dir stellen wollen.“, antwortet Bill und streicht sich eine seiner pechschwarzen Strähnen aus den Augen.

War mir ja klar, dass das kommen würde. Ich hatte nur die Hoffnung, sie würden bis morgen damit warten.

„Was? Wieso?“, stelle ich mich dumm.

„Weil du schon den ganzen Tag noch sonderbarer als gewöhnlich bist und wir glauben, dass wir wissen sollten warum.“, mischt sich jetzt Tom mit ein und mir wird heiß.

Es ist diese Verbindung.
Egal was zwischen uns passiert ist. Sie ist immer noch da.
Sie spüren wenn was ist.
Und der alte Instinkt zwingt sie dazu, der Sache nach zu gehen.

Wir haben früher definitiv viel zu viel Zeit miteinander verbracht.

„Ich hab keine Ahnung wovon ihr redet.“, entgegne ich gespielt cool, wohingegen ich innerlich alle Gebete bete die ich kenne.

Ich will nicht mit denen da drüber reden. Bitte nicht. Gott, das ist eine Katastrophe.

„Dir sollte eigentlich klar sein, dass du uns nicht verarschen kannst. Das hat früher nicht geklappt und das wird es auch heute nicht.“

Und damit kommt Tom auf mich zu, bleibt direkt neben dem Sofa stehen und grinst mich an.
Er spricht mit seinen Augen und wo mir sonst im letzten Jahr ernst gemeinte Verachtung entgegen geschlagen ist, erkenne ich jetzt nur harmlosen Spott und Schelm.

Er neckt mich.

Gott, das hat er früher andauernd gemacht. Immer. Egal wann, wo, wie…Ich hab oftmals geheult, weil er es so weit getrieben hat, dass ich mir einfach nicht mehr anders zu helfen wusste und dann hat er von Simone einen Anschiss bekommen.

Und trotzdem war Tom immer mein bester Freund. Ich hab ihn für das was er war geliebt. Er war so unkompliziert und frech. Permanent aufgedreht, für jeden Scheiß zu haben.
Klar, Bill hab ich auch über alles vergöttert, aber Tom war immer mein Lieblingszwilling.
Er war im Gegensatz zu seinem Bruder immer offen und nicht so in sich gekehrt. Bei Bill hab ich oft einfach länger gebraucht, bis ich zu ihm durch kam.

Jedenfalls steht jetzt also mein einstmals bester Freund vor mir und sieht mich an mit demselben neckischen Blick von früher. Die Härte und Ignoranz die er mir im letzten Jahr zukommen lassen hat, verblasst und langsam tritt mit jedem weiteren Tag hier oben ein kleines bisschen mehr von seinem alten Wesen an die Oberfläche.
Genau wie bei seinem Bruder.

Gott, ich …das ist irgendwie so…ich könnte sie…

Werd nicht weich! Werd verdammt noch mal nicht weich! Das ist Masche, Berechnung.
Und selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, wird doch spätestens wenn wir wieder zurück in Deutschland sind alles wieder so wie vor diesem Zwangsurlaub.

Hier sind sie nicht das was sie dort sind.

Also werd um Gottes Willen bloß nicht weich!

„Es ist nichts!“

„Und warum bist du dann so verkrampft?“, kommt es jetzt von Bill, der sich lautlos direkt neben mich geschlichen hat.

„Ich bin nicht…“

Ohgottohgott. Was sag ich jetzt?
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